Die Sache mit dem Yoga

Bekanntlich habe ich eine große Schwäche für Briefkästen. Der Briefkasten für meine Aufklärungssprechstunde so predige ich jedem, der nicht schnell genug wegläuft sei eine formidable Sache und überhaupt freue ich mich auch, wenn im Berliner Hausbriefkasten richtige Briefe und Karten liegen. In Irland gibt es leider nur eine Briefschlitzklappe in der Tür. Vor der Tür schläft aber auch der Hund und die Briefe fallen auf ihn herauf, der Hund erschrickt sich und reißt dann immer irgendetwas herunter, die Katze kugelt sich hämisch lachend und reißt etwas herunter, am Abend ist daher das halbe Haus zerschlagen und die Briefe sind verschwunden. Aber im Institut hängt auch ein interner Briefkasten, in dem die Fellows angehalten sind, Vorschläge zur Verbesserung ihres Aufenthaltes einzuwerfen. Die meisten Vorschläge sind eher frugaler Natur: „Der Kaffee ist zu dünn.“ „Von dem Kaffee bekomme ich Herzrasen“ oder „NIE WIEDER DIE HARTEN ITALIENISCHEN KEKSE! ( Sieben Ausrufezeichen.) Wir tun unser Bestes. Am häufigsten genutzt aber wurde der Briefkasten von der Auszubildenen, die ihre Zigarettenkippen dort versenkte,immer in der Hoffnung ich fände nicht heraus, dass sie im Gebäude rauchte, aber die Kippen begannen zu qualmen, der Rauchmelder schlug an und dann kam die Feuerwehr. Die Auszubildende kam hernach in das seltene Privileg mich wütend zu sehen und seitdem flieht sie mit der Zigarettenschachtel nach draußen.

Über den Sommer aber mehrten sich die Zettel in denen die Fellows den Wunsch nach körperlicher Ertüchtigung äußerten, denn wir leben ja in fitten Zeiten. Wer heute noch keinen Marathon gelaufen ist oder sich einen Hexenschuss am Bungeeseil geholt hat oder ohne Wasser und nur mit einem Eispickel in der Tasche auf den Everest gestürmt ist, der hat nicht richtig gelebt und auch die Wissenschaftler drehen sich nicht mehr nur auf dem Bürostuhl, sondern wollen sporteln und gut durchgeschwitzt zu den Schreibtischen zurückkehren. ( Das die Universität ein Sportcenter unterhält, zu dem die Fellows Zutritt haben, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt.)

Die beste Chefin der Welt und ich, wir saßen also zusammen und die beste Chefin der Welt sagte: „Read On, das einzige was geht ist Yoga.“ Ich hustete böse. Denn obwohl mir schon klar ist, dass Yoga längst schon ein Lifestyle ist, so etwas hat man ja heute, so ist mein Unbehagen über Yoga nie ganz gewichen, dazu verbringe ich zu viel Zeit in Indien, wo Yoga lange schon zum gezielten Mittel der Modi-Regierung wurde, eine Hinduvata Ideologie zu propagieren, die Yoga zur nationalen Sache erklärte und Yoga am Morgen zum Dienst am Vaterland erklärte. Die von der Regierung Modi so geschätzten Unterstützer, scheuten auch nicht davor zurück, Leute in den Parks zu verprügeln, weil sie lieber picknickten als den Sonnengruß zu erbieten oder zwangen Spaziergänger an den staatlich verordneten Übungen teilzunehmen, aber ich weiß schon:Yoga ist so gut für den Blutdruck, und so friedlich und ommmm. Die beste Chefin der Welt seufzte auch, und sagte: „Komm Read On, wie probieren es.“ Ich knurrte finster und telefonierte mich durch die Dubliner Yogastudios, denn es galt einen Yogi zu finden, der bereit ist in das Institut zu kommen und mit sensiblen Wissenschaftlern den Hund zu üben. Das alles hat sich am Morgen abzuspielen, also vor neun Uhr, denn im Institut ist täglich Betrieb. Die meisten Yogis winkten ab.
Zu zwei Yogastudios fuhr ich hin, ich schlürfte Süßholztee und meine Augen tränten von den vielen ätherischen Ölen, die Yogis erläuerteten ihre Philosophie, schwärmten von augenöffnenden Erfahrungen in einem Ashram und strichen einem Keramikbuddha zärtlich über den Kopf. Ich nickte und riet dem Yogi das Bild an der Wand andersherum aufzuhängen, Devanagari liest sich doch leichter hängt es nicht kopfüber. “Ist doch nur Deko”, sagte der Yogi und ich entschied mich für seine Kollegin.

