Ein Blick zurück

Zum letzten Mal in diesem Jahr, das Handtuch vom Halter, um die Schultern gelegt, der Ginster gähnt müde und müde bin ich auch, den steilen Pfad zum Meer herunterklettern. Vorsicht gilt es zu bewahren, denn der Pfad ist steil, das Meer aber rauscht so kalt und flaschengrün, wie ich es liebe. Noch einmal schlägt das Meer seine Hände über meinem Kopf zusammen und noch einmal wird alles leicht und schwerelos, am Ende auch ich. Der Wind lächelt spöttisch über die Frau im kalten Meer, das Meer aber ist unbekümmert, das zehn Uhr Schiff legt ab, nach dem 10 Uhr Schiff kann man die Uhr stellen, das 12 Uhr Schiff ist unzuverlässiger, das habe ich gelernt in den Jahren, in denen die Schiffe vorbeiziehen am rückwärtigen Fenster des kleinen, windschiefen Hauses. Einen Stein nehme ich mit, blank poliert für das Grab meiner Großmutter, die ich besuche, dabei ist der Friedhof wohl der letzte Ort an dem meine Großmutter sich aufhalten würde, sie und der Tod waren erbitterte Gegner, aber ich gehe doch wieder und wieder zum Friedhof, lege einen Stein auf den Stein mit ihrem Namen und fahre mit den Händen über den Namen, der mir am meisten fehlt. Noch aber läuft mir das Wasser aus den Haaren, blaue Füße und blaue Lippen, der Klabautermann würde mich als seine Schwester erkennen. Die Frau des Krämers erkennt mich auch so: „So long Fräulein Read On!“, „So long, Frau des Krämers“ rufe ich. Ein letztes Mal in diesem Jahr, das lugagge holdall packen, Bücherstapel vom Nachtisch nach unten tragen, das Kleid mit dem Norwegermuster zusammenrollen, die letzten Blumen aus der Vase nehmen, eine letzte Tasse Tee aus der blauen Tasse mit den weißen Tupfen trinken. Der Tee geht zur Neige. Der Priester lehnt in der Tür. „ Sie sehen nach Abschied aus, Fräulein Read On“, sagt er und ich nicke: „Kein Abschied ohne Tee und Gebäck“, sage ich und der Priester sieht müde aus und zwei müde Menschen sitzen am Tisch, der Blick geht aufs Meer und das Meer wird nicht müde Wellen gegen die Klippen schlagen zu lassen. Weißschäumend und wild ist die Welt unter dem Haus, eine Kirche auf Wellen gebaut, ist St. Sylvester, der Kirchturm so grau wie die tiefen Wolken. Möwengeschrei, in meinem Kopf verschwimmen die Weihnachtskantaten Johann Sebastian Bachs mit der Stimme des Priesters, nicht unangenehm, sondern fast überweltlich heiter. Auf dem grünen Sofa aber schläft der Tierarzt noch einmal auf eine halbe Stunde, nach dem langen Dienst der Nacht zusammengerollt an seinem Fußende liegt der Hund, die Katze aber schläft wie üblich auf der Sofalehne. Der Priester aber wird für die nächste Zeit zu allem auch noch Tierpension, aber von meinen Entschuldigungen über die schlechten Manieren des Hundes und die Manieriertheit der Katze will er nichts hören. Der Priester muss weiter, sein wehender Mantel flattert noch lange im Wind, da ist er längst schon im Unterland und ich lege das Plaid zusammen, gieße die Alpenveilchen in der Diele, lila Köpfe nicken mir zu, die alte Standuhr tickt, ein verirrter Sonnenstrahl wandert durch die Diele und für einen letzten Moment sitze ich auf dem Fensterbrett und schließe die Augen.

