Im Konzert

Klassische Konzerte sind das Vorhersehbarste der Welt. Klassische Konzerte laufen immer gleich ab. Ein Orchester zieht sich schwarze Röcke, Kleider und Anzüge an. Der Dirigent trägt einen Frack. Die erste Geige wird vom Dirigenten begrüßt, der Dirigent steht an einem Pult und oft, aber nicht immer hat er einen Taktstock in der Hand. Auf den Pulten liegen Notenblätter, im Foyer ertönt ein Gong. Klassische Konzertbesucher tragen zwar nicht mehr schwarz, aber oft Perlenketten und einen Rock. Man kennt sich, man weiß, dass Frau B. aus Reihe H bei ihrer Schwester in Tipperary ist und der Herr G. aus Block A diese Woche eine Oper in London hört. Konzertbesucher nicken sich freundlich zu und sagen so Sachen wie: „Also der Beethoven…“, Nein, was für eine Rachmaninov-Interpretation“ und das letzte Mal habe ich die Dritte im Januar gehört.“ Wird jemand von bösem Husten geschüttelt, reicht man Bonbons, und überhaupt wäre der Weltfrieden nah, wäre die Welt ein Konzert, denn selbst das scheußliche Kleid der ersten Geige wird mit zarter Freundlichkeit übersehen und lieber blättert man leise im Programmheft als frevelhafte Kommentare abzugeben. Niemand würde im Konzert auf die Idee kommen aufzustehen und zu rufen: What about da beat m*therf*cker und als in Schwarzenberg /Österreich tatsächlich ein Mann Ian Bostridge, den vielleicht größten lebenden Schubert Interpreten anpöbelte und schnauzte: „Deutsch lernen„, da war das ein Skandal, für den Mick Jagger achtzig Hotelzimmer zerlegen musste und ich bin nicht sicher ob wir uns von der Stille wirklich erholen, die da einbrach.

Aber das ist ein anderes Thema, denn klassische Konzerte sind noch immer so wunderbar vorsehbar, sind ein eigenes Uhrwerk und keine Uhr mag ich lieber, als das sanfte Gleiten in einen Konzertabend hinein, in dem wohligen Gefühl, sich um nichts anderes Kümmern zu müssen als um die Musik und so sitze ich auch am gestrigen Abend auf meinem angestammten Platz, konversiere mit meinem Nachbarn über Wittgenstein und die Musik- Konzertgespräche sind die schönsten Gespräche- blättere im Programmheft, schalte das Telefon aus und bedauere den Tierarzt von Herzen, der in einem abgedunkelten Raum sitzt und einen Film namens Thor sieht. Ich glaube es geht darum, dass ein Mann der nicht Thor ist, einen Hammer übergezogen bekommt.

Schon gongt es ein letztes Mal und das Konzert beginnt mit Manuel de Fallas: Nights in the Gardens of Spain und ich erinnere mich, dass ich vor vielen Jahren einmal in Granada das Wohnhaus de Fallas besichtigt habe, niemand sonst war in dem kleinen Museum, nur ein einsamer Wärter, der mich auf de Fallas Klavier spielen ließ und die Augen schloss, so lange ich spielte, den Deckel aber klappte er selbst herunter, denn er war der Wächter und Wärter des Hauses und ich stand lange am Fenster denn de Falla blickte aus seinem Haus auf die Alhambra und den Garten hinaus. Der Wächter und ich schwiegen. Aber gestern Abend, so ist das manchmal, da fand ich nur schwer hinein in das Stück, suchte mich vielleicht zu sehr zu erinnern an die Alhambra und das stille Haus, ich fand das Orchester zu laut und das Klavier zu schrill, aber mehr war es auch nicht und vielleicht war auch ich nur zu unkonzentriert, zu müde von zu langen Tagen.
Behalten habe ich fast nichts von dem Stück und das grämt mich, aber es ist nicht zu ändern.

