180 Karten und ein Geburtstagsbrief für Deniz

Auf ein Wort will ich es ankommen lassen.( Karte Nummer 180 ) für Deniz. Heute eine Geburtstagskarte. #freedeniz #schreibdeniz

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( Was nicht auf der Karte steht.)

 

Dublin, 10.09. 2017

Lieber Deniz,

ich bin keine gute Geburtstagsbriefschreiberin. Nicht nur weil meine Karten an Sie mit dem Türkisch-Wörterbuch, einer zerfledderten Türkisch-Grammatik und dem PONS TÜRKISCH-Intensiv-Kurs zusammengeleimt sind, ( das aber auch ), vor allem aber, weil der Anspruch mit dem guten Füller jetzt besonders gute Wünsche zu formulieren, allzu schnell ins schauderlich Banale abgleiten, denn was weiß man schon über die Wünsche der Anderen.

Ein Freund von mir pflegte an Geburtstagen immer den Müttern zu gratulieren. Richtig mit Blumenstrauß und Pralinen. „Was hat man denn schon mit dem eigenen Geburtstag zu tun?“, sagte er und die Mütter freuten sich, glaube ich schon. Also, dieser soll Geburtstagsbrief mit einem Hoch auf ihre Mutter beginnen. Ich kenne Ihre Mutter nicht sonst: Blumen. Einen großen Strauß. Sonnenblumen, ihre Mutter hat einen großen Sohn. Deutsch die Sprache mit dem doppelten Boden. Ja, ihre Mutter hat einen großen Sohn und Sonnenblumen soll Sie haben. Am besten gleich ein ganzes Feld. Mit Blumen soll man sich nicht in Bescheidenheit üben.
( Mit dem Lob auf die Mütter schon gar nicht. )

Heute an ihrem Geburtstag stürmt es in Irland, Regen und Wind und um sieben Uhr war ich Schwimmen. Rauschende Brandung, scharf der Sand zwischen den Zehen, eine Sturmböe und wieder Regen. „Was für ein Wetter“, sagen die Nachbarn und Sie gehen ins Wasser. Ich nicke dann immer und klappere mit den Zähnen, aber mit den Füßen im Sand, da dachte ich Freiheitswetter, ist das heute. Nichts anderes. Ein Sturm, der Fenster öffnet und Türen eindrückt, Regen der sich unter die Keller schiebt und das Meer, das brüllende Meer, Neptun als Staatsmann, unbesänftigt und vor allem unnachgiebig. Die Luft und das Meer, die harten Wellen ihnen liegt die Freiheit zu Grunde. Heute ist ihr Geburtstag, dachte ich und eine Welle schlug über meinem Kopf zusammen. Für zehn Sekunden atemlos. Das wünsche ich Ihnen, nichts anderes, nichts von alledem, was auch noch ginge, nur das: möge die Welle der Freiheit sie erreichen. Ob es die siebente oder die achte Welle ist, ich will nicht zählen, sondern die Freiheit soll zu ihnen kommen, Türenschlagen, mit klappernden Fensterläden, mit Gebrüll und Geschrei, so soll die Freiheit zu ihnen kommen, laut und mit der Faust auf den Tisch soll die Freiheit schlagen, das die Wände wackeln, einstürzen und nichts bleibt übrig als grauer Staub und vereinzelte Steine. Die Freiheit soll hereinbrechen, soll Sie herausbrechen, soll über ihrem Kopf zusammenschlagen, wie die kalte Welle über mir am Morgen. Ich wünsche Ihnen, dass die Freiheit ihnen den Atem nimmt. Einen Schluckauf sollen Sie kriegen von so viel Freiheit.

Eine Frechheit soll die Freiheit Ihnen sein. Lautes Gelächter, nichts Schüchternes, nichts Schamhaftes soll die Freiheit für Sie sein, sondern unbändig, wild und mit dem eisernen Willen behaftet, der Sie doch trägt, soll die Freiheit sie bei den Händen nehmen, schwielige, raue Hände, die Freiheit hat viel gesehen- stelle ich mir vor-hinter sich herziehen soll die Freiheit Sie, bis Sie stolpern vor so viel Freiheit und den Freiheitsschluckauf haben Sie ja noch immer. Aber das alles macht nichts, das alles muss genau so sein.

