Szenen aus dem Leben eines seltsamen Fräuleins. (2)

Tierarzt, sage ich, darf ich einen Moment um deine ungeteilte Aufmerksamkeit bitten? ( Der Tierarzt wälzt sich mit dem Hund auf dem Boden. Angeblich soll der Hund bald Briefe apportieren, aber eher wird Kälbchen Lieder singen, als das dieser Fall eintritt.) Der Tierarzt rappelt sich mühsam hoch. Der Hund liegt hechelnd auf den kühlen Fliesen. „Immer doch Mädchen“, sagt er und noch immer schnaufend. „Gut“ sage ich also“ und entrolle eine lange Liste. Selbst die Katze macht ein halbwegs interessiertes Gesicht. Also sage ich noch einmal:

4.41: Weckerklingeln: Read On steht auf richtet sich und Tee und Porridge

5.07: Read On verlässt das Haus und fährt ins Büro

6: 30: Weckerklingeln Tierarzt

6: 36: Tierarzt hat die Katze unter dem Kinn gekrault und steht auf.

7:00: Tierarzt verzehrt Porridge.

7:30: Tierarzt ermahnt den Hund eindringlich, dass dieser in den kommenden Tagen nur Bestes und Allerbestes Benehmen an den Tag zu legen hat. Auf keinen Fall möge der Hund eine Schneide der Verwüstung in das priesterliche Haus schlagen.

7:45: Manövrieren der Katze in den Katzenkorb ( Lachshäppchen zu diesem Behufe befinden sich im Kühlschrank.

8:00: Übergabe der Tiere an den Priester. Der Präsentkorb für den Priester steht auf der Kommode, der Apfelkuchen für den Priester steht auf der Bank an der Haustür. ( Bitte den Apfelkuchen nicht vergessen. ) Den Präsentkorb auch nicht und die Tiere erst recht nicht.

8: 15: Aufbruch zu Kälbchen. Abschiedshonneurs.

8:35: Beladen des Volvos mit: Festkleidung- hängt im Schlafzimmer, dem luggage holdall, der Reisehandtasche des Fräuleins einer Kiste voll Baklava ( steht auf der Bank vor dem Haus, neben dem Apfelkuchen. Bitte nicht verwechseln die P. hasst Äpfel.

9:05: Verriegeln der Haustür.

10: 00: Abfahrt Tierarzt stadteinwärts

11:00: Einsammeln des Fräulein Read On’s.

11.04: Abfahrt zum Flughafen

12:00 Flughäfliche Dinge vor allem aber Flug nach Venedig

14:30: Ankunft Venedig

15: 00: ( Das müssen wir schaffen ) Fahrt mit dem rasenden Vaporetto zum Hotel

15.35: Ankunft im Hotel zu den zwei goldenen Gondeln.

15:38: : Anlegen der Festkleidung, Richten der Haare, Polieren der Schuhe

15:50: Unverzüglicher Aufbruch. Unter keinerlei Umständen gilt es das ins Hotel gelieferte Geschenk ( Ankunft bestätigt ) zu vergessen.

Tierarzt: Mädchen, was schenken wir eigentlich der P?

Ich: Ein Espressoservice mit Goldrand und Goldfischen von ihrer Hochzeitsliste

Tierarzt: Glaubst du die fertigen auch Schüsseln mit Kälbchen an?

Ich: Ruhe jetzt: Das ist eine ernste Angelegenheit

15:50 225 Schritte nach links und 18 weitere Schritte nach Rechts: Ankunft im Blumengeschäft: Zu den silbernen Orchideen. Abholen des Straußes für P. Sowie der Orchideenblüte für mein Haar und der Rosenblüte für deinen Anzug.

15:55: Eilenden Schrittes begibt man sich nun in die Kirche Santa Cecilia della nostre Madonna und möglichst noch vor dem Kirchengeläut schaffen wir es das Geschenkgeschirr auf der Hochzeitstafel zu positionieren, der lieben P. und ihrem Fast-Mann Luftküsse zuzuwerfen und auf die Kirchenbank zu fallen, ohne dabei gleich eine Nonna tödlich beleidigt zu haben.

16: 00 Glockengeläut. Hochzeit. Taschentücher.

Hast Du lieber Tierarzt noch Fragen, Anmerkungen und Verbesserungswünsche?

