In den Händen nicht nur Musik

Damals als ich mit meiner Großmutter zusammen lebte, da gehörten die Freitagabende der Musik. Am Freitagabend fuhren wir in die Philharmonie. Ich mit schlechtem Gewissen, weil doch der Shabbat begann, meine Großmutter mit spöttischem Lächeln: „Du musst immer daran denken, dass G*tt jetzt gerade sowohl Glenn Gould als auch Arthur Rubinstein zu sich zitieren kann.“ Ich liebte sie mehr und ich liebte die Musik und lief ihr hinterher. Dann kamen andere Jahre und meine Freitagabende gehörten anderen Verpflichtungen als zwei Stunden im Konzerthaus zu sitzen und noch immer sind die Verpflichtungen oft an Freitagabende gebunden, aber immer wieder habe ich doch einen Freitagabend vor mir liegen, der mir ganz allein gehört, denn seit meine Großmutter nicht mehr lebt, gehe ich am Liebsten allein ins Konzert und so lief ich auch gestern Abend durch den Regen in die National Concert Hall. Immer laufe ich ein bisschen freier, immer liegt auf dem Weg noch ihre Hand in meiner und vielleicht hört sie mich doch, summe ich die ersten Takte vor mich. Ich vergesse fast alles, nur die Musik, die ist immer bei mir geblieben und wenig Dinge vermisse ich so schmerzhaft in Irland wie mein Klavier.

1874, das Jahr ging schon zu Ende, da schrieb Tchaikovsky sein Klavier Konzert No.1 in B-moll und neigte es seinem Freund und Mentor Nikolai Rubinstein zu. Der fand es schrecklich, schüttelte sich und schüttelte wohl darauf hin auch seinen Freund Tchaikovsky. Rubinstein schrie Tchaikovsky nieder vulgär, stümperhaft, tapsig und eine Qual für die Ohren. Tchaikovsky allein ging zu der Weihnachtsfeier, die er mit Rubinstein gemeinsam besuchen wollte. Rubinstein schäumte allein weiter und Tchaikovsky stellte sich stur und seiner fernen Liebe Nadzheda von Meck schrieb er, dass er keine Note ändern würde, soll der Rubinstein doch nur schreien. Er, Tchaikovsky sei doch kein prinzipienloser Lump. Aber vielleicht ahnte Rubinstein doch, dass dieses Konzert oft, viel zu oft und viel zu oft sehr schlecht gespielt werden würde, als das es sich verwerfen ließe und niemand anders als er selbst würde es wieder und wieder spielen. Es war ein Konzert, dass um die ganze Welt lief, ein Konzert, das selbst diejenigen kennen, die maulen: klassische Musik ist ja voll blöd, ey, ich hör nur Kollegah oder so. Sie wissen es nur nicht und sie wissen auch nicht, dass selbst Kollegah oder so bei diesem Stück weinen wie die jungen Welpen. Es ist ein Konzert, das alles falsch macht, Motive verschwinden, Akkorde wiedersprechen sich, Tchaikovsky fügt ein Lied ein, was seine französische Geliebte trällerte, und das war was von ihr blieb, es ist ein Konzert, das sich nicht schert um Konventionen und Komponistenwürde und man verliebt sich sofort und unwiederbringlich. Und alle, alle Pianisten haben es gespielt. Gestern Abend setzt sich Boris Giltburg ans Klavier. Aber das ist schon falsch, denn das Klavier ist an diesem Abend kein Steinway Flügel, kein Instrument mit schwarzen und weißen Tasten und Pedalen, sondern es lebt wirklich, lebt für die ganze halbe Stunde des Klavierkonzerts von Tchaikovsky. Längst sind ja auch schon Konzerte professionalisiert und oftmals nur dazu da, dass technische Performance zur Schau zu stellen, um nicht zu sagen Fingerfertigkeit, aber an diesem Abend ist alles anders, denn da versinkt jemand im Klavier und nimmt uns mit, so tief hinein in die Musik, wie man sie nur selten findet. Da am Flügel sitzt ein Pianist, der sich nicht scheut uns mit hinein zuziehen, in dieses Stück, der Pianist dort am Flügel, der spielt kein Konzert, der macht Musik, der spricht mit Tchaikovsky, der lächelt mit der Geliebten, die jener im Konzert versteckte, der lächelt leise über das Unaufgelöste und zeigt uns warum im Widerspruch allein das Ganze liegt, und es ist als stünde Tchaikovsky in der Tür, rauchte eine Zigarette und nickte: so, Rubinstein, so kann es klingen, wenn man nur will. Es ist ein Pianist, dort am Klavier, der einer Katze gleich, die Töne hält, sie laufen lässt, der mit der Musik so vorsichtig, so acht, so einverstanden umgeht, der dem Flügel Aufmunterung zuflüstert, denn leicht, nein leicht ist es nicht, nein das ist kein Konzert zum Ausruhen, das ist ein wildes und freies Stück, ungezähmt und schnellen Fußes drängt es vorwärts und der Mann am Klavier, der Mann, der fast im Flügel verschwindet, der uns in der Annahme lässt, die Tasten bedürften der menschlichen Hand im Grunde gar nicht, und trügen die Musik alleine fort, aber es sind seine Hände und seine Hände sind Musik.

