Auf der Suche nach Thomas Mann-Am Lido

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Zu den vielen unrealisierten Projekten meines Lebens gehört ein völlig verstiegenes Buch über Hotels, Pensionen und Zugfahrten im alten Europa. Ich besitze Baedeker Ausgaben für Österreich-Ungarn von vor 1914 und habe schon Zugfahrpläne ersteigert, weil ich die gleiche Streckenverbindung ausprobierte, mit der Max Brod von Prag nach Berlin zu seiner Geliebten eilte. Menschen, die mich ertragen, seufzen tief, wann immer sie mit mir verreisen, denn die eigentlichen Attraktionen der meisten Städte lassen mich kalt. Ich bin in böhmische Dörfer, die hohe Tatra, französische Marktflecken und englische Weiher gefahren, weil dort Thomas Mann in ein Taschentuch hustete, oder der Prager Kreis sich dort verliebte, trennte oder manchmal auch Beides. Fragen Sie mich niemals nach Restaurantempfehlungen, denn sie enden in einem Lokal in dem Egon Erwin Kisch Fischsuppe schlürfte und wären am Ende furchtbar enttäuscht, denn mir ist egal ob das Lamm nun zäh ist oder der Kuchen trocken, so lange ich nur auf eine halbe Stunde zurückfinde in das alte Europa, in dem meine Großmutter geboren war. So nimmt es auch nicht Wunder, dass als die liebe C. anruft, ich putze gerade meine Zähne, der Tierarzt ins Telefon ruft: „Liebe C. wir fahren an den Lido und suchen Thomas Mann.“ Das machen wir dann, wir nehmen ein Vaporetto und fahren hinüber zur Anlegestelle. Der Lido, das Seebad, ist so charmant wie unaufgemöbelt, ist nicht mehr wie 1900, nein, mehr wie ein Seebad der 1960er Jahre, und doch es hat etwas von der großen Vergänglichkeit unserer Tage und wir gehen die Hauptstraße hinunter, vorbei am Zeitungskiosk NuovoNuovo, der alle deutschen Zeitungen führt, hinunter an den Pizzerien in den die Kellner Hochdeutsch sprechen, und auch die Ernährungsmoden sind den deutschen Touristen schon nachgereist: auch glutenfrei steht auf den Tafeln. Wir aber essen ein Pistazieneis und sehen den jungen Herren zu, die die jungen Damen beeindrucken wollen: sie rejustieren Sonnebrillen, Schnürsenkel und Telefone, aber die jungen Damen lächeln nur blasiert und vergleichen Nagellackfarben. Ich schlage dem Tierarzt vor, er könnte den jungen Herren, doch den Trick mit den Haaren zeigen. Aber der Tierarzt befindet, dass Fräulein’s mit Shetlandponyhaaren, sich über dieses Thema lieber ausschweigen sollten und schon sind wir am Ende der Hauptstraße angekommen und dann wenden wir uns nach Rechts: zu übersehen ist es nicht das „Hotel des Bains“, das um 1900 eröffnet wurde, da war der Lido ein mondänes Seebad und das ganze Europa fuhr hier in die Sommerfrische. Hierher fuhr kam zum ersten Mal 1911 auch Thomas Mann und 1912 erschien jenes Buch, dem noch heute der Ruf des Skandals vorauseilt, das Buch über Gustav von Aschenbach, der erst das Herz an Tadzio, den vollkommen Schönen verlor, bevor ihm der Verstand entglitt und dann das Leben selbst. Hier also saß Thomas Mann und verlor ja selbst das Herz, aber Thomas Mann gab wohl niemals ganz und ob er mit dem jungen Baron Wladyslaw Moes je mehr als ein Kopfnicken gewechselt hat, weiß ich