Verschlossene Türen.

Der Priester hat sich ausgeschlossen. Der Tierarzt hat den Küchentischkastenschlüssel verlegt, und im Küchentischkasten liegt der Zweitschlüssel des Priesters. Als ich nach Hause komme, fummeln Priester und Tierarzt mit einem Draht im Schlüsselloch herum. „Oh Mädchen“, sagt der Tierarzt. „Ach, Fräulein Read On“, seufzt der Priester. Ich ziehe den Küchenstuhl zu mir heran, steige auf den Stuhl, damit ich bis zum Rand des Küchenschrankes reiche und fahre über das glatte Holz, bis ich die rostige, alte Blechdose ertaste. „Die Lade lässt sich mit der Klinge einer 15er Skalpells öffnen“, sage ich, drehe die Klinge des Skalpells im Schloss herum, die Lade springt auf, der Priester nimmt sehr erleichtert den Zweitschlüssel heraus und der Tierarzt sagt: „Mächen Du bist fast so klug wie Kälbchen.“ Tierarzt sage ich: „Kälbchen hätte natürlich mit einer Butterblume das Schloss geöffnet.“ „Vielleicht“, sagt der Tierarzt sinnend und sieht zu mir herüber. „Man würde doch ganz gern geküsst werden“, sage ich und ziehe die Jacke aus. Der Tierarzt hakt einen Finger in die Schlaufe meiner Jeans und ich lege eine Hand an seine Wange, da klopft es. Vor der Tür steht der Priester. Er rauft sich die Haare. „Fräulein Read On, ich habe mich nicht nur ausgeschlossen, der Schlüssel steckt auch noch von innen und ich kann die Tür nicht aufbekommen“, ruft er verzweifelt.“ Der Tierarzt hakt den Finger aus meiner Jeansschlaufe heraus. Mit einer Taschenlampe tappen wir dem Priester hinterher. Der Schlüsseldienst braucht um diese Uhrzeit Stunden und der Priester ist sich nicht sicher, ob er nicht den Herd angelassen hat. „Scheiße“, sage ich. „Scheiße-sagt-man-nicht- sagt der Tierarzt und klingt verdächtig wie eine kleine Königinnennichte. „Oh my g*d ruft der Priester. „Haben Sie irgendwo ein Fenster offen, Priester?“, fragt der Tierarzt. „Das Badezimmerfenster im Oberstock ist vielleicht angelehnt“, murmelt er. Ich sage nichts mehr, dafür knurrt mein Magen. „Priester“, sage ich, sie halten den Tierarzt fest, ich steige auf die Schultern des Tierarzts, von dort aus kann ich mich auf das erste Fensterbrett hangeln und vielleicht das Badezimmerfenster erreichen.“ „Das ist Wahnsinn“ murmeln Tierarzt und Priester. „Nun los“, sage ich. Der Priester umklammert den Tierarzt, der zu dünn ist um mich allein zu halten, ich steige auf die Holzbank und dann auf die Schultern des Tierarztes. Für einen Moment glaube ich der Tierarzt zerbricht in zwei Hälften aber der Tierarzt schwankt nur ein ganz klein wenig und ich knurre: „oyoyoyooy“ und hangle mich auf das Fensterbrett. Der Tierarzt ruft: „Scheiße“. „Mädchen ist das hoch.