Die Geschichte von Eliezer Eisenstein und den zwei schwarzen Pudeln.

„Diesmal, aber, sagt die Frau des Krämers und stemmt die Hände in die Hüften wird es Ihnen nicht gelingen mich zu Erschrecken mit ihren Geschichten von Hexen, die mit dem Nordwind reiten .“ „Da haben Sie sehr recht Frau des Krämers“, sage ich, heute ist es ja auch ganz windstill, da haben die Hexen keine Gelegenheit über das Dach hinwegzubrausen.“ Ich staple Milch, Eier und Vanillezucker auf der alten Ladentheke. Hinter der Ladentheke hängt ein Kalender. Das Kalenderblatt zeigt das Bild zweier schwarzer Pudel. „Hübsche Pudel“, sage ich, dort auf Ihrem Kalender.“ „Habe ich Ihnen eigentlich schon einmal die Geschichte erzählt, die mir meine Großmutter erzählte, die meine Urgroßmutter meiner Großmutter erzählte und die irgendwann jemand meiner Urgroßmutter erzählt haben muss und in der auch zwei Pudel vorkamen?“ Die Frau des Krämers schüttelt misstrauisch den Kopf. „Haben sie nicht“, murmelt sie und beugt sich vor, denn die Frau des Krämers ist bekanntlich sehr neugierig und die Frau des Krämers liebt Geschichten. Ich räuspere mich also und beginne:

„ Einmal vor vielen, vielen Jahren als es noch Juden gab in Mitteleuropa, Juden mit Pelzkappe und Tefilin und Hausiererjuden, die von Tür zu Tür zogen, da wanderte mit einem Bauchkastel vor der Brust auch Eliezer Eisenstein durch die Lande. Eliezer Eisenstein aber ist nicht zu verwechseln mit dem berühmten Rebbe Eisenstein, der damals in Breslau einen 450 Jahre andauernden Streit zu schlichten wusste, nein unser Eliezer Eisenstein ist ein einfacher Mann, der Schnürsenkel, Schuhwichse, Karamellbonbons und Seifen mit Lavendelduft verkaufte und eines Abends- es mag der 30. oder aber auch der 31. Oktober anno 1803 gewesen sein, so genau weiß man es nicht, da kam Eliezer Eisenstein des Abends in ein kleines Dorf mit Namen M. Marktplatz und Kirche hatte das Dorf, einen Krämersladen und ein Wirtshaus. Es hatte ungewöhnlich früh zu schneien begonnen und Eliezer, ein Mann von ernster Gesinnung und sparsamer Natur, beschloss doch im Gasthaus einen Strohsack zu verlangen und die Nacht im Trockenen zu verbringen. Die Wirtsleute waren wohl gutmütige Leut, denn sie wiesen den Juden Eliezer Eisenstein nicht vor der Tür ab, sondern sagten: Sollst bleiben über Nacht Hausiererjud, dort hast dein Säckel, aber bleib fern von der Wirtsstube, da hast nichts verloren. Eliezer nickte und zog den Strohsack in eine dunkle Ecke. An jenem Abend nämlich waren- damals gab es noch einen Kaiser im Land- Offiziere ins Dorf gekommen, wie Eliezer Eisenstein hatte das kalte Wetter sie überrascht und so saßen sie im Wirtshaus tranken das dunkle Bier für das die Region berühmt war, sangen Soldatenlieder und aßen Speck und eine dicke Suppe, in die sie gewaltige Brotkanten stippten. Das kalte Wetter hatte aber auch eine hohe Dame überrascht, ein adliges Fräulein auf dem Weg in die Stadt W. wo sie am Hofe, dem Kaiser die Hand küssen sollte, doch auf den nassen Straßen und dem frischen Schnee war einer der vier Rappen ausgerutscht, hatte sich die Fessel verdreht, der Kutscher musste ausspannen und begleitet nur von einer alten Zofe ( die am Kamin saß und schlief), hatte sie sich ebenfalls in den Gasthof begeben und lächelte die Offiziere an.
Eliezer Eisenstein hatte es durch das Schlüsselloch ganz genau gesehen. Damals war alle Welt in das schöne Fräulein mit ihren goldenen Locken, dem kussroten Mund und den langen, blonden Flechten verliebt und doch war sie noch immer unverheiratet. Einmal so hieß es sei sie wohl schon verlobt gewesen, doch kurz bevor Hochzeit gehalten werden konnte, verstarb der Bräutigam nach kurzem heftigem Fieber. Das kam vor. Auch Eliezer Eisenstein hatte davon gehört und drückte sich so eng gegen die Tür wie nur möglich, um einmal selbst die grünen Augen des Fräuleins zu sehen. Neben ihm im dunklen Flur saßen zwei schwarze Pudel. Auch ihre Augen waren grün und leuchteten funkelnd. Aber Eliezer Eisenstein dachte sich nichts weiter dabei.

