Kopflos

In der Nacht kehrt der Sturm zurück in das kleine Dorf. Stößt gegen die Türen, rüttelt an den Fensterrahmen, wirft mit hässlichem Gelächter die Blumentöpfe des Priesters zu Boden, greift schließlich mit spitzen , kalten Fingern nach dem Dach des kleinen windschiefen Hauses, in dem ich lebe. Aber auf dem Boden, da stehe auch ich, mit wirr wehenden Shetlandponyhaaren, einem ausgeleierten T-Shirt mit einem Krokodil darauf, den Winterflanellbetthosen und einer Taschenlampe. Sturm gegen Fräulein heißt es und der Wind heult triumphierend auf, aber schon muss er sich die Hände vor das Gesicht halten, zu hell ist die Taschenlampe, zu erinnyengleich wehen die Haare und gräulich öffnet das Krokodil auf dem T-Shirt sein schreckliches Maul. Der Sturm aber dreht sich polternd und fluchend um, wirft eine Handvoll Gischt und Sand in meine Richtung, dann aber dreht er ab, um im Unterland nach losen Schindeln zu suchen.

Am nächsten Morgen wird der Sturm schauerliche Rache am von der Frau des Krämers angeschafften Weihnachtsmann genommen haben. Die Frau des Krämers hat nämlich einen riesigen aufblasbaren Weihnachtsmann angeschafft. Der Weihnachtsmann war zwei Meter fünfzig hoch, hatte eine ungesunde Gesichtsfarbe und da er nicht nur als Weihnachtsmann fungierte, sondern auch als Werbeträger hatte die Frau des Krämers mit schwarzem Edding quer über sein Gesicht geschmiert: „Ho Ho Ho- Christmas offers. Beats every High Street.“ Da die Frau des Krämers aber nicht allein auf die Kraft des Weihnachtsmannes und die Wirkung des schwarzen Eddings vertraute behängte sie das bedauernswerte Geschöpf mit blau, rot und grün funkelnden Lichterketten und da vor dem Krämerladen ein gewaltiger Baum steht, hieß sie den Krämer dickes Seil besorgen und am letzten Sonntag wurde der Weihnachtsmann unter Ächzen und Seufzen, unter Klagen und Schreien von der Tochter der Frau des Krämers, dem Elektriker und dem Krämer selbst am Baum gefesselt und wer immer unser Dorf durchfuhr, der sah sich einem gewaltigen Weihnachtsmann gegenüber, der mit dicken Seilen um die Brust und wackelndem Kopf an einen Baum gefesselt war. Die Frau des Krämers aber war stolz, stolz es den Städtern, die die Frau des Krämers herzlich verachtet einmal so richtig gezeigt zu haben, stolz darauf früher als alle anderen weihnachtlich sinnstiftend zu wirken, stolz darauf, dass unser kleines Dorf, weitab von den Lichtern der Stadt und seit Jahr und Tag schon ohne Straßenlaternen nun auch im Dunkeln rot, blau und grün fluoreszierte und niemanden der im Krämersladen eine Flasche Milch und Brot einholte, vergaß sie darauf hinzuweisen, dass der Weihnachtsmann dort drüben, genau der, der gefesselt am Baum hing, ihre und allein ihre Idee gewesen sei und bis auf den Tierarzt, der die Frau des Krämers der üblen Quälerei alter Männer bezichtige, machten wir alle Ahhhhh und Ohhhh und liefen so schnell wir konnten davon, denn wer weiß schon ob die Frau des Krämers nicht auch uns an Bäume kettete, verspräche sie sich dadurch höheren Absatz.

Dann aber kam der Sturm, gereizt ohnehin schon, durch meine Taschenlampe und mich, unbefriedigt darüber, mir das Dach nicht entreißen zu können. Was sind schon ein paar läppische Blumentöpfe für einen Herrn von und zu Sturm? Missmutig pfeifend, fluchend und schreiend, rannte der Sturm ins Unterland hinunter. Still lag das Dorf in seligem Schlummer. Die Frau des Krämers nämlich schwört auf warmen Whiskey als Einschlafhilfe: „Nur für die Gesundheit, Fräulein Read On“ und so schlief die Frau des Krämers tief und träumte vielleicht vom Weihnachtsmann draußen vor der Tür. Auch ich lag schon wieder im Bett, zog mir die Decke bis zur Nasenspitze und der Tierarzt murmelte etwas von: „Kälbchen, ach Kälbchen hast du kalte Zehen.“ Der Sturm aber rastlos und von heftigem Zorn gepackt, erreichte den Krämersladen, sah die Bank und den schlafenden, gefesselten Weihnachtsmann. Das Elend, das nun folgte ist kaum zu beschreiben und gesehen habe ich es ja auch nicht. Aber der Sturm tat sein grässliches Werk, ohrfeigte den Weihnachtsmann heftig, riss ihm ohne Gnade den Kopf ab, zerfetzte die Lichterketten, schlug ihm ein Bein ab und stie0 ihn so fest in die Rippen, bis die Luft aus seinen Rippen entwich. Dann hatte der Sturm genug vom Dorf und seinen Bewohnern, bestieg die gut vertäute Barke am Ufer und segelte schon davon, hinfort an neue Ufer und neue Dächer, als Pfand wohl behielt er den Kopf des Weihnachtsmannes, denn der blieb unauffindbar.

Am Morgen aber, ich rannte zur Bahnstation bot sich ein schreckliches Bild. Ein kopfloser, schlaffer Torso war alles was vom Weihnachtsmann blieb, so schlaff, dass auch die Seile ihn nicht mehr hielten, ein zusammengesunkenes, kopfloses Elend ohne Spannung und gänzlich beraubt seines Lebens und auch seiner Lichterketten.

Die Frau des Krämers aber stand nicht minder fassungslos vor den Trümmern ihres ganzen Stolzes. „Das ist Sabotage“ schrie sie und reckte die Faust zum Himmel. Der Krämer indes kehrte den traurigen Haufen, der einmal an einen Baum gefesselter Weihnachtsmann war, zusammen. Später sagte der Tierarzt, „die Frau des Krämers habe ein christliches Begräbnis für den so hinterrücks Ermordeten gefordert“, aber der Priester habe abgewiegelt und der Frau des Krämers versichert, dass aus ihr nur der erste Schmerz spreche“, die Frau des Krämers aber habe vor Zeugen versichert, dass der Weihnachtsmann gerächt werde und der Priester sich besser der Liebe zu aller Kreatur erinnern möge.“ Der Priester sei dann schnell gegangen. Das Barometer im Dorf aber stünde auf Sturm.

10 Gedanken zu “Kopflos

  1. Dass ein Sturm auch gerecht sein kann, dass er Geschmack und Stil haben kann, das ist irgendwie beruhigend. Zu gerne hätte ich ein Bild von dem Weihnachtsmann gesehen, so ein „Vorher“ – „Nachher“.
    Dass die Krämersfrau dem Plastik-Weihnachtsmann ins Gesicht geschrieben hat, finde ich unangemessen. Aber die Botschaft steht ihr ja ins eigene Gesicht geschrieben. Vielleicht genügt das erstmal.

  2. Ich habe immer gedacht, Weihnachtsmänner gehören aufgehängt, besonders im November, aber köpfen ist auch nicht schlecht. Geteert und gefedert fehlt noch, aber immerhin die Visage mit Edding vollgeschmiert, hätte ich der Krämersfrau nicht zugetraut. In der Zwischenzeit war der Sturm auch bei mir, ganz schön heftig.

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