Zeitgeist

Eine Frau setzt sich im Zug neben mich. Dabei ist der Frühzug so leer wie niemals wieder. Mir schwant Arges und schon hebt sie an: „Sie stehe im direkten Kontakt mit den Engeln“, sagt sie und wirft mir einen finsteren Blick zu. Ich gähne und nicke: „ Wie schön“, sage ich aber sie versteht es als Aufforderung mir von den langen Engelskonversationen denen sie teilhaftig wird, zu berichten. Sie spricht lange von der Sünde und dem Zorn der Engel und aus ihrem Mund riecht es faulig und ich wünschte die Engel würden mehr über Zahnpasta sprechen und nicht so arg viel über den Sündenpfuhl und die Schande. „Möchten Sie einen Kaugummi?“, frage ich sie, denn mir macht der Geruch sofort Übelkeit. Sie starrt mich für einen Moment fassungslos an und schreit: SIE KÖNNEN DIE ENGEL NICHT HÖREN. IHRE OHREN SIND MIT WACHS VERSCHLOSSEN. ( Ich wünschte meine Ohren wären mit Wachs verschlossen, aber leider ist dem ja nicht so. ) „Die Engel würden sich das alles, alles merken“, sagt sie und schüttelt die Faust dann bricht sie in Tränen aus und steigt aus.

Mit einem Stapel Unterlegen in den Armen laufe ich einmal quer durch zwei Gebäude, seige 174 Treppenstufen nach oben und klopfe dreimal gegen eine Tür. „Herein“, flüstert es und ich trete ein. „Guten Morgen“, sage ich, Fräulein Read On, Angnehm, ich komme in Angelegenheit“, weiter komme ich nicht, denn die Frau am Schreibtisch steht auf und greift nach meiner Hand. Noch mehr als Sellerie aber hasse ich, fassen mich fremde Menschen an. Ich kann das einfach nur sehr schlecht vertragen und vor Entsetzen fallen mir die Akten aus der Hand. Die Frau starrt mich an und schon schluchzt sie: „Meine Mutter ist tot.“ Als ich endlich ein Taschentuch herausgefummelt habe, sind zwei Aktendeckel durchgeweicht. „Das tut mir leid, sage ich, das tut mir sehr leid, sage ich, wie man eben so dahin stammelt, ich kenne nicht einmal den Namen der Frau. Aber das die Frau nicht arbeiten kann ist klar. „Bitte setzen sie sich doch hin“, sage ich und die Frau sinkt auf einen Stuhl und schluchzt. Ich drücke ihr ein zweites Taschentuch in die Hand und klopfe an zwei weitere Türen, die dritte Tür öffnet sich. „Ihrer Kollegin geht es nicht gut, sage ich.“ “Oh, sagt der Kollege und starrt die Frau an die ihr Gesicht in den Armen vergräbt und weint. „Können Sie nicht?“, sagt er. Ich schüttle den Kopf. „Rufen Sie jemanden an“, sage ich und ziehe ein drittes Taschentuch hervor. Dann nehme ich den Aktenstapel und gehe zurück. Der Kollege bewegt sich langsam auf das Telefon zu. Ich lehne noch einen Moment gegen die Tür, bis ich höre wie der Kollege sagt: „Ja Hallo, hier ist der G….“

Die Auszubildende ist aus den Ferien zurück. „Sie habe alles vergessen“, sagt sie. Sie weiß nicht mehr wie der Bürostuhl zu verstellen geht, oder wie man Dokumente mit dem Klammeraffen aneinanderheftet, sie weiß nicht mehr wo die Büroklammern sind und wie der Computer mit dem sie seit drei Jahren arbeitet angeht, hat sie auch vergessen. Das Passwort hat sie nie gehört und das Telefon klingelt herzzereißend. Sie weiß nicht mehr, dass sie auf die grüne Taste für „Annehmen“ drücken muss. Ihr Notizheft hat sie verloren und den Schreibtischschubladenschlüssel hat sie verloren. Ich grinse hämisch und hole das 15er Skalpell zur Hilfe. Ich heiße Sie Blumen gießen, sie schmollt: „Das ist doch was für Babies.“ Ich lächle süßlich. „Unterschätzen Sie Babies nicht“, sage ich und sie ertränkt die Foyerpalme. Tee kochen kann sie auch nicht mehr: „Der Wasserkocher sei viel zu schwer.“ Die Briefe frankiert sie alle auf der der falschen Seite und ich lasse sie die Briefmarken wieder abfummeln und sie stöhnt: „Wie ich Sie hasse!“ Ich nicke, denn ich habe schon Schlimmeres über mich gehört.

