Die Kurve hinter der das ‚christlich-jüdische‘ Abendland liegt.

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Das Kloster Seeon ist 660 Kilometer von Berlin entfernt und doch mag es gut sein, dass wenn ich aufstehe, auch im Kloster Seeon, wo die CSU dieser Tage beisammen ist, schon Kaffee getrunken wird und die Schlipse gebunden werden . Aber ich fahre wie so oft an diesem Samstag früh auf den Markt, denn Herr Yilmaz bei dem Gemüse einhole, kann auch nicht schlafen. Ich kaufe also Mohrrüben, Blumenkohl und bei Herrn Yilmaz schöner Frau kaufe ich Maultaschen, denn der Mensch soll eine Brühe haben.

Herr Yilmaz fragt: Na Fräulein Read On, immer noch Karten für Deniz Yücel. „Ja, sage ich Herr Yilmaz, heute wird es Karte 295.“ Herr Yilmaz schüttelt den Kopf und stößt Flüche aus, die hier nur auf Grund des Anstandes und der Sittlichkeit nicht wiederholt sein sollen. Aber länger kann ich mit Herrn Yilmaz nicht ratschen, obwohl ich das gern tue. Denn mir sind ja noch, vielleicht gehen Sie, die Mitglieder des CSU-Parteitages gerade zum Frühstück herunter, ihre Worte im Ohr, die sich so vernimmt man auch im fernen Berlin in einem Positionspapier finden und dort heißt so schrecklich schön, denn Deutsch ist eine schrecklich schöne Sprache: „neben unserer Liebe zur deutschen Heimat gilt es die christlich-jüdische Tradition des Abendlandes zu bewahren.“ Während ich also meine Einkäufe im Fahrradkorb verstaue, da erinnere ich mich an etwas- das werte CSU-Mitglieder ist die jüdische Krankheit, wenn die deutsche Krankheit, niedriger Blutdruck ist, so ist die jüdische Krankheit immer das Gedächtnis gewesen. Herr Yilmaz aber lässt mich nicht gehen ohne mir noch eine Ananas zuzustecken und fragt: Sie sind aber eilig Fräulein Read-On?“ Ich nicke durchaus betrübt, „ich will sage ich zu ihm, noch auf einem Sprung dort vorbeisehen, wo das jüdisch-christliche Abendland begraben liegt.“ Herr Yilmaz nickt. „Ach Fräulein Read On.“

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Kreuzung Ederer Straße / Königsallee, Berlin- Grunewald

Ist man nämlich schon auf dem Markt im Berliner Südwesten, ist es nicht mehr weit bis zum Grunewald und ob Sie im Kloster Seeon auf Tannen blicken, weiß ich nicht, aber hier auf der stillen Straße, da ist der Wald so dicht, wie im schönen Bayern. Damals ich lebte fern von Europa und besuchte nur in den Ferien meine Großmutter in Deutschland, da fuhr sie mit mir in den Grunewald. Denn Sie müssen wissen, werte Damen und Herren der CSU, meine Großmutter war die Tochter des patriotischsten der deutschen Juden, den sie sich vorstellen können und meine Großmutter wurde im gleichen Jahr geboren, da war Walther Rathenau Außenminister des Deutschen Reiches. Meinem Urgroßvater erschien dies als besonders glückliche Fügung. „Wenn ein Jude, Außenminister ist, sagte er dann können auch die Töchter der deutschen Juden alles werden“ und so schwor mein Urgroßvater seine fünf Töchter auf ein Studium ein. Nur meine Großmutter kam aus Auschwitz zurück, das nämlich war das Resultat des christlich-jüdischen Abendlandes unter deutscher Ägide, dessen Enkeltochter ich nun einmal bin.

