Im Anflug

Am Ende eines langen Tages, das Flugzeug doch noch bekommen. Über Dublin breitet sich feuchter Nebel aus. Der Leuchtturm hinter dem das kleine Dorf liegt, ist verschwunden und der Pilot sagt, dass mache nichts und dann erzählt er vom Nebel über Connemara und wir alle wünschten uns wohl, wir könnten hier einfach sitzen bleiben und er erinnerte sich weiter und weiter. Aber dann fliegen wir doch los, der Tierarzt späht nach Kälbchen, aber das ist aussichtslos. Der Tierarzt winkt trotzdem. Irgendwann gibt der Nebel nach und wir fliegen in ein seltsames, verschwommenes Blau hinein. Ein Blau als wäre das Wasserglas über dem Tuschkasten ausgekippt und jetzt liefe das Wasser über die blaue Farbe hinweg. Blau, blau, blau ist alles was ich lieb. Im Fenster des Flugzeuges sind wir dunkle Schatten. Ich bin zu müde, selbst wir für die Schatten und lehne mich gegen das Fenster, auf einen Moment noch dem Blau hinterher. Der Tierarzt lehnt sich nicht gegen das Fenster oder die Lehne oder mich. Der Tierarzt lehnt sich in meinen ipod hinein. Er hört sich durch die Element of Crime und Kettcar Platten. Ein Deutschlandvorbereitungskurs in siebzig Liedern oder so. Er hört mit konzentriertem Blick zu und vor ihm liegt ein Notizbuch. In das Notizbuch schreibt er deutsche Wörter, die er versteht. Mädchen, natürlich, es ist das deutsche Wort, sein deutsches Wort, im Englisch-Deutsch-Wörterbuch ist das Wort angekreuzt, die Seite eingekniffen und oft fährt der Tierarzt mit dem Finger über das Wort und nickt. Das Wort gibt es ja wirklich. Später einmal, werde ich gefragt, da bin ich mir sicher, was ich so gemacht habe im Leben und dann werde ich an das Englische-Deutsche Wörterbuch denken und das unterstrichene Mädchen darin. Das werde ich sagen, das habe ich gemacht, diese Tür habe einmal aufgeschlossen für jemanden und er nahm den Schlüssel gleich an sich und fiel in die vielen, wundersamen deutschen Wörter hinein. Vielleicht ist der Tierarzt dann lange schon verheiratet mit Sabine aus Braunschweig, ein brauner Labrador, ein Bild von Kälbchen in einer Schublade, das Wörterbuch braucht er dann schon lange nicht mehr, eine Praxis mit angeschlossenem Hundewägelchenverleih und zwei Kinder, die spielen im Garten. Der Tierarzt schreibt noch immer, aber ich lehne am Fenster und obwohl wir doch nach Berlin fliegen und der Tierarzt Michaela sagt schreibt, denke ich nicht an Deutschland, und einmal ist mir Michaela ganz egal, denn es ist Diwali und ich bin nicht in Delhi, sitze nicht an meinem Platz, es gibt keine Gulab Jamun für mich und kein Kardamomeis, eine Diwali Spezialität von Frau Rajasthani. Und ich wünschte, ich säße nicht im Flugzeug nach Berlin, sondern auf dem Dach und sähe auf Delhi herunter. Unten auf dem Balkon, da rauchte der Nachbar und der Nachbar sagte: „Endlich verbieten dieses ewige Feuerwerk an Diwali.“ Die Luftverschmutzung. Dann zündete er sich eine Zigarette an und paffte vergnügt weiter und Frau Rajasthani und ich wetteten, wer von uns als erster begönne laut zu lachen. Aunty, in jedem indischen Haus gibt es eine Aunty, eine der Frauen, die alles wissen, selbst Geheimnisse, die sie noch gar nicht kennen für Aunty sind sie längst schon kalter Kaffee. Auch bei den Rajasthanis gibt es eine Aunty, die an Fest und Feiertagen wie selbstverständlich einen Platz am Tisch hat. Ich also, füllte mir eine zweite Schüssel mit Kardamomeis, Herr Rajasthani brächte mir Tee, und während ich Eis löffelte, rückte Aunty näher zu mir heran uns sagte:

„Frau Dripivati hat Frau Shrivati eine Kiste mit Galub Jamun aus dem Jahr 2013 geschenkt. Frau Dripivati aber markiert seit Jahren ihre Präsentpralinen mit bunten Bändern und hat sofort gemerkt, was hier gespielt wurde. Nächstes Holi wird sie sich rächen.“

„Herr Bhatia hat seiner Frau einen goldbestickten Sari machen lassen, aber seiner Geliebten hat er Schmuck zukommen lassen und weil er nicht nur dreist, sondern ein Tölpel ist und ein eitler Pfau, ein baboons-ke hat er das Preisschild für den Schmuck in das Sari-Paket gelegt und in das Schmuckpaket den Sari Preis.“ Nun hat Herr Bhatia weder Frau noch Geliebte und ein trauriges Diwali zu erwarten. Ein dunkles Diwali keckerte Aunty und verlangte, ich hätte das Eis ja inzwischen auch ausgelöffelt, Lohn für ihre Erzählungen, legte die Füße in meinen Schoß und hieße mich ihre Waden zu massieren und dann erzählte sie wie die Familie Preevati ein Diwali-Schnäppchen machen wollte und dabei doch drei- und vierfach auf die Nase fiel und dann lachte Aunty, denn Herr Preevati hatte über Aunty die Nase gerümpft, als sie ihn fragte, warum er einen neuen Kühlschrank brauchte, wo seine Frau doch sieben G*tter in der Küche zu stehen habe.