Wie man die Druckerpatrone des Kopierers wechselt hat sie vergessen und die Briefe kann sie nicht zur Post tragen, weil sie sich nicht mehr erinnern kann, wo die Post ist. Diktate abtippen kann sie auch nicht, weil ihre Finger weh tun und als die Geschirrspülmaschine ausräumt, zerschlägt sie zwei Tassen und kann Kehrblech und Handbesen nicht finden. „Um zwei Uhr“ bin ich zurück rufe ich und heiße sie Kartons zerreißen. Als ich zurückkomme, ist ihr Büroplatz verwaist, das Telefon klingelt unermüdlich, die Kasse steht geöffnet auf dem Schreibtisch, alle Türen stehen offen und in der Küche läuft der Wasserhahn. „Ist das Absicht, dass die Türen offen stehen?“, frage ich die Auszubildende, die mit einer letzten Rauchwolke vor dem Mund zurückkehrt. Sie starrt mich an, bricht in Tränen aus, und verschwindet von dramatischen Schluchzern geschüttelt auf die Toilette. Wenigstens hat sie über die Ferien nicht vergessen, dass sie zum Rauchen vor die Tür gehen soll.

Der Tierarzt ist schon zu Haus. Er bügelt und hört, denn der Tierarzt ist ja von überwältigender Liebe zu Deutschland gepackt, Nietzsches „Jenseits von Gut und Böse“ in einer irgendwann einmal in meinen Besitz gelangten Hörbuchfassung und wie alle Verliebten, ist es ganz gleich, dass er kein Wort versteht, hört er die Geliebte nur reden. Ich ziehe die Schuhe aus, hänge den Mantel auf, werfe die Tasche auf den Küchentisch und drehe Nietzsche leiser: „Mädchen, lächelt der Tierarzt, wie war dein Tag?“ Ich habe, lieber Tierarzt, sage ich seufzend und küsse ihn auf die Nasenspitze, heute lauter Frauen zum Weinen gebracht.“ Der Tierarzt aber küsst erst meine Mundwinkel, und legt das Bügeleisen aus der Hand: „Mädchen, sagt er und macht eine kleine Kunstpause : that is so very zeitgeisty of you!“

21 Gedanken zu “Zeitgeist

  1. Zeitgeisty….hihihiiiiii.
    Und beim Rest würde mein Kollege S. sagen : Sonnenflecken, es sind die Sonnenflecken, wenn merkwürdige Ereignisse sich häufen. Er glaubt wirklich daran. Also auch zeitgeisty 🙂

  2. Klingt wirklich bedenklich, die Vergesslichkeit der Auszubildenden. Leiden jetzt schon junge Menschen unter
    Demenz ! 😉
    Der Zeitgeist sagt: „Alles gut“.

  3. Zeitgeist ist prima, also warum nicht mit dem Fahrrad zur Arbeit? So vermeidet man viele Spinner (und erlebt ganz andere, zugegeben, aber man redet mit denen nicht).
    Nietzsche ist auch grossartig, für die Praktikantin empfehle ich die Stelle mit dem „vergiss die Peitsche nicht!“ Dann gibt es noch den Aphorismus: „Sehr gefallen mir auch die Geistig-Armen: sie fördern den Schlaf. Selig sind die, sonderlich, wenn man ihnen immer Recht giebt.“

    • Es hat nicht jeder die Möglichkeit, sich nach der Ankunft auch wieder frisch zu machen. Ich hatte mal einen Chef, der kam jeden Tag mit dem Rennrad zur Arbeit – glauben Sie mir, ich wünschte mir immer sehr, er hätte sich nicht nur umgezogen, sondern hätte sich auch duschen können.

      Auch ist man mit dem Rad nicht unbedingt schneller als mit dem Zug. Und dann ist da ja auch noch der häufige Regen und die ohnehin kühleren Temperaturen. Fräulein Read On friert doch eh schon so oft.

      • Ja, das stimmt alles, aber es hat auch viele gute Seiten. Ist ja nur ein Vorschlag, aber wenn ich mir überlege, wie Schettland-Pony-Haare besonders bei Nieselregen auf Fahrtwind reagieren, wäre das sehenswert.

      • Sie wollen mich endgültig und für alle Tage der Lächerlichkeit preisgeben, während Kinder auf der Straße rufen: Da kommt das Fräulein Pony mit dem meterdicken Haar?

    • Ich wohne über 40 Kilometer von Dublin entfernt und bin zu faul jeden Tag 80 Kilometer Rad zu fahren. Ich werden die Auszubildende nie wieder wie vor dem Peitschenzitat ansehen können. Danke auch dafür.

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