Besuch bei Frau Guo

„Mädchen, sagt der Tierarzt, Dir ist ja immer noch so kalt!“

Ich sitze nämlich am Samstag Nachmittag zitternd im Büro und schüttle ich den Kopf, so fallen Eiskristalle aus den Shetlandponyhaaren und meine Hände sind kalte Eisblöcke und von meine Füßen will ich gar nicht erst anfangen.

„So geht das nicht Mädchen, fährt der Tierarzt fort, wir gehen zu Frau Guo.“

Zustimmend klappere ich mit den Zähnen: „Tierarzt, das ist eine sehr gute Idee.“

„Könnte von Kälbchen sein, die Idee!“, stimmt der Tierarzt mir freudig zu. Ich denke an Kälbchen, das diese Woche den ebenfalls auf der Weide lebenden Esel so getriezt hat, dass dieser nur noch mit erhobenem Huf über die Weide hoppelt und schweige lieber zu diesem Thema. Besser ich packe meinen Kramuri in die Tasche und dann gehen wir durch den kalten Regen zu Frau Guo. Frau Guo’s Familie betreibt das Orient Paradise, den Supermarkt der Stadt, in dem es Okra, Hühnerfüße und wirklich niemals Sellerie zu kaufen gibt. Im Supermarkt betreibt Frau Guo einen Imbiss und als ich nach Irland kam und Frau Guo’s Laden ausfindig machte, da wurde mir Irland ein klein wenig heimatlicher. Damals noch ohne Tierarzt trat ich an die Theke und sagte: „Einmal Rindfleisch extra scharf bitte!“ und Frau Guo musterte mich eingehend. „Extra-scharf?“, fragte sie und ich nickte und zeigte auf die grünen Chillies und klapperte ähnlich wie heute mit den Zähnen. Seit jenem kalten Novembertag sind Frau Guo und ich alte Scharfesser-Freunde und schon als wir den Supermarkt betreten, winkt sie mir zu. „Fräulein Read On, sie waren lange nicht da.“ Ich bekenne mich gleich schuldig und Frau Guo häuft Huhn und Gemüse zu einem Berg und ich nicke: „extra-scharf, bitte! Frau Guo lässt sich nicht lange bitte und sehr viel grüne Chilli landet auf dem Gemüsehühnerberg. Der Tierarzt aber bekommt von Frau Guo eine Schüssel heißer Suppe vorgesetzt, ähnlich wie meine liebe C. duldet Frau Guo kein“Nein, das esse ich nicht“, sondern klopft dem Tierarzt aufmunternd auf die Schultern und hört nicht weiter auf sein Nein, Nein, sondern sagt: „Spezialsuppe für Tierarzt!“ Ich indes schwelge in Huhn und scharfen Champignons und in der linken Hand halte ich eine grüne Chilli, in die ich beherzt hineinbeiße. „Fantastisch“, huste ich und langsam tauen meine Füße wieder auf. Frau Guo strahlt. Zwei Kunden schielen auf die tierärztliche Suppe, aber Frau Guo schüttelt den Kopf: „Suppe Spezial“, sagt sie „für den Tierarzt.“ Der Tierarzt löffelt eifrig und ich greife nach der zweiten Chili und nage mit tränenden Augen an einem Hühnerknochen. Hinter mir hängt Herr Guo Enten in den Bräter und Tochter Guo wiegt Fisch ab, im Hintergrund läuft eine Soap aus Korea und dann setzt sich Frau Guo mit einem Teller voller Hühnerfüße zu uns und ich beiße in die dritte Chili. „Read On“, sagt Frau Guo. „Elections in Germany“ Ich nicke, denn wie der Tierarzt so ist auch Frau Guo eine innige Bewunderung des Landes der Dichter und Denker. Frau Guo und ihr Mann waren nämlich vor zwei Jahren in Frankfurt und die Liebe war so groß wie absolut. „Wie Shanghai, sagt Frau Guo, nur so sauber, so ordentlich, und die Frankfurter wahre Himmelsmenschen.“ Frau Guo und ihr Mann saßen nämlich in Frankfurt in einem Heurigen und schlürften Äppelwoi aus tönernen Krügen und als Frau Guo die Toilette des Heurigen aufsuchte, so hing dort an den Kacheln ein Putzplan mit Zeiten und Unterschrift und auch wenn Frau Guo des Deutschen nicht mächtig ist, so verstand sie gleich: hier herrschen Glanz und Gloria und ( wahrscheinlich auch Chlor). „Ein Toilettenzertifikat“, sagt Frau Guo staunend und ist neidisch auf die Deutschen, die in einem so keimfreien, wie ordentlichen Land leben dürfen. Das ist natürlich Wasser auf des Tierarztes Mühlen, der sofort einstimmt und schon ist der Orientparadies angefüllt mit: „Blumeninseln!“, „Ausflugsdampfern“,“Fußgängerzonen“, der Tierarzt weiht Frau Guo in die Magie der Wauziwägelchen ein und Frau Guo lauscht seinen Berichten mit ungläubigem Staunen. Ich gieße derweil Sojasauce über mein Gemüse. Deutschlandexperten soll man nicht stören und mit verhangenen Augen beschwören Tierarzt wie auch Frau Guo, Deutschland als ein lange verloren geglaubtes Paradies. Die Deutschen ist man sich einig sind wohlerzogen, haben Tischmanieren, gepflegte Vorgärten und 11.000 Sorten Brot. Nächstes Jahr plant Familie Guo eine Moselreise und das der Tierarzt mich belauert, wann wir wohl nach Berlin zurückkehren, sei nur der Vollständigkeit halber angemerkt.