Aunty erschöpft von so viel Tratsch und Klatsch, schliefe im Sessel ein und wenn es doch nur immer noch so sein würde, wie ich einmal hoffte, so stünde der A. neben mir auf dem Balkon und wir zündeten die Tonlampen an und der A. sänge für mich von der Rückkehr Ramas und der G*ttin Lakshmi und die Kinder von Frau Rajasthani würden sich hinter den Blumentöpfen verstecken und rufen: „Küsst euch.“ Aber alles ist anders und auch dieses Jahr bin ich zu Diwali nicht in Indien. Ich weiß nicht, wo der A. zur Puja geht und ob er nicht inzwischen längst einer Frau einen Sari geschenkt hat und Frau Rajasthani schilt mich, weil ich nicht komme und weil ich das Detektivbüro Rajasthani und Partners in Angelegenheiten des A. nicht in Anspruch nehmen will.

Der Tierarzt fragt mich: „Mädchen, what’s that Getränke Hoffmann?“ Frau Rajasthani sagt: „Du hast nie Zeit, das ist doch nicht neu, setz dich ins Flugzeug und komm.“ Ich sage ihr nicht, dass ich dann vielleicht nie mehr zurückkehrte oder schlimmer noch den A. suchte. Frau Rajasthani rächt sich in dem sie mir die schlimmsten aller Whatsapp Diwali Nachrichten schickt.

Dann aber landet das Flugzeug. „Delmenhorst“, sagt der Tierarzt. „Komm“, sage ich.

13 Gedanken zu “Im Anflug

  1. „Delmenhorst“, da hatte ich mal ein Vorstellungsgespräch bei einem sehr dicken PR-Agentur-Inhaber, der mit Vorliebe schlüpfrige Erotik-Foto-Bücher produzierten. Dank EOC denke ich da ständig dran. Und nun werden unbescholtene Iren (?) mit dieser Stadt (euphemistisch gesprochen) belästigt… Sven Regener, du Derwisch!

  2. Ich finde die Idee gut, über die Musik Zugang zu einer Sprache zu bekommen (als ich in meiner Jugend endlich genug Englisch verstand war ich gelegentlich enttäuscht von den Texten. Wahrscheinlich hab ich damals nur die falsche Musik gehört.)
    Was würde es mit Ihnen machen, wenn Sie den A. suchten – und was mit Ihrer Beziehung zum Tierarzt?

  3. Oh, ihr seid in Berlin!
    Ich auch an diesem Wochenende, sogar bis Montag! Gibt es etwas, was ich unbedingt machen muss? Darf? Kann? Soll?
    Ich würde ja gerne zum Schlachtensee.
    Nachher um kurz nach 6 fährt mein Zug-ich freue mich schon!
    Herzliche Grüße,
    Eva

  4. Vielleicht gibt es aber auch einen kleinen Hof in der Nähe der lieben C. mit Platz für Kälbchen, einen Tierarzt mit niedlichem Akzent, der seine Frau Mädchen nennt und Kinder mit Robert-Redford-Haaren.
    Und der A. kann bestimmt beim Teufel bleiben. Er hat nämlich nicht nach dem Fräulein gesucht und hat die Sehnsucht nicht verdient. So.

  5. Crocodylus, Sie sind eine weise Frau, mit den richtigen Worten für das Fräulein (jedenfalls von außerhalb). Das Fräulein hingegen findet die richtigen Worte, sich selbst einzuordnen, und möge der Tierarzt noch viele schöne Wörter unterkringeln.

  6. … but baby it ain’t over ‚til it’s over …
    und den Tierarzt, das Kälbchen und das irische Dorf mögen Sie ja doch nicht mehr hergeben, stimmts?!

  7. Oder, sinniere ich nun vor mich hin, Sie sprechen mit der Weisheit und Einsicht derjenigen, die weiß, dass das Kapitel Irland den Ende entgegengeht und nur wenig für immer ist …
    Da fällt mir das Lied ein, das ich jeden Tag im Krankenhaus gesungen habe zum Abschied vom Frühchen bis zum nächsten Tag,“Möge die Straße uns zusammenführen“ …

  8. Irische Reisesegen:

    *Mögest du immer einen Freund an deiner Seite haben,
    der dir Vertrauen gibt, wenn es dir an Licht und Kraft gebricht.*

    *Mögest du die hellen Fußstapfen des Glücks finden und ihnen auf dem
    ganzen Weg folgen.*

  9. Wieviele von uns wohl eine(n) A. in Indien und im Hinterkopf haben? Gelebte Beziehungsökonomie der Sehnsucht? Lebensrealität? Wenn es dann nicht nur der A., sondern eine ganze Kultur ist, möchte man nicht im Köpfchen des cosmopolitischen Frollein Doktor stecken. Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass der Tierarzt Sie mit dem Deutschland des Jahres 2017 ein wenig versöhnt und neue Blickwinkel erschliesst.

    Riechen und Schauen Sie den Herbst. Halten Sie den Tierarzt warm. Der grausam graue Berliner Winter steht vor der Tür.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s