Der Tierarzt legt die Stirn in Falten und denkt nach.

Schweigen.

Nach langen weiteren Minuten des Nachdenkens, der schweigenden Reflektion und innigen Meditation räuspert sich der Tierarzt und sagt: „Bitte Mädchen, gib bei den Abschiedshonneurs von Kälbchen noch zehn Minuten dazu.“

Vorzeichen

Am Morgen fährt der Sturm durch die Bäume. Schwarze Schatten hinter dem Fenster. Einmal versuche ich nicht an schlechte Omen zu glauben, aber auf dem Weg zum Zug bemühe ich mich doch nicht auf die Schatten zu treten, die die wankenden Bäume mir in den Weg werfen. Die Krähen, schwarz wie die Schatten der Bäume grölen grässliche Lieder. Aber einmal will ich nichts auf ihre schaurigen Moritate geben. Der Zug ist zu spät und die Lautsprecherstimme schnarrt etwas, das verdächtig nach einer Kollision von Zug und Brückenpfeiler klingt. Die expected delays aber will ich einmal nicht als Fingerzeig G*ttes werten, der auf mich zeigt und sagt: da geht sie, und ich will sie doch nur fallen sehen. Der Bus kommt und der Busfahrer hat Eckzähne als sei er der Vater aller Vampire, aber einmal will ich nicht annehmen, dass die Vampire der Welt nun nicht mich zum Ziel erkoren haben. Im Bus ißt eine Frau Haferbrei aus einem grünen Napf, sie hustet misslich und mit erhobenem Zeigefinger spricht sie mit Kräften, die ich nicht sehen kann. Einmal will ich hoffen, dass die Frau nicht mich verflucht. Ich sehe lieber auf meine Knie. Der Bus rumpelt über enge Straßen und dunkel bleibt es, auf dem Weg liegen und lachen die Schatten. Der Busfahrer flucht. Er verflucht seine Schwiegermutter, die Welt an sich, den Bus, den er eine jaulende Töle schimpft, er verflucht das Wetter, what a shite, schnauft er und dann hupt er. Auf der Straße aber ist kein Auto zu sehen, kein Motorrad, kein Radfahrer, die Straße ist stumm und leer, aber der Busfahrer hupt wie von Sinnen, nur um dann weiterzufluchen. Er flucht gegen Hubschruber und Fluor im Grundwasser und dann und wann dreht er sich um und bedenkt die Frau mit dem grünen Napf und mich finsteren Blicken. Eine Lampe im Bus flackert hektisch und die Zähne des Busfahrers glänzen verräterisch. Aber einmal will ich glauben, dass seine Flüche wohl an meinem Ohr vorbeisausen mögen. Mit quietschenden Reifen erreichen wir die Stadt. Türenschlagend verlässt der Fahrer den Bus, auch ich gehe, nur die Frau mit dem grünen Napf ist gegen das Fenster gelehnt, eingeschlafen. In der Stadt indes kommt zum Sturm auch noch der Regen hinzu, und die Regenkapuze, die den Rucksack vor der Durchnässung bewahren soll, reißt in zwei Teile, als ich sie über den Rucksack spannen will. Ich pfeffere das schadhafte Teil in den nächstbesten Mülleimer. Einmal will ich nicht an die Bosheit des Rucksackes glauben, der mir eine lange Nase dreht. Ein Glück ist der Wetterfleck so weit, dass ich den Mantel über den Rucksack werfe und zwar albern, aber dafür trocken das Institut erreiche. Die Alarmanlage pfeift. Die Auszubildende hat das Handbuch: Leitfaden für die Sicherung und Entsicherung der Alarmanlage verschwinden lassen und als ich danach suche, kracht mir eine Schublade auf den Fuß. Ich tanze wie Rumpelstilzchen, denn der Schubkasten war schwer, aber einmal will der Versuchung widerstehen anzunehmen, dass die Auszubildene mich mit komplizierten Verwünschungen belegt. Dann fällt mir ein, dass ich in meinem Büro eine Kopie des Leitfadens habe und endlich hört die Alarm auf zu pfeifen. Zwei Stunden später stecke ich einen usb-Stick in meine Hosentasche und warte an einer Ampel auf Grün: ein schwarzer Landrover heizt durch eine Pfütze: Platsch, eine mittlere Springflut und ein Fräulein mit nassen Schuhen und einem verschlammten Wetterfleck. Einmal will ich mich doch selbst überzeugen, dass der Fahrer mich nicht gesehen hat. Der Mann im Copyshop grunzt als ich ihm den usb-stick übergebe. „Setzen Sie sich dahin, sagt er“ und ich setze mich auf eine Eckbank auf der alte Taschentücher liegen. Der Mann tritt zweimal gegen einen Kopierer, bevor sich dieser röhrend und fauchend in Bewegung setzt. „Ähm, sage ich, glauben Sie das ist gut, wenn sie äh, gegen die Maschine treten?“ Der Mann sieht mich schweigend an. „Das Ding hat es nicht anders gewollt.“ „Das sagen Sie alle“, sage ich und der Mann funkelt böse zu mir herüber. „Ja wollen Sie das Ding nun gedruckt haben, oder nicht?“ Plötzlich kommen mir die Eckzähne des Mannes auch sonderbar spitz vor und sieht er nicht aus wie ein älterer Bruder des Busfahrers? Die Maschine aber rumpelt weiter und eine dreiviertel Stunde später, halte ich vier Stapel gedrucktes und gebundenes Papier in den Händen. Wieder hülle ich Rucksack, Stapel und mich in den Wetterfleck. Dann laufe ich zurück zur Universität. Nur fast spießt mich ein Rentnerehepaar mit ihrem Regenschirmen auf, aber ich will hoffen, es waren nicht die Eltern des Busfahrervampirs mit dem festen Willen, mich zur Strecke zu bringen. „Fräulein Read On“, kreischt die Auszubildende wir haben hier ein Riesenproblem. „Ab 13 Uhr“ sage ich können sie wieder Probleme haben, aber jetzt nicht.“ „Aber Fräulein Read On“, kreischt sie weiter, im Badezimmer sitzt eine Spinne.“ „So lange die Spinne nicht drei Meter lang ist, sage ich besteht kein Grund zur Sorge.“ Die Auszubildende stürmt schluchzend nach draußen: erst einmal eine rauchen.

