Missliche Notizen

Schwierige Tage. Verwickelte und langwierige Arbeitsangelegenheiten, die sich nur mühsam auflösen lassen, sich weiterdrehen und doch immer weiter mühsam und misslich bleiben. Stundenlange Telefonate, verschwindende Dokumente, dann verschwinden auch die Zuständigen, zurück bleibe ich. Launisch und verwundert, schwarze Hände vom spuckenden Kopierer. Die Auszubildende ist krank.

Das Institut beehrt ein Schriftsteller. Der Schriftsteller muss irgendwo im Handbuch für Autoren, Band 4 gelesen haben: „Um die Aura des wahren und einzigen Schriftstellers zu erhalten, verhalte man sich als Autor möglichst misanthrop und feindlich.“ Der Schriftsteller setzt dies gekonnt um.

Ich zeige ihm sein Büro: Er starrt auf sein Telefon. Ich zeige ihm wie Computer, Drucker und das Institut an sich so funktionieren, er starrt auf sein Telefon. „Wenn es Ihnen jetzt nicht passt“, sage ich, der Satz verschwindet im Leeren, der Schriftsteller starrt auf sein Telefon. „Ich brauche Kopfschmerztabletten“, sagt er schließlich zu mir. Ums Eck hat es eine Apotheke sage ich.“ Worauf warten Sie noch?“, sagt der Schriftsteller. „Dass Sie die Tür hinter sich zu machen“, sage ich. Der Schriftsteller starrt mich an und geht.

Der Kollege B. aus der Stadt E. ruft mich an. Mit dem Kollegen B. aus der Stadt E. habe ich damals in Berlin, dass angefangen zu machen, was ich noch immer mache, wenn auch fast nur noch in den Nächten. Damals war der B. der größere Optimist von uns beiden.  Der B. hat gekündigt. „Der Umzug nach Australien sei schon organisiert, sagt er. Mehr Sonne, sagt er und er habe sich erkundigt in Australien sagt er, sei es nicht normal während des Dienstes mit Feuerwerkskörpern, Flaschen und Fäusten angegriffen zu werden.“ „Ich sage: Aber das ist doch auch in der Stadt E. nicht normal. „Der B. hustet trocken. „Ich habe Kinder“, sagt er und ich will sagen: „ Wird es nicht erst normal, wenn wir alle gehen B.?“ Ich sage: „Ich war noch nie in Australien.“ Der B. sagt: „Komm mich besuchen.“

Im Internet schreiben Frauen: #MeToo. In der Nachtschicht kommt eine Frau, deren Mann ihre Beine mit brühendem Wasser übergossen hat. Das Bein wird man nicht mehr retten können, sagt der Chirurg. Ich sage und klinge aufgeräumt und schrill dabei: „Wir kümmern uns jetzt um Sie.“ Sie sagt: „Aber er liebt mich doch.“ Schmerzmittel. Schlafmittel. „Hat er nach mir gefragt?“ Schichtende.

Wieder und wieder versuche ich die Familie in New York zu erreichen. Williamsburg. Englisch ist die erste Fremdsprache, ein kalter Klumpen Sorge in meiner Magengrube. Nach Stunden endlich eine Stimme am Telefon. „Wo seid ihr? Geht es euch gut?“ „Wir fahren doch kein Fahrrad“, sagt der G. Ich weiß nicht ob ich lachen oder schreien soll. Ich verzichte auf beides. „Warum geht niemand ans Telefon?“, sage ich stattdessen. Wir waren in der Shul. Warum frage ich überhaupt, frage ich mich. Ich denke daran wie ich nach Europa kam. In Berlin musste man im Supermarkt seine Tasche nicht aufmachen und in der Garage den Kofferraum nicht öffnen. Nur in Jerusalem flogen die Busse in die Luft. In einem Bus saß die Z. An die Z. will ich lieber auch nicht denken. „Wir fahren kein Fahrrad.“ „Passt auf euch auf, sage ich.“ Ich weiß nicht, ob sie mich hören können. Ich sage nicht: „Hör mir doch zu.“

Zwei Tage später lese ich diesen Artikel . Es waren neun Freunde. Man liest das und denkt an die acht Freunde, lachend auf den Rädern, auf den Bildern sind die Fahrräder verbogen und verdreht, Metallsplitter.

Wie oft habe ich mich mit dem G. gestritten: „Die Kinder müssen Rad fahren lernen.“ Der G. wehrte ab.

Lange in der National Library Mikrofilme durchgesehen. Charles Rex schreibt der König in schönen, geschwungenen Buchstaben, verschwommen das Siegel. Einige Wochen später ist der König tot. Einen Kopf kürzer machen, sagt man im Deutschen, merkwürdig, als hätte der Mensch noch einen Zweiten. Aber noch schreibt er und zeichnet Charles Rex und jemand hat den Brief versiegelt und der König schlief ein und war am nächsten Morgen noch einmal König. Ich aber suche andere Briefe und im dunklen, stillen Mikrofilmzimmer verschwindet Charles Rex wieder, neben mir flucht eine Frau in lila Hosen und Rosenbluse über das Mikrofilmgerät, schließlich wird sie wütend- wie schnell das geht- und reißt das Band aus der Rolle, ein Stück Film verfängt sich reißt- ein Bibliotheksmitarbeiter eilt herbei und besieht den Schaden: Große Scheiße, sagt er und die Frau flucht weiter laut und unerbittlich gegen die Tücken der Maschine. Später im hellen Licht schwer wieder in die Welt hineingefunden.

Müde und mutlos. Überall Risse.

17 Gedanken zu “Missliche Notizen

  1. Täte gerne Gutes so wie Sie es tun. Darf ich zu Hühnersuppe, Sofa, Bier oder Tee raten? Und: morgen einfach liegen bleiben. Die haben kein Recht auf Ihr dauerndes Funktionieren zu setzen.

  2. Ja, ach, ach, es gibt solche Brüche, Einbrüche, ich mache mir Sorgen. Um Sie. Passen Sie auf. Auf sich zu allererst!

      • Manche Brüche kann man kitten. Das Sehen/Erkennen ist der erste Schritt! Und gegen die Müdigkeit hilft manchmal ein Panzer. Der kann aus Gänseblümchen, einer Hühnerbrühe oder der Schulter eines Tierarztes bestehen. Helfen lassen hilft manchmal, der Busfahrer hat ja schließlich auch etwas geholfen.

  3. *Zufällig* könnte auf Ihrem Schreibtisch eine Karte stehen mit folgendem Aphorismus der Marie Freifrau v. Ebner-Eschenbach:
    „Nichts bist du, nichts ohne die anderen. Der verbissenste Misanthrop braucht die Menschen doch, wenn auch nur, um sie zu verachten.“ 😉

  4. Ich wünsch mir so sehr, dass wir Menschen mit Rissen nicht kaputt gehen, sondern mit unserm Sosein die Welt zu einem lebensertvollen Ort machen können. Ein bisschen.

    Ich schicke dir liebe Gedanken.

  5. Sehr geehrtes Fräulein, Ich liebe ihre Art zu schreiben! Man wird in Ihre Texte hinein gezogen und mäandert darin herum. Auch wenn sie brüchig sind, bleibt ihre Sprache stets schön!

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