Von Fern ist das Meer niemals nah (2)

Den ersten Teil der Geschichte finden Sie hier.

Sie steht am Fenster und ihre Hände sind kalt. Der Wind fährt durch die Fensterscheiben, mögen die Fenster auch noch so fest geschlossen sein, immer dringt der Wind durch die Ritzen und presst seine Arme gegen das dünne Glas. Seit zehn Jahren ist sie nicht mehr hier gewesen. Southall der Name klingt fremd in ihren Ohren und sie sagt ihn langsam, so als wäre sie hier nicht aufgewachsen und stünde nicht im Zimmer ihrer Kinderjahre, sondern als sei sie fremd hier, der Name liegt ihr schwer auf der Zunge, ihre Fingerspitzen liegen kühl an ihren Schläfen. Kalt ist der Boden unter ihren Füßen und doch steht sie regungslos am Fenster, sieht hinaus auf die stille Straße, die Uhr ein Mickey Maus Plastik Wecker ist stehen geblieben, dreiviertelzwölf zeigt die Uhr, aber dort unten auf der Straße hält ein Lieferwagen. Zeitungsbündel auf dem Trottoir. Die Kälte lässt ihre Füße nicht los, klebt ihr an den Händen. „Geh, Mädchen“, geh fort von hier“, sagte ihr Vater. Ihr Vater ist tot und Leute auf der Straße sprechen sie an. Murmeln Verlegenheitsgrüße und irgendetwas mit Beileid. Sie hat ihren Vater beim Wort genommen und ging. Einmal im Jahr trafen sie sich, aber niemals in Southall. Ihr Vater schüttelte den Kopf. Das letzte Mal, dass sie sich sahen in Brighton, der Wind ähnlich hart und kalt wie heute, aber ihr Vater bestand auf der Sichtweite zum Meer. Marseille. Mumbai. Sogar Venedig. Immer wieder aber Brighton. Ihre Hände sind kalt, ein Jahr ist es her, da verschwand seine Hand noch einmal in ihrer, die Hand ihres Vaters warm und rau, fast zierlich, die Hände ihrer Mutter erinnert sie nicht. Immer eine 99 Cone mit Flake, Vanilleeis in seinem Bart, die Waffel für die Möwen und seine Hand hielt ihre Hand. Die Wellen schlugen hart an den Strand, ihr Vater schloss seine Augen, aber ihre Hand ließ er nicht los. Jetzt ist ihre Hand kalt und leer, fährt über den Fensterrahmen abgesplitterte Farbe, im Augenwinkel die Gurudwara, der unausweichliche Schatten Southalls. Ihr Vater öffnete die Gardinen immer erst am Abend. Er sei Kommunist sagten die Nachbarn, denn ihr Vater verweigerte sich Hochzeitsfeiern, Beerdigungen und der jährlichen Reise nach Punjab. „Kommunist“ flüsterten die Nachbarn und schüttelten den Kopf. Die Kälte zieht über ihren Rücken bis in den Nacken hinauf. „Was ist dein Vater?“, fragte sie der Mann, den sie heiraten wollte, noch vor drei Wochen, rötlich blondes Haar neben ihr auf dem weißen Kissen. „Busfahrer“ sagte sie und er lachte. „Niemand ist doch mehr Busfahrer“ sein Lachen wollte kein Enden finden. Er strich mit dem Daumen über die Unterseite ihrer Brust, milchweiße Finger, à la anglaise auf ihrer dunklen Haut. „Dass dachte ich sei exotisch“, sagte er, noch immer lachend, „aber Busfahrer, proper working class people“,sein Akzent dick und falsch wie immer wenn upper class Söhne Busfahrerväter imitieren. Seine Hand lag kalt auf ihrer Haut. Eine Woche später schickte sie ihm den Ring zurück. Der Umschlag aus schwerem Büttenpapier.

Drei Wochen später war ihr Vater tot. „Streu meine Asche ins Meer Mädchen“, sagte er einmal in Brighton, Sommerlicht, Vanilleis an seiner Nasenspitze, seine Hand fest in ihrer. „Ich habe niemals schwimmen gelernt, Mädchen, aber der Tod, wird mich schon tragen.“ Ihre Antwort erinnert sie nicht mehr. Auf dem Küchentisch steht seine Urne. Sie legt ihre Stirn gegen die kalte Fensterscheibe. Unten auf der Straße die Zeitungsständer. Sie liest:

„ WORLD SEXIEST WEATHER GIRL ( SUN )

PRINCESS ANNE: WE SHOULD EAT HORSE ( DAILY MIRROR )

TIME ON THE COUCH HELPED POPE TO DEAL WITH PRESSURE ( LONDON TIMES )

„BREXIT-ON-SEA“ ( GUARDIAN )