“ Ich denke: „Oyoyoyoy, ist das hoch. Der Priester ruft: „Um G*ttes Willen Fräulein Read On ist das hoch.“ Der Tierarzt stellt sich auf das Gartenbänkchen und erreicht meine Knöchel. Ich klammere mit einer Hand am Fensterrahmen und mit der anderen am Weinlaub fest. „Ich will auf keinen Fall ein weißes Kleid im Sarg anhaben“ rufe ich dem Tierarzt zu, denn ich muss noch höher klettern. Der Tierarzt krallt sich in meine Knöchel. „Priester sagt der Tierarzt“ leuchten sie die Wand an, damit wir das Badezimmerfenster sehen. Die Pfarrhausmauer ist aus groben Felssteinen und mit Weinlaub berankt und um an das Badezimmerfenster zu gelangen, müsste ich nur meine Füße in zwei Steine neben dem Fensterbrett auf dem ich klammere haken und mich zum Badezimmerfenster hieven. „Du musst meine Knöchel jetzt loslassen sage ich zum Tierarzt.“ Der Tierarzt sagt: „Ich werde mir das nie vergeben.“ Dann schüttle ich seine Hände ab und suche mir einen Felssteinvorsprung. „Ich denke bloß nicht umsehen, bloß nicht umsehen, oy oy oyoy, dann lasse ich den Rahmen los, und tripple wie eine Feldmaus nach links, kralle mich ins Weinlaub und meine Finger tasten sich langsam zum Badezimmerfensterbrett. Der Tierarzt ruft: „Mädchen zieh!“ Der Priester ruft: „Oh my g*d“. Ich mache: Ächz, ääääääächz, argh, würg, und dann rumpf weil ich mit dem Kopf gegen die Fensterscheibe knalle. Bumm. Die Fensterscheibe ist nur angelehnt und ich rufe: Tierarzt, mehr Licht nach links und fummle mit den Haken, die das Fenster vor dem Zuklappen bewahren sollen. Schnapp macht das Fenster, ich gebe mir einen letzte Ruck und purzle sehr unfräuleinhaft in das priesterliche Badezimmer. „Bin drin“, rufe ich nach unten. „Sie ist drin“ ruft der Tierarzt. „Halleluja“ ruft der Priester. Ich rapple mich auf, taste nach dem Lichtschalter und der Tür. Die Badezimmertür ist zu. „Priester“ rufe ich, die Badezimmertür ist zu.“ „Oh my g*d“ ruft der Priester. „Tierarzt das Fünfzehner Skalpell“ schreie ich. „Scheiße“ ruft der Tierarzt. Der Tierarzt wirft das Fünfzehner Skalpell in eine Gießkanne, ich löse den Gürtel aus dem priesterlichen Bademantel und hänge mich aus dem Fenster. Der Bademantelgürtel ist nicht lang genug. Der Tierarzt knüpft seinen Gürtel an die Gießkanne, steigt auf das Gartenbänkchen, ich lehne mich so weit ich kann aus dem Badezimmerfenster, aber die Gießkanne ist zu schwer. Der Priester wickelt das Skalpell in den Gürtel und schleudert den Gürtel zu mir hinauf. Bumm. Der Gürtel verhakt sich im Weinlaub, aber bis zum Weinlaub reichen meine Fingerspitzen. „Ich hab ihn“, rufe ich. Der Priester ruft: „Tanks be to g*d. Der Tierarzt seufzt. Meine Finger zittern so sehr, dass ich das Skalpell nicht in das Schloss bekomme. Einmal ausatmen.

