Falltreppe

Am Sonntag fahre ich den Tierarzt zum Flughafen. Der Tierarzt winkt, ich winke und der Tierarzt ruft: „Komm zurück Mädchen!“ „Bestimmt“ sage ich. Dann ist es still. Schön ist die Stille und ich mache erst einmal einen Tee. Denn wenn die Stille kommt, soll man sich angemessen nähern. Die Stille und ich nicken uns freundlich zu und das Herbstlaub weht vorm Fenster vorbei. Irgendwann so morgens gegen fünf, klingelt das Telefon. Am Telefon ist der F., der freundliche ehemalige, geschätzte Gefährte. Der F. urlaubt im Ostseesommerhaus und wintert nebenbei das treue Boot, die Arca ein.

Das Telefongespräch geht so:

( Das Telefon klingelt )

Ich: Jaaaaa, ehemaliger geschätzter Gefährte, was gibt es zu so früher Stunde:

F: Wimmer

Ich: Bist du in Ordnung?

F: Jaul

Ich: Himmel, was ist passiert?

F: gedämpft: Falltür. ( Das Sommerhaus hat eine Falltür über die man in den Keller gelangt, wir sind ja hier nicht in Österreich.

Ich: F. bist du die Kellertreppe hinuntergfallen?

F: Hmm, ja. Jaul. Komm…..mich….holen….bitte.

Ich tätschle das Oldsmobile und sage: Blaulich, Oldsmobile, Blaulicht. Dann brausen wir viele, viele Kilometer in den Norden und es sind wirklich sehr viele Baustellen auf dem Weg nach Norden und endlich biege ich in die Straße, die zum Sommerhaus führt ein.

Der ehemalige geschätzte Gefährte liegt schnaufend auf dem Boden. Seinen rechten Arm kann er nicht mehr bewegen, und sein Fuß ist siebenfach so groß wie sonst. Der F. kann aber immer noch zetern, als ich ihn zwinge eine alte Trainingshose meines Vaters anzuziehen. Der F. ist bekanntlich nicht eitel. Dann schiebe und hieve ich den F. ins Oldsmobile und wir fahren zurück nach Berlin. Als wir die Kreisstadt S. erreichen, sage ich: Liebenswürdiger, ehemaliger geschätzter Gefährte, warum hast du eigentlich nicht die Rettung der Stadt S. gerufen, sondern mich aus Berlin herbeigedordert

Der F. inzwischen mit Ibuprofen, Kaffee und Schokolade versorgt sagt:

„Darf ich Dich daran erinnern, dass Du mich einmal heiraten wolltest?“

Ich sage: „Darf ich daran erinnern, dass wir verheiratet wären, wenn“ und dann muss ich mich selbst unterbrechen, denn ein VW Passat Fahrer, der seine Heckscheibe mit einer Bulldogge und der Aufschrift: Mein Blut, mein Leben, meine Ehre für meine Familie beklebt hat, überholt das treue Oldsmobile so waghalsig, dass ich scharf bremsen muss.

„Also“ fange ich an, nachdem ich in sieben Sprachen, Verwünschungen ausgestoßen habe, du meinst dein Heiratsantrag verpflichtet mich auf ewig an Deine Seite zu eilen?“

Der F. sagt: „Zumindestens so lange bis Du mich ohnehin heiratest, dann stellt sich die Frage nicht mehr.“

Ich huste spöttisch. „Kann es sein F., dass die D. jetzt Radiologin in der Stadt S. ist?“ Der F. wird immerhin rot. Und ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass Du unrasiert und ungeduscht und unbalsamiert der D. nicht gegenübertreten wolltest, während es bei mir auf so etwas nicht mehr ankommt? Der F. wird noch röter und seufzt und schnauft noch mehr als ohnehin schon.

„Bist Du etwa eifersüchtig auf die D.?“ sagt der F. nach einer ganzen Weile. Ich mache das Radio an.

Irgendwann wir fahren und fahren und fahren, kommen die Schilder mit Berlin näher.

Der F. greint: Ich will nicht ins Krankenhaus. Die Keime, die gemeinen Krankenschwestern und wie werden erst die Kollegen lachen.

Ich: Ich will davon nichts hören, F. natürlich fahren wir in die Klinik.

Trotziges Schweigen im Oldsmobile.

Endlich erreichen wir die Klinik und ich hieve den F. in die Notaufnahme.

Die Schwesternschülerinnen schlagen sich darum, wer den F. aufnehmen darf.