Der Tierarzt sagte als ich ihm Zuhause die Plakate zeigte: Oh Yoga im Institut. Kann ich da auch ankommen?” Dann zwinkerte er mir zu und fuhr sich elfmal durch das Haar.

“Tierarzt sagte ich: Kundalini, nicht Kamasutra.”

“Man könnte sich beim Handstand küssen”, fand der Tierarzt.

„In deinen Träumen“, knurrte ich.

„Man wird ja wohl noch träumen dürfen“, sagte der Tierarzt.

Ich druckte Plakate. Ich verschickte Emails. Ich legte jedem Fellow einen Zettel und ein Packerl Yogitee auf den Schreibtisch. Yoga, 7.30 Uhr, immer Dienstags, coffee afterwards ( am Ende sind es ja doch Wissenschaftler ), Ehepartner, Schwiegermütter, Kinder, all very welcome.

Alle sagten begeistert zu. Am lautesten kreischte die Auszubildende: „Das kommt alles auf Youtube.“ Ich betete stumm.

Dann beantwortete ich 250 Emails: „Ich habe nur zwei verschiedene Wollsocken, kann ich trotzdem kommen“- „ich bin selbst Yogi-Master und möchte nur durch die Ohren atmen, ist das ein Problem?“- warum soll ich 2 Euro Leihgebühr für eine Yogamatte bezahlen. Das ist doch dreiste Abzocke“- ohne Kaffee kann ich keinen Sport machen, wann stellst du die Kaffeemaschine an?“-Kann ich während der Stunde, Wasser trinken- ich muss Wasser trinken, sonst sterbe ich.“

Am Dienstag um 7.25 Uhr , wir gehen ja mit gutem Beispiel voran, sind die beste Chefin der Welt, ihr Gefährte, der Tierarzt und ich anwesend. Von den Fellows keine Spur. Die Yoga-Vorturnerin strahlt uns an. Der Tierarzt strahlt zurück:

„Wann machen wir Handstand?“, fragt er. Ich knuffe ihn in die Rippen.

Eine dreiviertel Stunde lang, verdrehen wir unsere Knochen in alle möglichen Himmelsrichtungen. Dann endlich darf der Tierarzt Handstand machen und auch ich schwinge mühsam meine Beine über den Kopf: Ommmmm, macht die Yoga-Vorturnerin. Nomnomnom macht der Tierarzt und küsst mich wirklich. Ohhhhhhh machen die beste Chefin der Welt und ihr Gefährte.

Um zehn Uhr stehen die Fellows mit Wasserflaschen, Matten, Kaffeetassen und Wasserkanistern vor meinem Büro. „Wann geht es denn los?“, fragen sie: 7.30 Uhr sage ich und zeige auf die Plakate, die überall hängen. Die Fellows brauchen erst einmal einen Kaffee. Um 10.15 Uhr kommt die Auszubildende: „Fräulein Read on, sagt sie, ich hatte mir den Wecker fast pünktlich gestellt, aber dann habe ich das Passwort für meinen Youtube Channel nicht mehr gefunden und dann war ich ganz verzweifelt und wusste nicht mehr, wann ich zur Arbeit kommen sollte.

Ommm. Shanti Ommm.

28 Gedanken zu “Die Sache mit dem Yoga

  1. Danke! So einen Text hab ich heute gebraucht! Made my Day und machte mich Lachen über das Chaos, das ich heute zu bewältigen hatte.

    Ommmm. Shanti Ommm.

  2. Sehr sympathisch, Ihre Schwäche für Briefkästen.

    Und „Die Sache mit dem Yoga“ , echt, in verschiedenster Hinsicht nicht einfach 🙂

  3. Um die Auszubildende sind Sie wahrlich nicht zu beneiden!
    Und die Sache mit dem Sport – nun, ich bin auch keine Sportskanone, aber angesichts von Handstandküssen sollte ich vielleicht doch einmal Yoga versuchen. Tatsächlich stehen in meinem Keller seit 9 Monaten funkelnagelneue Nordic Walking Stöcke; ich warte nur noch auf den richtigen Moment. Gerade erst bin ich im Urlaub am Meer aber viel gewandert, vielleicht zählt das auch als Sport (bitte grüßen Sie den Tierarzt; Rügen ist auch im Herbst wunderschön und auch die Hundewägelchen waren noch unterwegs).

