Die Geschichte von Eliezer Eisenstein und den zwei schwarzen Pudeln.

„Diesmal, aber, sagt die Frau des Krämers und stemmt die Hände in die Hüften wird es Ihnen nicht gelingen mich zu Erschrecken mit ihren Geschichten von Hexen, die mit dem Nordwind reiten .“ „Da haben Sie sehr recht Frau des Krämers“, sage ich, heute ist es ja auch ganz windstill, da haben die Hexen keine Gelegenheit über das Dach hinwegzubrausen.“ Ich staple Milch, Eier und Vanillezucker auf der alten Ladentheke. Hinter der Ladentheke hängt ein Kalender. Das Kalenderblatt zeigt das Bild zweier schwarzer Pudel. „Hübsche Pudel“, sage ich, dort auf Ihrem Kalender.“ „Habe ich Ihnen eigentlich schon einmal die Geschichte erzählt, die mir meine Großmutter erzählte, die meine Urgroßmutter meiner Großmutter erzählte und die irgendwann jemand meiner Urgroßmutter erzählt haben muss und in der auch zwei Pudel vorkamen?“ Die Frau des Krämers schüttelt misstrauisch den Kopf. „Haben sie nicht“, murmelt sie und beugt sich vor, denn die Frau des Krämers ist bekanntlich sehr neugierig und die Frau des Krämers liebt Geschichten. Ich räuspere mich also und beginne:

„ Einmal vor vielen, vielen Jahren als es noch Juden gab in Mitteleuropa, Juden mit Pelzkappe und Tefilin und Hausiererjuden, die von Tür zu Tür zogen, da wanderte mit einem Bauchkastel vor der Brust auch Eliezer Eisenstein durch die Lande. Eliezer Eisenstein aber ist nicht zu verwechseln mit dem berühmten Rebbe Eisenstein, der damals in Breslau einen 450 Jahre andauernden Streit zu schlichten wusste, nein unser Eliezer Eisenstein ist ein einfacher Mann, der Schnürsenkel, Schuhwichse, Karamellbonbons und Seifen mit Lavendelduft verkaufte und eines Abends- es mag der 30. oder aber auch der 31. Oktober anno 1803 gewesen sein, so genau weiß man es nicht, da kam Eliezer Eisenstein des Abends in ein kleines Dorf mit Namen M. Marktplatz und Kirche hatte das Dorf, einen Krämersladen und ein Wirtshaus. Es hatte ungewöhnlich früh zu schneien begonnen und Eliezer, ein Mann von ernster Gesinnung und sparsamer Natur, beschloss doch im Gasthaus einen Strohsack zu verlangen und die Nacht im Trockenen zu verbringen. Die Wirtsleute waren wohl gutmütige Leut, denn sie wiesen den Juden Eliezer Eisenstein nicht vor der Tür ab, sondern sagten: Sollst bleiben über Nacht Hausiererjud, dort hast dein Säckel, aber bleib fern von der Wirtsstube, da hast nichts verloren. Eliezer nickte und zog den Strohsack in eine dunkle Ecke. An jenem Abend nämlich waren- damals gab es noch einen Kaiser im Land- Offiziere ins Dorf gekommen, wie Eliezer Eisenstein hatte das kalte Wetter sie überrascht und so saßen sie im Wirtshaus tranken das dunkle Bier für das die Region berühmt war, sangen Soldatenlieder und aßen Speck und eine dicke Suppe, in die sie gewaltige Brotkanten stippten. Das kalte Wetter hatte aber auch eine hohe Dame überrascht, ein adliges Fräulein auf dem Weg in die Stadt W. wo sie am Hofe, dem Kaiser die Hand küssen sollte, doch auf den nassen Straßen und dem frischen Schnee war einer der vier Rappen ausgerutscht, hatte sich die Fessel verdreht, der Kutscher musste ausspannen und begleitet nur von einer alten Zofe ( die am Kamin saß und schlief), hatte sie sich ebenfalls in den Gasthof begeben und lächelte die Offiziere an.
Eliezer Eisenstein hatte es durch das Schlüsselloch ganz genau gesehen. Damals war alle Welt in das schöne Fräulein mit ihren goldenen Locken, dem kussroten Mund und den langen, blonden Flechten verliebt und doch war sie noch immer unverheiratet. Einmal so hieß es sei sie wohl schon verlobt gewesen, doch kurz bevor Hochzeit gehalten werden konnte, verstarb der Bräutigam nach kurzem heftigem Fieber. Das kam vor. Auch Eliezer Eisenstein hatte davon gehört und drückte sich so eng gegen die Tür wie nur möglich, um einmal selbst die grünen Augen des Fräuleins zu sehen. Neben ihm im dunklen Flur saßen zwei schwarze Pudel. Auch ihre Augen waren grün und leuchteten funkelnd. Aber Eliezer Eisenstein dachte sich nichts weiter dabei.

