Fast schon eine Weihnachtsgeschichte

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SÜÜÜÜ-SSSE schreit die liebe C. J-AH, rufe ich zurück, denn ich bin gerade am Telefon und versuche eine Überweisung für Frau Berger zu organisieren. Frau Berger hat sich den Arm gebrochen. Frau Bergers Tochter holt ihre Mutter aber in zwei Stunden für das Weihnachtsfest in Oldenburg ab und Frau Berger braucht ein Röntgenbild, Schmerztabletten und einen Gips. Frau Bergers Katze steht in einem rosa Katzenkorb auf der Anmeldung und miaut herzerweichend. In der Radiologie geht niemand ans Telefon, ich probiere eine neue Nummer, Frau Bergers Tochter ruft an und sagt: „Mutter auf keinen Fall kann die Katze mit nach Oldenburg, die Liesi hat eine Allergie auf Katzenhaare und der Helmut hasst Katzen und vor dreizehn Jahren hat sich eine Katze in das Berger-Tochter Auto übergeben und das passiert einem nur einmal. In der Radiologie geht endlich jemand ans Telefon. Frau Berger schreit: „nur über meine Leiche“, meint aber den Vorschlag die Katze in ein Heim zu geben und nicht meinen endlich erhörten Anruf in der Radiologie. „SÜÜÜÜ-SSSE schreit die C. noch einmal und will Frau Berger einen Stützverband machen. „Kannst Du mir Marcel abnehmen?“ Jaaahh, rufe ich zurück und Marcel stürmt in die Praxis. „Guten Morgen Deutsche Front“ schreit er. „Hallo Marcel“, sage ich. Marcel umarmt mich. „Morgen“ murmelt er. „Frau Doktor hat gesagt, ich soll noch mal zum Verband wechseln vorbeikommen.“ „Ich fürchte Du musst mir Vorlieb nehmen Marcel“ sage ich. „Okédoké“ sagt Marcel und krempelt seinen Ärmel hoch. Auf Marcels Armen sind lauter Tattoos. Tattoos, die man eigentlich nicht haben darf. SS Runen und Nazi Geschmiere. Marcel wird rot. Viele der selbstgestochenen Tattoos sind entzündet und eitrig. „Schöne Scheiße“, sagt Marcel und wird noch ein bisschen röter. „Schöne Scheiße“, sage ich und wir beide meinen nicht die Wunden. Ich säubere die Wunden und sage:

„Und Marcel, bist Du Weihnachten bei Mutti?“

Marcel schüttelt den Kopf. Muttern will mich nicht mehr sehen, nach der Scheiße mit dem Knast.

Marcel ist seit fünf Wochen aus dem Gefängnis raus. Autodiebstahl, Einbrüche, Schlägereien, wieder Auto knacken, keine Bewährungsauflagen erfüllt, zu viel Schnaps und so viel Drogen. Neun Monate. Marcel ist 21. Dünn und hochgewachsenen, ein Jungengesicht, immer noch der Junge, der zu oft Massnahme und niemals angenommen war. Marcels Mutter hat sieben Kinder. Marcel hat sie erzählt, sein Vater sei Amerikaner gewesen, aber in der kleinen Stadt sagen alle, Marcels Vater sei Uwe der Penner von der Tankstelle und Marcels Mutter eine Assi-Schlampe. Marcel war Nummer Fünf von Sieben und Marcels Mutter hatte keine Kraft mehr und bald auch keine Wohnung. Den größten Teil seiner Kindheit hat Marcel in den Obdachlosenbaracken am Stadtrand verbracht.

„Und Maria?“, frage ich. Maria war Marcels Freundin.

„Geschrieben hab ich der aus’m Knast“ sagt Marcel, „aber geantwortet hat sie nicht. Jetzt ist sie weg.“

Niemand aus der C. hat Marcel im Gefängnis besucht und es war die C. die Marcel gesagt hat, dass seine Oma gestorben war, während der neun Monate.

„Is nix mit Weihnachten“ sagt Marcel und starrt auf den Boden. Bei Omma war es schön. Omma hatte ne Katze und bei Omma war es warm.

„Die Kumpels bauen nur Scheiße“, sagt Marcel und er hat doch der lieben C. versprochen, dass das weniger wird mit den blöden Sachen.

„Mensch Marcel“, sage ich, „wo bist du denn Weihnachten?“

„In der Maßnahme“, sagt Marcel und sagt: „is schon okay so.“

„Sind echt nett da“, sagt er und ich denke an die sparsam möblierten Zimmer der Massnahme. Aber is schwer, wenn du nen Knacki bist.“

„Na ja, sage ich, aber Du bist ja auch Marcel.“

Marcel sieht mich verwundert an. „Die Frau Doktor hat mir gesagt Du hast die mittlere Reife geschafft im Gefängnis?“

Marcel nickt.

„Alle mal herhören“, rufe ich, Marcel hat den Abschluss.“ Alle klatschen. Marcel ist ja ohnehin schon rot.