    • Ich finde Wandern am Meer und vor allem in der Natur überhaupt am Schönsten und Bäume lassen sich auch vortrefflich umarmen! Der Tierarzt bestellt die besten Grüße und ist entzückt über die Hundewägelchen. Rügen im Herbst ist wunderbar

  4. haaaaaaaaaaaaaaaaa…… wunderbar. also mir ist grad wirklich nicht zum lachen….. aber die minuten hier lesend zu verbringen, haben mir einen ganzen wochenendyogakurs erspart.
    obwohl mir elend ist, konnte ich gerade kurz lauthals lachen.
    lachyoga…. wie arboretum oben schon schrieb.
    danke 😉

  5. Namaté und Dankeschön für diesen feinen Text.
    An der Uhrzeit ließe sich schleife. 16:30 oder über Mittag?

    Dass es staatlich verordneten Yoga gibt, finde ich hässlich. Ist wie obligatorische Beichte oder so.
    Ansonsten übe ich schon lange (und sehr undogmatisch) Yoga, da wusste ich noch nicht, dass das mal hypen würde.

    • Wir haben lange an der Uhrzeit herumgedacht aber hier ist von 9-20 Uhr immer Betrieb und deswegen ist Yoga für Early Risers die einzige Option. Mal sehen wie es weitergeht.

      Ich fände ideologiefreies Yoga auch gut, aber das was ich sehe ist vor allem Recycling eines Mischmasches aus Buddhismus, ‚original‘ Indien und Wellness. Die ziemlich starke Politisierung die mit Yoga in Indien einhergeht wird komplett ausgeblendet.

  6. Dass das mit dem Yoga in Indien gar nicht so einfach ist, wusste ich nicht. Ich mache es im Fitnessstudio, hauptsächlich für meinen Rücken und generell Kreislauf anregen usw.
    Ist natürlich klar, dass die, die am lautesten nach etwas geschrieen haben, es dann letztendlich gar nicht wahrnehmen. Manchmal sind Erwachsene auch nur Kinder: Erst wollen sie, und dann, wenn sie es haben können, ist es plötzlich nicht mehr so spannend.

    • In Indien ist bekanntlich alles kompliziert, aber Yoga hat lange schon eine Eigendynamik entwickelt, die nichts mehr mit Indien zu tun hat. Ich finde nur man muss sich der politischen Komponente dennoch bewusst sein. Es ist leider nicht überall ommm wo ommmm drauf steht…

      Mich macht es ja wütend oder müde, wenn man mit viel Mühe Wünsche umsetzt , damit dann keiner kommt. Aber das lässt sich fürchte ich nicht ändern. Schauen wir mal wie es weitergeht…

      • Ich vermute, das ist so wie mit den guten Vorsätzen – man müsste mal … Aber wenn es konkret wird, hapert es daran, den Hintern hoch zu bekommen, zumal früh morgens. Einige waren ja da, nur halt zweieinhalb Stunden zu spät. Möglicherweise haben Sie es dort auch verstärkt mit Menschen zu tun, die explizit keine Frühaufsteher sind. Yoga At Lunchtime oder After Work Yoga käme nicht in Frage?

        Kostet das die Herrschaften eigentlich etwas? Wenn nicht, könnte das auch ein Grund für die Unverbindlichkeit sein.

  7. Oh wie tröstlich, dass es woanders auch nicht anders ist. Mir wurde gestern auf Frage, was zu verbessern sei, die Antwort gegeben, dass ein Pausenraum toll wäre. Ich verwies auf die Betriebskantine, die täglich geöffnet habe. War wohl nicht die richtige Antwort.

    Ich käme zu Ihnen dienstags, wenn die Anreise um diese Uhrzeit aus dem Saarland nicht doch ein bissl schwierig wäre ;-).

    LG
    Isa

    • I feel you. Nein, auf das Offensichtliche hinzuweisen ist niemals richtig….

      Sie wären Dienstags natürlich herzlich willkommen! Es gibt auch einen Pausenraum….

  8. „Ich bin selbst Yogameister und möchte durch die Ohren atmen“ – Darüber werde ich jetzt den Rest des Tages kichern…
    Ihr Blick auf das allzumenschliche Verhalten der lieben Mitmenschen ist einfach wundervoll.

  9. Nachdem mir in letzter Zeit öfter Sachen passieren, die eigentlich nur zwei Schlüsse zulassen: dass ich entweder dement werde oder das Universum sich gegen mich verschworen hat, lese ich das mit besonderer Freude, weil es mir zeigt, dass anderswo auch das Chaos herrscht. Wahrscheinlich herrscht es in Wirklichkeit eh fast überall, aber ich habe halt lange Zeit versucht, in diesem „Fast“ zu leben. Aber vielleicht tun wir das alle.

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