Aber als ich ein Kind war, das ist jetzt auch schon lange her, da war Walther Rathenau noch immer der Säulenheilige unserer Familie. Meine Großeltern machten niemals das Licht an ohne mit Bewunderung auszurufen: „Dank der AEG.“, denn wie Sie sicher wissen, hat der deutsche Jude Emil Rathenau und dann sein Sohn, Deutschland elektrifiziert und niemand, wirklich niemand in meiner Familie mochte sich darüber beruhigen, dass es ein deutscher Jude war, der den Deutschen ein Licht aufgehen ließ. Walther Rathenau war im Bücherregal meiner Großeltern ein eigenes Fach reserviert, und natürlich hing auch ein Rathenau Bild in der Wohnung und so habe auch ich Bitterfeld niemals allein mit der DDR-Industrie und ihren Umweltkatastrophen in Verbindung gebracht, sondern mit dem Seufzen meiner Großmutter: hier war Walther im Exil. Aber damals als wir in den Grunewald fuhren, da schwieg meine Großmutter und wir liefen ziemlich lang, die Straße hinunter, die auch ich mit dem Fahrrad heute Morgen entlangfuhr und wenn die Königsallee und die Erdener Straße sich kreuzen, eine weite Kurve ist an dieser Stelle, dann steht man dort wo das christliche-jüdische Abendland begraben liegt. Das christlich-jüdische Abendland kennt schöne Lieder und heute am Dreikönigstag, da kann man gut noch einmal singen: „Lasst uns froh und munter sein.“ Gesungen wurde auch ein anderes Lied zu dieser Melodie und die letzte Strophe, die ging so:

Auch Rathenau, der Walter,

Erreicht kein hohes Alter,

Knallt ab den Walther Rathenau

Die gottverfluchte Judensau!

Aber das erzählte mir meine Großmutter nicht, damals als ich ein Kind war, das kam erst später, aber als wir an der Ecke standen, der Straßenkreuzung, da erzählte sie mir wie der deutsche Patriot Walther Rathenau, ja, die Juden waren deutsche Patrioten auch wenn Ihre Partei die CSU nämlich, den Juden gern Frieden für ihre Heimat wünscht und damit niemals den Grunewald meint. Anders als der feige deutsche Hurra-Patriot nach verhandelte der Außenminister Rathenau nämlich den Versailler-Vertrag, wollte, dass Deutschland zurückkehrte an den Tisch der europäischen Politik. Altes Abendland Sie wissen schon, die feigen deutschen Generäle sangen lieber das Lied vom Soldatentod im grünen Gras und putzten ihre Orden, so unterschiedlich kann man Patriotismus leben. Walther Rathenau fuhr nach Rapallo und ließ sich demütigen für Deutschland. Er verhandelte mit den Briten, er fuhr nach London und Genua und in Deutschland, da sang man Weihnachtslieder und hasste den Juden Rathenau. Irgendwann fragte Walther Rathenau, wie wir alle an einem Punkt unseres Lebens uns fragen: „Warum hasst man mich eigentlich so furchtbar?“ Und man antwortete ihm: „Weil Sie Jude sind und ausschließlich deshalb. Sie sind die lebendige Widerlegung der antisemitischen Theorie von der Schädlichkeit des Judentums für Deutschland.“ Vielleicht lächelte Walther Rathenau, und am Morgen des 24 Junis 1922 wurde Walther Rathenau an der Straßenkreuzung an der ich stehe, von drei Mitgliedern der Operation Consul ermordet. Man schoss ihm in den Kopf, in den Rücken und in den Kiefer, gar nicht patriotisch, sondenr ziemlich abgeklärt mit einer Maschinenpistole und ein zweiter Attentäter, der warf eine Handgranate hinterher. Da steht man einem kühlen Januarmorgen und der Gedenkstein ist schmutzig und grau und dort in der Kurve, dort liegt das christlich-jüdische Abendland begraben, das so gern zitiert wird, aber dort hat man dem Juden in den Kopf geschossen, gut versteckt im dichten Gebüsch und das ist das christlich-jüdische Abendland gewesen und aller Sentimentalität, die die Juden meiner Familie hegten, so schluckten sie doch und wussten nicht weiter und meine Großmutter und ich brachten einmal im Jahr weiße Rosen. Dort liegt der Unterschied begraben zwischen jenen, die vom christlich-jüdischen Abendland schwärmen können und jenen, die auf der Straße verbluteten.

Die Operation Consul, eine Terrorgruppe lässt sich übrigens gut und gern jener von Armin Mohler geprägten Begrifflichkeit der „Konservativen Revolution“ zuordnen, die gerade bei ihnen Karriere macht, aber das christliche Abendland, das den Juden so gern in den Kopf schoss und schließlich ganz Europa judenrein machte, das muss nicht im Kloster Seeon verteidigt werden, denn das gibt es schon seit so vielen Jahrzehnten nicht mehr, es wird nie wieder kommen, es ist nur noch ein Stein an einer befahrenen Kreuzung davon übrig und seit 1922 hat es in Deutschland nie wieder einen jüdischen Außenminister gegeben.

