Völlerei

Am Montag Abend beschliessen der Tierarzt und ich fein essen zu gehen. Also richtig fein. Servietten mit Silberringen, festes Tischtuch und Fischarten auf der Speiskarte, die ich in keiner Sprache entziffern kann. Außerdem stelle ich mir vor, dass die Teller zwar sehr groß und gewärmt- auch das Fräulein Read On übrigens besitzt Tellerwärmer- die Portionen aber sehr klein sind, und so die Chancen höher sind, dass auch der Tierarzt sich nicht sofort schaudernd abwendet. Die liebenswürdige P. empfahl uns ein entzückendes Restaurant, berühmt für seine exquisiten Fische, ich bestellte in meinem schauerlichen Italienisch einen Tisch für zwei und Arm in Arm erreichen wir das Restaurant, das hier einmal zu den „Silbernen Langustinen“ heißen soll. Alles ist genau so wie es sein soll: die Gläser glänzen, im Silber der Messer kann man Grimassen ziehen, und die Teller sind warm. Das Restaurant gehört dem Patron, er steht hinter der Kasse, seine Frau strahlt aus der Küche und die Söhne, drei an der Zahl bemühen sich um die Gäste. Die Söhne sind von atemberaubender Schönheit. Es ist schon sehr ungerecht, wie gut Männer mit einer grünen Schürze über dem weißen Hemd aussehen können. Ich sehe mit einer Schürze immer aus wie auf einem Bild von Zille. Der Tierarzt starrt den Mann also an, wie sonst nur Kälbchen und ich starre den Mann an, wie sonst nur den Tierarzt. Aber eigentlich sollen wir uns ja der Speisekarte zuwenden. Das tun wir auch prompt. Dickes, schweres Papier und eine schwere rote Kordel. Ich kann nur ein Drittel überhaupt entziffern und der Tierarzt und ich wir beschließen, dass doch ein Menü wohl das Beste wäre und überhaupt, soll man ja offen sein im Leben für neue Erlebnisse und kulinarische Erkenntnisse. Der schöne Mann nickt und fragt nach dem Wein. Ich schüttle den Kopf, denn ich trinke ja nicht. Der Tierarzt ( hier Jubelchöre ) will sich an einem Glas Rotwein versuchen. Der schöne Mann starrt uns an und ich bin sicher, er flüstert: „Barbaren.“ Denn weder Wasser noch Rotwein gelten ihm als Begleitung zu fünf Gängen Fisch. Wir sehen betreten auf unsere Fingerspitzen und mit ironisch-gekräuselten Mundwinkeln lässt der schöne Mann, den Tierarzt Rotwein probieren. Der Tierarzt nickt. ( Hier bitte Jubelchöre.)

Wir plaudern so vor uns hin und dann stellt der schöne Mann einen kleinen, weißen, warmen Teller vor uns auf den Tisch. Auf dem Teller liegen, zwei rote, rosige, lange Langustinen und der schöne Mann erklärt uns in welchen Ölen und Salzen dieses Tier mariniert worden sei und welche rohe Köstlichkeit da vor uns liege. Wir sind sprachlos, aber nicht vor Glück. Der Tierarzt starrt auf das rote Tier und seine schwarzen Augen. „Es guckt wie Kälbchen,“ sagt er und schüttelt den Kopf. Ich starre noch immer auf das Tier und finde es starrt besonders aufmüpfig zurück. Neben Schwein würde ich niemals Krustentiere essen und schon das leichte Zucken der Fühler im Kerzenlicht macht mir Unbehagen. Von Fern höre ich meine Großmutter kichern, die nichts albernder fand, als mein Bestehen auf koscheren Speiseregeln und albern war in ihrem Sprachgebrauch, ein derart verächtliches Wort, dass es kaum auszuhalten war. Aber ich kann dieses Tier einfach nicht essen. Der schöne Mann starrt uns entgeistert an, als wir die Tiere unberührt zurückgehen lassen. „Es tut mir wirklich leid“, sage ich doch der schöne Mann wendet die Augen ab. „Banausen“ knurrt er da bin ich mir sicher, als er die Teller in die Küche zurück zu seiner Mutter bringt und vielleicht essen sie dann beide mit langen, eleganten Handbewegungen die roten Tiere.

Es kommen Seeschnecken. Der Tierarzt probiert eine Schnecke und belässt es bei dem Versuch. Ich esse das artistisch angerichtete Schnittlauch, und einen sehr wohlschmeckenden Pilz. Der schöne Mann schickt seinen Bruder, um die vollen Teller abzuräumen.