Ich nehme den Papierstapel und gehe zweimal nach links, einmal nach rechts, und dann einen langen Flur entlang. Ich betrete ein Büro, räuspere mich zweimal und sage: Guten Tag, ich bin Fräulein Read On, und möchte meine Doktorarbeit abgeben.“ Der Mann hinter dem Tresen lächelt und holt einen Stempel. Seine Eckzähne sind überdurchschnittlich klein. Ich atme aus.

Sonntag

„Wir haben gewählt“, sagt meine liebe C. am Telefon und gähnt „ dein Vater trug zur Wahl einen besseren Anzug, als zu unserer Hochzeit“ fährt sie fort. Da ich bei dieser Hochzeit anwesend war, kann ich mit gutem Gewissen sagen: „Du meine liebe C. warst noch strahlend schöner als sonst und alle Anwesenden wünschten sich heimlich, Du hättest ihnen das Ja-Wort gegeben.“ „Süße, sagt die liebe C. Du machst mich ganz verlegen.“ Ich werfe Küsse ins Telefon und meine liebe C. sagt: „jedenfalls habe ich alles gegeben und ich schwöre Dir, wer auch immer aus unserer kleinen Stadt in den neuen Bundestag gewählt wird, der ist auf Aufklärung eingeschworen. Es ist nämlich so, dass Kandidaten aller Parteien bei der lieben C. in Behandlung sind und wann immer ein Kandidat das Sprechzimmer betrat und hollerte: „Na Frau Doktor, Sie wählen doch…..mich?“ Da lächelte Frau Doktor schüttelte ihre goldenen Ringellocken und hielt den Aufklärungsvortrag: bestes Präventionsmittel- so notwendig wie die Luft zum Atmen- starke Männer brauchen keine Gewalt- flächendeckend über Sex reden- schändlich, dass Aufklärung in keinem Wahlprogramm zu finden ist“, spätestens dann schworen die Kandidaten, dass Aufklärung auch ihr Lebensziel sein und die liebe C. ist zuversichtlich, dass wann immer die Kandidaten des Städtchens im Bundestag das Wort ergreifen ihre Reden mit: „Aufklärung, wie brauchen mehr Aufklärung“ beginnen.

