Szenen aus dem Leben eines seltsamen Fräuleins.

Die Szene: Ein windschiefes Haus irgendwo in Irland. Links der Kirchturm St. Sylvester, im Garten des Hauses eine alte Kastanie. Bewölkter Himmel. Die Dorfstraße, hier steil ansteigend, auf der Straße, ein Fräulein mit Bücherbeutel, Tasche und Einkäufen beladen. Das Fräulein ist angetan mit einem gelben Wetterfleck, robusten schwarze Ankleboots mit denen sich auch Mordor durchwandern ließe, ihre Haare, die von weiten an ein Shetlandpony erinnern, wogen im Wind, ihre Nase tropft und augenscheinlich murmelt sie Flüche. Vor dem Haus: ein alter, klappriger, roter Volvo.

Die Frau kramt nach dem Schlüsselbund und betritt das Haus.
Am Küchentisch sitzt ein mittelalter Mann, (ein blauer Schafwollpullover, kunstvoll gezauste Haare), tief gebeugt über tierärztliche Fachliteratur, auf seinem Schoß schläft eine Katze, zu seinen Füßen hechelt der Hund.

Auftritt Fräulein ( Frl.):

( Der Bücherbeutel fliegt in Richtung geöffnete Küchentür)

Frl.: Man fasst es ja nicht. Man fasst es ja nicht. Dass sich vor Kindergärten und Schulen die Blechlawinen stauen und Eltern in Hupwettkämpfe und Tätlichkeiten verwickelt sind, um ihrem kleinen Wunderkind noch zehn Meter zu Fuß zu ersparen, ist nicht neu. Nein, das ist nicht neu. Aber ( das Fräulein reißt die Arme nach oben ) heute hat mich eine SUV-Mutter, die das liebe Erstsemester zum Semesterbeginn auf den Campus kutschierte, umgefahren. Einfach so, beim Rückwärtsmanövrieren, fuhr sie mich um. Zwar langsam, aber doch ganz bestimmt, fuhr sie mich um und während ich versuchte zur Seite zu hechten , bläkte sie dabei aus dem Autofenster: „Hey Sie, wo geht es denn zur Immatrikulation.“ Ich schrie natürlich: Halten sie das verdammte Auto an.“ Das hat mir den Fuß gerettet, denn so fuhr sie nur über den mir entglittenen Bücherstapel. Man fasst es ja nicht. Diese Impertinenz.

( Der Tierarzt liest die Bücher auf, stapelt sie sorgsam auf dem Küchentisch und starrt auf den deutlich sichtbaren Reifendruck auf dem Buchdeckel)

( Das Fräulein pfeffert ihren gelben Wetterfleck hinterher.)

Frl: „Aber, wenn Du glaubst, das sei es schon gesehen, dann kennst du das Fräulein schlecht. Heute war der australische Delegierte da. Sagt die J. ( die liebenswürdigste Chefin der Welt ) Read On, der ist ein Fall für dich. „Gut, gut“, sage ich und der australische Delegierte bekommt die Spezialführung. Ich erzähle die Geschichte vom Krokodil, lasse die Sache mit Oscar Wildes Griechischprüfung nicht aus, erläutere den Mord von anno 16xx en Detail und spreche dann über Mary Shelley.“ ( Der Tierarzt bückt sich und hängt den gelben Wetterfleck auf einen Bügel.) „Ich stehe also mit dem australischen Delegierten etwas abseits der Erstsemester und rede über Mary Shelley, da knöpft der Mann ohne Vorwarnung sein Hemd auf und zeigt mir einen Fledermausbiss irgendwo auf seiner stark behaarten Brust. (Das Fräulein reißt an einem Ankleboot und schleudert auch diesen in Richtung Küchentür.)
Man fasst es doch nicht! Den Fledermausbiss habe ich nicht gesehen, dafür die Kekskrümel im Brusthaar des Delegierten. „Machen Sie bitte das Hemd zu.“, sage ich also, da setzt der Mann zu einer langen Erklärung über das Leben im australischen Busch an , krempelt sein Hosenbein hoch und zeigt mir zwei Spinnenbisse. Alles noch immer mit offenem Hemd. ( Endlich hat sich das Fräulein auch des zweiten Schuhs erledigt, um diesen dem ersten Schuh hinterherzuschleudern.) Man glaubt es ja nicht. Was für ein Kerl. Ein Kerl, sage ich dir.

( Der Tierarzt hustet, augenscheinlich um nicht Lachen zu müssen. Das Fräulein sucht in der Hosentasche nach einem Haarband. Mit zusammengebissenen Lippen rohrspatzt sie weiter:

Frl: „Dann diese Auszubildende. Sie wird noch der letzte Nagel zu meinem Sarg. Ich schreibe also in allerherzigster Handschrift sechs Einladungen, edelstes Papier, Goldrand, plage mich mit dem blöden Aufziehfüller, habe Tintenflecken an Körperstellen, von denen ich nicht ahnte, dass ich sie habe und lege sie der Auszubildenden hin, damit sie diese in Briefumschläge tut, die ich vorbeschriftet habe, frankiert und auf die Post trägt. Was macht diese Person? Diese Person gießt ihre Wasserflasche über die Einladungen aus. Kann man das denn begreifen? Das kann man doch nicht begreifen! Was für ein Rindviech! Ich setzte also erneut an, der Füller tropft aus purer Bosheit, ich habe Tintenschlieren an der Nase, aber sechs Einladungen sollen es werden, ich lasse die Einladungen in die Briefumschläge gleiten, vorsichtig wie behutsam, ich schreibe die Adressen auf die Umschläge, ich frankiere die Umschläge, ich sage: Auszubildende: Wasser, Kleber, Joghurt, alles fort, hier sind sechs Umschläge bringen sie die zur Post.“ „Jetzt.“ Ich gehe meiner Wege. Ich lasse mich verlachen der Tintenschlieren wegen, ich arbeite wie der Esel sieben, ich raufe mir achtfach das Haar und kehre in das Büro zurück. Da steht die Auszubildende vor meinem Büro: „Fräulein Read On, heult sie, ich habe die Einladungen geschreddert, aber wirklich nur ganz aus Versehen.“ Ich zähle bis 133 und sage: „Gehen Sie mir aus den Augen.“ Ich schreibe sechs, neue Einladungskarten, ich beschrifte, frankiere, ich eile selbst zur Post. Ich habe Tintenflecken auf der Brille und ich schwöre Dir: „Eines Tages da reißt mir die Hutschnur, da reißt mir die Hutschnur und dann wird Schreckliches geschehen. Noch in vielen Hundert Jahren, wird jemand davon erzählen wie einmal dem Fräulein Read On die Hutschnur riß!“