Dann klingelt das Telefon und Marcel nickt: „Geht in Ordnung, geh ran.“

Der Radiologe ist dran, Frau Berger kann zum Röntgen und Gipsen kommen.

„Wir brauchen einen Ü-Schein für Frau Berger“, rufe ich. J-A-A, ruft die liebe C.

Inzwischen ist auch Tochter Berger eingetroffen. Tumult zwischen Mutter und Tochter um die Katze im pinken Korb.

Marcels Arm ist verbunden. „Die Frau Doktor will dich nochmal sehen“, sage ich und kehre zum Berger- Katzenproblem zurück.

Frau Berger weint.

Tochter Berger schweigt verstockt.

Miezi jammert.

‚Marcel‘, hauche ich der lieben C. zu.

Die liebe C. versteht sofort.

„Damen Berger“sagt sie, das ist Marcel. Marcel ist immer noch rot. Die Damen Berger starren Marcel an. „Der macht doch nur Ärger“, sagt die alte Frau Berger. Aber die liebe C. ist unbeirrt. „Marcel und Miezi“, sagt sie „sind beide gerade ein bisschen allein und könnten ein bisschen Gesellschaft vertragen und dann lächelt die liebe C. Es ist das Arztlächeln der lieben C. und sie neigt den Kopf, die liebe C. hat goldene Locken, sie sieht aus wie ein Engel und sagte: „Es ist doch Weihnachten.“ Mutter Berger nickt. Tochter Berge sagt: „Aber auch das Katzenklo säubern. Marcel macht den Käfig auf und Miezi sieht Marcel und Marcel sieh Miezi und die Damen Berger sehen Miezi und Marcel und die Damen Berger sehen was wir sehen, hier befreundet man sich Hals über Kopf.“

„Rufst Du in der Massnahme an?“, fragt die liebe C.

„Mach ich“, sage ich und bezirze die Massnahmenmadame eine Katze zuzulassen. Ich sage: Therapiekatze Miezi, Weihnachten, Kontakt, Nähe, Sozial, ich sage Wunder, ich sage, Mensch der Marcel ist doch so allein.“ Es sind harte 20 Minuten, dann knickt die Massnahmenmadame ein.

Marcel strahlt.

Die Damen Berger strahlen.

Tochter Berger fährt Mutter Berger ins Krankenhaus.

Tochter Berger fährt Marcel, Mizi, Katzenfutter und Streu in die Massnahme.

Wir machen die Praxis sauber.

Katzenhaare stöhnen die liebe C. und ich!“

Kurz bevor wir zusperren, ruft die Massnahmenmadame an.

„Seit fünf Wochen ist der Marcel hier“, sagt sie und ich habe ihn heute zum ersten Mal lächeln sehen.“

„Das ist doch fast eine Weihnachtsgeschichte“, sage ich zu meiner lieben C.

Die liebe C. nickt und lächelt mir zu: „Wirklich sagt sie, das ist fast eine Weihnachtsgeschichte, sie stellt den Anrufbeantworter an. Auf dem Tresen liegt der Ü-Schein für Frau Berger.“

„Ich geh schon“, sage ich und für einen Moment glaube ich eine große, weiße Katze und ein schmaler Engel im blauen Kleid balancieren über das Fensterbrett, der kleinen Praxis am Rand des Marktplatzes der kleinen Stadt. Aber mit ausschließlicher Sicherheit vermag ich es nicht zu sagen. Katzen wie Engel sind wohl verschwiegene Wesen und so bleibt mir nur Ihnen ein gesegnetes, ein fröhliches, ein wunderbares Weihnachtsfest zu wünschen.

Hören Sie nicht auf an Wunder zu glauben.

63 Gedanken zu “Fast schon eine Weihnachtsgeschichte

  1. Als ich las, daß Marcel schließlich erstmals in den fünf Maßnahme-Wochen hat lächeln können, weil er wohl etwas erfahren hatte, wonach er sich – wie letztlich jede(r) – schon immer sehnte, da fiel mir dann doch noch Jochen Kleppers Vers ein:

    „Mein Gott, dein hohes Fest des Lichtes
    hat stets die Leidenden gemeint.“

    Ist diese Tür der Erinnerung erst einmal geöffnet worden, folgen wie von selbst die restlichen Verse:

    „Die ersten Zeugen, die du suchtest,
    erschienen aller Hoffnung bar.
    Voll Angst, als ob du ihnen fluchtest,
    und elend war die Hirtenschar.
    Den Ärmsten auf verlassenem Feld
    gabst du die Botschaft an die Welt.

    Die Feier ward zu bunt und heiter,
    mit der die Welt dein Fest begeht.
    Mach uns doch für die Nacht bereiter,
    in der dein Stern am Himmel steht.
    Und über deiner Krippe schon
    zeig uns dein Kreuz, du Menschensohn.