nicht. Aber damals vor vielen Jahren, als mir meine Großmutter den Tod in Venedig zu lesen gab, da traf es mich wie mich nur selten danach ein Buch getroffen hat. Denn es ist jenes Buch mit dem ich verstand, dass die Liebe eine verbotene, ja eine tödliche Seite haben kann und es ist eines der Bücher, die cih auswendig kann, ich habe nie darum bemüht, sondern das Buch ist in meinem Kopf geblieben und so viele Jahre später, stehen wir vor dem Hotel, vor dem Strandbad in dem Gustav Aschenbach lange in die Wellen sah. Aber das Hotel ist still und verschlossen, eine grüne Mauer umzieht es, fast als sei der ganze Blick auf den Verfall, etwas was der Welt besser verborgen bliebe. Wir stehen aber lange vor dem ausladenden Gebäude, der Tierarzt, steigt auf eine Bank und fotografiert und ich sehe hinauf auf die Uhr und die alten Lettern, die Schindeln liegen lose auf dem Dach, die grünen Fensterläden sind morsch, es wird vor Rattengift verwarnt und der Garten ist vewildert. Noch kann man lesen, wie damals die Gäste auf der Auffahrt: Hotel des Bains, aber es ist ein trauriges Wiederkennen und das Herz wird einem schwer, dass dieses Haus, nur noch Ruine ist, ein loser Backenzahn ausgehöhlt. Ein Investor habe ich gelesen, wollte Eigentumswohnungen aus dem Hotel machen. Er zerschlug die Möbel, dann zerschlugen sich die Pläne. Sieben Jahre rottet das Hotel schon vor sich hin und angeblich, ja angeblich, gäbe es neue Pläne, aber von denen sieht man nichts vor den verriegelten Toren. Das Schloss an der Seite, denn wir laufen um das Gebäude herum ist verrostet und keine Baumaschine wartet auf einen Einsatz. Es ist ein verlassener Ort, und wenn so oft der Geist Europas beschworen wird auf großen Pressekonferenzen, Dann wünschte man sich die Europaabgeordneten würden einmal ins Hotel des Bains fahren, denn hier kann man einatmen, wie es ist, wenn die europäische Idee verlischt, wenn sie einfach preisgegeben wird, dann kann man sich ansehen, wie man sie beerdigt. Oft wird die Interantionalität beschworen, aber in den Grand-Hotels des alten Europas ist sie gelebt worden, und doch noch einmal anders als auf Studentenfeiern in Lissabon. Denn der Tod in Venedig ist ja ein Buch über eine fatale Obsession eines deutschen Literaten mit einem polnischen Jungen, in einem italienischen Strandbad,es gibt einen englischen Konsularbeamten, französische Bonnen und russische Badegäste. Kein deutscher Gegenwartsautor aber sieht weiter als bis nach Berlin. Da stehen wir also und dann gehen wir hinunter zum Strand. Die Badehütten sind schon verschlossen, ein paar Spaziergänger sind am Meer und werfen Stöcker für die Hunde und wir setzen uns auf einen Stapel Bretter, wir sehen hinüber zum alten Europa, zum Hotel des Bains, die Uhr in der Mitte ist lange schon stehengeblieben und ich beginne noch einmal zu erzählen: „Gutav Aschenbach or von Aschenbach, as he had offically been known“. Denn hier, hier ist es, wo es begann und wo es wohl endete, jenes Europa, in dem meine Großmutter geboren wurde, und nach dem ich suche, wieder und wieder und immer mit einem alten, roten Baedeker von vor 1914 in der Tasche.