Wenn Sie aber Zeit haben, dann gehen Sie doch die Königsallee noch einen Kilometer hinauf, da steht sie die Villa von Walther Rathenau, vor der ich mit meiner Großmutter stand und sie erzählte mir von jenem Mann, der einfach so beim Kaiser durch die Tür marschierte und niemals darüber hinweg kam, dass ein deutscher Jude nicht auch Offizier werden konnte. Ob Walther Rathenau vielleicht im Sommer einmal nach Kloster Seeon wanderte weiß ich nicht, aber in München kurz vor der Jahrhundertwende, da hörte er Vorlesungen in Maschinenbau, aber er träumte davon Maler zu werden. Sie werden verstehen, werte CSU-Klausurtagungsteilnehmer, jeder Patriot hat eine Schwäche und mein Urgroßvater, der preußischste unter ihnen, pfiff gern Liebeslieder, auch solche aus Frankreich.

Es lohnt sich manchmal an einer Kreuzung in Berlin-Grunewald zu verharren, in Gedanken oder auch ganz selbst, 660 Kilometer sind nicht wenig, aber man erzählt sich, es gäbe einen wirklich schnellen Zug von München nach Berlin.

39 Gedanken zu “Die Kurve hinter der das ‚christlich-jüdische‘ Abendland liegt.

  1. Hab Mohler gelesen und auch die Werke der Neuen Rechten. Brandgefährlich, das war mein Eindruck. Ich habe als 12 jährige meinen Vater gefragt, warum es den Antisemitismus gibt. Ich verstehe es bis heute nicht. Das klingt naiv, aber es ist unfassbar zu welchen barbarischen Tun der Mensch in der Lage ist. Und der neue offen zu Tage tretende Antisemitismus macht mich fassungslos, auch wenn er mich nicht betrifft. Blogs wie der ihre sind so wichtig in Zeiten wie diesen….

    • Mohler finde ich auch unangenehm, wenn auch in so eine Art Aura gehüllt, die dessen Bedeutung eher erhöht als andersherum. Mich macht der von vielen Seiten grassierende Antisemitismus, der immer so harmlos und als Nachfrage beginnt, auch unendlich müde und oft kommt es mir so vor als würde man das Wasser mit einer Schöpfkelle vom Brunnen ins Haus tragen….

  2. Ich habe Rathenau nie von seiner Konfession aus begriffen, sondern immer nur als das was er meiner Meinung nach war: Ein brillanter Politiker.
    Es geht mir wie Xeniana, da auch ich bis heute nicht verstehe und mich viel zu oft das Grauen packt.

  3. An den Walter gabe ich eine spannende Erinnerung. Mitten auf dem Gelände des früheren Chemiekombinats Bittrfeld stand das Rathenau-Haus, eine Gründerzeitvilla. Lange wurde in Bitterfeld darüber diskutiert, ob man daraus ein Museum machen könnte, dich die Villa wurde in einer Nacht- und Nebelaktion abgerissen. Als örtliche Lokaljournalist der MZ wurde ich zufällig Zeuge der nächtlichen Abrissaktion und schrieb einen rechtbemotionaken Text, der mir den liebevollen Spott des stellv. Chefredakteurs, einem alten SPD-Kämpfers, einbrachte. Seitdem werde ich den Namen Rathenau nicht mehr vergessen; wie schön, dass Sie diese Erinnerung geweckt haben. Ich bin allerdings froh, dass der Text vin damals nicht online ist. Ich würde ihn heute wohl etwas anders schreiben! 😄

  4. CHRISTLICH-JÜDISCHES ABENDLAND , welch ein Hohn, erfunden zur Entlastung von ‚deutschen Verbrechen‘, und zur Ab- und Ausgrenzung von Menschen, die sich Islam-Religionen verbunden fühlen.

    Wenn eine, sich christlich nennende, Partei auf Stimmenfang geht mit verschärftem Asylrecht und Anstachelung zur Xenophobie und von „..unserer Liebe zur deutschen Heimat und Bewahrung christlich-jüdischer Tradition..“ schwafelt, ist Gefahr in Verzug.