Die Offiziere tranken Schlehenschnaps und löffelten ihre Suppe. Das schöne Fräulein trank süßen, goldgelben Wein und löffelte die gleiche Suppe. Zwei Musikanten spielten ein Liebesliedel und ein Offizier sang mit brummenden Baß.
Plötzlich sagte das schöne Fräulein- sie trug noch immer einen schwarzen, glänzenden Pelz- wer die goldene Nuss findet, die ich in die Suppe werfe, mit dem will ich tanzen. Dann zog sie eine goldene Nuss aus einer der vielen Taschen, warf sie hoch in die Luft und mit einem leisen Plopp verschwand die Nuss im Suppentopf. Sofort drängten die Offiziere sich vorwärts, ein Offizier mit blondem Schnurrbart und hellrotem Haar, aber war forscher und schneller als die anderen und schob einen Schemel vor den Suppentopf, sprang auf den Schemel, hob die Hände und schrie: „Die goldene Nuss will ich Ihnen schon holen meine Dame und dann wollen wir tanzen.“ Das Fräulein lächelte und der Offizier hechtete in den Suppentopf, Plopp machte es lauter zwar als bei der goldenen Nuss, die Suppe spritzte wohl auch ein wenig, schlug dann auch Wellen, wie ein See an einem stürmischen Tag, doch der Offizier mit dem blonden Schnurrbart verschwand im Topf und sah man im einen Moment noch seine Stiefel, so war er im nächsten Moment vollständig verschwunden. Nur eine goldene Nuss rollte über die Dielen zum schönen Fräulein zurück. Die Offiziere starrten in den leeren Suppentopf. „Will denn niemand tanzen?“, fragte das Fräulein verwundert und noch immer leise lächelnd. Schon spielten die beiden Musiker, schon füllten sich die Gläser auf den Tischen und Eliezer Eisentein am Schlüsselloch glaubte jemand im dunklen Flur würde sagen: „Ein eitler Geck, zweimal ist er davongekommen, beim dritten Mal ward er gefangen.“ Aber wunderte sich Eliezer, wer sollte gesprochen haben hier im dunklen Flur? Neben ihm saßen doch nur die zwei Pudel mit den wunderlich grünen Augen.
Im Saal aber tanzte das schöne Fräulein mit den Offizieren und wieder drückte sich Eliezer Eisenstein gegen das Schlüsselloch und wunderte sich. War nicht eben der Raum noch voller Männer gewesen, mit blauen Uniformen und roten Jacken und tanzte das schöne Fräulein jetzt nicht nur noch mit einem Offizier einem schmalen, hageren Mann mit roten Backen und einem hervorstehenden Adamsapfel. Wo waren die Anderen bloß geblieben? Eliezer Eisenstein konnte nicht sehen, dass die anderen Offiziere eben noch munter und laut tanzten, nun auf dem Boden lagen, die Gesichter auf dem Kinn und allesamt leise zu schnarchen begannen. Wieder war ihm als spräche jemand im dunklen Flur.“ Sie schlafen süß“, sagte eine Stimme. „Sie werden lange schlafen“, sagte eine zweite Stimme und wieder wunderte sich Eliezer Eisenstein und wieder sahen die beiden schwarzen Pudel mit ihren grünen Augen zu ihm herüber.
Im Zimmer aber setzte sich das schöne Fräulein an den Tisch, vor ihr stand noch immer ein Teller mit dampfender Suppe.“ „Wenn Du mir das Ringlein holst“, so will ich dich freien, sagte die Schöne und der Offizier bekam glänzende Augen und richtete sich auf. Das Fräulein zog sich den Ring vom Finger und langsam, fast als streifte sie sich einen Handschuh vom Finger ließ sie den Ring in den Pokal mit goldgelbem Wein gleiten und der Offizier zog das Glas erwartungsvoll zu sich heran, befeuchtete sich die Lippen, beugte sich vor, schmeckte wohl auch noch den Wein, sah ein letztes Mal in die Augen des schönen Fräuleins, da lief ihm schon Blut aus dem Mund, den Augen der Nase, da fiel er vom Stuhl sank auf den Boden und niemals mehr sollte er sich erheben.
Das schöne Fräulein aber hob den Ring auf, an dem Eliezer Eisenstein hatte es genau gesehen kein Blutstropfen klebte, schob ihn sich auf die rechte Hand, seufzte und sprach zu sich: „Heute wird wohl keine Hochzeit mehr gehalten.“ Das aber hörte Eliezer Eisenstein nicht, stattdessen hörte er wieder zwei Stimmen neben sich flüstern: Zweimal sind zwei Frauen mit seinem Kind in einer hohlen Gasse verblutet, nun blutet auch er.“ Als er sich aber umdrehte, da saßen nur die beiden Pudel auf dem Boden und starrten ihn aus grünen Augen an.

