Ein neues Jahr

Als die Sonne untergeht, höre ich kein Shofar, sondern nur das nimmermüde Telefon. Überhaupt das Telefon. Die A. ruft an und schimpft: „Diaspora-Juden.“ Wer die Feiertage nicht heiligt, den fressen die Raben schreit“ sie so laut, dass nicht nur das ganze Büro es hört, sondern sehr sicher auch ganz Jerusalem. Ich versuche vergeblich mich zu verteidigen. Die A. aber will davon nichts wissen. „Faule Ausreden und jämmerliches Gewäsch“, schnarrt sie und setzt ihren Sermon über die hohen Feiertage und Familienpflichten fort. Zweimal versuche ich noch sie zu unterbrechen, aber schon mein leises…aber…. reizt die A. zur Weißglut und mit einem letzten empörten und voller Verachtung gerufenen: „Diaspora-Juden“ kanllt sie den Hörer auf. Es folgen noch dreiundzwanzig ähnliche Whatsapp-Nachrichten, aber dann hat die A. besseres zu tun, als sich mit mir herumzuschlagen, denn ihre Neujahrstafel ist festlich bestückt und anders als die Nachbarn, die im Herzen wohl auch Diaspora-Juden sind, backt sie 200 Challot und dankt jeder Biene einzeln für den Honig und natürlich sind ihre Granatapfelkerne größer und saftiger als die aller Anderen. Ich sitze mit zitternder Hand im Büro. Die Zimmerpalme fächelt mir Luft zu: „Mach Dir nichts draus!“ haucht sie und ich schlucke. „Aber wenn die A. nun doch recht hat?“, sage ich und die Palme seufzt. Ich denke an das kleine irische Dorf und die vielen, schwarzen Elstern, die Raben schon sehr, sehr ähnlich sehen.

Die Frau des Krämers schreit: „Ha, Fräulein Read On, ich habe es nachgeschlagen, heute ist eines ihrer seltsamen Feste. „Heute Abend beginnt RoshHaShana“ Frau des Krämers, sage ich, „es ist das jüdische Neujahrsfest, denn das Jahr 5778 ist angebrochen“. Die Frau des Krämers stützt die Hände in die Hüften: „So was, ein Jahr beginnt immer am 01. Januar und nicht mitten im September. „Alles Humbug, alles Kokolores, komische Spinnereien bei ihnen.“ Ich atme tief ein und staple Möhren und Äpfel auf der Ladentheke. Die Frau des Krämers gestikuliert noch immer und kommt zu ihrem Lieblingsthema nämlich meiner Weigerung Schwein zu essen, eine Absonderlichkeit, an die sich die Frau des Krämers wohl niemals zu gewöhnen mag und sie bemitleidet mich wie so oft, niemals meinen Tag mit einem heißen, fettriefenden Würstchen beginnen zu können. „Sie sind Sie eigentlich niemals neugierig, frage ich Sie, auf die Feste der Anderen?“ „RoshHaShana glaube ich könnten Sie mögen, es gibt… ,“ aber da unterbricht mich die Frau des Krämers schon und zornig blinzelt sie zu mir herüber: „Weihnachten ist eben Weihnachten“, ruft sie und schickt ein wütendes: „Sie lasse sich doch nicht ihr Schönstes nehmen“ hinterher. Ich muss schlucken und denke an meine Großmutter, die immer den schönsten Weihnachtsbaum hatte und niemals ohne ein spöttisches Lächeln sah, dass ich den Kidduschbecher erhob. „Weihnachten ist eben Weihnachten“ höre ich die Frau des Krämers noch immer rufen, da stehe ich schon in der Küche und schneide Möhren für den Tzimmes.