Ich applaudiere meiner lieben C. und die C. reicht mich nach vielen weiteren Telefonküssen an meinen Vater weiter: mein Vater teilt mir seine Wahlentscheidung in Form eines Rätsels mit, das ich mit nachtschichtzermatschtem Kopf kaum lösen kann, noch dazu zieht der Tierarzt an meiner Strickjacke und zischt beständig: please Mädchen pass the phone to me. Der Tierarzt aufgeregter als Frau Merkel will nämlich einen Livebericht von der Wahlurne. Dann beraten der Tierarzt und mein Vater sehr lange und als der Tierarzt mir mein Telefon zurückbringt, murmelt er andächtig das Wort „Sondierungsgespräche“ vor sich hin und rennt hinüber zu Kälbchen, um auch dieses in das komplexe deutsche Wahlsystem einzuweisen: ‚no more bad surprises from Germany.“

Ein Fahrradrennen führt auch durch unser Dorf und der Priester muss mit saurer Miene Radfahrer und ihre Drahtesel segnen. Der Priester seufzt und murmelt wahrscheinlich Flüche, aber die Radfahrer lächeln beseelt und fahren klingelnd los. Die Frau des Krämers verkauft Scones auf der Straße und lässt sich mit sehr muskulösen Radfahrern in sehr engen Hosen ablichten und erklärt dem Priester, dass sie bei einem Radfahrer in besonders anziehenden roten Hosen auch einmal hingelangt hätte. Das Gesicht des Priesters wechselt von zahnschmerzgeplagt zu zitronensauer. Dann schreit die Frau des Krämers: „Fräulein Read On, hier gibt es so viele Männer, suchen Sie sich doch einen aus und der Tierarzt ist frei für meine Tochter.“ „Frau des Krämers sage ich ernst, dies ist hier doch ein Radrennen und nicht der Fleischmarkt.“ Die Erwiderung der Frau des Krämers sei hier aus Gründen des Anstandes und der Sittlichkeit nicht wiederholt. Meine Freundin G. und ihr Gefährte fahren auch mit, ich stecke den beiden eine Blume an den Lenker und eine Banane so wie Schokoriegel in die Radfahrerdresstaschen und winke begeistert. Die G. und ihr Gefährte zischen los und der Tierarzt hat mit Kälbchen indes die politischen Entwicklungen Deutschlands diskutiert und kauft mir auch einen Himbeerscone.

Die Radfahrer fahren Rad, und der Priester kommt zu einem sehr späten Lunch-Brunch-Munch-Frühstück zu uns herüber, es gibt sehr viel Rührei und der Tierarzt und der Priester üben sich an der Aussprache des Wortes: Überhangmandat und seufzen über die immer schwierigen, deutschen Dinge. „That’s German Angst“, sagt der Tierarzt und schlürft Sanddornsaft. Der Priester erzählt von einem deutschen Pater, dessen Familie immer geschlossen abstimmte, die Parteistimme wurde dort über Generationen vererbt.“ Der Tierarzt grunzt und murmelt etwas von „irischen Zuständen.“ Der Hund, dieser Gierschlund will natürlich auch vom Rührei abbekommen und benimmt sich noch desaströser als sonst und versucht das Tischtuch vom Tisch zu reißen. Der Hund ißt sein Rührei dann vor der Tür. Die Katze will auch Rührei kann das vor dem Hund aber schlecht zugeben, und atmet erleichtert ob seiner Verbannung auf. Dann speist die Katze Rührei von einer weißen Untertasse und als ihre Hoheit fertig ist, schwenkt sie den Schwanz: „der Teller darf abgetragen werden.“

Der Tierarzt und der Priester waschen ab, ich lege mich schlafen, der Hund kaut verdrossen auf der Fußmatte, die Katze schläft, es regnet, denn es wäre ja sonst nicht Irland, irgendwann kommt der Tierarzt ins Zimmer und streckt sich neben mir aus. Im Halbschlaf höre ich ihn murmeln: Erststimme. Zweitstimme und ich lege ihm die Hand auf die Stirn: „Nach der Wahl ist vor der Wahl.

Von fern ist das Meer niemals nah.(4)

Hier finden Sie den ersten, zweiten und dritten Teil der Geschichte.