Das schöne Fräulein aber wickelte sich in den schweren Pelzmantel ein, klatschte in die Hände, da erwachte die alte Zofe, schon verließ sie das Zimmer, traf in der Diele auf Eliezer Eisenstein und legte ihm für einen Moment eine kühle Hand auf die Wange uns sagte: „Seinen Kaiser soll man nicht warten, lassen Eliezer Eisenstein. Noch bevor er sich aber wundern konnte, woher das schöne Fräuelin seinen Namen kannte, war sie aus der Tür heraus.
Schon kam der Kutscher, die vier Rappen schnaubten, von einer gestauchten Fessel sah man nichts mehr, das schöne Fräulein stieg ein und liess sich von der alten Zofe die zwei Pudel mit den ungewöhnlich, grünen Augen reichen und wenig später, war die Kutsche und mit ihr das schöne Fräulein um die nächste Kurve verschwunden. Auch Eliezer Eisenstein verließ das Wirtshaus, wie auch das Dorf und holte sich einen gewaltigen Schnupfen.

Ob das Fräulein aber jemals geheiratet will ich die Geschichte beschließen, da klingelt die Tür und kläffend springt der tierärztliche Hund mitsamt dem Tierarzt zur Tür herein. Die Frau des Krämers aber fährt zusammen, umklammert die Theke und schreit: JESUS CHRIST IN HEAVEN. I THOUGHT THE TWO BLACK POODLES…“. „Tierarzt schnauft die Frau des Krämers, ich sage Ihnen das Fräulein Read On wird noch einmal einen Stein erschrecken.“ Ich zahle und der Tierarzt und ich wandern durchs Dorf zurück ins Oberland. „Habe ich Dir eigentlich einmal die Geschichte von den zwei Pudeln und Eliezer Eisenstein erzählt?“, frage ich ihn. Der Tierarzt schüttelt den Kopf, bevor ich aber damit beginne, „dass einmal vor vielen Jahren“, sehe ich mich noch einmal um, die Frau des Krämers nämlich hat im Laden das Kalenderblatt mit den beiden schwarzen Pudeln herumgedreht.

 

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