Sonntag

„„Komm“ sagt der Tierarzt, die Sonne scheint. Ich ziehe mir die Decke über den Kopf. „Komm“, sagt der Tierarzt, Du bist doch das Mädchen, das den Sommer sucht.“ „Ich bin so müde“, will ich sagen, aber der Tierarzt zieht schon die Decke weg. „Komm“, sagt er und zieht mich hoch. Gliederpuppentaumelei. Der Tierarzt hält mir Kleid und dicke Strümpfe hin, mir tropft noch Wasser aus den Augen und den Armen. „Komm“, sagt der Tierarzt, wickelt mich in Schal und Wetterfleck und zieht mich aus der Tür heraus. Wirklich, vor der Tür ist Sonnenschein. „Komm“, sagt der Tierarzt wir klettern am Kliff hinunter. Schon stapfen wir durch die Heide, halten uns fest an den Steinen und am struppigen Dünengras, der Wind fährt uns durch die Haare. Wirklich die Sonne scheint, es glitzert der Himmel, der Wind spielt Sommerlieder auf einer blauen Mandoline und das Meer rollt flaschengrün an den Strand heran. „Tierarzt“, sage ich die Sonne scheint. Der Tierarzt lacht und taumelt meerestrunken an den Wasserrand. „Für Dich ist das Badewetter“, sagt er und ich nicke, denn bei solchem Wetter kann man nicht am Strand verharren und schon fliegen Kleid und dicke Strümpfe, Wetterfleck, Schal wie Schuhe in den weißen Sand . Augen zu und dann nehmen mich die Wellen mit, tief hinein und atemlos, taube Arme, taube Füße und doch wogt das Meer, kalt und klar und wunderbar. Das Meer greift nach der Müdigkeit und ich wünschte es würde auch nach der Nachtschicht zwischen meinen Rippen fassen, aber das bleibt auch im schäumenden Novembermeer leider Wunsch und niemals Wirklichkeit. Der Tierarzt lacht und lacht, lacht mit Wind und Sonnenschein, lacht flaschengrün und sommerhell und wickelt mich in ein dickes Handtuch ein. Ein lachender Schatten und ein Fräulein mit klappernden Zähnen wandern weiter am Meer, Muscheln knirschen unter unseren Füßen, der Tierarzt trägt einen Krebs ins Wasser zurück und wie immer suche ich nach einer Muschel mit der man das Meer hören kann, aber ich lege alle Muscheln wieder zurück, vielleicht findet man eine solche Muscheln niemals oder nur einmal im Leben. Hunde wie Kinder rennen zum Meer, die Hunde sind schneller, Kinder wie Hunde aber furchtlos und frei, das Meer ist mit Hunden wie Kindern geduldig und die Kinder werden bestimmt einmal Novembermeerschwimmer, denn schon fliegen die Gummistiefel davon, das Meer braucht freie Füße. Wir aber wandern durch Priele, klettern über die Schieferfelsen, der Tierarzt sucht einen blanken Stein, aber die blanken Steine verstecken sich gut, dafür Möwengeschrei und der Wind hält sich an unseren Ohrläppchen fest. Er lacht der Wind und der Tierarzt und ich fallen in den Sand hinein. Der Sand legt sich zwischen Haare und Zähne, fährt uns in die Haare, aber ist der Sand nicht dafür gemacht, der Tierarzt malt Sonnenkringel mit dem Zeigefinger, ich schreibe zwei Karten auf seinem Rücken. Dann ist mein Zähne klappern lauter als der Wind mit seinem Liederbuch und wir wandern in Schlangenlinien Richtung Dorf am Meer entlang.

„Weißt Du was?“, sagt der Tierarzt.

„Ich weiß nichts“, sage ich.

„Mädchen, nur Kälbchen ist noch verrätselter als Du.“

„Das wusste ich Tierarzt, das wusste ich wirklich.“

„Als Du schliefest heute am Morgen, da habe ich meinen Account bei Seriöse Singles gelöscht.“ Genau heute vor einem Jahr habe ich den dort angelegt.“

„Ich wusste gar nicht, dass Du einen Account bei Seriöse Singles hattest, Tierarzt.“

„Ich war so allein und Du warst so aussichtslos.“

„Ich dachte Du seist in die B. verliebt.“

„Wer ist die B?“

„Und sage ich, gibt es schöne Frauen bei Seriöse Singles?“

„Bestimmt“, sagt der Tierarzt.