    Herr, daß wir dich so nennen können,
    präg unseren Herzen heißer ein.
    Wenn unsere Feste jäh zerrönnen,
    muß jeder Tag noch Christtag sein.
    Wir preisen dich in Schmerz, Schuld, Not,
    und loben dich bei Wein und Brot.“
    ________________________________

    Von Herzen froh machende Weihnachten
    dem demnächst-Fräulein-Doktor-Read-on,
    dem Herrn Tierarzt
    und allen Leserinnen und Lesern
    der hier versammelten unvergleich-wundervollen
    Geschichten unterm Sternenzelt.

  2. Liebes Fräulein, ich habe Sie und ihr Blog erst in diesem Jahr entdeckt. Und jedes Mal, wenn Sie etwas schreiben, freue mich, dass ich ihr Blog entdeckt habe und darin lesen kann, so wunderbare Geschichten wie gerade diese. Ich wünsche Ihnen und dem Tierarzt ein ganz wunderbares Weihnachtsfest

  3. Vielen Dank für diese wunderschöne Weihnachtsgeschichte! Für Sie und Ihre Lieben schöne Feiertage und ganz besonders liebe Gedanken schicke ich auch für Marcel.

  4. Ob nicht doch alles besser wäre, wenn alle Menschen alle Menschen wie Menschen behandelten? Haben Sie eine gute, entspannte, schöne Zeit. Danke für ihre Geschichten. (Eine sehr beeindruckende Engelsammlung ist das auf dem Bild).

    • Ja, wenn das doch ginge ein immerwährender Weihnachtswunsch sozusagen. Ich wünsche Ihnen auch heitere und schöne Tage. Die Engelsammlung gehört der lieben C. die herzlich grüßt und der mein Vater jedes Jahr einen Engel für das Orchester schenkt. Die liebe C. hat eine gewisse Schwäche für die Erzgebirgsengel….

  5. Vielen Dank für die wunderbaren Geschichten und Erzählungen. Sie bereichern mein Leben. Ich wünsche Ihnen, Ihrer Familie, dem Tierarzt und natürlich Kälbchen eine schöne Zeit der Ruhe und Besinnlichkeit. Egal welchen Glauben wir haben, ruhige Tage sind für alle Menschen ein Segen.
    Liebe Grüße
    Simone Heller

    • Kälbchen hat Weihnachtsheu bekommen und ist ziemlich selig hoffe ich und ich stimme Ihnen von Herzen zu, Tage zum Innehalten brauchen wir alle. Frohe Weihnachten Ihnen.

  6. Vielen Dank für diese wunderbare Weihnachtsgeschichte! Ich wünsche Ihnen eine wunderbare Weihnacht mit Ihren Lieben, Ruhe und Entspannung.

  7. Vielen Dank für diese wunderschöne Geschichte. Ich werde sie heute, am Heiligen Abend, meiner Familie vorlesen! Ich kenne ihr Blog auch noch nicht so lange, aber nun schaue ich immer gerne wieder vorbei. Manches, was Sie erzählen, holt einen irgendwie auf den Boden der Tatsachen, manches gibt einfach ein gutes Gefühl!
    Ursel

  8. Eine zauberhafte Weihnachtsgeschichte – vielen Dank !
    Ihnen und Ihren Lieben wünsche ich ebenfalls ein schönes Weihnachtsfest und noch viele kleine und große Wunder, an denen Sie uns hoffentlich weiterhin teilhaben lassen werden. Danke für die wundervollen Beiträge, die zu lesen immer wieder eine wunderbare Bereicherung ist.
    Alles Gute wünscht
    Elisabeth

  9. Fräulein Readon, dieser Kommentar ist off topic. Wenn es zu ihrem Präventionsprojekt eine Vereinsanschrift und/oder eine Spendenkontonummer geben sollte, wäre dies vielleicht ein guter Moment, sie bekannt zu machen. Sowohl die Ausnahmslosen als auch die Abendländer sollten Sie schon aus Eigeninteresse unterstützen, Menschenfreunde aller Schattierungen sowieso.

  10. Pingback: Read on my Dear, read on – Schlabonskis Welt

  11. Liebes Fräulein Read on,
    Sie haben mir dieses Jahr mit Ihren Texten erhellt…
    Diese Weihnachtsgeschichte: mehr Weihnachten geht fast nicht.. Danke!!!

  12. nicht „fast“ – nein, es ist eine Weihnachtsgeschichte – und eine der schönsten, die ich dieses Jahr gelesen habe. Danke dafür und Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest

  13. So eine wunderbare Weihnachtsgeschichte. Können wir nicht alle hin und wieder ein Wunder gebrauchen?
    Liebes Fräulein ReadOn, da meine Post an Sie sich sicher leider verspätet hat, möchte ich Ihnen hier noch schöne Feiertage wünschen; ich hoffe, Sie haben viele schöne Stunden mit Ihren Lieben und vielleicht auch ein bisschen Ruhe zum Durchatmen und Kraft tanken. Kommen Sie gut ins neue Jahr.

  14. Ach, ich freu mich so, für die Katze und Marcel und Sie, und auch für Frau Berger!Man kann sich auch nach Weihnachten freuen….Alles Gute an die Irische See, ich liebe die!

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