Die Offiziere tranken Schlehenschnaps und löffelten ihre Suppe. Das schöne Fräulein trank süßen, goldgelben Wein und löffelte die gleiche Suppe. Zwei Musikanten spielten ein Liebesliedel und ein Offizier sang mit brummenden Baß.
Plötzlich sagte das schöne Fräulein- sie trug noch immer einen schwarzen, glänzenden Pelz- wer die goldene Nuss findet, die ich in die Suppe werfe, mit dem will ich tanzen. Dann zog sie eine goldene Nuss aus einer der vielen Taschen, warf sie hoch in die Luft und mit einem leisen Plopp verschwand die Nuss im Suppentopf. Sofort drängten die Offiziere sich vorwärts, ein Offizier mit blondem Schnurrbart und hellrotem Haar, aber war forscher und schneller als die anderen und schob einen Schemel vor den Suppentopf, sprang auf den Schemel, hob die Hände und schrie: „Die goldene Nuss will ich Ihnen schon holen meine Dame und dann wollen wir tanzen.“ Das Fräulein lächelte und der Offizier hechtete in den Suppentopf, Plopp machte es lauter zwar als bei der goldenen Nuss, die Suppe spritzte wohl auch ein wenig, schlug dann auch Wellen, wie ein See an einem stürmischen Tag, doch der Offizier mit dem blonden Schnurrbart verschwand im Topf und sah man im einen Moment noch seine Stiefel, so war er im nächsten Moment vollständig verschwunden. Nur eine goldene Nuss rollte über die Dielen zum schönen Fräulein zurück. Die Offiziere starrten in den leeren Suppentopf. „Will denn niemand tanzen?“, fragte das Fräulein verwundert und noch immer leise lächelnd. Schon spielten die beiden Musiker, schon füllten sich die Gläser auf den Tischen und Eliezer Eisentein am Schlüsselloch glaubte jemand im dunklen Flur würde sagen: „Ein eitler Geck, zweimal ist er davongekommen, beim dritten Mal ward er gefangen.“ Aber wunderte sich Eliezer, wer sollte gesprochen haben hier im dunklen Flur? Neben ihm saßen doch nur die zwei Pudel mit den wunderlich grünen Augen.
Im Saal aber tanzte das schöne Fräulein mit den Offizieren und wieder drückte sich Eliezer Eisenstein gegen das Schlüsselloch und wunderte sich. War nicht eben der Raum noch voller Männer gewesen, mit blauen Uniformen und roten Jacken und tanzte das schöne Fräulein jetzt nicht nur noch mit einem Offizier einem schmalen, hageren Mann mit roten Backen und einem hervorstehenden Adamsapfel. Wo waren die Anderen bloß geblieben? Eliezer Eisenstein konnte nicht sehen, dass die anderen Offiziere eben noch munter und laut tanzten, nun auf dem Boden lagen, die Gesichter auf dem Kinn und allesamt leise zu schnarchen begannen. Wieder war ihm als spräche jemand im dunklen Flur.“ Sie schlafen süß“, sagte eine Stimme. „Sie werden lange schlafen“, sagte eine zweite Stimme und wieder wunderte sich Eliezer Eisenstein und wieder sahen die beiden schwarzen Pudel mit ihren grünen Augen zu ihm herüber.
Im Zimmer aber setzte sich das schöne Fräulein an den Tisch, vor ihr stand noch immer ein Teller mit dampfender Suppe.“ „Wenn Du mir das Ringlein holst“, so will ich dich freien, sagte die Schöne und der Offizier bekam glänzende Augen und richtete sich auf. Das Fräulein zog sich den Ring vom Finger und langsam, fast als streifte sie sich einen Handschuh vom Finger ließ sie den Ring in den Pokal mit goldgelbem Wein gleiten und der Offizier zog das Glas erwartungsvoll zu sich heran, befeuchtete sich die Lippen, beugte sich vor, schmeckte wohl auch noch den Wein, sah ein letztes Mal in die Augen des schönen Fräuleins, da lief ihm schon Blut aus dem Mund, den Augen der Nase, da fiel er vom Stuhl sank auf den Boden und niemals mehr sollte er sich erheben.
Das schöne Fräulein aber hob den Ring auf, an dem Eliezer Eisenstein hatte es genau gesehen kein Blutstropfen klebte, schob ihn sich auf die rechte Hand, seufzte und sprach zu sich: „Heute wird wohl keine Hochzeit mehr gehalten.“ Das aber hörte Eliezer Eisenstein nicht, stattdessen hörte er wieder zwei Stimmen neben sich flüstern: Zweimal sind zwei Frauen mit seinem Kind in einer hohlen Gasse verblutet, nun blutet auch er.“ Als er sich aber umdrehte, da saßen nur die beiden Pudel auf dem Boden und starrten ihn aus grünen Augen an.

Das schöne Fräulein aber wickelte sich in den schweren Pelzmantel ein, klatschte in die Hände, da erwachte die alte Zofe, schon verließ sie das Zimmer, traf in der Diele auf Eliezer Eisenstein und legte ihm für einen Moment eine kühle Hand auf die Wange uns sagte: „Seinen Kaiser soll man nicht warten, lassen Eliezer Eisenstein. Noch bevor er sich aber wundern konnte, woher das schöne Fräuelin seinen Namen kannte, war sie aus der Tür heraus.
Schon kam der Kutscher, die vier Rappen schnaubten, von einer gestauchten Fessel sah man nichts mehr, das schöne Fräulein stieg ein und liess sich von der alten Zofe die zwei Pudel mit den ungewöhnlich, grünen Augen reichen und wenig später, war die Kutsche und mit ihr das schöne Fräulein um die nächste Kurve verschwunden. Auch Eliezer Eisenstein verließ das Wirtshaus, wie auch das Dorf und holte sich einen gewaltigen Schnupfen.

Ob das Fräulein aber jemals geheiratet will ich die Geschichte beschließen, da klingelt die Tür und kläffend springt der tierärztliche Hund mitsamt dem Tierarzt zur Tür herein. Die Frau des Krämers aber fährt zusammen, umklammert die Theke und schreit: JESUS CHRIST IN HEAVEN. I THOUGHT THE TWO BLACK POODLES…“. „Tierarzt schnauft die Frau des Krämers, ich sage Ihnen das Fräulein Read On wird noch einmal einen Stein erschrecken.“ Ich zahle und der Tierarzt und ich wandern durchs Dorf zurück ins Oberland. „Habe ich Dir eigentlich einmal die Geschichte von den zwei Pudeln und Eliezer Eisenstein erzählt?“, frage ich ihn. Der Tierarzt schüttelt den Kopf, bevor ich aber damit beginne, „dass einmal vor vielen Jahren“, sehe ich mich noch einmal um, die Frau des Krämers nämlich hat im Laden das Kalenderblatt mit den beiden schwarzen Pudeln herumgedreht.

