Handtuchhalter

Die Auszubildende schreit: „Fräulein read On, Fräulein Read on, ich habe gelauscht und die D. hat zur G. gesagt: Really this stubborn Read On, she needs to get a personal life ASAP.“ Die Auszubildende lacht triumphierend. „Fräulein Read On, Fräulein Read On, ich habe es ganz genau gehört, das hat sie wirklich gesagt die D. und was heißt eigentlich ASAP?“

Auszubildende sage ich: „I am a person and I am alive, die D. hat also keinen Grund zur Sorge. Sie sollten nicht lauschen. Lauschen leiert die Ohren aus.“ Die Auszubildende flieht unter Geheul ins Badezimmer um sich ihre Ohren ganz genau zu besehen. „Bitte gießen und ertränken Sie die Blumen nicht“, rufe ich ihr hinterher. Die J. hängt an den Orchideen. Aus dem Badezimmer ertönt lauteres Geheul. „Sie sind der gemeinste Mensch der Welt.“

 
Aber da bin ich schon weiter. Im Keller des Institutes befindet sich eine Dusche, denn wer kennt es nicht: Man sitzt am Schreibtisch und denkt nach, schon perlt der Schweiß an der Stirn herunter, heiße Schauer jagen über den geplagten Fellowrücken, man eilt zur Dusche hinunter und braust sich gründlich ab. Ich wäre die Letzte, die einem Fellow das Duschglück verweigert und so habe ich zwei Jahre lang, zweimal in der Woche schimmelnde Handtücher, Damen wie Herren-Rasierer, leeres Duschgel und Shampoo in schwarzen Müllsäcken entsorgt. Manchmal überkommt mich aber auch ein pädagogischer Impuls, das Gefühl doch noch einmal die Welt zum Besseren und Guten hin zu verändern. Achtsamkeit, Fürsorge, Miteinander sind das nicht die großen Begriffe unserer Zeit? ( Eigentlich aber war ich nur berufsbedingt in Berlin und konnte nicht zum schwarzen Müllsack greifen.) In meinem unbändigen Optimismus, denn wir hatten ja schon festgestellt, dass ich sowohl person als auch alive bin, glaubte ich die Fellows würden sich das Handtuch über die Schultern schwingen, die Rasierer wegwerfen und die Shampooflaschen entsorgen, natürlich irrte ich mich. Als ich bei meiner Rückkehr die Dusche inspizierte, faulten sechs Badetücher auf den Fliesen, schlitterte ich über gebrauchte Rasierer und sammelte sieben Shampooflaschen ein.

Um elf Uhr versammeln sich die Fellows zu Kaffee und Gebäck und sind dazu angeregt Lob und Kritik auszusprechen, Verbesserungswünsche vorzutragen und überhaupt zu berichten, wie sie sich fühlen im Elfenbeinturm. Aber alles auch Kaffee und Gebäck kommt zu einem Preis und die Fellows müssen ertragen, dass auch ich sie mit Lob überschütte und Kritik antrage. Ich preise also die kluge Begabtheit der Fellows, lobe ihre soziale Kompetenz, den Gemeinschaftssinn, die angestrengte Suche nach der Weltformel und natürlich auch die sauber gebrausten Rücken und Denkerstirnen. Dann hole ich die vergorenen Handtücher aus dem Beutel und erinnere die Fellows daran, dass jeder für sein Handtuch, Rasierer und Schaumbad selbst zuständig ist. Natürlich hat niemand sein Handtuch dort fallen lassen, niemand den Rasierer in die Ecke geworfen oder gar eine Flasche zurückgelassen. Zeter und Mordio. Ich nicke und weiß doch, dass ich übermorgen schon wieder Handtücher auflesen werde.

 
Manchmal frage ich mich, ob die Fellows wohl alle im Schloss aufgewachsen sind, wo stets ein Diener hinter ihnen stand, streiften sie auch nur den Pantoffel ab, oder ob alle Privilegien ihren Preis haben und wenn es nur der ist, ist endlich einmal so ganz nach Herren oder Damenart zu leben. Im übrigen brauchen die Fellows viel Zuwendung und immer wieder neues Kümmern: Einen Toaster wünschen die Fellows um Brote zu grillen, vor meinem inneren Auge steigen kohlende Brote auf, der Feueralarm geht an und bald schon balgen sich Ratten und Mäuse um Käsebrotkrümel. Aber das allein ist es nicht oder jedenfalls nichts nur: denn die Fellows fühlen sich überfordert von dem was das Institut bietet und erwartet. Einen jour fixe zum Beispiel, aber da sind sie oft müde oder der Elektrosmog macht ihnen zu schaffen. Vorträge interessierten sie schon, aber woher sollen sie denn wissen, ob die Vorträge wirklich gut sind oder mehr so mau und workshops für Karriereoptionen täten sie schon gern besuchen, aber da müsse man sich halt immer voranmelden und woher solle man schon wissen, ob man da nicht lieber einen Freund oder gar die liebe Grete träfe. Meine Ausführungen darüber, dass ein Lebenslaufoptimierungsmeister eben nicht auf Zuruf erschient, sondern gebeten werden will, hören sie wohl an, aber Glauben schenken sie dem nicht. In ihrer Welt glaube ich manchmal, sind sie wirklich ganz allein und immer erster, immer bester und immer zählen sie allein.