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Adresse:  Hotel des Bains, Lungomare Guglielmo Marconi, 17, 30100 Venezia. Vaporetto Station: Lido. 

29 Gedanken zu “Auf der Suche nach Thomas Mann-Am Lido

  1. Ich verbinde mit Venedig ein ganz anderes Buch, eine ganz andere Geschichte, aber auch aus dem alten Europa. Oder kurz nach dem Ende des alten Europa:
    Across the River and into the Trees.

  2. Was für ein herrlicher Bericht! Ich habe ihn auch meinem Liebsten vorgelesen (das mache ich gelegentlich), dem er ebenfalls sehr gefallen hat. So dicht, hier ein kleiner Seitenhieb („Kein deutscher Gegenwartsautor aber sieht weiter als bis nach Berlin.), dort ein anderer auf eine möglicherweise vergehende Idee von Europa, dazu die literarischen Bezüge &c. – wunderbar! Und außerdem glaube ich, dass Sie eine famose Reisegefährtin sind : )

  3. Ich träume auch gerne von diesem Europa, das es einmal gab, dem Europa von Thomas Mann, Stefan Zweig, Joseph Roth und vielen anderen. Und dem deiner Großmutter. Die Erinnerung an dieses verstorbene – um nicht zu sagen: ermordete – Europa ist es wert, gepflegt zu werden, nicht zuletzt in den Gebäuden, in denen noch eine Seele atmet, auch wenn sie schon lange nicht mehr bewohnt sind.
    Als ich im vorigen Jahr in Venedig war, bin ich genau wie ihr an den Lido gefahren, habe unterwegs moderne Menschen in der glatten Gegenwart betrachtet und mir dann etwas wehmütig das Hôtel des Bains angesehen, genau wie ihr über diesen grünen Wall hinweg und mit den lustigen Häuschen im Vordergrund. Es gab sogar einen blauen Himmel. Sehr schade, dass es so verfällt.
    Ich hoffe jedoch, dass das Europa der Zukunft dasjenge ist, in dem junge Menschen in einem Land aufgewachsen sind, in einem anderen studieren und möglicherweise in einem dritten wählen, in dem verschiedene Sprachen gesprochen werden und oft mehrere gleichzeitig, in dem die Kulturen gepflegt, die Erinnerungen bewahrt werden, die Verständigung aber nicht von der Herkunft abhängt, sondern mit gemeinsamen Zielen verbunden ist. Nicht das Europa der Investoren, natürlich.
    Jetzt würde mich aber noch interssieren, ob der „Tod in Venedig“ sich seinen festen Wohnort in deinem Kopf in englischer (wie zitiert) oder in deutscher Sprache erobert hat.
    Noch viele bewegende Entdeckungen in Venedig wünscht
    Elisabeth

  4. Für mich ist dieses Europa gebündelt in Torbergs Tante Jolesch, „alle Städte sind gleich, nur Venedig ist ein bissl anders“. Die Geschichte von dem Kindermädchen, die Sommerfrische, die vielen Schriftsteller. Wünsche noch viel schöne Spurensuche.

  5. Pingback: Linkerei | croco

  6. Vergangene Zeiten, durch die Orte fühlt man sie etwas.
    Ein bißchen hab ich das auch so gemacht mit Rilke in Paris, in Worpswede und in Ronda. Und wir sind ziemlich rumgekurvt, bis wir in Montagnola waren und ich die Perspektiven von Hesses Aquarellen gesucht und gefunden hatte.

    • Ach, wie wunderbar. Ich kann Rilke ja nicht ausstehen, weil er so hässlich zu Kraul Kraus und Sidonie von Nadherny war, aber die Reisen klingen großartig

      • Das weiß ich ja alles nicht. Es ist nur so, dass manche seiner Worte sich in meinem Kopf festgesetzt haben und dort kreisen und sich festsetzen, dass ich wissen muss, wo er geatmet und gefrühstückt hat. In Ronda gibt es eine lebensgroße Bronzestatue von ihm: besonders attraktiv war er nicht. Nun.

  7. LIebes Fräulein Read-on
    zu gerne würde ich Sie und den Tierarzt einmal kennenlernen. Und meine Tochter wäre ob der Bekanntschaft mit dem Kälbchen sicherlich entzückt. Kann ich Sie vielleicht zu mir in die Schweiz locken mit der Aussicht, dass Thomas Mann nur fünf Häuser weiter lebte? Was meinen Sie?
    Freundlichst
    Sabine

    • Oh, das ist eine wunderbare Aussicht. Es mangelt uns auch nicht an Willen, sondern oft nur an Zeit. Allerdings ist Kälbchen nicht sehr reiselustig, so dass Sie und ihre Tochter vielleicht doch Irland auf ihre Reiseliste setzen müssten?