  5. Danke für Ihren Text und das Erinnern! Das ist wichtiger denn je, so scheint es dieser Tage!
    Die neue CSU-Sprech löst akuten Brechreiz bei mir aus… obwohl, wenn ich es recht überlege kommt mir das Würgen bei Erwähnung dieser Buchstabenkombination schon seit eh und jeh…. man fragt sich ja immer, in welch geistiger Verfassung die auf das „christlich“ und „sozial“ gekommen sind.

  6. Beim Lesen kam mir dann doch an der einen oder anderen Stelle der Gedanke, diesmal schießt das verehrte Fräulein merklich über das Ziel hinaus.
    Derartiges kommt vor und hat Gründe.

    Gründe hat jedoch auch der seit Jahren zu beobachtende Exodus der Juden aus Frankreich.
    Dieser hält nun bereits seit Jahren unvermindert an:
    https://www.welt.de/politik/ausland/article139853998/Ich-will-zeigen-dass-wir-Juden-noch-da-sind.html

    Wir wissen, auch in Berlin gilt inzwischen längst: „Zeige niemals, daß Du Jude bist.“

    (RIAS ist dort nicht mehr die „freie Stimme einer freien Welt“, sondern die offizielle Abkürzung für die „Recherche- und Informationsstelle Antsemitismus“ …)

    Wer in Deutschlands Hauptstadt unlängst „Juden ins Gas!“ skandierte, ist bekannt.

    Die vorgestrige Meldung der Jüdische(n) Allgemeine(n) paßt ebenfalls in dieses Bild:
    http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/30494

    Das Sprechen von den christlich-jüdischen Wurzeln kann vorgeschoben sein, es kann und ist aber nicht selten auch von einer tiefen Sorge um die Zukunft des Landes geprägt, daß nach 1945 den Schwur des „Nie wieder!“ abgelegt hat.

    Eines noch: Ich bin aus verschiedenen Gründen ein großer Freund von historischen Adreßbüchern.
    Unentbehrlich ist mir dabei jene Seite geworden, die Türen einer untergegangenen Welt zu öffnen vermag:
    http://adressbuecher.sachsendigital.de/startseite/

    Irgendwann fiel mir auf, daß es bis weit in die Dreißiger Jahre hinein jedermann möglich war, mit wenigen Handgriffen herauszufinden, wo welche Jüdin, welcher Jude, welcher Rabbi, welche Lehrerin und welcher Lehrer der Höheren Israelitischen Schule, welcher jüdische Bankier oder jüdische Hilfsarbeiter wohnte.

    Dies ist heute undenkbar …

    All jenen, die des Fräuleins wohlmeinenden Rat befolgen sollten, „an einer Kreuzung in Berlin-Grunewald zu veharren, in Gedanken oder ganz selbst“ sei anempfohlen, auch darüber nachzudenken.

    • Sie meinen: „Das Sprechen von den christlich-jüdischen Wurzeln kann vorgeschoben sein, es kann und ist aber nicht selten auch von einer tiefen Sorge um die Zukunft des Landes geprägt, daß nach 1945 den Schwur des „Nie wieder!“ abgelegt hat.

      Das Sprechen von den christlich-jüdischen Wurzeln wirkt als Versuch, die Bedrohung und Verfolgung der Juden ab den Kreuzzügen mittels christlich konnotierter, antijudaistischer Ressentiments, deren Ablösung im 19./20. Jhdt durch den pseudowissenschaftlichen Antisemitismus und die Auslöschung der jüdischen Kultur im Zuge der industriellen Vernichtung der europäischen Juden im 3. Reich zu verharmlosen (das auch zu Ihrem Forscherdrang zu Wohnorten von Juden anhand historischer Adressbücher, die heute an vielen Orten nur noch durch Stolpersteine dokumentiert sind)

      Wäre man in Seeon tatsächlich von der tiefen Sorge um deutsch-jüdische Kultur und die antifaschistische Zukunft des Landes geprägt, würde man sich weniger mit ahistorischem Wortgeklingel und weniger mit der Überholung der AfD auf der rassistischen Rechtsaußen-Spur profilieren.

