Wie es isst.

Immer kurz vor Weihnachten beschließt die Frau des Krämers abzunehmen. Der Krämer fährt in den von ihr so verachteten TESCO auf einer grünen Wiese und die Frau des Krämers lädt einen Stapel Weight Watchers Assietten in ihren Wagenkorb und schwört in den nächsten Tagen bis zum 23 Dezember nichts anderes mehr zu essen, als das was das Punktesystem der vereinigten Waagenwächter vorgibt. Nach zwei Tagen kennt die Frau des Krämers alle Punkte, die auf den Plastepackungen abgedruckt sind. Aber nach zwei Tagen hat die Frau des Krämers auch festgestellt, wie scheußlich der Waagenwächterfraß schmeckt. Die Laune der Frau des Krämers ist also an Tag Drei unterirdisch und da die Frau des Krämers findet, ich sei quasi für jedes Elend der Welt mitverantwortlich, schreit sie während ich Butter, Joghurt und Milch zur Ladentheke trage: „Sie wissen aber schon wie viele Punkte das hat!“ Keine Ahnung, Frau des Krämers sage ich, Hauptsache die Milch ist nicht sauer, die Butter nicht ranzig und der Joghurt nicht wässrig. Die Frau des Krämers knurrt Böses. Dann hole ich Nussschokolade. Die Frau des Krämers fletscht die Zähne, das ist verboten, streng verboten, Schokolade hat sieben Schrillionen Punkte. Überhaupt Fräulein Read On, sind sie dicker geworden oder trägt die Strickjacke auf?“ Frau des Krämers lächle ich, es soll kalt werden über Nacht, Nussschokolade aber wärmt gut. Dann hole ich Schokoladeneis aus der Tiefkühltruhe und die Frau des Krämers wirft mir ihren Todesblick zu.
Wissen Sie Frau des Krämers mein Punktesystem ist ganz einfach: „Ist noch genug Nussschokolade da und warum zur Hölle sind da immer noch vier Pastinaken im Gemüsefach.“ Die Frau des Krämers starrt mich entsetzt an: „Ich weiß wirklich nicht, wie der Tierarzt es mit Ihnen aushält.“

Die Auszubildende schluchzt wie ein Schlosshund. Es braucht eine Packung Taschentücher und den ganzen Rest meiner Jahresendgeduld bis ich herausfinde, warum sie schluchzend das Telefon ignoriert. „Fräulein Read On bricht es schließlich aus ihr heraus, „mein Kleid für die Weihnachtsfeier ist mir zu eng.“ „Kaufen Sie ein neues Kleid“, sage ich und nehme den Telefonhörer ab. „Sie sind so unsensibel“ schreit die Auszubildende. Ich atme tief ein und aus. Am Telefon ist der Schriftsteller. „Fräulein Read on sagt er, besteht Frackzwang?“ „Schriftsteller, sage ich, es ist die Weihnachtsfeier nicht der Pulitzerpreis.“ Der Schriftsteller immerhin ist beruhigt.

Am Abend sind der Tierarzt und ich auf der Weihnachtsfeier der Tierärzte und ihres Anhangs. Wir sind zu siebent am Tisch und ich besehe den Menüplan, um herauszufinden, was für den Tierarzt wohl ginge und was nicht. Pilzsuppe lese ich und denke an die Pariser Maronensuppe von der, der Tierarzt fünf Löffel schaffte und ich danach vor Freude durch das Marais hüpfte. An unserem Tisch sitzt eine Tierärztin, zwei Tierärzte und ihre Frauen und dann sitzen da eben auch wir. Der Tierarzt sagt: Das ist das Mäd-äh Fräulein Read On, sie fürchtet sich nur vor Reptilien, liebt eine Wildtaube, Kälbchen und ich hoffe ein kleines bisschen auch mich. Ich lächle milde und versuche zu verdrängen, da Kälbchen mir erst vorgestern so derartig auf den Mantel gesabbert hat, dass noch nicht klar ist, ob der Mantel sich noch retten lässt und sage: Angenehm, wie schön sie kennenzulernen.

Die Damen der Tischgesellschaft starren den Tierarzt an.