Auf dem Tisch, das weiß ich auch mit geschlossenen Augen, steht noch immer die blaue Schale mit den Äpfeln, rot, gelb und grün, Mandarinen daneben, ein Stapel mit Briefen, auf der Tischdecke laufen grüne Elefanten umher, neben der blauen Schale, steht die silberne Dose, schwere Ranken, in der Dose sammle ich Telefonnummern, verpasste Gelegenheiten, eine alte Rose, fast unlesbar gewordene Briefe, Schlüssel zu es denen das Schloss nicht mehr gibt und dann fällt mir ein, dass dieses Jahr nicht ein einziger Traum in die Dose gewandert ist. Geträumt habe ich nichts dieses Jahr, ich habe mir nichts vorgestellt, sondern durchgearbeitet und durchgehalten, die Dose blieb leer. Neben dem Tisch steht das alte Sideboard, auf dem Sideboard mehr Bücher und eine Kiste mit Mince Pies, Bilder aus diesen und anderen Tagen und eine Muschel mit abgeschürften Kanten. Eine Fallmuschel sozusagen. Noch einmal sage ich Bett und Tisch und Stuhl, Standuhr und silberne Dose. Man kann sich festhalten an Wörtern wie Tisch und Stuhl, kann sich am Bettrand festkrallen und an den Bücherschrank hängen. Dieses Jahr mit seinen langen Schatten aus Angst vor fast allem und vor allem dafür doch zu dumm zu sein, wie die Lehrer sagten, wann immer sie mich sahen, für etwas das Dissertattion heißt und für andere Leute da ist, aber nicht für mich, hieß es nicht, das Schicksal herauszufordern und ist das Schicksal nicht ein harter, ein unnachgiebiger Gegner? Ich weiß es nicht, im nächsten Jahr werde ich es wissen, die Verteidigung steht noch aus. Ein merkwürdiges Wort, eines jener Schauerwörter, dieses Jahr habe ich mich wieder und wieder an Tisch und Bett und Stuhl und der Schale mit Äpfeln festgehalten, in all den Nächten den einen wie den anderen. Zwei müde Schatten in einem Haus. Das Haus liegt im Schatten St Sylvesters, St Sylvester liegt im Schatten des Meeres. Dann aber wirklich Pass, Schlüssel, den Wollmantel, Keksdosen, Mince Pies, die Äpfel obenauf, noch einmal durch das Haus gehen, der Tierarzt stellt den Plattenspieler aus, Fenster zu, Licht aus, die Uhr schlägt. „Komm“ sagt der Tierarzt. Die Tür fällt ins Schloss.

21 Gedanken zu “Ein Blick zurück

  1. Es gibt so Jahre, die sind einfach Knochenbrecher, wie Herr Lucky Strikes vor elf Jahren konstatierte. Zum Glück ist es bald vorbei, das nächste wird dann hoffentlich besser und lässt auch Platz für Träume, nicht nur in der silbernen Dose mit schweren Ranken. Und vielleicht werden Sie sich später eher an das grüne Meer, den Stapel Briefe, die Menagerie und den Geschmack der Äpfel erinnern, wenn Sie an das Jahr 2017 zurückdenken.

    Ich wünsche Ihnen beiden eine gute Reise!

  2. Ich sah Sie leibhaftig auf dem Fensterbrett sitzen, den Tierarzt mit dem Hund auf dem Sofa, die silberne Dose und all die anderen Sachen. Und den Priester mit dem wehenden Mantel. Schön, dass es Sie und ihre Bilder gibt. Danke!

  3. Zu dumm für Dissertation?! Ich bitte Sie, Fräulein Read On, schenken Sie den Schatten der Vergangenheit keine Beachtung mehr, dann können Sie Sie auch nicht mehr auf die Seite des Zweifels ziehen.
    Zu dumm für darf für eine Frau wie sie keine Frage mehr sein!
    Erfreuen Sie sich bitte lieber an dem, was Sie geschafft haben: Dumme schaffen kein Studium, sprechen nicht so unübersichtlich viele Sprachen wie sie und sie sind nicht mit so schriftstellerischen und sozialen Begabungen ausgestattet. Vom Sinn für Humor und dem scharfen Blick auf gesellschaftliche Schieflagen will ich gar nicht anfangen.
    Haben Sie geglaubt, das merkt hier keiner, was für ein großartiger Mensch sie sind?
    Nein, laut meiner Erfahrung geht dumm anders. Schluss mit dieser Art von Selbstzweifel. Jetzt. Sofort.
    Gruß. Kari.

  4. Ich kann mich Kari nur anschließen. Wie kommen Sie nur auf die schräge Idee, ein so vielseitig interessierter und gebildeter Mensch wie Sie könne dumm sein? Das Einzige, so scheint mir, woran Sie noch arbeiten müssen, sind diese elenden Selbstzweifel. Eine frühere Kollegin von mir sagte stets: „So wie ich bin, so bin ich gut.“ Vielleicht wird das Ihr Mantra für das neue Jahr.
    Wunderschöne, ruhige, friedliche Weihnachten wünsche ich Ihnen!

  5. Sie und für irgendwas zu dumm??? Niemals! Sie sind einer der intelligentesten, geistreichsten und besondersten Menschen die ich ( zugegebenermaßen leider nicht persönlich) kenne und ich bin mir sicher, Sie haben jeden akademischen Titel dieser Welt verdient!
    Herzliche Grüße aus Norddeutschland 🙂

  6. Wirklich noch nichts geträumt dieses Jahr? Aber sicher viele zum Träumen gebracht! Alle Ihre Gedanken laden zum Träumen ein…
    Angst? Ja, aber dann tief durchatmen, ins Meer eintauchen und gestärkt wieder auftauchen. Träume wahrmachen.
    Wenn ich das jemandem zutraue, dann Ihnen, Fräulein Readon!