Meine Großmutter machte Tzimmes kalt, rieb die Karotten, gab Apfel und Rosinen und allerlei anderes dazu, obwohl sie doch niemals „Shana tova“ sagte und über meinen Tzimmes, nur den Kopf geschüttelt hätte, den meiner ist eine Kasserole, geschmorte Möhren in Hühnerbrühe, mit Backpflaumen, Honig und Chilli dazu. Immerhin riecht das Haus nach dem neuen Jahr, denke ich und decke den Tisch. Ich entkerne die sündhaft teuren und immer trockenen Granatäpfel, die man in Irland zu kaufen bekommt und wärme die Challah im Ofen. Dann kommt der Tierarzt. Der Tierarzt schnuppert in der Küchentür. „Hmm, hmm, hmm,“ macht er und es klingt nicht erfreut. „Das ist Tzimmes, Tierarzt“ sage ich und stelle ihm einen Teller hin. Der Tierarzt stochert in den Karotten, spießt eine Karottenscheibe auf und starrt sie lange an. Die Backpflaumen sortiert er aus, die Challah würdigt er keines Blickes und die Granatapfelkerne mit Honig kann er nicht ausstehen. „Hmm, hmmm, hmm,“ sage ich und klinge nicht sonderlich erfreut, „vielleicht schadet ein Löffel ja nicht.“ Aber natürlich irre ich mich. Der Tierarzt lässt den Löffel fallen und sagt: ICH HASSE ESSEN, ALLES ESSEN, DAS ESSEN HASSE ICH GANZ BESONDERS, ICH KENNE NICHTS WIDERLICHERES ALS MÖHREN, MÖHREN SIND ÄH, BÄH, RABÄH, ZUM WÜRGEN, IMMER ZWINGST DU MICH ZU ESSEN, WARUM KANNST DU MICH NICHT ENDLICH IN RUHE LASSEN? WARUM?WARUM?WARUM? DAS IST SO WIDERLICH DIESE STÄNDIGE ESSEREI, ICH HASSEN ESSEN, ALLE DÜRFEN ABNEHMEN, NUR ICH NICHT, NUR DU ZWINGST MICH ZUM ESSEN, JEDEN TAG ZWINGST DU MICH ZUM ESSEN, DABEI BIN ICH SCHON SO FETT, FETT, FETT, DU BIST SO HINTERHÄLTIG UND GEMEIN, ICH HASSE ESSEN, UND DASS DU MICH SO ZWINGST HASSE ICH NOCH VIEL MEHR UND DIR MACHT DAS AUCH NOCH SPASS MICH SO ZU QUÄLEN UND ICH HASSE ESSEN UND ICH HASSE MOHRRÜBEN UND DICH HASSE ICH AUCH.

Ich stehe auf und mache das, was ich sonst nie mache, denn ich habe eine solche Abneigung gegen alle Art Verschwendung und gegen die von Lebensmitteln ganz besonders und kippe die Kasserolle mit dem Tzimmes, die Teller mit den Karotten, die Granatapfelkerne und die Challah in den Mülleimer. ( Wenn die A. das wüsste, wäre ich tot. ) Dann verstecke ich meine Arme und die zitternden Hände in den weiten Ärmeln meiner Strickjacke, und gehe nach oben. Ich wasche mir die Haare und rolle mich mit Nussschokolade auf dem Sessel zusammen. Ich fühle mich noch schlechter, denn man isst keine Nüsse über RoshHaShanah. Aber eigentlich ist mir auch schon alles egal. Dann klingelt das Telefon und die liebe C. ist am Apparat. Sie sitzt in der Badewanne der A. und flüstert, denn die A. gestattet den Gebrauch von Mobiltelefonen nicht an Shabbat nicht und an den hohen Feiertagen schon gar nicht: „Shana tova, Süße“, sagt meine liebe C. und singt ganz leise für mich und zählt so viele gute Wünsche auf, wie sie mir niemals einfallen würden. Dann muss sie zurück zur Tischgesellschaft, nicht das die A. noch misstrauisch würde und ich gehe zu Bett, der Regen tropft gegen die Fensterscheiben, Shana Tova, flüstere ich der Dunkelheit zu und hoffe trotz allem auf ein helleres und leichteres Jahr, als es das Vergangene war.

59 Gedanken zu “Ein neues Jahr

  1. Shana Tova. Ich wünsche ein Jahr mit ganz viel Süßem, ganz viel Früchten – der Liebe, der Arbeit, der Menschenzuwendung.
    Und immer eine liebe Stimme im Ohr.