 

Der große und der kleine Zeiger.

Die Sonne scheint. In Irland ist das immer ein Ereignis. Ich rufe also: „Tierarzt, Katze, Hund, die Sonne scheint.“ Die Katze dreht sich auf den Bauch, der Hund bringt mir einen Schuh, der Tierarzt gurgelt Unverständliches aus dem Badezimmer. Ich schleppe zwei Stühle nach draußen, reiße alle Fenster auf und reiche dem man of the house, eine dampfende Teetasse an und blinzle in die Sonne. Dann blinzeln wir gemeinsam in die Sonne und lesen die Zeitung nach. Bis auf leises Blätterrascheln hört man nichts. Dann aber fällt es mir ein: „Tierarzt, wir müssen die Uhr umstellen.“

Der Tierarzt sieht mich zögernd an: „Mädchen, müssen wir die Uhr jetzt umstellen?“

Ich sehe den Tierarzt an: „Es sind die kleinen Dinge, Tierarzt sage ich: „Stellt man die Uhr nicht mehr um, dann ist das nur die Spitze eines viel größeren Eisberges, der nicht aus gefrorenem Wasser, sondern der Nachlässigkeit besteht: gibt man erst nach, dann schraubt man die Zahnpastatube nicht mehr zu, am nächsten Tag putzt man sich die Zähne nicht mehr, am dritten Tag schiebt man ein gefrorenes Auftaugericht in die Mikrowelle, am vierten Tag kauft man gleich nur noch Zigaretten und drückt die Kippen in den Blechassietten aus, am sechsten Tag raucht man im Bademantel und nagt an kalten Pizzarinden und am siebten Tag stolpert man über die gestapelten Müllbeutel mit den Fertiggerichten in der Küchentür, die fauligen Essensreste laufen über die Fliesen, man glitscht aus und bricht sich das rechte Schienbein und die Sanitäter finden einen mit ungeputzten Zähnen und man hat ja auch die Uhr nicht umgestellt, schreiben Sie die falsche Uhrzeit in den Aufnahmebogen.

Der Tierarzt sieht mich lange an und sagt: Mädchen, warum hast du eigentlich keine Logikprofessur?“

„Lenk nicht ab“, sage ich und ziehe den Tierarzt in die Diele, wo die alte Standuhr steht. Tick-Tock macht die Standuhr und der Tierarzt seufzt: „Dieses störrische Biest.“ Leider hat der Tierarzt Recht. Die alte Standuhr ist wirklich sehr störrisch, das Glasfenster lässt sich nur schwer öffnen und man muss eine Feder an eine Vorrichtung klemmen, um die Zeiger zu bewegen, aber oft springt die Feder ab oder der Stundenzeiger klemmt, es gilt das Pendel zu justieren und so krempelt der Tierarzt die Ärmel hoch.

Tierarzt (T ): Auf geht’s . Der Tierarzt lehnt die Uhr nach vorn, ich halte die Uhr und der Tierarzt öffnet sehr vorsichtig das Uhrenkastel

Ich: YES.

T: Argh.

Ich: A little bit more left.

T: I can feel it.

Ich: You’re nearly there.

T: That’s so damn tight.

Ich: Your fingers are so…

T: Yes…..

Ich: Smooth. Elegant. Strong.

T: Don’t flatter me.

T: G*d I never got in so deep.

Ich: Just a tiny bit more. Can you feel it?

T: Ah. Ah. I don’t want to loose my grip.

Ich: I hold you down. You need to push a tiny bit harder.

T: That’s good. That’s so good.

Ich: You are so close.

T: I am coming closer still.

Ich: That must be it. One last tiny push.

T: Oh yes, yes, yeeeeeees. Here I go. Here I come. Oh yeah.

Ich: Hell yeah.

T: I can still hold it. Can you hold it?

Ich: I can.

T: I let go now. Oh, that’s so good. So damn good.

Ich: You nailed it.

T: I so do. That’s just the right spot. Oh my!

Ich: You do fantastic.

T: I never lasted for so long, didn’t I?

Ich: You really never did. Simply amazing. Yor fingers are so good.

T: G*d. I just did it. That feels so, so good.

Der Tierarzt verschließt das Gehäuse der alten Uhr und sehr vorsichtig kippen wir die Uhr gegen die Wand. Die Uhr macht Tick-Tack-Tock. Ich strahle den Tierarzt an. Der Tierarzt strahlt zurück. Die Uhr glitzert im Sonnenschein. Die Sonne scheint durch die weit geöffneten Fenster. Vor dem Fenster stehen die Frau des Krämers und ihre Tochter. Die beiden Damen kehren so eben vom Kirchgang zurück. Die Frau des Krämers ist kalkweiß. Ihre Tochter ist krebsrot. Sie starren uns an. Der Tierarzt rollt sich die Hemdärmel wieder herunter. „Morgen die Damen Krämer, ruft er herüber, haben Sie schon die Uhren umgestellt. Der Tierarzt zwinkert ihnen zu und hebt neckisch den Zeigefinger: „Nicht, dass Sie noch zu spät kommen.“

Die Damen Krämer eilen wortlos davon. „Die wissen auch nie was Sie wollen“, sagt der Tierarzt kopfschüttelnd. Mädchen, fährt er fort, die Sonne scheint, kommst du mit zu Kälbchen?“ „Klar“, sage ich.