      Es mag Ihnen nicht bekannt sein, aber man kann über viele Jahrhunderte weit eher von muslimisch-jüdischen Kulturen als von christlich-jüdischen Wurzeln sprechen (dazu gab es gerade kürzlich eine interessante Konferenz im Jüdischen Museum in Berlin). Der Antisemitismus war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein exklusiv europäischer Exportartikel in die muslimische Welt, der – sichtbar besonders in Frankreich, wo die finsteren Seiten der Kolonialgeschichte und der Algerienkrieg so unverarbeitet wie die Folgen präsent sind – sozusagen re-importiert und dort lange tabuisiert wurde, wenn man nicht gerade die „Vorstadt mit dem Kärcher säubern“ will. Das gehört auch zu den Gründen, warum französische Juden die Vorstädte oder gleich Frankreich verlassen.

      Gäbe es keinen muslimischen Antisemitismus, in Deutschland müßte er glatt erfunden werden^^: im ersten Halbjahr 2017 wurden mehr als 90% der erfassten antisemitisch motivierten Straftaten von deutschen Nazis begangen.

      Sie glauben: „Wir wissen, auch in Berlin gilt inzwischen längst: „Zeige niemals, daß Du Jude bist.“

      Wer genau ist denn „wir“? Bitte vervollständigen Sie Ihr Wissen mit den Sichtweisen von (beispielhaft) Daniel Kahn und Ármin Langer.

      Sie finden: „… diesmal schießt das verehrte Fräulein merklich über das Ziel hinaus.

      Nein, das tut das verehrte Fräulein nicht. Sondern sie trifft, wie immer, genau auf den Punkt.

      • Ich stimme mit Ihnen überein. Es gibt in jüdischen Gemeinden allerdings auch eine etwas andere Sicht als die von Daniel Kahn und Armin Langer.

        Warum Antisemitismus immer unverblümter gezeigt wird (DLF Kultur, 05.01.2018)
        Hasskommentare, Drohungen und rohe Gewalt: Das Antisemitismus-Problem in Deutschland sei nicht neu, sagt Abraham Lehrer, Vorstand der jüdischen Gemeinde Kölns. Aber gerade durch die sozialen Medien werde der Antisemitismus immer offener ausgelebt.

        „Es gab diese Untersuchung mit 20 Prozent Bevölkerungsanteil, die antisemitisch sind. Da hat man gesagt, nein, das kann nicht sein, ist ein Fehler in der Untersuchung, heute weiß man, dass es alles tatsächlich so ist. Unsere Uraltverblendeten, unsere Neonazis haben nichts mit Islam zu tun und sind trotzdem verblendet bis zum geht nicht mehr. Also ich glaube nicht, dass es ein rein muslimisches Thema ist, es gilt für die anderen Gruppen genauso.“

        Und doch habe sich etwas verändert, seit Deutschland Flüchtlinge aus Syrien, aus dem Irak, aus Afghanistan und Pakistan aufgenommen hat. In fast allen diesen Ländern gilt der Staat Israel als Erzfeind, sagt Lehrer.

        „Wir haben eine Million Flüchtlinge aufgenommen, die fast über die Muttermilch Informationen aufgenommen haben: Juden muss man vernichten, soll man vernichten. Das sind alles Dinge, die das Antisemitismus-Problem verschärfen und verstärken.“

        Ähnlich äußerte sich Jakob Gutmark, in Palästina geborener Sohn osteuropäischer Juden, der seit mehr als 30 Jahren an der Spitze der Wiesbadener Jüdischen Gemeinde steht, bereits 2015 in der Frankfurter Rundschau

        „Als lebendige Juden sind wir weniger interessant als die toten Juden“, Das sei nicht ungefährlich. Und die Gefahr drohe gleich aus zwei Richtungen: Auf der einen Seite werde die rechte Szene immer lebendiger. „Das sieht man bei Pegida-Demonstrationen, das merken wir anhand der anonymen Hetzbriefe, die wir erhalten“, sagt er. Auf der anderen Seite bereitet ihm der Zuzug der Flüchtlinge aus dem arabischen Raum Unbehagen. „Es steht völlig außer Frage, dass wir diesen Menschen helfen müssen.“ Er hoffe nur, dass es gelingt, sie schnell in die Gesellschaft zu integrieren und von westlichen Werten zu überzeugen, sonst könnten die jüdischen Bürger ein Problem bekommen. „Wir fühlen uns wie in einem Sandwich, aber wir wollen nicht aufgefressen werden.“ (…) „Die Medien in der arabischen Welt sind voll von Hetze gegen Juden. Und Syrien hat sich immer besonders hervorgetan. Dort werden Filme gezeigt, in denen Juden Kinder schlachten, um sie zu Matzen zu verarbeiten und noch mehr solcher Schwachsinn. Aber ich fürchte, diese Indoktrination wirkt“, sagt der 77-Jährige. „Man muss es leider so sagen: Die Syrer sind erstklassige Judenhasser.“