  2. Ach, umso mehr: Gesundheit für das neue Jahr für Sie und den Tierarzt. Wie glücklich der Tierarzt ist, dass Sie wissen, wenn die Krankheit spricht, und nicht er.

  3. Ein trauriges Neujahrsfest; es hat mich auch sehr traurig gemacht, das zu lesen.
    Ich schicke ganz viele gute Wünsche, Sonne, Liebe, Musik, Kraft und Zuversicht, Aufgehobensein, freundliche Zuwendung, gutes Gelingen bei der Arbeit, einen milden Winter und täglich ein freundliches Meer, ein kleines bisschen Appetit für den Tierarzt und ein wenig Nachdenklichkeit für die Krämersfrau.
    Und ich danke sehr, sehr herzlich für die wunderbaren Texte voller Lebendigkeit – emotional, aber nicht sentimental. Alles Gute !
    Elisabeth

    • Ich danke von Herzen für all die guten Wünsche. Ich nehme sie alle sehr gerne an und Nachdenklichkeit scheint mir oft zu fehlen, leider übertönt Geschrei zu oft, das Geschehen. Auf das dieses Jahr ein leichtes und leises werde!

  4. Liebes Fräulein ReadOn,

    ich wünsche dir von Herzen ein gutes neues Jahr, dir, dem Tierarzt und den Tieren.
    5778 – mein lieber Schwan! Danke für die Einblicke in eine Welt, mit der ich im Alltag keine Berührungspunkte habe.

  5. Shana tova liebes Fräulein. Ich wünsche Ihnen ein gutes neues Jahr und uns Lesern viele neue Geschichten. Vielen Dank für’s Schreiben.

  6. Liebes Fräulein ReadOn, ich danke Ihnen für ein Jahr wunderbarer, wundersamer, trauriger, erhellender, funkelnder, gescheiter und menschlicher Geschichten und Tränen und Lachtaumel und Herzrührungen und Geistesblitze und Kälbchen-Memorabilia (von denen ich mir nie zuvor hätte träumen lassen) in meiner zweiten Heimat und wünsche Ihnen:

    !אַ גוט געבענטשט יאָר

  7. Liebes Fräulein Read On,
    auch ich schließe mich allen guten Wünschen an und wünsche Ihnen von Herzen Shana Tova! Möge Ihr neues Jahr ein Gutes werden, mit viel Freude, Wärme, Liebe und Sonne.

  8. Hoffe und wünsche sehr, dass der Gaul, der mit dem Tierarzt durchgegangen ist, im Neuen Jahr beim Anblick von Möhren nicht wieder durchdreht. Die Geduld, die er vom *Mädchen* für sein Essleiden erfährt
    dürfte auch nicht unendlich sein. Krankheit hin, Krankheit her, sie berechtigt nicht zur Tyrannei.

    Ein Glück, dass es die liebe C. gibt, die mit Wünschen und Gesang dem Fräulein noch einen Zipfel
    vom Fest gerettet hat. Ihnen allen einen guten Rutsch.

    • Die liebe C. Ist großartig und die Welt wäre so viel dunkler ohne sie. Nein, der Tierarzt ist kein Tyrann, nur krank, aber die Hoffnung soll man auch im neuen Jahr nicht verloren geben.

  9. Liebes Fräulein ReadOn, auch ich wünsche Ihnen ein helles, glückliches und gesundes neues Jahr und danke für die interessanten Einblicke in eine mir bisher unbekannte Kultur. Behalten Sie Ihr großes Herz und Ihren Blick weit über den eigenen Tellerrand hinaus (aber bitte verlieren Sie sich dabei auch selbst nicht aus den Augen).
    Was kann man den Tierarzt wünschen? Das ist schwierig; mit Ihrer Geduld und Nachsicht ist er schon beschenkt (nebenbei, falls Sie von Ihrer scheinbar unerschöpflichen Geduld einmal etwas abgeben wollen; ich nähme eine Portion).

    • Ich danke sehr für all die guten Wünsche und hoffe es wird Sie hier auch im neuen Jahr nicht langweilen.

      Ich bin gar nicht besonders geduldig fürchte ich, aber leider hilft die Ungeduld dem Tierarzt auch nicht weiter. So heißt nicht nur im neuen Jahr Weiteratmen!