 

Pariser Szenen: Erinnerungsorte

Am Morgen mit der Mali-Tant, dem Jean, der lieben C. und dem Tierarzt in die Rue de Tournon spaziert. Im Hotel Foyet lebte Joseph bis er an gebrochenem Herzen und der verlorenen Heimat starb. Das Hotel gibt es nicht mehr, aber das Café de Tournon gibt es noch. Es ist noch immer ein Trinker-Café, es riecht nahc Zigaretten und Schnaps und die Spiegel sind schlierig. Der Kaffee ist dünn und die Mali-Tant trinkt Sekt. Der Jean trinkt Weißwein und der Jean und die Mali-Tant rollen die Ärmel auf. Die Nummern auf ihren Armen sind blass, aber noch immer sind sie da und wir setzen zwischen den Trinkern und die Mali-Tant und der Jean zählen auf: wen sie haben verschossen im 38er Jahr, wenn sie haben geholt im 42er Jahr und wie sie wiedergekommen sind im 53er Jahr, da hat es nimmer mehr Juden gehabt in Europa und wir trinken auf Joseph Roth und all die, die man hat verschossen. Ich gehe noch 300 Meter weiter, da steht das Hotel „Trianon Rive Gauche.“ In dieses Hotel ist der Schriftsteller Ernst Weiß geflohen, den hat man lang schon vergessen in Wien und Berlin und als die Deutschen im Juni 1940 in Paris marschierten, da sah Ernst Weiß aus dem Fenster, nahm Morphium, legte sich in die Badewanne und schnitt sich die Pulsadern auf.
„Gehen Sie nur“, sagt der Mann an der Rezeption und ich geh die engen Treppen hianuf, neben mit quietscht der alte Fahrstuhl und ich lehne an der Wand und denke an Ernst Weiß und die kalte, weiße Badewanne. Zurück im Café de Tournon zählt die Mali-Tant noch immer auf “ wen sie haben verschossen.“

Am Nachmittag treffe ich die E. Wir essen Suppe in einem Laden, Regen-Sonne-Schauer, französischer Hip-Hop, Obama auf dem T-Shirt des Kellners, die Frauen sehen alle aus, wie aus der Vogue, ich möchte unter den Tisch kriechen, aber die E. lässt mich nicht. Die E. sieht auch aus wie aus einem Modemagazin, aber es hilft ja nichts. Die E. erzählt von Istanbul, bevor sie zurück nach Paris kam, war sie mit ihrer Schwester bei IKEA: Lampen, Servietten, einen Hocker für das Bad. Die E. und ihre Schwester beluden das Auto und wie sie das Auto beluden, da drehten sie sich noch einmal um. Vor dem IKEA fielen ihnen Kinder auf. Keine Kinder aber, die mit ihren Eltern einen Schreibtisch ausprobierten, sondern syrische Jungs, zehn oder elf vielleicht, die den Einkäufern beim Schleppen der Regale und dem Wuchten derselben in die Autos zur Hand gehen. Dafür bezahlt man sie, wenn sie Glück haben und wenn sie kein Glück haben, eben nicht. So sieht das Flüchtlingsabkommen mit der Türkei vor dem Ikea in Istanbul aus. Die E. sieht mich an und fragt nach den Postkarten. Ich nicke. „You never struck me
as optimistic“, sagt sie und ich sage lieber nichts. Ich will ihr nicht sagen, wie sehr ich mich fürchte, dass die Karten immer nur Symbole bleiben und niemals Karten werden. Wir küssen uns auf Wiedersehen.

Auf der Straße fällt mir ein, wie nah wir am Bataclan sind. Ich sage zum Tierarzt: „Wir sind ganz nah am Bataclan.“ Wir kaufen fünfzehn weiße Rosen. Dann gehen wir zweimal ums Eck. Arcade Fire spielt im Dezember und fast jeden Abend spielen Bands, die ich nicht kenne. Zwei Frauen rauchen, ein Mann telefoniert, ein bisschen komisch komme ich mir vor mit meinen Rosen, aber ich lege sie trotzdem hin, obwohl ich mich doch vor Symbolen fürchte. Das Leben geht weiter, ist ja auch so ein Symbolsatz, dabei verschweigt er doch nur, dass nur das Leben derjenigen weitergeht, die nicht warten auf den Schlüssel im Schloss und die Leere am Tisch. Wir stehen da einfach und wir stehen dort fast ein bisschen im Weg herum. Am 12. November ist der Anschlag zwei Jahre her. Ich denke an die Mali-Tant: „Wie man sie hat verschossen.“ Am Abend sitze ich mit der Mali-Tant auf einem alten Fauteuil, meine Hände umklammern ihren Arm, den Arm mit der Ziffernfolge und ich atme in ihr Haar. Lavendel, Chanel und ein Hauch Marzipan. „Weißt Mädi, wenn’s doch mich nur verschossen hätten und net die Mama.“ Meine Hand liegt auf ihrem Arm.

Pariser Szenen: In den Bildern

Jeder Paris Besuch beginnt im Museé d’Orsay. „Man muss Prinzipien haben im Leben Mädi“, sagt die Mali-Tant und der Rest der Reisegesellschaft seufzt wohlmöglich heimlich, aber sagen tun sie nichts und so wandern wir an der Seine entlang dem Museum zu.