Die Krankenschwestern ziehen sich an den Haaren wer dem F. den Fuß neu verbinden darf.

Die Assistenzärztinnen versprechen dem F. Schultermassagen bis ans Ende aller Tage.

Der Stationsarzt fährt den F. höchstpersönlich in die Radiologie.

Ich fahre derweil zurück nach Haus um für den F. ein ordentliches Nachtgewand, Rasierzeug, sein Beutel mit Wässerchen, Ölen und Augencreme. Nebst dem guten Paar Pantinen, einer Tafel Nussschokolade kehre ich zurück. Der F. liegt wie ein Prinz im Bett, er ist umschwirrt von einer ganzen Heerschar von Frauen und selbst die gestrenge Oberschwester säuselt Beileid und Mitleid und brüht des F’s Lieblingstee und wirklich der liebenswürdige, ehemalige geschätzte Gefährte hat sich die Schulter gebroche, aber der Fuß ist heil geblieben.

Als der F. im feinen Seidenzwirn, frisch rasiert, onduliert, parfümiert und mit gecremten Augen im Bett liegt, sage ich: „Ich glaube du bist versorgt für die Nacht“, denn schon wieder stürmt eine Krankenschwester herein, dann fahre ich nach Haus und falle augenblicklich um, als ich mich wieder aufrapple ( eine heiße Dusche und eine Tafel Nussschokolade später also ) ruft der F. an. „Na sage ich F., habe ich die Nagelfeile im Kulturbeutel vergessen?“ Der F. aber kann nicht lachen vor Schulterweh. „Die Krankenhausbetten sind wirklich größer als ich immer dachte.“ Ich gähne immerhin solidarisch mit. Dann ist es kurz still. „Komm zurück“, sagt der F. „Ich komme morgen Früh vorbei“, sage ich.

 

20 Gedanken zu “Falltreppe

  1. In Ihrem Leben gibt es, so scheint mir, mehrere Männer, mit denen Sie irgendwie noch nicht fertig sind. Das ist für den Tierarzt sicher auch nicht leicht.
    Handelt es sich bei der Stadt S. um das Tor zur Insel Rügen?

    • Ich hoffe, Sie verstehen mich nicht falsch; ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, weiß aber aus Erfahrung, wie schwierig es sein kann.

      • Sehen Sie in meinem Leben und ich hoffe in allen Leben gibt es Menschen mit denen man nicht fertig wird, die einen begleiten und um die man sich sorgt, denen man verbunden ist und die aus dem eigenen Leben nicht wegzudenken sind. Nicht alles und auch ich nicht kann für immer sein.

  2. Aber aber aaaaber: Warum wurde, denn nun nicht geheiratet?
    Sie machen ja ganz neugierig 😉

    Sehr unterhaltsam geschrieben, gute Besserung an den F!

    • Danke für die Besserungswünsche, der arme F. kann sie alle brauchen. Wenn ich hier alles immer erzählte, dann langweilten Sie sich auf das Fürchterlichste.

      • Manchmal, so scheint mir, böte Ihre Familiengeschichte genügend Stoff für einen dicken Wälzer. Hoffentlich ist sich der unglückliche F. seines Glückes bewusst. Die betüdelnden Schwestern inklusive.
        Aber ehrlich: „bist du etwa eifersüchtig?“ scheint mehr Wunsch zu sein als Wirklichkeit, oder?
        Wie schallend werden Sie dereinst über dieses Abenteuer lachen!

  3. Ich bin immer wieder fasziniert von den Tonartwechseln in Ihren Blogbeiträgen. Nach dem über die grauslichen Kids hab ich schon gedacht: Jetzt kommt lang nichts oder etwas ähnlich Betrübliches (was Ihnen ja niemand hätte zum Vorwurf machen können). Und nun das, einfach nur köstlich (am Ende sogar für den F.). Danke.

  4. *Denn wenn die Stille kommt, soll man sich angemessen nähern. Die Stille und ich nicken uns freundlich zu und das Herbstlaub weht vorm Fenster vorbei.* Wunderbare November-Impression.

  5. Entweder man hat keinen, und keiner guckt sich um, oder man hat zwei oder mehr, die einen wollen.
    In der Männerwirtschaft ist entweder Mangel oder Überfluss, nie ein vernünftig Maß.

      • Ich glaube nicht, dass man richtig oder falsch sein kann für jemanden. Eher so, dass man sich gut tut für eine Weile, und das Leben wird dann leichter und sonniger in der Zeit.

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