Sie steht am Bahnhof noch immer mit kalten Händen. Die Urne ihres Vaters wiegt schwer in der Tasche. Zum ersten Mal steht ihr Vater nicht neben ihr. Nicht einmal mehr als Schatten, zu schwer wiegt die Asche an ihrer linken Hüfte. Der Tod vertreibt die Phantasie, verschluckt die Erinnerungen, ihr Vater trägt keine blaues Hemd mehr, wechselt im Zug nach Brighton nicht mehr von den schwarzen Schnürschuhen in die Sandalen, breitet nie wieder die Arme aus: „Mädchen, riechst du das Meer?“

Stickig und veratmet ist die Luft im Zug. Eine Schuklasse, eine Junggesellenabschiedsgruppe. Rosa Tutus über ihren Jogginghosen, bubenhafte Gesichter, aber ein harter Zug darin eingegraben schon jetzt. „We are gettin pissed“ schreien sie, als würde man es ihnen nicht ansehen. „Willst du mal was Großes sehen, grölt einer der Männer zu ihr herüber. Sie schweigt, dann kommt der Schaffner, mehr Menschen drücken in den Zug, ein Mann will ihr die Handtasche abnehmen, bietet ihr an, sie in die Gepäckablage zu legen, sie umklammert mit beiden Händen den Lederriemen. „Lassen Sie das“, sagt sie und er schüttelt empört den Kopf. „Bloody people.“ Als sie ein Kind war, da schlief sie auf dem Schoß ihres Vaters während der Fahrt ans Meer. Aber nur noch die Urne mit der Asche ist übrig, eng in ihre Rippen gepresst, sie sieht aus dem Fenster. Goldfische im Glas, denkt sie, Goldfische im Glas sind wir alle. Die Junggesellen rülpsen Lieder.

Kühl ist es in Brighton als sie aussteigt. Eine Hand ist ihr eingeschlafen während der Fahrt. Kribbelnde Fingerspitzen, ein tauber Fuß. Zerknittert hängt ihr Mantel über dem Arm. Sie kennt den Weg, kennt ihn besser als andere Wege, wie oft ist die Straße zum Meer hinuntergehüpft, hinuntergerannt, heruntergerollert, auf hohen goldenen Sandalen zum ersten Mal heruntergeschritten. Eine Königin aus Southall, 16 Jahre, ihr Vater hielt sie fest, damit sie nicht vor den Augen aller, die Balance verlor. Sie muss schlucken. Die goldenen Sandalen liegen noch immer in einer mintgrünen Kiste unter ihrem Bett im Haus ihres Vaters. Der Weg hinunter zum Strand ist ihr zäh und lang, trist der Weg und viel länger als sonst, zieht sich immer nur weiter und weiter dahin. Sie bleibt stehen. „Wie begräbt man einen Vater?“ Sie hat keine Antwort, nicht auf diese Frage. Eine Unre voll Asche im Meer, kann nicht mehr sein als es ist, ein grauer Moment in der blauen Unendlichkeit. Für eine ganze Weile sitzt sie auf einer grünen Bank und starrt auf ihre Schuhe. Praktisch und blau, comfy, murmelt sie, keine Spur mehr von Glitzer und Gold. Wieder beginnt es zu regnen, ihr Mantel hat dunkle Flecken und sie steht auf, und geht die Straße hinunter, die Straße führt ans Meer.