„Oh Mädchen“, sagt der Tierarzt. Die Schule von Barbizon, das klingt doch nach Kultur und frischer Luft.“ Ich lächle milde und stimme ihm zu. „Du wirst entzückt sein Liebling“, flöte ich und die Mali-Tant hängt sich beim Tierarzt ein und die beiden wandern nach links. „Wohin hast Du die Mali und den Tierarzt geschickt?“, fragt mich meine liebe C. „Nach Barbizon“, sage ich und die liebe C. jault: „Oh Süße, Du bist gemein.“ „Mag sein, sage ich mag sein“, aber dann gehen wir nach rechts, denn rechts hängen die Bilder von Pierre Bonnard und Eduard Vuillard und ich liebe doch Bonnard und Vuillard so sehr. Niemand nämlich hat witziger gemalt als die beiden, die wohl die albernsten unter den Impressionisten waren. Wer hat denn je mit ernster Miene vor den Bildern der Fräulein Faucheron stehen können? Wer muss sich nicht die Rippen halten vor Lachen, über die Matrone, die die Geliebte besuchte und wer hat nicht vor Entzücken gequiekt über den Hund mit den flatternden Ohren , der im Garten vor einer Frau Männchen macht und nicht losreißen kann ich mich von den vielen Porträts der Pariser Gesellschaft, die ich niemals müde werden zu betrachten und immer habe ich Tränen in den Augen vor Lachen und auch meine liebe C. kichert vergnüglich und wir suchen uns auf den Bildern die schönsten Männer aus für einen Tanz am Nachmittag. Männer mit einem Schnurrbart und einem weißen Anzug aus Leinen, der tanzen kann, aber auch die richtigen Gedichte von Verlaine zu zitieren wüsste und der es nicht übel nähme, riefe man am Sonntag nicht mehr zurück. Lachen muss ich über das Essen bei der Frau Großmama und bedauere noch heute den Schwiegersohn, der Hündchen macht, wie der Hund im Garten, aber nur ein bisschen, denn ich muss doch so lachen über den Schalk und den Witz und die Sonne, die in all ihren Bildern liegt. Ich habe nie ganz verstanden, warum in Museen so wenig gelacht wird, eigentlich machen die Leute immer nur ernste Gesichter und immer die gleichen Fotos. Click. Click, und sehen ein bisschen strafend zu mir und der lieben C. herüber, die wir prustend vor einem Gemälde mit stehen.

Schließlich aber nähern sich auch die Mali-Tant und der Tierarzt. „Mädchen, Du bist gemein!“, sagt der Tierarzt und die Mali-Tant sagt: Mädi, des is schoa arg dunkel im Wald von Barbizon. Aber ich halte mir ja noch immer die Seiten vor lautem Gelächter und der Tierarzt sieht missmutig zu mir herüber. „Gemein, bist du Mädchen“, ruft er und eine wilde Locke fällt ihm in die Stirn. „Du weißt wie sehr ich Kälbchen liebe.“ „Wer wüsste das nicht, Tierarzt, wer wüsste das nicht?“ Der Tierarzt ist kurz davor mit dem Fuß wütend aufzustampfen. „Man führt keinen Verliebten so in Versuchung.“ Denn selbst der Tierarzt muss nun wohl oder übel eingestehen, dass nicht nur Kälbchen schöne, feuchte Augen hat, sondern das herrliche Kälber unter den Bäumen Äpfeli kauten als die Maler ihre Staffeleien ins Freie trugen. Vor allem aber sind die Kälber wohlerzogen, niemals sieht man auf den Bildern, Kälber mit erhobenen Hufen über die Wiesen stürmen, oder gar den Esel verprügeln, noch patschen die Kälber durch tiefe Pfützen und anders als des Tierarztes Kälbchen sind die Kälber von Barbizon sanftmütig, verständig und tiefsinniger Gedanken fähig. Sie wiederkäuen pittoresk und kommt die Milchmagd so sind die Kühe wie Kälber umsichtig, geduldig und keines bleckt die Zähne und schnappt nach eines Fräuleins Finger. Die Kälber auf den Gemälden, strecken niemanden die Zunge heraus, sondern dann und wann verirrt sich einmal eine Apfelblüte zwischen die Ponyfransen und man möchte so ein Kälbchen sofort mit „von Kalb“ anreden. Der Tierarzt jedenfalls ist grünstichig im Gesicht und niemals zu vor war die Einsicht so deutlich wie heute: auch andere Kühe haben schöne Kälber, die schönsten Kälber aber malten die Maler von Barbizon. „Geh Mädi“, sagt die Mali-Tant, wo der Bua doch soa Herz a die Bestie g’hängt hoa.

( Wir wollen froh sein, dass der deutsche Wortschatz des Tierarztes noch nicht all zu groß ist.)