Man kann vieles beim Klavier spielen lernen, ein Irrtum ist man lernte Noten und spielte dann eben Musik, aber hier am Abend im Konzert, da kann man lernen, da sehen wir, in den Händen des Pianisten am Klavier was Annäherung, was Zuwendung, was Hingabe, was Verführung, was Zuhören, was Achtgeben, was Loslassen ist, und wie zerbrechlich wie schön Nähe ist, die immer auch in der Zurücknahme des Eigenen liegt, denn dieser Mann dort am Flügel, der malträtiert das Klavier nicht, der fährt dem Orchester nicht über dem Rücken, er bliebt in der Musik und sucht nach der richtigen Sprache und es ist die Sprache einer großen Liebe. Wir hören Musik und wir sehen, wer wir sein könnten, legten wir so viel Überlegung in unsere Hände wir der Mann am Flügel es tut.

Sehr selten wünschte ich mir, ich hätte unendlich viel Geld, aber gestern wünschte ich es mir wirklich sehr, denn dann würde ich Flugzeuge mieten, die jungen Männer aus der Aufklärungssprechstunde, die nicht wissen wie und all die Männer ob sie nun Weinstein heißen oder nicht, oder ganz anders, die im Vorbeigehen in Blumentöpfe ejakulieren und zudrücken, unter dem Tischtuch und anderswo und die überhaupt ihre Hände nur demonstrativ gebrauchen, hier kann man sehen, man braucht gar keine großen Worte machen, wie es sein kann, legt man nur Achtung in seine Hände, wie man sich rückversichert mit einem Partner, der so wird irrtümlich angenommen doch nur aus Holz und schwarzen und weißen Tasten besteht, hier bei Boris Giltburg kann mit den Händen zuhören lernen, hier mag man sich fragen ob es nicht gelte unseren Händen zu mehr Achtung zu verhelfen. Dann muss man die Augen schließen für einen Moment, denn dieser Mann am Klavier spielt überwältigend und es ist eine Überwältigung, in der die Freiheit liegt, nicht die Angst vor dem Ersticken. In nur sehr wenigen Konzerten habe ich den Dirigenten mit geschlossenen Augen neben dem Pult stehen sehen. Dieses Konzert gehörte dazu. Es wurde an diesem Abend auch noch Bach und Brahms gespielt, aber an diesem Abend hat Boris Giltburg, Tchaikovskys Klavier Konzert Nummer 1, in B-Moll gespielt und uns mehr als Musik in die Hände gelegt.

Ich weiß es sind Dreißig Minuten und niemand hat heute mehr Zeit, aber es sind auch dreißig Minuten, die man nicht vergisst. Das Klavierkonzert beginnt ab Minute 18:40.

16 Gedanken zu “In den Händen nicht nur Musik

  1. Genau so ist es richtig. Der Schabbat gehört der Musik und der Liebe zu ihr, denn in ihr liegt schließlich alles, was Menschen erdenken und erträumen, das Leben eben. Und wann, wenn nicht in diesen Stunden, können wir einhalten, um auf das Leben so zu blicken? Musik kann niemals G’tteslästerung sein, es ist genau andersherum.