Es folgt Seeteufel in Orangensauce an Polenta. Ich greife begeistert zu Messer und Gabel, denn ich esse wirklich sehr gern Fisch und Orangensauce mag ich natürlich auch. Der Tierarzt nippt an seinem Rotwein ( Jubelchöre ) und auch er nimmt Messer und Gabel zur Hand und probiert die Polenta (lautere Jubelchöre). Der schöne Mann starrt misstrauisch von der anderen Seite des Raumes zu uns herüber. Der Tierarzt probiert vorsichtig von der Orangensauce. „Aha“, sagt er und pickt noch ein Scheibchen Polenta auf.“ (Dreifache Jubelchöre.) Ich esse ein sehr scharfes Basilikumblatt und mein Messer nähert sich dem Fisch. Mein Messer zögert, dann fallen mir Messer und Gabel aus der Hand: Der Fisch ist in Schinken eingewickelt. Hinten im Raum zuckt der schöne Mann zusammen. Der Tierarzt isst die Polenta und eine Ecke Fisch. Für ihn ist das viel. Um nicht zu sagen enorm. Aber der schöne Mann blitzt uns mit kalten Augen an. Wir loben das Essen über den grünen Klee. Der schöne Mann schnappt nach Luft.

Dann gibt es Jakobsmuscheln. Ich esse das Gemüse und der Tierarzt isst die Brotchips, die mit den Jakobsmuscheln kommen und ich esse sein Gemüse gleich mit. Inzwischen, der schöne Mann hat der gesamten Familie mitgeteilt, was für grauslige Gäste wir sind, kommt auch der Patron und besieht sich uns aus der Nähe. Wir lächeln bis die Mundwinkel schmerzen. Dann kommt Panna Cotta. Ich liebe Panna Cotta. Das Panna Cotta kommt mit Walderdbeeren, Pistazienkernen und Walderdbeersoße. Das Panna Cotta ist sehr großartig. Ich esse den ganzen Teller leer. Der Tierarzt tritt mir freundlicherweise auch seinen Teller ab, aber immerhin isst er die Walderdbeeren und Pistazienkerne. Der schöne Mann starrt auf die leeren Teller und dann starrt er uns an. Ich krame alle meine sieben italienischen Lobesvokabeln zusammen und preise das Panna Cotta. Der schöne Mann versucht die Fassung zu bewahren. Der Tierarzt nippt an seinem Rotwein, da ist das Ehepaar am Nebentisch bereits bei der zweiten Flasche Weißwein angekommen. Wir zahlen und der schöne Mann starrt auf das noch immer gut gefüllte Rotweinglas. Als wir zahlen und das Restaurant zu den „Silbernen Langustinen“ verlassen, starrt uns die ganze Familie hinterher. Ich drehe mich noch einmal um und zwinkere dem schönen Mann zu. Er wird ein kleines bisschen rot und an der Ecke kaufen wir ein Viertel heiße Margarita Pizza mit frischem Basilikum für mich und einen Erdbeermilchshake für den Tierarzt.

Dann müssen wir lachen und zwar so sehr, dass wir uns eine Bank suchen müssen, um uns richtig auszulachen: „Gehen ein Jude und ein Magersüchtiger in ein Sterne-Restaurant…,“ sagt der Tierarzt als er wieder genug Luft zum Sprechen hat.

( Die Pizza und der Milchshake von der Trattoria ums Eck waren, wirklich sehr gut. )

43 Gedanken zu “Völlerei

  1. Merci Merci Merci, ich musste so laut lachen….Sie haben mir meine Arbeitspause versüßt, liebes Fräulein…einfach nur herrlich. Und zu all dem dieser Titel. PRUST. Wir sagen ja meistens, dass bitte keine Meeresfrüchte, und bitte kein Schwein usw. Aber manchmal vergessen wir es auch, und dann läuft es so ähnlich ab wie an Ihrem beschriebenen Abend. Das beste war das Zwinkern zum Schluss. Was für eine Frau!