Dann fängt es an zu regnen und die Mali-Tant und meine liebe C. treffen den Jean bei Ladureé, aber ich mag keine Macarons und bin ja außerdem ein Mensch mit Prinzipien und wie jedes Mal in Paris gehen wir weiter ins Les Deux Magots . Viele finden, das Deux Magots sei nichts weiter als eine Touristenfalle, aber ich liebe es. Ich mag die grünen Markisen und die Stühle, die einen zur Haltung zwingen, die alten Ober und die goldene Platte von der man sich das schönste Törtchen erwählt. ( Aprikose mit Pistazienschmand ) und die dicke heiße Schokolade im weißen Krug. Das „Deux Magots“ ist ein Ort wie im Märchen. Aber vor allem ist das „Deux Magots“ eine Art Vogue nur als Tableau. Als Fräulein kann man sich dort eingehend über die Mode der Saison informieren. Das „Deux Magots“ meldet: Perlenketten ( zweireihig ) und auf jeden Fall mit großen, goldenen Verschlüssen. Die Hèrmes Tücher sind orange-hellblau, kubistische Formen auf keinen Fall aber Schlüssel, Ketten oder Trensenringe und ehe nachlässig umgebunden als in die Bluse gesteckt. Die Herren tragen marineblau und einen Salt und Pepper Bart, Ray Ban Sonnebrillen gehen immer noch, Männer wie Frauen tragen große goldene Ringe und wirklich keiner der Männer trägt mehr einen Dutt. Die Frauen haben dunkelrote fast lila Lippen und tragen dicke Pullover zu sehr dünnen Hosen und natürlich kommen zwei Frauen in einem fast identischen, goldenen Kleid. Wie die beiden Damen sich niederstarren, sollte in jedem Management-Seminar unterrichtet werden. Der Tierarzt nippt zwar nur an der Schokolade und quält sich an einer halben Aprikose, aber seine Laune bessert sich doch. Auf dem Trottoir hat er eine Dame erspäht, die einen Mantel aus weißen Wollknäueln trägt, der auf das Haar genau dem Fell ihres Pudels, der auf den Namen Hektor hört, gleicht.

„Mädchen“, sagt der Tierarzt und strahlt wieder heiter: „ du solltest einen Mantel aus Kuhfell tragen, stell dir das vor, Kälbchen und du ihr flaniert im Partnerlook die Dorfstraße entlang. Der Tierarzt hat glänzende Augen vor Glück: „Kann es denn etwas Schöneres geben?“

Pariser Szenen: Ankunft

„Paris“, sage ich. Der Tierarzt seufzt tief. „Paris ist nicht Deutschland“, sagt er. Ich sage besser nichts. „Aber, sage ich wir fahren mit dem Zug und Du wirst so viel von Deutschland sehen als wanderten wir eine Woche durch den Harz. Der Tierarzt, meine liebe C. und ich wir packen also, ich backe einen Reisekuchen ( ein Reisekuchen ist ja essentiell für Unternehmungen wie diese, denn ich erinnere mich immer jener Nacht in der Bahnreisenden über Weihnachten im Schneesturm im ICE ausharren mussten und aus Verzweiflung über die Gesamtsituation, die mitgebrachten Stollen aufaßen. Meine liebe C. macht ihre hervorragenden Reisebrote, und natürlich liegt obenauf im luggage holdall des Tierarztes eine Flasche Sanddornsaft. Der Schaffner pfeift und wir fahren los. Ich wippe mit den Füßen, denn ich bin schrecklich gern in Paris und mit den Mitreisenden bin ich noch viel lieber in Paris und außerdem hat die Mali-Tant sich einverstanden erklärt, in Strasbourg zuzusteigen und die Mali-Tant liebe ich sehr. Lang ist die Zugfahrt und ich stelle mir vor, dass wir endlich Zeit haben für einen ausführlichen Schwatz. Irische Philosophen in Frankreich zum Beispiel. Die Sache mit dem Weltfrieden ist ja auch noch immer ungeklärt, wie macht man die perfekte Sauce Hollandaise und wer ist eigentlich dieser Herr Lindner. Erwartungsvoll sehe ich also die Reisegemeinschaft an. Der Tierarzt klebt mit der Nase am Fenster: „Oh sie mal Mädchen: ein deutscher Baum, ein deutsches Haus, eine deutsche Tankstelle, ein deutscher Baumarkt, eine deutsche Eiche, oh, oh,oh, ein deutscher Spatz. Ich seufze tief. Der Tierarzt kramt den Fotoapparat aus dem luggage holdall und am Ende der Reise werden wir 2000 Bilder verwischter Bäume, Häuser und Tankstellen haben und vor allem verwischte: Hundeopos, Katzenhintern und Kuhallerwerteste. Meine Versuche den Tierarzt von der Fensterscheibe wegzubekommen, verlaufen ins Leere: „Du siehst doch ich bin beschäftigt“, zischt er ohne auch nur eine einzige Wimper in meine Richtung zu drehen. Dann höre ich vom Tierarzt nur noch Click, Click, Click. In Frankfurt allerdings- wir müssen- umsteigen, springt der Tierarzt kurz über den Bahnhof und murmelt:“Frankfurter Luft“ und die „Alte deutsche Messestadt.“ Mir aber liegt vor allem daran den TGV zu erreichen und so ziehe ich den widerstrebenden Tierarzt hinter mir her.
Aber auch meine liebe C. will von einem Tratsch nichts wissen. Kurz nach dem wir abfahren, zieht sie einen Stapel Dokumente aus der Handtasche. Endlich Zeit etwas zu tun, verkündet sie strahlend und dann klappt sie ihr Notebook auf, nimmt ihre oh so ordentlichen Notizhefte zur Hand und vertieft sich in die Endfassung eines Aufsatzes zur Behandlung fortgeschrittener Diabetes II bei Risikopatienten in einer Allgemeinarztpraxis. Die liebe C., die ein systematischer, wie gründlicher Mensch ist, hakt Listen ab, prüft Bildmaterial dreifach, kontrolliert ihre Hervorhebungen dreifach und versinkt nach wenigen Minuten in eine Sphäre arbeitsamer Stille und wird in dieser bis Paris verharren. „Was schon in Frankfurt?“ sagt sie, als ich sie vorsichtig an unseren Umstieg erinnere: „es passt gerade gar nicht.“ „Wären wir nur in Deutschland geblieben“, pflichtet der Tierarzt ihr bei. Ich beschließe einmal „Kälberinternate“ zu googlen.