Aber dann kommt Maurice Ravels Klavierkonzert für die linke Hand in D-Dur und der Pianist Jorge Federico Osorio spielt dieses Stück mit ungeheurer Leichtlebigkeit, mit einer Eleganz, die Ravel erstaunt hätte und anders als noch bei de Falla hören das Klavier und das Orchester einander staunend zu und zum Staunen ist dieses Klavierkonzert wirklich, denn Ravel schrieb es doch für Paul Wittgenstein, dem man den Arm abgeschossen hatte, im ersten großen Krieg. Wissen das diejenigen, die immer schreien: Männer sollen im Krieg kämpfen? Das ist der Krieg und der Pianist Paul Wittegenstein, hatte keine rechte Hand mehr, aber er war doch Pianist und Jorge Federico Osorio lässt uns ahnen, wie der Verlust klingen kann, denn das Konzert ist ein einziger großer Phantomschmerz. Wer weiß schon ob Paul Wittgenstein jemals wieder aufhörte von diesem verlorenen Arm zu träumen, aber wir träumen mit und als der Pianist endet, da erhebt sich tosender Applaus und wir alle stehen auf und verneigen uns vor dem Pianisten. Dann aber beginnt das Ungewöhnliche dieses Abends, denn nromalerweise nehmen Pianisten oder Solo-Violinen den Applaus entegegen und manchmal gibt es eine Zugabe dazu, aber niemals würde ein Konzertpublikum einen Künstler zur Zugabe zwingen und noch viel, viel seltener dreht der Pianist sich zum Publikum um und agt: Ich möchte eine Zugabe spielen.” Wir sind natürlich hellauf begeistert und der Pianist sieht uns an und hebt seine Hände, die strapazierte Linke und die verschwundene Rechte, sie erinnern sich Paul Wittgenstein- und die linek Hand zittert und für einen Moment erzählt die Hand des Pianisten die Geschichten aller Kriege. Dann spielt er Debussy’s Cathedrale d’egloutine und spielt es zum Weinen schön mit beiden Händen.

Nach der Pause alle sitzen schon wieder, da gibt es Carl Nielsens Fünfte Symphonie, auch ein Stück aus dem ersten, großen Krieg unangenehm hellsichtig und klar. Ich mag Nielsen und ich mag seine Orchester-Besetzungen, die oft ungewöhnlich, aber immer präzise sind. Sechs Kontrabässe zähle ich und so viele Blechinstrumente, dass selbst Richard Wagner blass um die Nasenspitze würde.
Nielsen war ein spöttischer Verweigerer aller Erklärereien und so hat man in der Symphonie Sisyphos gehört oder auch nicht. Aber ich höre den Krieg und auch Carl Nielsen muss den Krieg gehört haben, denn er ist in einer Militärkappelle zum Musiker geworden. Aber das allein ist es nicht, sondern es ist eine Musik, die nicht zurückweicht vor dem Krieg und wir tun es auch nicht, denn wir sitzen ja im Konzert und manchmal muss ich die Augen schließen. Musik hat immer etwas Unhaushaltbares an sich. Dann endet das Konzert und weil es ein klassiches Konzert ist fliegen keine Bierflaschen auf die Bühne sondern man klatscht und überlegt wo man die Garderobennummer eigentlich hingetan hat und dann passiert etwas, was in klassichen Konzerten nicht passiert. Der Dirigient räuspert ( niemals räuspert sich ein Dirigient und spricht ) sich und sagt:

Guten Abend. Können Sie mich hören? Wir finden dies sei der Fall.
Man hat mir zugeragen der dänische Botschafter sei hier. ( Wir klatschen.)
Man hat mir zugetragen der Botschafter meines Landes Mexiko sei hier. ( Wir klatschen.)