Dann geht es um einen Spieleabend zwecks besseren Kennenlernens in druckfreier Atmosphäre und ich nehme die post-ist mit „Toaster, aber dalli“ und „gestern war der Kaffee zu schwach“ von den Wänden und lege sie zu den vielen anderen und immer ähnlichen Zetteln und überlasse die Fellows bei Kaffee und Gebäck sich selbst.

Nur den B. nehme ich zur Seite. „B. sage ich man hat mir zugetragen, dass Du die Toilettentüren bei Benutzung nicht schließt, sollte dies der Fall sein, so schließe doch bitte die Tür. Der B. sieht mich verwundert an: „aber das ist doch ganz natürlich, ich schließe niemals die Tür.“ „B. sage ich, dass war keine Bitte, keine Frage, sondern ein Punkt. Tür zu.“

 
Der Schriftsteller passt mich an der Tür ab. „Fräulein Read On“ krächzt er, -denn ich glaube so stellt er Hemingway vor-, die Sache mit den Handtüchern: I felt so alive. It was gruesome, but so awakening. An epiphany.
„Ich wollte ihnen das hier geben Fräulein Read On“, der Schriftseller überreicht mir das Bild eines Hahnes und unter das Bild hat er einen Vers geschrieben. „Schön“, sage ich. Danke, Schriftsteller. Der Schriftsteller dreht sich um, da steht aber nur die Auszubildende und er nickt ihr zu: „What a time to be alive.“

 
Dann rette ich die Orchideen vor dem Ertrinken. Telefoniere mit dem Klempner, organisiere Organisatorisches, renne treppauf und treppab und treffe schließlich die J, die beste Chefin der Welt. Sie sagt: „Du Read On, muss ich mir Sorgen machen?“ Wegen der Handtücher, liebe J? Nein, die habe ich schon entsorgt.“
„Nein, nicht der Handtücher wegen.“ Die Auszubildende hat der erzählt, dass du mit dem Schriftsteller ein neues Leben auf einer Hühnerfarm beginnen willst.“

„Gut zu wissen“, sage ich und die J. lacht „ASAP hat die Auszubildende gesagt“,kommst Du mit?“, frage ich die J. und die J. wäre nicht die J. würde sie nicht nicken und sagen: „Nie wieder nasse Handtücher in der Dusche.“

 

23 Gedanken zu “Handtuchhalter

  1. Duschen die Fellows denn jetzt wenigstens nach dem Yoga?!?
    Im Betreuungsaufwand ähneln sie der Auszubildenden, aber die Verhaltensweisen beider sind mir unbegreiflich. Von meinen eigenen Uni-Zeiten kenne ich das auch ganz anders, ob das am Fach liegt? Oder verbreitet Ihr Institut soviel familiäres Flair, dass sich alle wie zuhause fühlen?
    Allerdings, es gibt bestimmt überall die Schilder an Toilettentüren mit der Bitte, die einfachsten Dinge zu beachten; und dann möchte man gar nicht wissen, wie die betreffenden Bäder der geschätzten Kollegen und Kolleginnen zuhause aussehen …

    • Ich weiß gar nicht, ob die Badezimmer der Fellows zu Hause so schlimm aussehen. Ich fürchte, Menschen haben einen Hang dazu, sich „völlig ungezwungen“ zu geben, wenn sie sich unbeobachtet fühlen und „nicht verantwortlich“ für ihr Handeln sind.
      An irgendeinem Flughafen sah ich in einem Supermarkt das Schild „Benimm dich hier bitte so als würde deine Mutter dich beobachten“… war es Malta? Ich weiß es nicht mehr. Aber ich finde das bringt es gut auf den Punkt. Vielleicht wäre so ein Schild auch etwas für die Dusche des Instituts von Fräulein Read on?!?!?

