Von fern ist das Meer niemals nah.(4)

Hier finden Sie den ersten, zweiten und dritten Teil der Geschichte.

Sie steht am Bahnhof noch immer mit kalten Händen. Die Urne ihres Vaters wiegt schwer in der Tasche. Zum ersten Mal steht ihr Vater nicht neben ihr. Nicht einmal mehr als Schatten, zu schwer wiegt die Asche an ihrer linken Hüfte. Der Tod vertreibt die Phantasie, verschluckt die Erinnerungen, ihr Vater trägt keine blaues Hemd mehr, wechselt im Zug nach Brighton nicht mehr von den schwarzen Schnürschuhen in die Sandalen, breitet nie wieder die Arme aus: „Mädchen, riechst du das Meer?“

Stickig und veratmet ist die Luft im Zug. Eine Schuklasse, eine Junggesellenabschiedsgruppe. Rosa Tutus über ihren Jogginghosen, bubenhafte Gesichter, aber ein harter Zug darin eingegraben schon jetzt. „We are gettin pissed“ schreien sie, als würde man es ihnen nicht ansehen. „Willst du mal was Großes sehen, grölt einer der Männer zu ihr herüber. Sie schweigt, dann kommt der Schaffner, mehr Menschen drücken in den Zug, ein Mann will ihr die Handtasche abnehmen, bietet ihr an, sie in die Gepäckablage zu legen, sie umklammert mit beiden Händen den Lederriemen. „Lassen Sie das“, sagt sie und er schüttelt empört den Kopf. „Bloody people.“ Als sie ein Kind war, da schlief sie auf dem Schoß ihres Vaters während der Fahrt ans Meer. Aber nur noch die Urne mit der Asche ist übrig, eng in ihre Rippen gepresst, sie sieht aus dem Fenster. Goldfische im Glas, denkt sie, Goldfische im Glas sind wir alle. Die Junggesellen rülpsen Lieder.

Kühl ist es in Brighton als sie aussteigt. Eine Hand ist ihr eingeschlafen während der Fahrt. Kribbelnde Fingerspitzen, ein tauber Fuß. Zerknittert hängt ihr Mantel über dem Arm. Sie kennt den Weg, kennt ihn besser als andere Wege, wie oft ist die Straße zum Meer hinuntergehüpft, hinuntergerannt, heruntergerollert, auf hohen goldenen Sandalen zum ersten Mal heruntergeschritten. Eine Königin aus Southall, 16 Jahre, ihr Vater hielt sie fest, damit sie nicht vor den Augen aller, die Balance verlor. Sie muss schlucken. Die goldenen Sandalen liegen noch immer in einer mintgrünen Kiste unter ihrem Bett im Haus ihres Vaters. Der Weg hinunter zum Strand ist ihr zäh und lang, trist der Weg und viel länger als sonst, zieht sich immer nur weiter und weiter dahin. Sie bleibt stehen. „Wie begräbt man einen Vater?“ Sie hat keine Antwort, nicht auf diese Frage. Eine Unre voll Asche im Meer, kann nicht mehr sein als es ist, ein grauer Moment in der blauen Unendlichkeit. Für eine ganze Weile sitzt sie auf einer grünen Bank und starrt auf ihre Schuhe. Praktisch und blau, comfy, murmelt sie, keine Spur mehr von Glitzer und Gold. Wieder beginnt es zu regnen, ihr Mantel hat dunkle Flecken und sie steht auf, und geht die Straße hinunter, die Straße führt ans Meer.