Dann sagen sie zum Tierarzt gewandt:

„Ich muss auch dringend abnehmen.“
„Nach Weihnachten kommen fünf Kilo runter.“

„Meine Oberarme sind solche Fettschlegel.“

„Haben Sie auch schon mal die Kohlsuppendiät probiert?“

„Ach, am Besten ist dann doch die gute Friss die Hälfte.“

„Die Tina macht ja im Januar immer eine Saftkur.“

„Sagen Sie, war das erste Kilo eigentlich das Schwerste?“

„Haben Sie die Kohlenhydrate ganz weggelassen oder nur Abends?“

„Rohkost soll ja richtig gut sein, um zu entschlacken.“

„Verzicht ist auch eine Lebenshaltung.“

„Abnehmen ist eine Einstellungsfrage.“

„Ich mache seit August ja SlimFit und ich bin mir sicher, da geht noch mehr.“

Die Frauen trinken während sie so daherreden Champagner und Rotwein, sie essen Canapés mit Lachs und russische Eier, sie löffeln die dicke Pilzsuppe und nehmen eine zweite Portion vom Lammbraten, sie essen Kartoffeln mit Rosmarin und in Honig glasierte Möhren. Sie essen Pasteten und Ententerrine, sie schlecken Eis und nehmen Pralinen zum Kaffee dazu. Keine der Frauen hört auf, während sie essen davon auf zu reden, wie sie bald abnehmen werden und natürlich preisen auch sie das Konzept der Waagenwächter mit ihrem so überaus klugen Punktesystem.

„Das ist überhaupt der Trick“ sagen sie und sehen den Tierarzt an, der sich an einem Löffel Suppe quält, man lässt einfach die Hälfte auf dem Teller liegen. Dann kratzen sie Erdbeersauce vom Tellerrand. Der Tierarzt aber steht auf und ich weiß ganz genau, dass er im Badezimmer des Restaurants zwei Löffel Pilzsuppe ausspeit und die Frauen am Tisch seufzen verzückt: „Einmal Size Zero.“ „Size Zero ist dem Tierarzt zu groß“, sage ich und die Frauen starren mich an. Als der Tierarzt zurückkommt, sind die Teller abgetragen und seine Hände sind kalt.

Die Damen loben nun die Qualität des Essens und die Güte des Weines, der Tierarzt trinkt Kamillentee und irgendwann gehen wir zurück zum Auto. Ich krame nach dem Autoschlüssel in meiner Handtasche und als wir im Auto sitzen, vergräbt der Tierarzt den Kopf in seinen Händen und sagt: „Mädchen, warum dürfen alle abnehmen und nur ich muss essen?“

26 Gedanken zu “Wie es isst.

  1. Ich muss Sie tadeln.
    Der Ratschlag an die Azubine ist nicht gut.
    Das ganz ganz schnell zu ganz gräßlicher Adipositas führen. Jedesmal, wenn die Kleidung zwackt, eine Nummer größer ist keine Lösung.

  2. Es ist so bitter, wenn Essen Qual statt vergnügen ist. Da ist die Weihnachtszeit sicher nicht leicht für Sie und den Tierarzt. Ich wünsche trotz allem, dass Sie die Zeit zum Jahresende genießen können, auf welche Art auch immer ❤

  3. Ihre Artikel gehen mir sehr ans Herz, ist mir alles zu gut bekannt. Ich wünschte ich könnte etwas tun. Alles Liebe für Sie beide!

  4. Oh, ein Dinner mit drei Trampeltieren. Davon stand aber nix auf der Einladung, oder?

    Wo blieben eigentlich die beiden anderen männlichen Tierärzte in der Unterhaltung? Das Thema Diäten wird die kaum interessiert haben, schon gar nicht den ganzen Abend lang. Hatten die dauernd den Mund voll und die Ohren auf Durchzug gestellt?

  5. Ich kann mir nicht helfen, ich esse selber viel zu gerne, um zu verstehen, dass das jemand nicht täte. Und ich bin daher vermutlich recht unsensibel und taktlos, aber ich frage mich, ob der Tierarzt in seine Rolle als solcher sich nicht selbst therapieren könnte: ein Mensch ist ein Primat, also ein Tier, das fällt in seinem Zuständigkeitsbereich, und ein Primat muss in Abhängigkeit seines körperlichen Tätigkeiten so-und-so-viel essen, um zu gedeihen. Was würde er einem Schimpansen oder Orang-Utan raten, der nicht genug isst?
    Ich würde mit den russichen Eiern anfangen und dann mit dem geschilderten Menü weitermachen, bis zu den Pralinen. Klingt für irische Verhältnisse (wie? Kein Lachs? Endlich!) sehr lecker.
    Kleiner Tipp am Ende: das beste Mittel, dass ich kenne, um Hunger auszulösen ist Haschisch. Am besten als Kecks verarbeitet oder in Quittengelee eingerührt, beides mit Schokolade überzogen und mit Champagner begleitet. Dazu muss man immer Kuchen und Schokolade und Kekse und Salzmandeln und vielleicht sogar Kartoffelchips vorrätig haben, sonst isst man die restlichen Haschplätzchen auf und das nimmt ein böses Ende. Ich kenne Leute, die haben nach einer Megaportion Haschplätzchen drei Tage durchgeschlafen. Erklären Sie das mal ihrem Chef.