    • Das ist sehr schön, wie sie das sagen. Bei uns beginnt der Shabbat auch immer mit gemeinsamen lieder Singen und nicht zuletzt ist der Shabbat ja eine Braut, die vor allem freudig empfangen sein will. Danke. Shana tov. A gite woch für Sie.

  2. Vielen Dank für den Link zur Konzertaufzeichnung! Fürwahr, ein Genuss Boris Gultberg zuzuhören und zuzusehen! Mich schmerzt es auch immer sehr, wenn ich viele der heutigen Pianisten höre, die zwar technisch brilliant sein mögen, aber keinerlei Gespür mehr für die Musik selbst haben. Da strahlt und funkelt rein gar nichts – naja ausser den gewienerten Klaviertasten. Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1 in B-Moll gehört, seit ich als Kind die Klassische Musik für mich entdeckte, zu meinen Lieblingskonzerten.

    • Das freut mich aber sehr, dass Dir der Pianist gefällt. Mich berührt sein Spiel wirklich sehr und ich teile Deine Abneigung gegen das rein Technische sehr, mich lässt da sSpiel von Yuja Wang oder Lang Lang völlig kalt und ich gehe weiß G*tt nicht ins Konzert um mir zeigen zu lassen, dass man Fingerfertigkeit besitzt. Insofern finde ich Giltburgs Interpretation auf vielen Ebenen sehr eindrucksvoll.

  3. Sieh an, Tschaikowsky in Irland. Na, wenn das kein Glückstag war! Ich mag das 1. Klavierkonzert sehr, aber noch lieber ist mir das 2. Klavierkonzert. Es ist rebellischer und Tchaikowsky war ohne Zweifel ein Rebell. Alles in Frage stellen, etwas verwerfen um es später umso inniger zu lieben… Sich selber immer wieder in Frage stellen und dennoch mit sich im Reinen auf das Werk zurückblicken und sagen: So muss es sein. Warum haben Sie kein Klavier im Haus? Das muss nicht sein. Mieten Sie eins. Mag der Tierarzt Musik? Vielleicht ist Kälbchen musikalisch? Wer weiß das schon?

    • Wirklich, es war ein richtiger Glückstag. Und überhaupt Tchaikovsky, das ist einer jener Komponisten, die einen ein ganzes Leben lang immer wieder neu begleiten, und ich höre ihn immer wieder neu und anders. Das Haus its zu klein. Ich bekomme hier kein Klavier mehr unter. Das ist mir große Bitternis. Tierarzt oder Kälbchen störte es nicht, aber es ist leider nicht unterzubringen. Giltburg ist im Moment artist in residence in Bruxelles, ist das für Sie machbar? Ich lege Ihnen sein Spiel wirklich sehr ans Herz.

      • Brüssel ist nicht weit aber zu weit für einen teilzeitarbeitenden Vater und Gatten. Aber vielleicht kommt er ja mal nach Luxemburg in unsere schöne Konzerthalle. Ich werde mir auf jeden Fall seine Aufnahmen zu Gemüte führen. Tschaokowsky geht immer. Höre ihn seit ich 12 bin, meinem Musiklehrer gebührt mein ewiger Dank. Und mit Tschaikowsky und dem Lehrer fing dieser Blog an! Für Intetessierte, die Story gibt’s hier: https://dechareli.lu/2015/08/05/wargames-at-the-sound-of-tchaikovsky/ 😄🎶

  4. Wieder einmal bewundere ich ihr komplexes Wissen auf so vielen Gebieten.
    Und sie haben mich neugierig gemacht; das besagte Klavierkonzert werde ich mir anhören. Ganz bewusst werde ich mir dreißig Minuten Zeit nehmen (gerade weil man sie nie übrig hat), vielleicht an einem verregneten Herbsttag mit einer Tasse Tee und Kerzenlicht.

    • Ich wollte viele Jahre meines Lebens Pianistin werden und noch immer liegt die Musik mir sehr am Herzen. Ich hoffe sie finden einen Nachmittag mit Tee und Kerzenlicht und diesem wundervollen Stück Musik. ( Die National Concert Hall stellt den Mitschnitt dreißig Tage lang zur Verfügung. )

      • Nun habe ich mich so gefreut und sogar jemanden eingeladen, das Konzert mit mir gemeinsam zu sehen; allein, der Link zum Mitschnitt funktioniert nicht. Ich bin untröstlich.

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