      • Hervorragend! Nach Irland wollte ich ohnehin schon lange und das rechte Zürichseeufer bringen wir eben mit! Vielleicht direkt in den vor uns liegenden Herbstferien … wenn Sie uns dann am Sonntag nachmittag mit einem Gläschen warmen Sanddornsaft erwarten würden …
        In Vorfreude
        Sabine

      • Liebe Sabine, nehmen Sie es mir nicht übel, denn ich träfe Sie gern, wenn es sich ergibt, aber ich bin berufstätig und das auch im Schichtdienst, ich bin im Oktober zumal nicht nur in Irland und ich möchte weder Sie noch mich, in eine Erwartungshaltung bringen, die Sie enttäuschen muss, denn ich habe mehr als eine Verpflichtung. Wenn Sie in Irland sein sollten oder auch in Berlin und ich es einrichten kann, will ich es gern tun. Aber mehr kann ich nicht. Ich bitte Sie das bei Ihren Wünschen und Vorstellungen, auch über mich zu berücksichtigen.

      • Fräulein Read on
        jetzt bin ich zurück aus Irland und Sie waren gar nicht da! Skandalöööös!

        Nein, im Ernst: Geniessen Sie den Oktober wo auch immer Sie sind und bedenken Sie uns weiterhin mit Ihren Geschichten.

  8. das Wandeln auf literarischen Spuren… *seufz* bei mir war es zwar nicht Mann, sondern ein britischer Schriftsteller, aber das Aufsuchen von Orten, die in seinen Romanen vorkommen, habe ich auch schon ausprobiert – auch wenn es an der Stelle nach über 200 Jahren menschenleer ist.

  9. Ich war letzte Woche in Lübeck im Buddenbrook-Haus und habe mich dort lange mit den Manns und den Buddenbrooks unterhalten. Es war wie eine Reise in meine Kindheit (und natürlich darüber hinaus), denn dieses Buch begleitet mich seit meinem 13. Lebensjahr als Buch, als Radio-Hörspiel und auch als Film. In meiner Familie wurden ganze Passagen bei passender Gelegenheit zitiert.

    • Ach wunderbar. Lübeck lädt ja auch sehr dazu ein sich auf Spurensuche zu begeben. Und die Buddenbrooks kann man gar nicht oft genug lesen und zitieren….

  10. Herzlichen Dank für die Beschreibung. Tod in Venedig gehört zu meinen Bildungslücken und ist nun in die Leseliste aufgenommen.

    In meinen 20ern, also so vor 25 Jahren, lief ich bei Minusgraden mit einem lieben Freund durch Wien auf den Spuren von John Irving. Hatte ich fast völlig vergessen, welches Vergnügen wir dabei hatte. Auch dafür Dank, dass die Erinnerung aktiviert wurde.

    LG
    Isa

  11. Sehr verehrtes Fräulein Read On, so lange schon lese ich hier still mit und bin immer entzückt über Ihre wunderbaren Geschichten – auch wenn sie oft traurig sind, schaffen Sie es, richtige Worte zu finden. Jetzt bei Venedig MUSS ich Ihnen ein schmales Bändchen empfehlen: „Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz“ von dem Autorenpaar Fruttero und Lucentini. Eine kleine, bittersüße Geschichte, die Ihnen gefallen könnte. Ich wünsche Ihnen noch herbstlich goldene Tage in Venedig!

    • Oh vielen Dank. Ich freue mich sehr, dass Sie hier mitlesen mögen. Das Buch klingt zauberhaft. Ich habe es gleich bestellt. Besten Dank für die Empfehlung

  12. Pingback: Rascheln im Blätterwald | dame.von.welt

  13. „Tod in Venedig“ habe ich hiermit auf meine schief endlose Liste noch zu lesender Bücher gesetzt.
    Und die Idee Ihrer literarischen Reisen finde ich wunderbar. Vor etwa 20 Jahren war ich in Budapest und ganz verzaubert von verzaubert von der Schönheit dieser Stadt. Immer, wenn ich heute Sandor Marai lese (was ich nur dringend empfehlen kann), fühle ich mich dorthin zurückversetzt.

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