  10. Der arme arme Tierarzt.
    Sicher geht es ihm jetzt sehr schlecht und er bereut schon, wie er sich benommen hat.
    Das neue Jahr kann nun nur besser werden.
    Meine besten Wünsche und „un abbraccio“

    • Diese Krankheit ist wirklich ein zu tückischer Gegner und vielleicht folgt nach dem holprigen Start doch noch ein gutes Jahr- Ihre guten Wünsche helfen sehr! Ich danke von Herzen!

  11. Gilt das auch noch, wenn ich morgen einen (hoffentlich) saftigen Granatapfel esse, den ich zufällig gerade in meinem Obstkorb habe? Ich betrachte ihn schon mit ganz anderen Augen, danke für Ihre wunderbar mit uns geteilten Episoden!

  12. Shanah Tova aus New Jersey, wo Schulen während der jüdischen Feiertage geschlossen sind, und alle Schulkinder wissen, was gefeiert wird.

  13. Shana Tovam, liebes Fräulein Read on – auf dass im kommenden Jahr Sellerie und alles, was Sie sonst nicht mögen, schön Abstand von Ihnen hält und das Gute Ihnen im Gegenzug nur so entgegen geflogen kommt!

  14. nun….. will auch ich Ihnen von ganzem Herzen ein gutes neues Jahr wünschen, voller Nussschockolade, rettenden Anrufen, Weisheit, Ruhe, Atem, Chilli und saftigen Granatäpfeln.
    Wissen Sie, es kann ja nicht jedes Neujahrsfest seelig, friedlich, harmonisch und romantisch anfangen. Das Gute aber ist, der Verlauf des beginnenden Jahres ist vollkommen unabhängig vom Verlauf des Neujahrfestes 🙂
    Alles Liebe zu 5778 !!!!!

  15. Ein wunderbares neues Jahr, ich sage es mit meinen Worten, obwohl ich die „fremden“ sehr gern gelesen habe, aber eben nicht nachmachen mag, was ich grade erst kennenlernte. Jedenfalls: Möge dieses neue frische Jahr viele Runden im See und immer genug Atem bereithalten, und Gesundheit und Glück für Dich und Tierarzt und Kälbchen, viele Butterblumen und den Duft nach Neuem und Gutem. Von Herzen: auf ein gutes neues Jahr.

  16. Shana tova liebes Fräulein!
    Ich bin mir sicher, dass Nüsse unter diesen Umständen ganz sicher nicht verboten sind und wenn sie in Schokolade stecken schon mal gar nich verboten sein können!
    Wenn das die A. wüsste, käme sie persönlich vorbei um mit ihnen Nüsse zu knacken und zu essen, ich bin mir sicher!
    Auf dass Ihnen niemals die Schokolade, der Humor, Ihre Herzenswärme, Weitsicht und Güte ausgeht und das Jahr ein wunderbar süßes, leichtes und beschwingtes sein wird! Ich wünsche es Ihnen von Herzen!

  17. Auch von mir ein wunderbares, leichtes und herzerwärmendes neues Jahr voller Glück und allem, was Sie sich für sich und Ihren Tierarzt wünschen.

    Vielen Dank für Ihren Blog und Ihre wunderbare Schreibweise, die einen immer wieder mit nimmt, verzaubert aber auch aufrüttelt, nachdenklich macht und oft genug ein Lächeln aufs Gesicht zaubert.

    Viele Grüsse
    Clara

  18. Oh, ich habe dieses Jahr mein allererstes Rosch Haschana gefeiert, und es war wunderschön. Ich hätte Ihnen gewünscht, dass es auch schön wird – das gute Essen, so schade! Und ich wünschte, es wären immer freundliche Menschen um Sie herum, ohne Vorwürfe oder Streit oder Unverständnis, und ich hoffe sehr, dass der Tierarzt sich wieder beruhigt und entschuldigt hat und alles wieder gut ist oder besser wird.

  19. Etwas verspätet auch von mir ein gutes neues Jahr. Mögen Sie und all ihre Lieben gesund bleiben, die Probleme kleiner werden und die glücklichen Momenten den Alltag versüßen.

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