      • „Sie finden: „… diesmal schießt das verehrte Fräulein merklich über das Ziel hinaus.“

        Nein, das tut das verehrte Fräulein nicht. Sondern sie trifft, wie immer, genau auf den Punkt.“
        [s.o.; dame.von.welt]
        _________________________________________________________________________

        Aber doch ist selbiges dem verehrten Fräulein diesmal unterlaufen.
        Und sie selbst, dessen bin ich mir gewiß, wird es, wenn sie es nicht schon längst bemerkt hat, bald tun.

        Ein Beispiel mag dies vielleicht verdeutlichen:
        „[A}ber das christliche Abendland, das den Juden so gern in den Kopf schoss und schließlich ganz Europa judenrein machte, das muss nicht im Kloster Seeon verteidigt werden, denn das gibt es schon seit so vielen Jahrzehnten nicht mehr.“

        DAS ‚christliche Abendland‘, „das den Juden so gern in den Kopf schoss“, hat es nie gegeben.

        Auch nicht am 22. Juni 1922.

        Und nicht in der Zeit zwischen Januar 1933 und Mai 1945.

        Es gab auch nie ein oder DAS Land, das den Juden so gerne in den Kopf schoß oder mit dem Spaten erschlug.

        (Was nichts und gar nichts daran ändert, daß es Menschen gab – insbesondere im nationalsozialistisch regierten Deutschland wie in der kommunistisch-stalinistisch regierten UdSSR – die es taten, millionenfach.)
        ___________________________________________________________________________

        Ein Zitat, welches Walther Rathenau zugeschrieben wird, möchte ich dann doch noch anfügen:

        „Gäbe es einen Moment, wo wir Gott ganz und durchaus lieben könnten, so bräche die Welt zusammen.“

        Diesmal dürfte sich hoffentlich die Frage erübrigen, wer „genau“ denn mit „wir“ gemeint sein könnte.

    • Naturgemäß sind unsere Positionen und wie immer sind die Ihren bedenkenswert verschieden: ich halte nichts von den Redefiguren, die das Attribut jüdisch-Christlich, jüdisch-abendländisch oder jüdisch-deutsch haben. Das ist eine solche Schimäre, dass ich damit nichts anzufangen weiß. Ähnlich geht es mir mit dem so oft zitierten Nie wieder- es hat etwas Anmaßendes, denn was soll das heißen? Es gibt keine Juden mehr in Europa- was soll sich da nicht wiederholen? Das alles sind Redefiguren, die davon ablenken, dass die deutsche Tat des 20. Jahrhunderts die Parameter so nachhaltig verschoben hat, dass sich das jüdische Leben nie wieder davon erholen wird. Ferner, ich fände es wirklich leichter, würden deutsche Politiker nicht immer allzu vorschnell zum jüdischen Feigenblatt greifen, wenn sie doch etwas ganz anderes meinen.

      Interessant der Link zum Adressbuch- ich kannte nur die Berliner Version, die aber so weit ich mich entsinne anonymer war.

      • Eine Ergänzung nur: Es gab ganz besonders auch in der DDR eine, wie ich finde, sehr wichtige Initiatiave, die sich „jüdisch-christlicher Dialog“ nannte. Besonders verdient machte sich dort damals der Leipziger Pfarrer Siegfried Theodor Arndt (1915 – 1995). Vielleicht rührt es daher, daß ich selbst, zumindest bei der von Ihnen oben genannten Doppelnennung „jüdisch-christlich“ eher daran denke, denn an anderes, und dies nach wie vor mit großer Dankbarkeit.

        Inzwischen liegt dazu auch eine Reihe an Literatur vor, die Aufschluß gibt über jene Zeit und ihr verzweifeltes Bemühen. Es genügt, Arndts Namen bei der Google-Literatur-Suche einzugeben.