Der Dirigient sagt: Wir haben heute Abend Musik aus Spanien, Frankreich und Dänemark gehört, aber Mexico haben wir ausgelassen. Nein, sagt der Dirigent, es ist kein einfaches Jahr gewesen für Mexico und dann spielt er mit dem Orchester ein José Pablo Moncayos Huapango. Wir alle haben die Garderobennummer vergessen und vergessen ahben wir auch, dass wir in Dublin sitzen, einer Stadt, die ziemlich weit weg ist von Mexico, wir haben auch vergesen, dass wir uns für Mexico nicht sonderlich interessieren, Drogentote und Naturkatastrophen und dann die Mauer, aber mehr auch nicht, und wirklich niemand außer Carlos Miguel Prieto, dem Dirigenten ist einegfallen, dass zu tun, was getan werden muss und er macht es, einfach so in einem klasssichen Konzert, in dem das Programm nicht einfach geändert wird, er schimpft nicht auf Trump, ist nicht bitter über unser Desinteresse ( vielleicht doch? ), sondern er erinnert uns daran, dass wir alle Mexico sind, das wir vor einem Jahr alle Mexico geworden sind, ob wir nun wollen oder nicht und dieser Dirgent macht die Fenster und Türen auf, lässt die Musik zu uns herein, macht das was wir alle hätten machen müssen, bevor es zu spät war, erinnert uns daran, dass die Stille hinter den Mauern immer lauter ist als der größte Schreihhals und wir, wir alle sind Mexico. Es braucht manchmal einen Dirigenten wie Carlos Miguel Prieto der uns daran erinnert, dass man im Konzert viel lernen kann, nur nichts über Musik und vielleicht deswegen und nur deswegen sind klassische Konzerte so unvorhersehbar, so aufregend und so großartig wunderbar wie wenig sonst. Wenn Sie nur zehn Minuten Zeit haben, zehn Minuten in denen auch Sie Mexico werden, dann hören Sie doch bitte ab 2:00 ( also Stunde, nicht Minute, es ist außergewöhnlich und außergewöhnlich berührend ), wenn Sie Zeit haben, dann lege ich Ihnen das ganze Konzert, was es hier für dreißig Tage gibt sehr an Ihr Herz.

Und wenn Sie einmal nach Granada kommen, dann besuchen sie doch Manuel de Falla und sehen hinüber in den Garten, den er allein zu Musik zu machen wusste.

11 Gedanken zu “Im Konzert

  1. und als in Köln tatsächlich ein Mann Ian Bostridge, den vielleicht größten lebenden Schubert Interpreten anpöbelte und schnauzte: „Deutsch lernen„, da war das ein Skandal

    Das geschah nicht in Köln, sondern bei der Schubertiade in Schwarzenberg, Österreich. So steht es zumindest in dem verlinkten FAZ-Artikel.

  2. Ein wunderbares Konzert, das die ganze Bandbreite des Lebens abbildet, von den Tiefen des Krieges bis zur Lebensfreude, die sich gegen das größte Unglück noch behauptet. Wunderbare Musiker, Solisten und ein toller Dirigent!

    Was mir auffiel, sind die vielen freien Plätze. Ist das üblich bei Klassischen Konzerten in Dublin? Woran liegt das?

    Sehr toll auch, dass die Konzerte aufgezeichnet und anschließend zur Verfügung gestellt werden, so dass wirklich jeder der mag und über Internet verfügt, daran teilhaben kann. Was für ein Privileg! Wobei, vielleicht ja auch ein Grund, warum manche Dubliner sich den Gang ins Konzerthaus sparen? Man kann ja die Konzerte auch bequem vom Sofa zu Hause aus anhören?

    Liebe Grüße

    Liisa

    • Wirklich es war ein außergewöhnliches und ein außergewöhnlich schönes Konzert. Wir sind hier reicht beschenkt mit tollen Solisten und ganz besonderen Dirigenten.

      Eigentlich sind die Konzerte sehr gut besucht, aber der Geschmack ist doch sehr konservativ und alles nach Beethoven ist schwer vermittelbar. Ich finde es aber gut, dass sie sich trauen und hoffe das Publikum wächst am Programm mit.

      Die Bereitstellung der Konzerte finde ich auch ganz, ganz toll!

      Schöne Grüße!

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