Ein Mann verschliesst den Zeitungsständer mit einem Fahrradschloss. Ein schmaler Rücken, ein verwaschenes blaues Hemd, ein abgetragener Sweater, eine alte fadenscheinige Jeans, ausgetretene Schuhe. Die Fensterscheibe beschlägt, kalter Atem, mit einem Ärmel wischt sie über das Glas. Der Mann aber ist schon wieder im Laden verschwunden. Punjabi Resort“ steht auf dem Schild über dem Laden, rote Buchstaben auf gelbem Grund, zwei Palmen links und rechts, etwas verwaschen schon, blaue Wellen lecken an den roten Buchstaben, am T. des Resort, hängt eine Ankerkette, den Anker selbst sieht man nicht mehr. Was für ein alberner Name denkt sie.

Sie fährt noch einmal mit dem Ärmel über das Fensterglas. Selbst durch das geschlossene Fenster hört sie das Glöckchen des Ladens. Dann beginnt es zu regnen, schwere dicke Tropfen prasseln gegen die Fensterscheiben. Ihr Vater zog sie heraus in den Garten, als sie ein Kind war, so viele Jahre ist das jetzt schon her. Ganz gleich war es ihm ob der Regen eisig und hart über den Garten fegte, oder seltener eben als leichter Sommerregen über den Zaun tropfte und lief, ihnen über die Füße, die Arme das Gesicht, denn ihr Vater zog sie heraus in den Regen, hielt sein Gesicht in den Regen, atmete ein, atmete aus und sagte: Das Meer bringt den Regen mein Mädchen.“ Sie hielt seine Hand. „Kommunisten“ sagten die Nachbarn, die nicht verstanden, warum ein Punjabi, ein Nachbar in Southall zudem das Gesicht in den Regen hielt, als würde er sonst verdursten. Sie sieht in den Regen, der Regen fällt hart gegen das Fenster. Sie läuft die Treppe hinunter, die Treppenstufen sind ausgetreten, die Schlafzimmertür ihres Vaters ist angelehnt. Am Schlafzimmerschrank hängt die Busfahrerunifom ihres Vaters noch klebt die Folie der „Snow White Dry Cleaner Company“ an der Uniform. Ihr Vater ist tot, schon seit drei Wochen, sie zieht die Tür zu, ihr Vater ist eine Urne voll Asche auf dem Küchentisch. Eine schwarz-weiß umrandete Todesanzeige: Transport for London“ weiter kann sie nicht lesen, ihr Vater war Busfahrer. Sie öffnet die Tür, nicht in den Garten sondern zur Straße hinaus und stellt sich hinein mitten in den kalten Regen, der Regen schlägt ihr ins Gesicht, kalte, harte Tropfen. Sie schließt die Augen. „Mädchen, das Meer bringt den Regen“, flüstert sie mit geschlossenen Lippen, der Regen fällt und fällt. Von fern hört sie das „Glökchen des Ladens und bevor sie ihn sieht, riecht sie Druckerschwärze, den scharfen Geruch einer Chili, aber vor allem riecht sie Brighton, den Strand, die salzige Luft. Sie öffnet die Augen. Er sagt: „Sie werden ganz nass.“ Seine Stimme ist eine ferne Erinneurng. 9. Klasse, vielleicht, ein dünner Junge, ein schmales Lächeln, einen Cricket Ball in der Hand, die gleichen Augen wie der Mann vor ihr. „Sie werden ganz nass sagt er, zieht sich seine Fleece-Jacke aus, abgetragene Ecken am Kragen, will sie ihr über die Schultern legen, Regentropfen in den Wimpern. „Du bist Kurta, Kurta der Hund“, sagt sie und hält sich die Hand vor den Mund, will sich die Worte zurückholen, will sich verschlucken an ihnen. Er dreht sich um. „Ja, sagt er ich bin Kurta, der Hund. Er geht über die Straße, das Glöckchen des Ladens ist silberhell, sie steht im Regen, seine Jacke liegt schwer auf ihren Schultern, ihre Hände sind kalt und sie beißt sich auf die Lippen, salzig und bitter liegt das Meer unter ihrer Zunge. Kalte Hände greifen nach der Jacke auf ihren Schultern. „Komm doch zurück“ ruft sie, der Mann im Laden aber lehnt mit dem Rücken gegen die Tür. Die Tür ist beschlagen. Ein schwarzer Schatten nur gegen die Tür, aschgrau ist der Regen, grau schlägt das Meer gegen ihr Gesicht, drei Wochen ist ihr Vater tot, eine Urne mit grauer Asche steht auf dem Küchentisch.

Der zweite Teil dieser Geschichte ist ein Beitrag zu Kikis #SepteMeerund Teil 3 der Geschichte folgt hier am nächsten Samstag.  

Ein Gedanke zu “Von Fern ist das Meer niemals nah (2)

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