    • Tja, wenn das so einfach wäre, bei Magersüchtigen helfen keine Haschischkekse. Die Krankheit Magersucht lässt sich nicht in zwei Sätzen erklären, hat auch viele verschiedene Formen.
      Würde er mit Zuhilfenahme eines Kekes sich wirklich vollstopfen, ginge es ihm danach sehr schlecht, und er würde erst mal gar nichts mehr essen.

    • Ihr Beitrag geht so am Thema vorbei, da mag ich die Trampeltiere, mit denen es der Tierarzt zu tun hatte, fast noch lieber. Ihr Beitrag ist leider repräsentativ für den Umgang mit psychischen Erkrankungen in dieser Gesellschaft. Alles was nicht blutet, komisch wegsteht oder ab ist, ist keine Krankheit, sondern Anstellerei und Aufmerksamkeitssucht. Wissen Sie, am bedrückendsten aber ist der Eindruck, den Sie zu Fräulein Readon vermitteln möchten – wie konnte sie denn nur so dumm sein, es noch nie mit Haschkeksen ausprobiert zu haben? Ganz offenbar haben Sie noch nicht mitgekriegt, mit wem sie es hier zu tun haben. Das Fräulein würde sich wohl ein Bein abschneiden für ein Butterbrot, das der Tierarzt verzehrt.
      Und Sie kommen mit Haschkeksen.

  6. Jetzt muss ich über Ihre Wortschöpfung `Jahresendgeduld` doch sehr lachen, diese jene Geduld war mir heute gerade etwas entfleucht. Ich sage nur – dienstliche Weihnachtskarten schreiben…
    Geben Sie dem Tierarzt eine dicken Kuss und halten Sie zu ihm! *ich hoffe wirklich es ist so einfach und hilft*

  7. Ich weiß gerade nicht, was mich trauriger macht: die Tatsache, dass der Tierarzt so um jeden einzelnen Löffel kämpfen muss (und diesen Kampf auch noch manchmal verliert) oder die Taktlosigkeit der mitessenden Dämlichkeiten. Ich kenne den Tierarzt nicht, aber ihren Schilderungen nach sollte ein Blick genügen um zu erkennen, dass man in seinem Beisein nicht übers Abnehmen sprechen sollte. Soviel Ignoranz macht mich wütend.
    Ihre Geschichte aber mochte ich wie immer sehr gern lesen.

  8. Essen und keine Freude daran zu haben, ist so schrecklich. Mädchen aus einer örtlichen psychiatrischen Einrichtung besuchen unsere Schule. Sie wollen das. Sobald sie abnehmen, ist das ganze Programm gestrichen. Zwei junge Frauen, Töchter von Bekannten, haben es geschafft, wieder in das Leben von Kraft und Essen zurück zu kommen. Es ist so so schwer! Und es ist die kranke Seele, die nicht essen lässt, nicht die Eitelkeit.

  9. Ihre Worte schnüren mit das Herz ab. Wie abgestumpft muss man für solche Tischgespräche sein?

    Ich komme immer wieder in Berührung mit Menschen, die weniger als Size Zero sind und kann es nicht fassen, wie man in diesen Momenten an solch etwas – ich weiß gar nicht, was für ein Adjektiv ich hier wählen sollte – wie Abnehmen zu denken!

    Solche Menschen merken doch gar nicht mehr, wie gut es ihnen geht und wie schlecht sie Menschen wie ihrem Liebsten tun.

    Traurig.

  10. …und darum geht es einfach überhaupt nicht an, irgendwelche Abnehm- und Diätfragen zum Tischgespräch machen zu wollen. Echt übles Verhalten.

  11. Nein, das ist kein Gesprächsstoff bei Tisch. Das wirklick Kranke daran finde ich, dass es bei so vielen ein Thema ist… Klagen ohne zu leiden.
    Ich werde manchmal gefragt ob ich abgenommen habe und antworte dann trotzig nein, es gehe mir gut.
    Gewicht ist nix für Komplimente. Ich bin super so, egal, ob ich 250, 136, 70 oder 40 Kilo wiege.
    Klar habe ich auch ne Essstörung, Nichts tröstet, beruhigt und entspannt mich so sehr wie Essen (auf die Seele gegossenes Karamell). Das immer mit Genuss und gleichzeitig gepaart mit Angst (… und Vernunft… meiner Arthritis und den von Arthrose zerfressenen Knien täte natürlich ein niedriges Gewicht besser).
    Das ändert sich aber nicht durch gute Ratschläge, Mitleid oder gar Druck.
    Ich drück dem Tierarzt die Däumchen, wie gut dass ihr Euch liebt und vieles andere zum Glück auch noch ganz viel Raum im Leben hat.
    Ina

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