Auch Herr Guo ruft nun vom Hackbrett herüber, dass die Würste in Frankfurt vortrefflich geschmeckt hätten, das Bier nicht einmal lauwarm gewesen und ein ehrlicher Bäcker hätte ihm 25 Cent herausgegeben, dabei hätte er gar nicht gemerkt, dass er zu viel bezahlt habe. „Ja, so sind Sie die Deutschen“, sagt der Tierarzt mit glühendem Blick und hat darüber seine Suppenschüssel leer geschlürft.

„Merkel for Chancellor“ ruft Frau Guo mit erhobener Hühnerkralle und seufzt. „Chancellor Merkel very realist“, sagt sie und der Tierarzt nickt. Ich glaube der Tierarzt nimmt an, dass Angela Merkel selbst, hinter der Erfindung der Hundewägelchen steht. Physiker sind ja bekanntlich zu allem fähig. „Merkel for Chancellor“ ruft auch der Tierarzt und Herr Guo ruft es auch.( Sollte Frau Merkel je genug davon haben mit Tomaten beworfen zu werden, hier bekäme sie nicht nur scharfes Huhn, sondern auch Extra-Lob. Dann beklagt der Tisch den Zustand der irischen Politik. „Lazy“ ruft Frau Guo, „rotten“ ruft der Tierarzt, „ swindlers“ knurrt Herr Guo und das Beil trifft einen Knochen. Die koreanische Soap ist zu Ende und ein Nachrichtensprecher informiert über chinesische Dinge. „You know Read On“, sagt Frau Guo, we don’t have any politicans in China. Only gangsters.“ „Criminals“, pflichtet Herr Guo ihr bei. Dann seufzen sie beide.

„The Germans are very lucky.“, sagt Frau Guo.

„The Germans and their dogs are very lucky“, sagt der Tierarzt.

Die Deutschen wissen nicht viel über das Glück, denke ich, aber ich sage nichts, denn Frau Guo zieht ihr Telefon aus der Tasche und zeigt dem Tierarzt das deutsche Toilettenzertifikat. Liebende soll man nicht stören.

16 Gedanken zu “Besuch bei Frau Guo

  1. Hach, könnte ich doch auch Mal wieder so stolz aufgrund mein Land sein! Aber es ist wie alles eine Frage der Perspektive! Sie schreiben so wunderbare Texte, Sie können sehr stolz auf ihr Talent sein, vielen Dank fürs Teilen! Herzliche Grüße aus Norddeutschland Ingrid

  2. Wunderbar. Was würden die drei wohl über mein Heimatland Schweiz sagen? (Ich gestehe, dein Text macht dankbar: Außensichten öffnen die Augen, selbst wenn das Gesehene geschönt und verklärt wird.)

  3. „Die Deutschen wissen nicht viel über das Glück, …“ – genau das ist der Punkt. Denn viele Deutsche wissen nicht, in welch wunderbaren Land sie leben. Sie meckern und schimpfen nur immer.

  4. Ach, mir geht es aber auch manchmal so: Bin ich woanders, dann bekomme ich nach wenigen Wochen so ein ordentliches Heimweh auch nach Deutschlands sehr gartenzwergischen Seiten, vielleicht sogar: Gerade danach.

  5. Ach! Mögen die Liebenden nie so von Deutschland enttäuscht werden wie ich von meiner großen Liebe England durch das Brexit-Votum.

  6. Es ist das Privileg der Urlaubenden, den Einheimischen ihr Heimatland zu polieren, unscheinbare Schätze zu finden und strahlend zu präsentieren. Und jeder Gast nimmt ein Stückchen Sonne mit nach Hause und wärmt sich an kalten Tagen in der eigenen Heimat daran wie an einer extrascharfen Hühnerbrühe.

  7. *Liebende soll man nicht stören* – Ja, das stimmt.
    Doch manchmal sind’s halt die Um- und Zustände, die stören, wie z.B.
    die „Migrationspartnerschaft“ von Chancellor Merkel. 😦

  8. Pingback: Für den Vorratsschrank: Bohnensuppe mit Tomaten und Harissa – Chestnut & Sage

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