    • Nein, leider keine Träume gehabt in diesem Jahr, aber wer weiß irgendwann kehren die Träume vielleicht zurück und wenn Sie sich hier einen Traum mitnehmen mögen, dann immer gern.

  7. Wenn ich einen Wunsch für Sie haben dürfte, dann denn, dass die Angst für immer aus Ihren Knochen ziehen möge, um der ruhiger Freude ihren Platz zu schenken.
    Gesegnete Festtage Ihnen & Ihren Lieben!

  8. Geglückt und gelungen

    Und täglich ein bißchen schiefgegangen,
    und täglich ein bißchen g’rade gerückt,

    und täglich im selben Netz verfangen,
    und täglich ein bißchen Leben geglückt.

    Und täglich sich ein bißchen blamiert,
    und täglich über den eigenen Schatten gesprungen,

    und täglich ein bißchen mehr demaskiert,
    und täglich ein bißchen Leben gelungen.

  9. Die Wohnung/das Haus ferienhalber zu verlassen, hatte bei mir auch schon immer diesen Schimmer Endgültigkeit. Dieses Ein-letztes-Mal-Gefühl mit diesem
    Hauch Drama. Dafür solche Worte finden, kann nicht jede. Ich habe dein Blog erst vor einigen Monaten entdeckt. Diese Entdeckung gehört definitiv zu jenen Dingen, die mein 2017 reich gemacht haben.
    Danke!

    PS: Und Kälbchen? Wird der Priester den Tierarzt bei Kälbchen würdig vertreten können?

  10. Ich habe Sie und Ihr Blog in diesem Jahr entdeckt, und viele Ihrer Gedanken haben meine Tage bereichert und angefüllt mit meinen Fortsetzungen. Darf ich Ihnen etwas wünschen? Dass Sie sich jetzt die Zeit zwischen den Jahren einmal nur für sich und Ihre Lieben nehmen können, mit endlosen Nachmittagen, die nahtlos in gemütliche Abende übergehen. Ein gutes Ende für 2017 und ein „traumhaftes“ Jahr 2018 für Sie.

  11. Sollten Sie Janosch mögen, dann empfehle ich seine klein-großen Weisheiten für 2018:
    „Lustig sei das Leben, hilfreich und gut“.
    Könnte mir vorstellen, dass auch der Tierarzt seine Freude daran hätte. 🙂

  12. Liebes Fräulein Read On,
    sie rauben mir, im Wortsinne, die Sprache.
    Denn so oft wollte ich Ihnen schon schreiben und mich vor allem auch für Ihre so persönliche und mutmachende Mail im Sommer (!) bedanken.
    Sie, und das was Sie für die Menschen tun, den Tierarzt, den Priester, Ihre Leser, mich, die Menschen, die Sie mit Ihren Worten, Händen und Taten berühren ist so ungeheuer wertvoll, demütig machend und komplex, dass mir wirklich die Worte dafür fehlen.
    Sie haben mich dieses Jahr durch so manche schlaflose Nacht begleitet, mich mindestens abgelenkt, oft zum Lachen gebracht, immer gezeigt, dass ich als fühlender Mensch nicht mutterseelenalleine bin und in Anbetracht des Zustandes der Welt meine Sorgen doch auch wieder relativiert.
    Ich bin Ihnen dankbar. Sie sind ein Geschenk, für mich und viele andere. Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass die Sonne so hoch über Ihnen scheinen möge, dass die inneren Schatten der Angst ganz klein werden und Ihnen heimeligwarm wird um Herz und Seele.
    Mit beidem sind Sie so reich gesegnet, dass man nur sagen kann: Sie sind ein Riese, Fräulein Read On! Lassen Sie sich nicht kleinmachen. Nicht von Ihnen selbst und auch von keinem anderen!
    Ich wünsche Ihnen alles erdenklich Gute für Sie und Ihre Lieben

  13. Ich will’s ja nicht übertreiben, aber: wenn ein Folksänger (wenn auch ein weltberühmter) wie Bob Dylan einen Literatur-Nobelpreis kriegt, dann bin ich dafür, dass eine Meisterbloggerin (ich nenne hier keinen Namen, aber der Ort dieses Kommentars ist Programm) ihn auch bekommt!
    Schöne Feiertage (in Berlin, nehme ich an?).

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