( Der Tierarzt hat inzwischen die Schuhe ins Schuhbord getragen und lehnt gegen den Küchentisch.)

Tierarzt ( leise kichernd) : „Mädchen, ich warte auf den Tag, wo Du Dir auch noch den Kopf abreißt,um ihn über die Schwelle zu schleudern, aber sei gewiss, ich werde ihn fangen.

( Der Tierarzt beginnt haltlos zu lachen.)

Frl: ( bindet sich die Haare zusammen.) „Wenn Du nur lachst!“

Der Tierarzt: „Nicht nur ich“. Zu seinen Füßen grinst der Hund. Auf dem Küchenstuhl johlt die Katze.

Frl: „Ich werde die grinsenden Gesichter nicht vergessen.“

Der Tierarzt küsst die tintenfleckige Nasenspitze des Fräuleins.

17 Gedanken zu “Szenen aus dem Leben eines seltsamen Fräuleins.

  1. Immer dieses Wechselbad der Gefühle, hier bei Ihnen, liebstes Fräulein ReadOn! Zerrissen zwischen Mitgefühl und Lachen!

    An des Tierarztes Stelle hätte ich ja Sorge, dass sie irgendwann den Kopf der Auszubildenden über die Schwelle schleudern, weil die Hutschnur am Ende tatsächlich gerissen ist.

    Liebste Grüße an Sie, den Tierarzt, das Kälbchen, den Hund, die Katze, den Priester und alle Vögel im Garten und über der See!

  2. Ganz grosse Liebe, Fräulein! Es musste auch raus, wie der Tag war… Und vor alle, ganz ganz grosse Liebe für den Schreibstil! Das gibt einem soviel Zuversicht, dass da draussen noch gute Menschen sind. Sie zum Beispiel!

  3. Köstlich.
    Ich hatte mal eine Azubine an der Backe, die 120 (!) selbstklebende Briefumschläge einzeln angeleckt hat und sich danach bei mir beschwerte, wie pelzig ihre Zunge jetzt sei. Ohne Worte.

  4. Das Imponiergehabe des männlichen Australieres hat sich doch sehr vom europäischen Standard weg entwickelt. Der Druck muss immens gewesen sein, gegen Shelley, Oscar Wilde und ein Krokodil anzustinkern. Er musste sogar Haut frei legen. Bin gespannt, wie er sich weiter entwickelt.
    Das Lehrmädchen ist einfach strunzdoof, da hilft nix.
    Und die Geschichte ist so wunderbar geschrieben, dass ich meine helle Freude daran habe. (Wobei mir persönlich noch der Schlenker zur Kokodilsgeschichte fehlt ;))

  5. Es gibt SOLCHE Tage! Diese Worten sind vermutlich nicht wirklich ein Trost. Aber ein Versuch sind sie es ja wert. Bitte beruhigen sie sich auch künftig erst nach dem schreiben eines Blogbeitrages. Danke!

  6. Ich arbeite ja was ganz anderes, aber auch ich kenne solche Tage. Da mache ich auch die Haustür auf und rede mir meinen ganzen Frust von der Seele, scheuche die Kinder herum und dann gehts mir wieder gut. Nur manchmal sind dann der Mann und die Kinder etwas beleidigt, aber das geht schnell vorbei. Ich brauche dieses Frustgewitter, danach bin ich wieder der Sonnenschein. Mein Spitzname war lange “ die Lächelnde“ und so gehe ich durchs Leben. Ich nehme trotzdem jeden ernst und habe auch eine Engelsgeduld mit unbequemen Mitmenschen, aber irgendwo muss ja der Druck hin. Nur so kommt man gesund durch diese verrückte Welt.

  7. Kürzlich las ich den folgenden Satz: “ Auch der schlimmste Tag hat nur 24 Stunden.“ Das hat doch durchaus etwas Tröstliches. Und wie gut, dass Sie den Tierarzt haben.
    Die Auszubildende dagegen ist in der Tat ein schwerer Fall. Vielleicht sind Sie zu milde mit ihr?

  8. Falls der australische Gesandte noch nicht wieder abgereist ist, sollten Sie erwägen ihn mit der Auszubildenden bekannt zu machen. Vielleicht nimmt er sie mit zu den Krokodilen.

    Ein Glück, dass Ihr Fuß heil blieb! Schade um die Bücher ist es natürlich trotz allem.

  9. Ist im Hause des Tierarztes vielleicht noch ein kleines Plätzchen für eine kleine Maus, die ich ab und zu gerne mal wäre… nur so um die Geschichten live zu erleben. Trotz blühender Fantassie, ich wäre so gerne dabei gewesen.
    Liebe Grüße
    Martina

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