    • Ich muss zugegen: Ich überprüfe das Duschverhalten der Fellows nicht und vorstellen, nein vorstellen wie es bei den Damen und Herren zu Hause aussieht, will ich wirklich nicht.

  2. @Bluete – „Benimm dich hier bitte so als würde deine Mutter dich beobachten“…

    Hui, das erinnert an die Drohung aus Kinderzeiten: „Der liebe Gott sieht alles“.

    Mir würde gefallen, wenn folgendes Schild an der Türe zur Dusche aufgehängt würde:
    *Wer unter einem Mutter- und/oder Gotteskomplex leidet, darf selbstverständlich die Dusche
    als Schmutzfink verlassen.* 😉

    • @ Ute, ich würde diese beiden Zitate nicht unbedingt in Zusammenhang bringen.

      „Der liebe Gott sieht alles“ hat ja etwas von einer Drohung, dass die „gerechte“ Strafe immer folgen wird und keine Schuld ungesühnt bleibt.
      Die Aufforderung, sich so zu benehmen, wie es die eigene Mutter von einem erwarten würde, ist meiner Ansicht nach ein Appell an das Wissen, das die meisten Menschen ja grundsätzlich haben, nämlich das Wissen WIE man sich anständig benimmt. Ich gehe davon aus, dass die Mutter eines jeden Fellows nicht entzückt wäre, wenn sie wüsste , wie ihr Sproß sich in den Duschen des Instituts benimmt. Und der Fellow an sich weiß das wohl auch. Also keine Drohung, sondern eher eine sanfte Erinnerung an die uraltes Wissen.

      • @Bluete – mein augenzwinkender Hinweis ist nicht tiefernst gemeint, wiewohl ich denke, dass ein bisschen was von dieser Art der paradoxen Intervention bei dem einen oder anderen Fellow hängen bleiben könnte. 🙂

      • Ich verweigere mich jedem Erziehungsauftrag. Ich glaube nicht, dass man es kann und ich sehe mich auch nicht zu einer Fellow-Mutter Rolle berufen….

  3. Verstehe ich jetzt nicht: ist es etwa nicht selbstverständlich, dass hinter mir aufgeräumt wird? Das ist das mindeste, was ich von der Azubine erwarten würde, ich nähme aber auch höherrangige Zofenhilfe an.

  4. Steht das eigentlich in Ihrem Arbeitsvertrag, dass Sie den Dreck der anderen einsammeln und hinter denen immer aufräumen sollen?

    Sie sind viel zu nett zu denen. Und offensichtlich wissen die werten Fellows das nicht zu schätzen. Duschen Sie denn auch dort? Sonst lassen Sie doch die gammeligen Hinterlassenschaften der Herrschaften liegen, bis die sich türmen, vielleicht merken die dann mal was. Man könnte den Kram auch in die Dusche schieben und Schilder aufhängen: „Eure Mütter arbeiten nicht hier. Also räumt Eure Sachen bitte selbst weg.“ Oder sperren Sie die Tür zum Duschraum vor Ihrer nächsten zweiwöchigen Abwesenheit ab und hängen ein Schild hin: „Aus hygienischen Gründen bis auf Weiteres leider geschlossen.“

    So lange Sie immer so schön hinter denen herräumen, haben die gar keinen Grund, ihr Verhalten zu ändern. Ist leider so.

  5. „Ich wollte ihnen das hier geben Fräulein Read On“, der Schriftseller überreicht mir das Bild eines Hahnes und unter das Bild hat er einen Vers geschrieben. „Schön“, sage ich. Danke, Schriftsteller. Der Schriftsteller dreht sich um, da steht aber nur die Auszubildende und er nickt ihr zu: „What a time to be alive.“

    Sie scheinen den guten Mann zu inspirieren – am Ende gehen Sie noch in die Literaturgeschichte ein. 😉

  6. Also mich lässt der Betreuungsaufwand an meinen Sohn denken und der ist 5 und ich hatte Hoffnung, das ständige „Tür zu, Licht aus, Klospülung betätigen, Hände waschen, Handtuch aufheben, Jacke aufhängen …“ würde irgendwann Früchte tragen. Aber Sie und Ihre Fellows zerstören meine Illusion, dass das irgendwann vor den frühen Zwanzigern passiert.
    Das Lesen Ihres Blogs stürzt mich in Depressionen …

  7. Tja bitter irgendwie… Das werden dann so Arbeitgeber wie meiner, bei dem meine liebste Kollegin und ich immer zwischen den Tätigkeitsfeldern Feuerwehr und Kindermädchen pendeln….. hm, @dictionaftis und @sabine, die hoffnung stirbt zuletzt…. grins.

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