Am Strand aber stehen dicht gedrängt mehr Menschen als an jedem sonnigen Sommertag. Ein Rettungswagen. Polizisten, gelbes Absperrband und knisternde Funkgeräte. Dumpfer Regen, und alles durchdringenden Feuchtigkeit. Nein, sie denkt nicht an Kurta, Kurta den Hund, den Mann, dessen Namen sie verloren hatte, dafür wiegt die Asche an ihrer Hüfte zu schwer. „Was ist das?, fragt sie einen Mann mit zerdrücktem Hut neben sich. Ist das ein Surfwettkampf heute? Sie überlegt, wie sie ihren Vater wohl gehen lassen kann, inmitten all dieser Menschen, die auf das Meer starren, einige haben sogar Ferngläser dabei. Eine Frau steht zu ihrer Linken, einen Bademantel über die Frotteehosen gezogen, eine Tasse mit Instantkaffee in der Hand. Auf der Tasse ein Plüschbär mit Pflaster über dem Ohr. Ihr wird übel von dem Geruch, der säuerliche Kaffee und das süßliche Parfüm der Frau. Sie kann sich nicht mehr erinnern, wann sie etwas gegessen hatte. Der Mann mit dem zerdrückten Hut schüttelt den Kopf: „ Nein, kein Sport“, sagt er, ein Mann ist ins Meer gegangen. Er sagt es so wie: Ein Mann ist Zigaretten holen gegangen. Ein Mann ist zur Arbeit gegangen. Ein Mann ist in den Park Ball spielen gegangen. Nur eben: „Ein Mann ist ins Meer gegangen.“ „Ein Mann ist ins Meer gegangen wiederholt sie stockend.“ Der Mann nickt. „Einer wie Sie.“ Sagt er mit einem feixendem Grinsen. „Einer wie ich?“, fragt sie. Er grinst noch immer, feixend wohl um seine Verlegenheit zu überspielen. „Ein Dunkler halt“, sagt er dann dreht er sich weg, zieht seinen zerdrückten Hut vom Kopf nach vorn und winkt Bekannten. Die Frau im Bademantel bietet ihr eine Zigarette an: „Machen Sie sich nicht draus, seine Frau ist ihm abgehauen mit einem Paki.“ Sie starrt die Frau an. Die Frau starrt zurück. Dann drängt sie sich weiter nach vorn, vorbei am Mann mit dem zerdrückten Hut und seinen Bekannten bis zum gelben Absperrband. Das Band flattert im Wind, grauer Regen und das Meer eine kalte, graue, eine harte Mauer aus Beton und Salz. Ein Polizist schreit in das Funkgerät, Satzfetzen aber keinen davon kann sie entziffern. Eine Polizistin hält ein Bündel Kleider in den Armen. Pullover, T-Shirt, Hose, Socken, ein Paar Schuh, sorgfältig zusammengelegt, ordentlich gefaltet, fast so als sei er frisch gebügelt. „Kein Telefon“, schreit die Polizistin, die Schuhe fallen herunter und sie will die Schuhe aufheben, ordentlich nebeneinander stellen, so als würde das schon reichen, so als würde die Ordnung der Welt durch die exakt gelegten, gefalteten und sortierten Kleidungsstücke wieder hergestellt. Sie starrt auf den Pullover. Sie sieht seinen Rücken hastig, an ihr vorbeirennen in Richtung Bahnhof. Sie schließt die Augen.

Der Regen wird stärker, die Menschen gehen zurück in die Häuser, der Mann zieht sich den zerdrückten Hut tief ins Gesicht, das gelbe Absperrband flattert losgerissen im Wind. Die Polizisten warten im Auto, sie öffnet die Augen und dann sitzt sie im nassen Sand, die Feuchtigkeit kriecht ihr über die Schultern, ihre Handtasche liegt neben ihr im Sand. Sie starrt auf das Wasser, schäumend und wild, grau-schwarz, tief und unendlich, eine schwarze Welle leckt an ihren Füßen. Das ist nicht mehr das Meer meiner Kindheit denkt sie, aber eigentlich denkt sie nichts mehr, starrt nur noch auf das kalte, rasende Meer. „Komm zurück“, rief sie ihm nach. „Kurta, Komm doch zurück.“ Dann wird ihr schwindlig und das ist alles was sie noch weiß. Später, wie viel später weiß sie nicht, beugt sich eine Frau über sie: „Wake up Luv’, sagt sie, und das erste was sie sieht, ist die Tasse mit dem Teddybären. „You have to get up’,sagt die Frau und wieder hält sie ihr die Tasse hin, ihr Bademantel riecht nach Zigaretten, Parfüm und Einsamkeit. Dann erst sieht sie den Hund.
„Sit“, sagt die Frau zu einem kleinen Terrier, schwarz, braun, gepunktet, der nach den Riemen ihrer Handtasche schnappt.“ Der Hund der Frau leckt über ihre Hand. „Er heißt Johnny“, sagt die Frau im Bademantel und zündet sich eine Zigarette an.

Dies ist der vierte und letzte Teil meines Beitrags zu Kiki’s #SepteMeer

6 Gedanken zu “Von fern ist das Meer niemals nah.(4)

  1. Deine Texte sind soo lebendig, so melancholisch, so berührend. Ich habe mir bei der Stelle mit der eingeschlafenen Hand meine Hand reiben müssen, damit sie nicht auch gleich einschläft und nun habe ich den Geruch von Parfüm und Zigaretten in der Nase.

    (Ist das Fiktion oder so geschehen?)

  2. „Man kann nicht als Hund leben“, das ist so wahr.
    Erschreckend wie tröstlich: Das Meer macht keinen Unterschied, es nimmt alle auf.

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