    • Wunderbar! Ich hatte etwas dümmlicherweise überhaupt nicht mit Meeresgetier gerechnet und glaubte mich in einem Fischrestaurant von allem Schwein bewahrt…

  2. Ich habe von Gang zu Gang mitgefiebert, was Ihnen wohl als nächstes serviert wird; Ihr Menü ist spannender als mancher Krimi. Manches hätte ich auch nicht gemocht: ich liebe Fisch, aber Meeresfrüchte und Schnecken, ärks. Mir also wäre die Pizza an der Ecke auch deutlich lieber gewesen.
    Aber wie schön, dass der Tierarzt so mutig probiert, obwohl ihm das doch so schwer fällt. Und noch schöner, dass Sie das Ganze mit Humor sehen konnten; über den Satz des Tierarztes habe ich auch sehr gelacht.

  3. Aaaaaaaaaaaaaaah, ich kann nicht aufhören zu kichern und muss mir bei der bildlichen Vorstellung der Patronfamilie und der Bemühungen Zilles, Sie im Berliner Milieu malerisch mit Schürze zu verewiglichen, die Lachtränen aus den Augenwinkeln wischen!!!
    Herzlichst herbstgraue Heidelberggrüsse,
    Ev

  4. Köstlich.
    Merke: Nie Menü bestellen. 😊

    Ich hatte als Vegetarierin in einer französischen Stadt am Meer mal eine ähnlich komische Erfahrung gemacht.

    Habt es noch gut!

  5. „Gehen ein Jude und ein Magersüchtiger in ein Sterne-Restaurant…“

    … und stürzen Köchin, Kellner und Patron in eine Krise.

    Die Armen, hoffentlich zweifeln die jetzt nicht noch tagelang an sich. Bloß gut, dass es für Sie trotzdem ein schöner Abend war.

      • Ich habe mir im vorigen Jahrhundert mal im „Oren“ Gefilte Fisch bestellt. Ich war neugierig, kannte ich das Gericht doch aus Romanen, ohne dass es aber irgendwo mal näher beschrieben war. Nun mag ich sehr gern gegrillten und auch gebratenen Fisch, aber partout keinen gedünsteten. Allein der Geruch lässt mich erschaudern. Ich fürchte, ich habe nicht nur den Bekannten, der mir zuliebe das Restaurant ausprobierte und mich zum Essen einlud, frustriert, sondern auch den Koch.

  6. In meinen Tagträumen spiele ich schon länger mit dem Gedanken, ein Restaurant zu eröffnen. Am liebsten wäre mir ein Familienrestaurant, damit die Kellner und sonstige Angestellte mich nicht so unverschämt beklauen (aber ich habe keine Familie). Dann male ich mir solche Gäste wie oben beschrieben aus (oder die mit der eingebildeten Glutenunverträglichkeit, oder die, die kein Gemüse oder selbiges nur völlig zerkocht mögen, oder keine Stäbchen benutzen können, oder die, die ihr Steak gut durchgebraten haben wollen…), und ich vergesse meine albernen Träumereien. Die Hölle, das sind die Kunden: Der Horror, der Horror! Die Lebensabschnittgefährten mancher Freunde, die man früher gerne nach Hause einlud, sind schon schlimm genug. Obwohl die wenigstens wissen, was anständiges Saufen ist (so sehen sie auch aus). Das Leben kann so frustrierend sein. Sehr traurig. Aber köstlich beschrieben. Immerhin.

    • Ich bin mir sicher, wir waren die wahrgewordenen Alptraumgäste. Wahrscheinlich haben die uns für Gastrokritiker gehalten, dabei sind wir nur seltsam. Aber es geht immer noch schlimmer: neben uns saß ein Paar, das aß Gnocchi mit den Fingern und der Mann fasste mit den dreckigen Fingern nach des schönen Mannes Hemd.

  7. Aus mir unbekannten Gründen hatte die Pastorenurenkelin, welche meine Mutter war das untenstehende Kochbuch. Es hatte viele Festtagsgerichte, deren Zubereitung selten weniger als 48 Stunden Betrug und enthielt Farbtafeln (!) der schönsten Festessen. Meines Wissens wurde daraus nie etwas zubereitet, aber ich habe als Kind stundenlang die Bilder angeschaut. Daran musste ich beim lesen denken. Danke fürs Teilen und für die schöne Erinnerung.
    https://www.amazon.de/K%C3%BCche-polnischen-Juden-Eugeniusz-Wirkowski/dp/8322322291

    • Großartig! Meine Großmutter hätte dieses Kochbuch niemals angefasst weil es zu sehr nach dem ‚Ghetto‘ roch, dieser vermaledeite Kampf um Assimilation hörte einfach nicht auf.

