Krankentage

Am 24.Dezember aber niese ich siebzehnmal hintereinander. „Herrschaftszeiten“, rufe ich und schüttle den Kopf. Dann fahre ich los, die Mali-Tant, den Jean und natürlich Kater Mau von der Bahn zu holen. Die Mali-Tant sieht mich an und schüttelt den Kopf: „Mädi, Du gehörst ins Bett“, sagt sie. „Ach geh“, sage ich und wir fahren heim. „Das Mädi ist krank“ ruft die Mali noch auf der Treppe. Die liebe C. sieht mich besorgt an, mein Vater sucht seinen Schlüssel und glaubt die Mali hätte ihn gefunden, die Nichtenschar lärmt wie eh und je und der Tierarzt sagt: „Mädchen, die Mali-Tant hat Recht, Du siehst aus, wie damals Kälbchen als es zu viel Klee gefressen hatte und ihm ganz taumelig wurde.“ „Tierarzt“ krächze ich, Du verstehst Dich wirklich auf Komplimente.“ Dann niese ich wieder siebzehnmal und da man gegen die Mali-Tant sowieso keine Chance hat, verschwinde ich mürrisch und missmutig ins Bett. Ganz gegen ihre Gewohnheit nimmt die Mali-Tant kein Reisebad und ganze gegen seine Gewohnheit machte nicht einmal Kater Mau Radau und wenn jemand Radau zu machen versteht, dann ist es doch Kater Mau, der einen niemals vergessen lässt, das Katzen vor vielen Jahren einmal Löwen waren. Als ich wieder aufwache habe ich Fieber, nein keine Wadenwickel, jammere ich, aber die Mali-Tant zischt nur Papperlapapp und überhaupt hat sie den ehemaligen geschätzten Gefährten den Sessel ins Schlafzimmer tragen lassen und lässt niemanden, nicht einmal den Tierarzt, die liebe C. und meinen verzweifelten, schlüsselsuchenden Vater herein. Auch der Jean, darf nur von der Tür Handküsse zur Mali herüberwerfen, die liebe C. bringt schließlich Champagner an dem die Mali nippt und ich schlürfe mit finstrer Miene Kräutertee und schlafe wieder ein. Als ich aufwache ist der 24. Dezember da und die Welt ist in Watte verpackt, aber vielleicht ist das auch nur mein Kopf. Ich mache nichts weiter als zittrig eine Karte zu schreiben, ein Glas kaltes Wasser- natürlich heimlich zu trinken- und wieder zurück ins Bett zu wanken. „Ich bin vielleicht wirklich krank“, sage ich zur lieben C. und die liebe C. seufzt: „Ach Süße, wo Du doch endlich einmal hier bist.“ Am 25. Dezember wache ich auf und die Mali-Tant sitzt noch immer im Sessel neben dem Bett. „Mali huste ich, das ist dich fad hier die ganze Zeit zu sitzen“, aber die Mali schüttelt den Kopf. „Geh Mädi, was erzählst Du für einen Quatsch.“ Ich wickele mich in die dicken Decken, Kater Mau wickelt sich in das Strickzeug der Mali-Tant, die Mali trinkt ein Glaserl Champagner und ich schlürfe heißen Kirschsaft und dann sage ich: „Erzähl mir von früher, ja?“ Die Mali nickt und dann höre ich der Mali zu, wie sie vom Wien erzählt, in das sie zurückkam, damals in den 1950er Jahren, in ein Wien, das sie kaum mehr wiedererkannte, so viel war passiert. Als ganze junge Ärztin fing die Mali-Tant an im Spital, da klebten die Namensschilder der jüdischen Ärzte noch an den Spinden, nur die jüdischen Ärzte gab es nicht mehr und die Mali, sagten die Kollegen hätte es auch nicht mehr geben dürfen. An jedem Samstag mussten die jungen Ärzte, die Mali war damals die einzige Ärztin im Spital und die Krankenschwestern, in der Krankenhauswäscherei Wäsche kochen, denn es gab zu viele Patienten und nicht genug Personal. Heiß war es in der Wäscherei und mehr als einmal, sagt die Mali sei eingeschlafen, denn die Dienste waren so lang und der Dampf so heiß und das stete Rühren der Wäsche unendlich ermüdend gewesen. Überhaupt habe es damals ständig Unfälle gegeben und immer seien es die Frauen gewesen, die mit einer Hand oder Verbrühungen bezahlt hätten, niemals die Männer. Die seien cleverer gewesen und hätten im Hof geraucht. Viele Jahre noch, sagt die Mali, sei sie nach dem Dienst im Spital zur alten Wohnung ihrer Eltern zurückgekehrt, hätte auf den Stufen darauf gewartet, ob ihre Eltern nicht doch zurückkehrten aus dem Lager. Aber natürlich sei niemand aus dem Lager zurückgekehrt und die Mali-Tant auf den Stufen der Treppe oft eingeschlafen. Erst im 1998er Jahr hat die Mali, die Wohnung, die ihre Eltern 1903 erwarben, von den Leuten, die sie 1940 übernahmen, zurückkaufen können und auch wenn die Mali seit Jahr und Tag mit Kater Mau und Jean nach Deutschland über Weihnachten fährt, so steht doch im Erker der Wiener Wohnung noch immer ein Weihnachtsbaum, genau dort wo ihr Vater, vor vielen Jahren als die Mali selbst noch ein kleines Mädchen war, ein Baum gestanden hat. „So Mädi“, sagt die Mali, „Du schläfst und ich übe mich im Fröhlich-Sein „und dann lächelt sie und ich denke, wie Recht sie doch hat, wir alle, die noch immer so tun als gäbe es Weihnukka wirklich üben uns im Fröhlich sein, dann aber schlafe ich ein. Als ich aufwache liegt die Hand der Mali auf meiner Stirn, die Nichten spielen UNO auf der anderen Bettseite, die liebe C. bringt mir Zimtsterne, der Tierarzt gibt ein Telefonat mit dem Priester in Sachen Kälbchen wieder, der ehemalige, geschätzte Gefährte und Mau balgen sich, Jean liest mir vor und mein bedauernswerter Vater sucht noch immer seinen Schlüssel.

