Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Am Morgen kommt der Heizungsinstallateur zur jährlichen Ablesung. Morgen Herr Installateur, sage ich und der Heizungsinstallateur knurrt Undeutliches zurück. Ich reiche Kaffee und sage: „Und schöne Feiertage gehabt?“ Der Installateur knurrt: Schwiegermuttern, noch bis zum 6. „Oh, sage ich, läuft nicht gut? Der Installateur schüttelt den Kopf und sagt: „Wissense Frollein Read On, die wollt halt dit Töchterchen n’en Studierten heiratet.“ Nicht so nen ollen Installateur.“ Ich schüttle den Kopf und sage: „Wissen Sie was, es zählt was innen drin ist und nicht was außen drauf steht.“ Der Installateur seufzt und ich sage: Honigbrot? Der Installateur seufzt aufgeräumter und kaut auf dem Honigbrot. „Süß hilft fast immer.“ Herr Installateur sage, ich wie sieht das denn bei Ihnen eigentlich aus mit Ausbildungsplätzen?“ Der Installateur sieht mich an. „Frollein Read On Sie wollen jetzt och noch unter die Heizer gehen? Ichs schüttle den Kopf und sage: „Einer meiner Jungs aus der Aufklärungssprechstunde…..“. Der Installateur sieht auf das Honigbrot und sagt: „Aber als Erpresserin hamse noch ne große Zeit vor sich.“ Ich nicke und frage: „Und?“ „Um Neune am Montag, soll der Knabe mich ma anrufen, aber um neun heißt um neun.“ „Alles klar“, sage ich und buttere ein zweites Brot und streiche Honig herauf: „Macht Schwiegermütter schwach“ sage ich und der Installateur lacht.

Dann rase ich stadteinwärts. In der Bahn sitzt eine Frau neben mir, die sich als Schamanin vorstellt. Sie interpretierte Rauchzeichen erklärt sie mir, sie riecht nach Rauch und billigem Parfüm, ihre nassen Haare hinterlassen, dicke schwarze Flecken auf meinem Mantel. Bevor sie aufsteht, zeigt sie in die Wolken: „Eines Tages, da flieg ich davon“, erklärt sie und ich nicke. „Alles Gute“, sage ich.

Angekommen bespreche mit dem G. und D. zukünftige Dinge.

„Um Punkt 11.20 Uhr muss ich hier raus sein, sage ich.“

„Dir auch einen guten Morgen werte Read On“, sagen G. und D.

„11.20 Uhr“, sage ich.

„Hast du jemanden bewusstlos geredet und heiratest?“

„Hahaha“, sage ich und ziehe die Augenbraue hoch.“

„Ich treffe um 12 Uhr eine Frau aus dem Internet und esse mit ihr Torte.“

„Du machst was?, fragt der G.

„Ich treffe eine Frau aus dem Internet und esse mit ihr Torte.“

„Darf ich Dich daran erinnern, dass ich Dich auch schon eingeladen habe?“

„Du lieber G. hast mich dazu eingeladen, die Datsche deines Großvaters zu entrümpeln und das Wort Torte fiel in diesem Zusammenhang wirklich nicht ein einziges Mal.“

Der G. schweigt.

Der D. lacht.

Ich suche meinen Kugelschreiber.

Um 11.23 Uhr stürme ich heraus und treffe die wunderbare Sabrina.

Es gibt Zitronecremetorte, alte Türklinken, Baumkuchentorte und vor allem so viele, schöne Geschichten und Gesprächsfäden, die ich mir alle in die Manteltasche schiebe, und vorsichtig in Seidenpapier einwickeln will. Es ist so leicht es zu vergessen, aber es gibt grandiose Menschen in diesem Internet.

Dann fahre ich zurück in den Süden, laufe um drei Ecken, ein Hund setzt mit sehnsüchtigen Augen vor einem Fleischhauerladen, zwei alte Damen in pinken Bomberjacken ratschen über einem Bier und natürlich is punk not yet dead, der Gemüsehändler preist Mangos und Blumenkohl an, eine Frau hupt immer wieder, aber nichts passiert, ich hole zwei Bücher ab, die Bücher riechen nach Tabak und Einsamkeit, die Widmung ist längst schon verblasst und mir ist als seufzten die Bücher in der Tasche nicht wenig. Dann gehe ich Blut spenden. Es ist niemand dort, die so netten Blutspendendamen erzählen mir von einem umgekippten Weihnachtsbaum, vergleichen Kartoffelsalatrezepte, beschweren sich über den Müll auf den Straßen, nehmen mir ganz nebenbei Blut ab, wir schenken uns gegenseitig kleine Marzipanschweine und die Blutspendendamen nötigen mich zu Bechern gräulich süßen Tees. Keiner der Damen und auch ich nicht sind in den Grenzen Deutschlands von 1937 von denen so viele träumen, geboren. Sie alle fallen mir als erstes ein, denk ich an Deutschland, nicht nur in der Nacht.

Ich trinke einen halben Liter Apfelschorle, für zwanzig Minuten lege ich mich unter einen Schreibtisch, dann Arbeit und Marzipan. Einem Weihnachtsmann den Kopf abzubeißen, das bringe ich dann doch nicht über das Herz. In der Schreibtischschublade sitzt auch noch ein Lindt-Hase.

Fast alles habe ich schon vergessen aus jenen Jahren oder will mich nicht erinnern, manchmal ist das fast schon dasselbe, aber doch spät Abends in einem leeren Büro, da springt noch einmal ein Plattenspieler an. Ich war siebzehn, er war älter, der Himmel war blau, oder fast schon schwarz, und am Ende der Nacht, da hatte mein Kleid keinen Reißverschluss mehr.

Aber heute Nacht tanze ich nicht mehr.

 

5 Gedanken zu “Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

  1. Ach, liebes Frl. ReadOn, wie sie mit Ihren Texten immer wieder schaffen, dass ich zugleich lachen und weinen möchte.
    Und es stimmt, im Internet gibt es neben einer ganzen Menge Dreck auch manch Gutes – zum Glück. Sie sind so ein Lichtstrahl. Schön, dass Sie hier schreiben.

  2. So viele Leben an einem Tag …
    Über den Absatz mit den Grenzen von 1937 bin ich gestolpert; auch wenn ich’s gern anders interpretierte, wahrscheinlicher ist es doch, dass Sie mehr an die Nachgeborenen denken, die von selbigen träumen, oder?
    Mein Liebster bringt es seit Kindertagen nicht übers Herz, Nikoläuse oder Osterhasen zu köpfen. Ich habe da keine Skrupel, die Töchter aber gehen brutal zu Werke und hauen das entkleidete Opfer in tausend Stücke. Siegerin ist, wer die wenigsten Schläge braucht, das muss das bayerische Erbe sein.

  3. Schön, dass Sie der Rauchzeichen interpretierenden ‚Schamanin‘ für deren Sehnsuchtsflug ‚alles Gute‘
    gewünscht haben. Wunderbarer Geistesblitz 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s