Die Fahrt aber verbringe ich still und über ein Buch gebeugt. Dann und wann verzehre ich ein Stück Reisekuchen und kaue missmutig auf einem Käsebrot. „Banausen“ murmele ich finster, und setze alle Hoffnungen auf die Mali-Tant. Und wirklich die Mali-Tant, steht in Strasbourg am Bahnsteig und schimpft über Österreich. Das stimmt mich hoffnungsvoll. Kaum sitzt die Mali-Tant aber und legt ihren Hut ab, greift sie in ihre gewaltige Handtasche und befördert ihr Strickzeug hervor. „Der Tierarzt,“ sagt sie hat sich ja einen Norwegerpullover bei mir gewünscht!“ „So, so“, murmle ich finster, denn ich besitze keinen Norwegerpullover von der Mali-Tant. „Ja, der arme Bub“, sagt die Mali-Tant und dann liegt das wollene Ungetüm auf dem Tisch. „Geh Mädi, ich muss mi scho halt konzentrieren“, sagt sie, hält mir Wollfäden hin, die ich ihr anzureichen habe und für die nächsten zwei Stunden murmelt sie nichts anderes als: „zwei links, zwei quer und Kruzifix, wos fia a Sauerei.“ Der Tierarzt indes ist hinter der Grenze eingeschlafen. Es gibt ja für ihn auch nichts mehr zu sehen. Nur einmal erwacht er als der Schaffer sagt man möge auf seine Wertsachen achtgeben. „Es seien Diebe an Bord.“ Da erhebt der Tierarzt das Haupt wie einstmals Medusa und knurrt: „Diese Franzosen.“ Die liebe C. tippt und die Mali-Tant strickt. In Paris angekommen, winke ich ein Taxi herbei, der Taxifahrer sieht aus wie in Deutschland, Philosophieprofessoren und ich sehe meine Chance gekommen, denn der Mann spricht nicht nur Französisch, sondern das gleiche Arabisch wie ich. Keiner der Mitreisenden aber spricht Arabisch. Der Taxifahrer und ich schwatzen über: Macron, die geplante Reform des Gesundheitswesens, das Wetter, die beste Art Huhn im Tontopf zuzubereiten, die Probleme der banlieues und die schwierigen Antworten darauf. Hinten im Fond sagt der Tierarzt:

„Ich glaube Sie erzählt über die vielen verwackelten Hundepopos auf den Bildern.“

„Ich fürchte sie beklagt sich über die Hingabe zur Wissenschaft und den elenden Aufsatz“, sagt die liebe C.“

Die Mali-Tant sagt: „Eh Mädi, aba bitteschön tu mi net verkaufen in a Karawanserei, ich moch di halt auch so eana Pullover.“

„Ist alles in Ordnung bei den Damen und dem dünnen Schatten auf der Rückbank?“, fragt der Taxifahrer. „Welche Rückbank?“, denke ich, aber ich sage: „In allerbester Ordnung.“

Im Anflug

Am Ende eines langen Tages, das Flugzeug doch noch bekommen. Über Dublin breitet sich feuchter Nebel aus. Der Leuchtturm hinter dem das kleine Dorf liegt, ist verschwunden und der Pilot sagt, dass mache nichts und dann erzählt er vom Nebel über Connemara und wir alle wünschten uns wohl, wir könnten hier einfach sitzen bleiben und er erinnerte sich weiter und weiter. Aber dann fliegen wir doch los, der Tierarzt späht nach Kälbchen, aber das ist aussichtslos. Der Tierarzt winkt trotzdem. Irgendwann gibt der Nebel nach und wir fliegen in ein seltsames, verschwommenes Blau hinein. Ein Blau als wäre das Wasserglas über dem Tuschkasten ausgekippt und jetzt liefe das Wasser über die blaue Farbe hinweg. Blau, blau, blau ist alles was ich lieb. Im Fenster des Flugzeuges sind wir dunkle Schatten. Ich bin zu müde, selbst wir für die Schatten und lehne mich gegen das Fenster, auf einen Moment noch dem Blau hinterher. Der Tierarzt lehnt sich nicht gegen das Fenster oder die Lehne oder mich. Der Tierarzt lehnt sich in meinen ipod hinein. Er hört sich durch die Element of Crime und Kettcar Platten. Ein Deutschlandvorbereitungskurs in siebzig Liedern oder so. Er hört mit konzentriertem Blick zu und vor ihm liegt ein Notizbuch. In das Notizbuch schreibt er deutsche Wörter, die er versteht. Mädchen, natürlich, es ist das deutsche Wort, sein deutsches Wort, im Englisch-Deutsch-Wörterbuch ist das Wort angekreuzt, die Seite eingekniffen und oft fährt der Tierarzt mit dem Finger über das Wort und nickt. Das Wort gibt es ja wirklich. Später einmal, werde ich gefragt, da bin ich mir sicher, was ich so gemacht habe im Leben und dann werde ich an das Englische-Deutsche Wörterbuch denken und das unterstrichene Mädchen darin. Das werde ich sagen, das habe ich gemacht, diese Tür habe einmal aufgeschlossen für jemanden und er nahm den Schlüssel gleich an sich und fiel in die vielen, wundersamen deutschen Wörter hinein. Vielleicht ist der Tierarzt dann lange schon verheiratet mit Sabine aus Braunschweig, ein brauner Labrador, ein Bild von Kälbchen in einer Schublade, das Wörterbuch braucht er dann schon lange nicht mehr, eine Praxis mit angeschlossenem Hundewägelchenverleih und zwei Kinder, die spielen im Garten. Der Tierarzt schreibt noch immer, aber ich lehne am Fenster und obwohl wir doch nach Berlin fliegen und der Tierarzt Michaela sagt schreibt, denke ich nicht an Deutschland, und einmal ist mir Michaela ganz egal, denn es ist Diwali und ich bin nicht in Delhi, sitze nicht an meinem Platz, es gibt keine Gulab Jamun für mich und kein Kardamomeis, eine Diwali Spezialität von Frau Rajasthani. Und ich wünschte, ich säße nicht im Flugzeug nach Berlin, sondern auf dem Dach und sähe auf Delhi herunter. Unten auf dem Balkon, da rauchte der Nachbar und der Nachbar sagte: „Endlich verbieten dieses ewige Feuerwerk an Diwali.“ Die Luftverschmutzung. Dann zündete er sich eine Zigarette an und paffte vergnügt weiter und Frau Rajasthani und ich wetteten, wer von uns als erster begönne laut zu lachen. Aunty, in jedem indischen Haus gibt es eine Aunty, eine der Frauen, die alles wissen, selbst Geheimnisse, die sie noch gar nicht kennen für Aunty sind sie längst schon kalter Kaffee. Auch bei den Rajasthanis gibt es eine Aunty, die an Fest und Feiertagen wie selbstverständlich einen Platz am Tisch hat. Ich also, füllte mir eine zweite Schüssel mit Kardamomeis, Herr Rajasthani brächte mir Tee, und während ich Eis löffelte, rückte Aunty näher zu mir heran uns sagte:

„Frau Dripivati hat Frau Shrivati eine Kiste mit Galub Jamun aus dem Jahr 2013 geschenkt. Frau Dripivati aber markiert seit Jahren ihre Präsentpralinen mit bunten Bändern und hat sofort gemerkt, was hier gespielt wurde. Nächstes Holi wird sie sich rächen.“

„Herr Bhatia hat seiner Frau einen goldbestickten Sari machen lassen, aber seiner Geliebten hat er Schmuck zukommen lassen und weil er nicht nur dreist, sondern ein Tölpel ist und ein eitler Pfau, ein baboons-ke hat er das Preisschild für den Schmuck in das Sari-Paket gelegt und in das Schmuckpaket den Sari Preis.“ Nun hat Herr Bhatia weder Frau noch Geliebte und ein trauriges Diwali zu erwarten. Ein dunkles Diwali keckerte Aunty und verlangte, ich hätte das Eis ja inzwischen auch ausgelöffelt, Lohn für ihre Erzählungen, legte die Füße in meinen Schoß und hieße mich ihre Waden zu massieren und dann erzählte sie wie die Familie Preevati ein Diwali-Schnäppchen machen wollte und dabei doch drei- und vierfach auf die Nase fiel und dann lachte Aunty, denn Herr Preevati hatte über Aunty die Nase gerümpft, als sie ihn fragte, warum er einen neuen Kühlschrank brauchte, wo seine Frau doch sieben G*tter in der Küche zu stehen habe.

Aunty erschöpft von so viel Tratsch und Klatsch, schliefe im Sessel ein und wenn es doch nur immer noch so sein würde, wie ich einmal hoffte, so stünde der A. neben mir auf dem Balkon und wir zündeten die Tonlampen an und der A. sänge für mich von der Rückkehr Ramas und der G*ttin Lakshmi und die Kinder von Frau Rajasthani würden sich hinter den Blumentöpfen verstecken und rufen: „Küsst euch.“ Aber alles ist anders und auch dieses Jahr bin ich zu Diwali nicht in Indien. Ich weiß nicht, wo der A. zur Puja geht und ob er nicht inzwischen längst einer Frau einen Sari geschenkt hat und Frau Rajasthani schilt mich, weil ich nicht komme und weil ich das Detektivbüro Rajasthani und Partners in Angelegenheiten des A. nicht in Anspruch nehmen will.

Der Tierarzt fragt mich: „Mädchen, what’s that Getränke Hoffmann?“ Frau Rajasthani sagt: „Du hast nie Zeit, das ist doch nicht neu, setz dich ins Flugzeug und komm.“ Ich sage ihr nicht, dass ich dann vielleicht nie mehr zurückkehrte oder schlimmer noch den A. suchte. Frau Rajasthani rächt sich in dem sie mir die schlimmsten aller Whatsapp Diwali Nachrichten schickt.

Dann aber landet das Flugzeug. „Delmenhorst“, sagt der Tierarzt. „Komm“, sage ich.

Woanders ist es auch schön.

Nahezu unbeachtet von den großen Nachrichtenhäusern, Fernsehanstalten und Betroffenheitsgesten starben über 300 Menschen bei einem Anschlag in Somalia. Aber auch Somalia ist ja kein Land für das man sich zu interessieren braucht. Dort gibt es ja ohnehin nur Piraten ( nur ohne Jonny Depp ) und damit ist doch alles gesagt. Aber in Somalia sterben die Menschen und ein Zahnarzt hielt es nicht mehr aus.

Miz Kitty hat ein altes Gemäuer gekauft und erzählt nicht über die Tücken ländlicher Gemeinden, sondern auch über die verschlungenen Wege der Restaurierung.

Es gilt das geschriebene Wort. Via Kiki

Es gibt sie diese Texte, die einem immer wieder neu den Atem nehmen.

Warum es sich sehr empfiehlt immer Zimtschnecken nah bei sich zu haben.

Warum Kreuzfahrten für viele homosexuelle Chinesen die die letzte Hoffnung sind.

In Indien beginnt Diwali und dieses Lied versetzt sie garantiert in festliche Schwingungen und ehe sie sich versehen, kaufen auch Sie Wunderkerzen und feuern das Büro zu einer Polonaise an.