Unten auf dem Kirchhof Geräusche. „Guten Abend, hier ist die Polizei. Die Frau des Krämers hat einen Einbruch gemeldet. Was machen sie hier, und wer sind sie?

Der Priester sagt: Ich bin der Priester und wohne hier.

Der Tierarzt sagt: Ich bin der Tierarzt und wohne nicht hier.

Und der Einbrecher ist noch drinnen? fragt der Polizist.

„Nein, rufen der Tierarzt und der Priester, das ist das Fräulein Read On, sie öffnet mit dem 15er Skalpell die Badezimmertür. Hmm, sagt der Polizist.

Ich habe endlich meine Hände beruhigt, das Skalpell dreht sich im Schloss, der Badezimmertürschlüssel fällt klirrend zu Boden, ich öffne die Tür, renne die Stiege hinunter, auf dem Herd ist die Milch eingebrannt und öffne die Haustür.

Vor mir stehen: zwei Polizisten, ein aufgelöster Priester, ein erregter Tierarzt und die Frau des Krämers: „Einbrecher“ kreischt sie aufgeregt, habe ich es doch gesagt. Dann fällt ihr Blick auf mich: „Fräulein Read On“ sagt sie erschreckt.

„Sie sind also das Fräulein Read On?“, sagt der Polizist. Ich nicke. „Angenehm“ sage ich. In einer Hand halte ich ein Skalpell, in meinen Haaren hängt Weinlaub und meine Wange hat zwei dicke Schrammen. „Ist das Fräulein Read On keine Einbrecherin?“ fragt der Polizist. „A nuisance she is“, sagt die Frau des Krämers, der Priester und der Tierarzt schütteln den Kopf. „Keine Gefahr im Verzug“, räuspert der Polizist in sein Funkgerät. „Ähm, sagt er, ich müsste einmal Ihren Ausweis sehen. Die Frau des Krämers wird rot, der Priester ist es schon, der Tierarzt blinzelt wütend und der Polizist und ich gehen zu mir herüber. „Es tut mir wirklich leid“, sagt er, 2die Umstände und so“. „Alles gut“ sage ich. Dann endlich fallen der Tierarzt und ich auf das Sofa. „Was machen eigentlich normale Menschen am Mittwoch Abend?“, frage ich ihn. „Vielleicht küssen die sich auf dem Sofa?“ sagt der Tierarzt. Ich hake meine Finger in seine Jeansschlaufen, der Tierarzt knöpft meine Bluse auf. Ich küsse einen Mundwinkel und er meine Nasenspitze. Dann klopft es. „Wir machen einfach nicht auf“, sagt der Tierarzt. Ich nicke. Es klopft fester. Der Hund beginnt zu kläffen. Der Tierarzt und ich rappeln uns hoch. Vor der Tür steht der Priester mit hochrotem Kopf: „Fräulein Read On, sagt er, ähm mein Schlüssel, ist der noch bei Ihnen?“ „Oh Priester“, sage ich natürlich, und fummele den Schlüssel aus meiner Tasche. Der Priester verlässt mit Schlüssel und hochrotem Kopf das Haus. „Warum ist er so rot?“, frage ich den Tierarzt. Der Tierarzt starrt auf meine Bluse. “Oh“, sage ich und wir müssen lachen. „Ausgeschlossen“, sage ich. Der Tierarzt pflückt Weinlaub aus meinen Haaren und ich lege eine Hand an seine Wange.

36 Gedanken zu “Verschlossene Türen.

  1. „„Nein, rufen der Tierarzt und der Priester, das ist das Fräulein Read On, sie öffnet mit dem 15er Skalpell die Badezimmertür. Hmm, sagt der Polizist.“

    Lange nicht mehr so gelacht! Danke fürs Teilen dieses Erlebnisses 🙂

  2. Ich bin quatratisch, praktisch, deutsch erzogen, Leitern gehören für mich zum Hausgebrauch, wenn sich auch meine Nachbarn immer wieder wundern, wie viele Leitermeter in meinem Keller schlummern.
    Ich lebe auf Etage, als Hausmeister- und Flüchtlingskind, brauche ich Vorsorge.

    • In solch einem Moment eine Leiter zu haben ist natürlich unbezahlbar. Wir haben nur eine gewöhnliche Haushaltsleiter und die Leiter des Priesters im Schuppen und der Schuppenschlüssel natürlich im gut verschlossenen Haus….

  3. Nun lese ich schon seit einer Stunde. Das ist mir noch nie passiert mit einem bilderlosen Blog. Ich musste lachen, ein bisschen weinen, viel an mehr Vergangenheit denken und daran, was mir jetzt fehlt. Und was ich habe. Danke dafür, ich komme bestimmt zurück. Jetzt muss ich schlafen. Oder noch ein bisschen weiter lesen 😉

    • Schön, dass Sie hier lesen mögen. Die meisten Bilder hier muss man sich selbst machen, aber dafür braucht man sich nicht beeilen, die Worte bleiben einfach hier.

  4. Großartig… es erinnert mich an Petterson und Findus, „Eine Geburtstagstorte für die Katze“. Sollte ich mich jemals zu Hause aussperren, werde ich bei Ihnen um Hilfe rufen. Sie dürfen dann auch den Tierarzt auf meinem Sifa küssen, ohne dass ich rot werde.

    • Oh, ich muss die Geschichte mit der Geburtstagstorte nachlesen und bin sehr beruhigt, dass Sie nicht erröten würden. Ich lasse mich nämlich ganz gern küssen…

  5. Gut, dass es bei Ihnen nicht so ist wie bei anderen Leuten, Mittwoch Abend auf dem Sofa.
    Danke für die herrliche Geschichte!
    Liebe Grüße aus der Altmark, Dörthe

  6. Ich habe diese Woche ein sehr, sehr langes Handbuch für Maschinenreparaturen übersetzt und gerade an meinen Kunden geschickt. Leider habe ich darin kein Skalpell für Notfälle gefunden. Aber dann zur Belohnung diese Geschichte – zu und zu schön! Danke!

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