16 Gedanken zu “Krankentage

  1. Ach ach, es tut mir leid, dass Du krank danieder gelegen hast! Naja, irgendwann fordert halt auch der Körper mal sein Recht, und bewacht und umsorgt von der Malitant ist vielleicht noch eine der besten Varianten krank zu sein.

    Im Übrigen: ich werde mir die Mali-Tant zum Vorbild nehmen, so von wegen „ich übe mich im Fröhlich-Sein“.

    Von Herzen weiter gute Besserung für Dich und Grüße an Dich, den Tierarzt, die liebe C., Deinen hoffentlich bald fündig werdenden Vater, und ganz besonders die Mali-Tant! … Ach an die ganze Sippe! Schwester, Schwager, Nichten, alle Vierbeiner, …

  2. Ich freu mich, dass du so unsorgt wirst. Wo du doch sonst immer all die anderen umsorgst.
    Ach, die Mali-Tant … ich seufze.
    Kostbar, dass sie erzählen mag und du weiterträgst. Danke.

  3. Ach, so ein Pech! So ist das mit den Durchhalteparolen – jetzt bloß nicht krank werden, nicht schlappmachen – und irgendwann erwischt es einen doch.
    Wie schön aber, dass Sie so liebevoll umsorgt werden. Sperren Sie die Welt aus und lassen Sie sich ein bisschen verwöhnen, dann geht es Ihnen hoffentlich bald wieder besser. Liebe Grüsse an Sie und Ihre guten Geister!

  4. mit einem “ gute Genesung“–Wunsch auf den Lippen und einem Lächeln…denke ich: ja ja sich Zeit dafür nehmen, für eine Genesung, dürfen wir das überhaupt noch in dieser Zeit? Uns pflegen lassen und hegen lassen, wohltuend wohlfühlen…
    und in manch einemem Eckchen, so denke ich, steht auch noch so ein Weihnachtsbaum, ein Weihnachtsbaum der Erinnerung. und keiner ist mehr da, der erzählt… Weil es nicht mehr in diese Zeit passt, so heißt es… genauso nicht mehr in diese Zeit passt, wie Weihnachten, wie Besinnung, wie das Miteinander, wie das Füreinander…
    Danke für diesen schönen Beitrag!
    gute Besserung! Dir und …uns allen

  5. Wirklich ‚Glück im Unglück‘, dass das, für so viele, sorgende Fräulein von so lieben Menschen umgeben
    ist, die sie nun umsorgen.
    Der liebenswerte, tiefsinnige, humorvolle Geist der Mali-Tant: Einfach zu Herzen gehend. 💖

  6. Das ist wirklich ärgerlich für Sie, krank an Weihnachten. Aber was will man machen, es kommt einfach so an. Hoffentlich geht es Ihnen inzwischen besser – dank der guten Pflege der Mali-Tant.

  7. Auch von mir gute Besserung und viele liebe Grüße!! Die Mali-Tant ist (m)ein großes Vorbild. Tolle Frau, so wie sie auch, liebe ReadOn!!

  8. Gute Besserung (die ja vielleicht inzwischen eingetreten ist). Ihre Miniaturen sind Zauberei für mich; sie lassen diese Menschen alle für mich so lebendig werden, man glaubt, man wäre dabei, und man wünscht sich mehr. Mögen Sie niemals aufhören zu bloggen – es sei denn zu dem Zweck, was Längeres zu schreiben. Frohe Feiertage!

  9. Gute Besserung, ich denke dein Körper wusste, wo er sich gut umsorgt, eine Pause gönnen konnte. Und die Mali-Tant hat dich ja seelisch und körperlich wunderbar umsorgt. Schön dass auch du Leute hast, welche sich um dich kümmern.

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