Die Freiheit singt laute Lieder. Nicht nur das Lied von den freien Gedanken, mir war es immer etwas zu zahm. Ich glaube die Freiheit grölt Räuberlieder und da bin ich mir sicher die Marseillaise. Die Freiheit ist ein scharfes Schwert. Erinnern Sie die Szene in Casablanca? Im Offizierskasino sitzen die Deutschen und schmettern die Wacht am Rhein und dann geht Victor im weißen Dinnerjackett zur Kapelle und sagt: La Marseillaise! Und es ist Victor nicht Rick, der hier der Freiheit zu ihrer Stimme verhilft und nach zwei Minuten ist die Wacht am Rhein Geschichte und Yvonne, Himmel, Yvonne mit diesem Gesicht in dem die Freiheit steht, wird nicht zur Marianne, sondern hier singt die Freiheit selbst und hier muss ich immer weinen. Die Freiheit ist ein zorniges Lied, ein Lied aus der Kneipe nicht aus dem Männergesangsverein. In der großen und vielleicht der einzigen Szene in der die Deutschen und die Freiheit zueinander finden 1989 in der Nacht in der die Mauer fällt und die Menschen, die Freiheit mit den Händen greifen, da spielt in meinem Kopf die Marseillaise. ( Ich muss immer weinen. ) Ich kann mich über diese Nacht nicht beruhigen. Eine Nacht reicht für die ganze Freiheit. Die Szene in Casablanca endet mit Vive la France, aber es ist die Freiheit die leben soll, es sind Sie, der in Freiheit leben soll, Sie sollen die Freiheit mit beiden Händen greifen, sie sich in die Tasche füllen, sich an ihr betrinken, besinnungslos.

Ich wünsche Ihnen nichts als die Freiheit, diese Freiheit, die unbändige, wilde Freiheit, die soll zu ihnen kommen, durch Fenster und Türen, durch den Spalt Himmel, nicht lange fragen, nicht mit dem Schlüssel kommen, sondern mit der Wucht des Sturmes, der die Türen offenhält, und Sie und nicht ich müssen den Deutschen schreiben, das sie die Freiheit nicht preisgeben sollen, einen Freiheitswecker mit leuchtenden Ziffern möchte man den Deutschen schenken, aber heute haben Sie Geburtstag und ich wünsche, dass die Freiheit Sie sich zurückholt, die Freiheit der offenen Tür.

Gestern schrieb mir jemand und ich war gerührt, sehr sogar, mehr noch als beim Anblick Humphrey Bogart’s, warum die Postkarten an Sie nicht auf Deutsch geschrieben seien, sondern auf Türkisch und ich erklärte, dass die Chancen sonst noch schlechter stünden, dass die Karten Sie doch erreichten. Und er schrieb: „Es sind deutsche Landsleute. Sie lesen und schreiben deutsch in Deutschland.“ Das wünsche ich mir, Sie sehen, was für eine schlechte Geburtstagsbriefschreiberin ich bin, mir nun auch etwas zu wünschen, nämlich, dass Sie der deutsche Journalist und ich der heimatlose Jude uns auf Deutsch schreiben können- in aller Freiheit.

Vive la liberté. Frei sollen Sie sein, in diesem Ihrem, neuen Lebensjahr.

Ihr Fräulein Read On

14 Gedanken zu “180 Karten und ein Geburtstagsbrief für Deniz

  1. Auch mir fällt nichts Wichtigeres ein, was man Deniz wünschen könnte. Und wie immer haben Sie auch für diesen einen, großen Wunsch ganz wunderbare Worte gefunden.

  2. Verehrteste, ich wünsche mir mit Ihnen das alles für Deniz Yücel, was Sie so viel besser in Worte fassen können. Und Ihnen, Ihnen wünsche ich ebenfalls das Allerbeste. Vielen Dank für Ihr Engagement auf allen Ebenen, Ihre Texte. Mögen Sie die Schwumme genießen können, die Sprache, in der Sie schreiben, selbst wählen dürfen, und sich nicht weiter erklären oder gar verteidigen müssen. Ich möchte gerne alles dafür tun, dass dies so bleiben und/oder werden kann. Auf die Freiheit!

  3. „…., mir nun auch etwas zu wünschen, nämlich, dass Sie der deutsche Journalist und ich der heimatlose Jude uns auf Deutsch schreiben können- in aller Freiheit.“

    Fräulein ReadOn, Sie sprechen von sich als Jude, warum nicht Jüdin?

    „Heimat habe viel mit der Sehnsucht nach etwas zu tun, was man nicht mehr erreichen könne, sagte der Regisseur Edgar Reitz im DLF. Hörens bzw. lesenwert:
    http://www.deutschlandfunk.de/heimat-das-was-wir-nicht-haben-verklaeren-wir.694.de.html?dram:article_id=387826

  4. Sollte ich einmal gefangen sein in was anderem als meinem eigenen Geist, so wünsche ich mir Sie als Briefschreiberin. Und wir haben was gemeinsam: Ich muss bei der Szene mit der Marseillaise in „Casablanca“ auch immer weinen. Bitte nie aufhören, ich bin süchtig nach Ihren Texten.

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