  8. Große Freude, dass der Tierarzt etwas gefunden hat, was er mochte. (Kennt er eigentlich diese Sanddortfruchtschnitten, die es im Reformhaus gibt? Müsste doch genau sein Ding sein!)

    • Das mit den Sanddornschnitten haben wir schon probiert. Aber die Konsistenz ist auch ein Problem. In der Wahrnehmung ist ein halber Riegel so viel wie 1 Pfund Karroffeln. Am besten gehen Säfte und Suppen…. Jeder Löffel ist hier ein großes Ereignis.

  9. Ach, die schönen Kellner. Mein Lebenstraum war ja, einen italienischen Kellner zu heiraten und lauter kleine kulleräugige und lockenköpfige Kinder zu bekommen. Irgendwo bin ich dann falsch abgebogen.
    Die Früchte des Meeres rufen hier im Hause unterschiedliche Stufen der Begeisterung hervor. Ich esse ja alles bis auf Lakritze. Herr croco wäre vermutlich der dritte im Bunde bei Euch gewesen. Was ich in einigen Sprachen der Welt kann: bitte keine Meeresfrüchte für den Herrn. Die Dame allerdings packt die Austern und alles was da rumliegt. Und sie erzählt noch dabei von der Lebensweise und dem Fortpflanzungsvehalten der Tiere. Das kommt davon, wenn man tagsüber mit dem Grundschleppnetz fischt und alles genau bestimmt und am Abend das, was man gefangen hat, ins heiße Fett wirft.
    Bilologen sind nicht romantisch in Bezug auf Nahrungsmittel.
    Wer mit mir am Meer essen geht, muss hartgesotten sein.

  10. Pingback: Rascheln im Blätterwald | dame.von.welt

  11. Auf die Gefahr hin, den Vorwurf zu bekommen eine gut erzählte Geschichte nicht gebührend zu würdigen, bekenne ich, dass ich nicht schmunzeln kann. Was für eine Verschwendung von Nahrungsmitteln und Küchenarbeit, die doch vorherzusehen war. Ich erinnere mich auch noch an Ihren Beitrag vom September letzten Jahres mit dem Titel „Bloss keine Umstände“.

    • B.Baxter’s Kommentar kann ich mich nur anschließen. Ich lese hier auch gerne, fresse aber (um im Bild zu bleiben) dem Fräulein nicht jeden Scheiss aus der Hand
      Fare bella figura geht anders.

      • Wenn Sie hier lesen mögen: schön.
        Wenn Sie hier nicht lesen mögen: auch schön.
        Mein Interesse an Ihren aggressiv formulierten Bemerknissen mit Scheiße in der Hand vorgetragen: Null.

  12. Ich hatte das mit der Magersucht erst für einen Scherz gehalten. Die Sanddornschnitten haben es mir vor Augen geführt. Doch warum bestellt der Tierarzt dann auch das Menü?
    Zum Glück kann/ will/ darf ich alles essen.

    • Nein, es ist kein Scherz, sondern eine ziemlich harte Diagnose. Wissen Sie, der Tierarzt hat die letzten fünf Jahre kein Restaurant betreten und hart dafür gearbeitet, dass er das schafft. Warum eigentlich sollen wir, er und ich, kein Anrecht haben einen Abend zu verbringen, wie er für sie selbstverständlich und normal ist? Glauben Sie wirklich, dass nur wer den Teller auch wirklich leer ißt, das Recht hat,auf eine schöne Umgebung, auf Tischdecken und gutes Glas? Ich habe den Tierarzt noch nie so viel essen sehen, wie an diesem Abend und es war ein sehr schöner Abend. Der erste Abend seit langen und sehr mühsamen Monaten.

      • Ich wollte Ihnen und dem Tierarzt nicht den Abend und das Essen im Restaurant absprechen. Hilfe nein! Entschuldigung, dass es so angekommen ist.
        Vielleicht denke ich da auch falsch, aber meinen Kindern rate ich auch immer zu den kleineren Portionen, wenn ich weiß, dass sie es nicht aufessen. Ich finde es einfach schade, Lebensmittel wegzuwerfen.
        Die Geschichte mit den Langusten und dem Schinken um den Fisch ist wirklich köstlich und könnte mir mit roter Beete auch passieren. Und ihre Jubelstürme über die Essmenge des Tierarztes kann ich gut nachvollziehen.
        Dem Tierarzt und Ihnen weiterhin viel Kraft auf dem Weg.

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