„Bestimmt?“, frage ich.

Ich habe niemals nachgesehen, denn Du hast gesagt: Komm“ sagt der Tierarzt.“

„Ich habe wirklich: Komm gesagt?“

„Oh ja“, sagt der Tierarzt. „Kälbchen und Du ihr seid euch so ähnlich.“

Dann klettern wir das Kliff hinauf, Hände im Heidekraut und der Dünenhafer an den Beinen, der Wind weht, Sonnenstrahlen tanzen auf der Nasenspitze, der Tierarzt lacht und lacht und lacht, kann nicht aufhören zu lachen. Selbst das Heidekraut kichert über so viel Tierarztheiterkeit.

Zuhause dann warmes Wasser, gegen die klappernden Zähne, auch ins Bad fällt Sonnenlicht, und endlich habe ich wieder warme Füße.

„Mädchen, willst Du Deine Regenbluse?“, fragt der Tierarzt.

„Ich will eigentlich zurück ins Bett“, sage ich.

„Später, Mädchen, später, wir fahren zum Tee ins Grandhotel.“

„Wirklich Tierarzt?“

„Komm Mädchen, komm.“

Im Grandhotel tanzen alte Pärchen Foxtrott und vor uns wogt das Meer, noch immer sommerblau, der Himmel ist noch immer himmelblau, die Sonne lacht uns strahlt und nur der Tierarzt strahlt ein bisschen mehr.

„Du hast nicht einziges Mal nachgesehen, bei Seriöse Singles?“

„Vielleicht hat die Kälberkönigin von Kerry dort auch ein Profil?“

„Nein, sagt der Tierarzt, nein, nein, nein.“

„Komm Mädchen, tanz mit mir.“ Komm Mädchen, komm.“

27 Gedanken zu “Sonntag

  1. Ich glaube, der Tierarzt ist so rätselhaft wie Mädchen und Kälbchen zusammen.
    (Mit klappernden Zähnen geschrieben, denn hier stürmt und donnert und blitzt und regnet es gar novemberlich.)
    Mich freuts, dass es bei euch noch so schön ist!

    • Vertätest sind wir wohl alle und es wäre doch auch schade wäre dies nicht der Fall. Ich hoffe bei dir hat das Gewitter sich verzogen und die Sonne scheint heiter und hell

  2. Wie schön, endlich wieder so eine heitere, wärmende, durchweg positive Geschichte von Ihnen zu lesen! Am Ende hatte ich fast einen Heiratsantrag erwartet 😉. Sei’s drum, das Herz des Tierarztes haben Sie gewonnen. Ich wünsche Ihnen viele Sonntage wie diesen.

  3. Selbst wenn die Kälberkönigin von Kerry ein Profil hätte (zum Glück haben Kühe Hufe und keine Hände, das mit dem Anlegen eines Profils ist also ziemlich kompliziert), ich glaube der Tierarzt hätte lieber Sie. 🙂

  4. Wie schön, dass der Tierarzt zwei Kälbchen-Charaktere um sich hat. Und noch schöner, dass er sie zum Tanztee ausführte, ich musste dabei nämlich an die Geschichte denken, die Sie vor längerem aufgeschrieben hatten, als Sie ein unwürdiger Galan übel versetzte. Genießen Sie jeden Sonnenstrahl und das Novembermeer.

  5. Ich beneide Sie um das Wetter.
    Und ein schöner Text.
    Ansonsten dachte ich: Autsch, es ist so schwer zu vertrauen in der heutigen Zeit.

  6. Kau ein Wort ist so geeignet, in den Lauf der Weltgeschichte positiv einzugreifen wie ein „Komm“ zur rechten Zeit. Ich gratuliere herzlich zu dem gelungenen Tag und wünsche nachträglich einen erholsamen Mittagsschlaf!

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