        Sein Wirken war umso wichtiger, da das jüdische Leben in der zweitgrößten Stadt der DDR nach 1945 spätestens seit den sog. „antizionistischen Säuberungen“ der SED, die Ende 1952 in aller Schärfe begannen, in der politischen Kultur und städtischen Öffentlichkeit kaum noch wahrnehmbar war.
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        Bei dem von Ihnen genannten „Nie wieder!“ hat es sich wohl, wenn ich es richtig sehe, in erster Linie stets um eine Verweigerungshaltung hinsichtlich kommender Kriege gehandelt, – nicht zuletzt in der Traditionsline zum Anti-Kriegs-Plakat von Käthe Kollwitz von 1924.
        _________________________________________________________

        Daß unsere Positionen „naturgemäß“ „verschieden“ (s.o.) sein sollten, sehe ich übrigens nicht, auch wenn sie es hin und wieder sein sollten.

        Zwar bin ich inzwischen wohl das, was von bestimmter Seite heutzutage regelmäßig als „alter, weißer Mann“ denunziert wird und Sie ein junges Fräulein, das ihren baldigen Doktortitel verliehen bekommen wird und zu diesem Anlaß, wie angekündigt, auch mit bunten Silvester-Raketen, die dazu vom Festland aus in ungeahnte Höhen steigen werden, gefeiert werden wird, aber – und das dürfte das über allem stehende Verbindende sein – uns beide würde es nicht geben, wenn der einstige nationalsozialistische Vernichtungswahn ausnahmslos gewesen wäre.

  7. „In den Jugendjahren eines jeden deutschen Juden gibt es einen schmerzlichen Augenblick, an den er sich zeitlebens erinnert: wenn ihm zum ersten Male voll bewußt wird, daß er als Bürger zweiter Klasse in die Welt getreten ist und keine Tüchtigkeit und kein Verdienst ihn aus dieser Lage befreien kann.“
    Dieses Zitat von Walter Rathenau habe ich heute auf Wikipedia entdeckt. Andererseits habe ich auch gelesen, dass er sich für die Deportation belgischer Zivilisten zur Zwangsarbeit in Deutschland ausgesprochen hat. Das will für mich nicht zusammenpassen, vielleicht muss ich mich noch besser informieren.
    Den Antisemitismus verstehe ich nicht. Habe ich noch nie, werde ich auch nicht. Dass Antisemitismus in Deutschland (wieder) salonfähig wird, macht mir Angst.
    Ja, und woher die CDU die Begriffe christlich und vor allem sozial in ihrem Namen nimmt, keine Ahnung. Bestenfalls Wunschdenken, schlimmstenfalls Ironie.

  8. Wirklich, da liegt etwas im Argen. Schon die Worte „jüdisch-christliches Abendland“ oder „bürgerliche Revolution“ machen mir Gänsehaut. Ist es gewollte Provokation und schlichte Dummheit? Beides wäre gefährlich. Und es erfreut, dass Fräulein „Read on my dear“, Frau Slomka und andere immer ihr kluges Auge auf diese schmutzigen Ecken werfen. Ich wünsche einen schönen Sonntag, lg Maren

    • Ich finde diese rhetorischen Galionsfiguren auch sehr unangenehm- unvergessen sind mir auch die Bilder der Filbinger Beerdigung, leider muss „Jüdisch“ immer wieder und immer öfter für politische Belange aller Parteien herhalten.

  9. Eine bewegender Bericht.
    Bei sehr großer Betroffenheit ist die Feigheit der „Deutschen“ damals zu sehen und die gleiche abgrundtiefe Feigheit heute zu beobachten.

  10. Vielleicht als überdenkenswerte Erklärung.
    Meine langjährigen Beobachtungen die ich nicht wissenschaftlich belegen kann in meiner Tätigkeit als Traumatherapeut und die Beobachtungen einer Freundin die über Jahre bei einem Meinungsforschungsinstitut gearbeitet hat, decken sich da in eklatanter Weise.
    Über 90 % der Menschen sind, vereinfacht ausgedrückt, dumm. Dabei ist es egal, ob der Mensch einen Hilfsarbeiterjob hat oder einen Dr. vor seinem Namen.
    Dementsprechend denken, handeln und wählen sie. Gruselig

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