Am Strand aber stehen dicht gedrängt mehr Menschen als an jedem sonnigen Sommertag. Ein Rettungswagen. Polizisten, gelbes Absperrband und knisternde Funkgeräte. Dumpfer Regen, und alles durchdringenden Feuchtigkeit. Nein, sie denkt nicht an Kurta, Kurta den Hund, den Mann, dessen Namen sie verloren hatte, dafür wiegt die Asche an ihrer Hüfte zu schwer. „Was ist das?, fragt sie einen Mann mit zerdrücktem Hut neben sich. Ist das ein Surfwettkampf heute? Sie überlegt, wie sie ihren Vater wohl gehen lassen kann, inmitten all dieser Menschen, die auf das Meer starren, einige haben sogar Ferngläser dabei. Eine Frau steht zu ihrer Linken, einen Bademantel über die Frotteehosen gezogen, eine Tasse mit Instantkaffee in der Hand. Auf der Tasse ein Plüschbär mit Pflaster über dem Ohr. Ihr wird übel von dem Geruch, der säuerliche Kaffee und das süßliche Parfüm der Frau. Sie kann sich nicht mehr erinnern, wann sie etwas gegessen hatte. Der Mann mit dem zerdrückten Hut schüttelt den Kopf: „ Nein, kein Sport“, sagt er, ein Mann ist ins Meer gegangen. Er sagt es so wie: Ein Mann ist Zigaretten holen gegangen. Ein Mann ist zur Arbeit gegangen. Ein Mann ist in den Park Ball spielen gegangen. Nur eben: „Ein Mann ist ins Meer gegangen.“ „Ein Mann ist ins Meer gegangen wiederholt sie stockend.“ Der Mann nickt. „Einer wie Sie.“ Sagt er mit einem feixendem Grinsen. „Einer wie ich?“, fragt sie. Er grinst noch immer, feixend wohl um seine Verlegenheit zu überspielen. „Ein Dunkler halt“, sagt er dann dreht er sich weg, zieht seinen zerdrückten Hut vom Kopf nach vorn und winkt Bekannten. Die Frau im Bademantel bietet ihr eine Zigarette an: „Machen Sie sich nicht draus, seine Frau ist ihm abgehauen mit einem Paki.“ Sie starrt die Frau an. Die Frau starrt zurück. Dann drängt sie sich weiter nach vorn, vorbei am Mann mit dem zerdrückten Hut und seinen Bekannten bis zum gelben Absperrband. Das Band flattert im Wind, grauer Regen und das Meer eine kalte, graue, eine harte Mauer aus Beton und Salz. Ein Polizist schreit in das Funkgerät, Satzfetzen aber keinen davon kann sie entziffern. Eine Polizistin hält ein Bündel Kleider in den Armen. Pullover, T-Shirt, Hose, Socken, ein Paar Schuh, sorgfältig zusammengelegt, ordentlich gefaltet, fast so als sei er frisch gebügelt. „Kein Telefon“, schreit die Polizistin, die Schuhe fallen herunter und sie will die Schuhe aufheben, ordentlich nebeneinander stellen, so als würde das schon reichen, so als würde die Ordnung der Welt durch die exakt gelegten, gefalteten und sortierten Kleidungsstücke wieder hergestellt. Sie starrt auf den Pullover. Sie sieht seinen Rücken hastig, an ihr vorbeirennen in Richtung Bahnhof. Sie schließt die Augen.

Der Regen wird stärker, die Menschen gehen zurück in die Häuser, der Mann zieht sich den zerdrückten Hut tief ins Gesicht, das gelbe Absperrband flattert losgerissen im Wind. Die Polizisten warten im Auto, sie öffnet die Augen und dann sitzt sie im nassen Sand, die Feuchtigkeit kriecht ihr über die Schultern, ihre Handtasche liegt neben ihr im Sand. Sie starrt auf das Wasser, schäumend und wild, grau-schwarz, tief und unendlich, eine schwarze Welle leckt an ihren Füßen. Das ist nicht mehr das Meer meiner Kindheit denkt sie, aber eigentlich denkt sie nichts mehr, starrt nur noch auf das kalte, rasende Meer. „Komm zurück“, rief sie ihm nach. „Kurta, Komm doch zurück.“ Dann wird ihr schwindlig und das ist alles was sie noch weiß. Später, wie viel später weiß sie nicht, beugt sich eine Frau über sie: „Wake up Luv’, sagt sie, und das erste was sie sieht, ist die Tasse mit dem Teddybären. „You have to get up’,sagt die Frau und wieder hält sie ihr die Tasse hin, ihr Bademantel riecht nach Zigaretten, Parfüm und Einsamkeit. Dann erst sieht sie den Hund.
„Sit“, sagt die Frau zu einem kleinen Terrier, schwarz, braun, gepunktet, der nach den Riemen ihrer Handtasche schnappt.“ Der Hund der Frau leckt über ihre Hand. „Er heißt Johnny“, sagt die Frau im Bademantel und zündet sich eine Zigarette an.

Dies ist der vierte und letzte Teil meines Beitrags zu Kiki’s #SepteMeer

Die Qual der Wahl

„Mädchen“, sagt der Tierarzt. „Tierarzt“, sage ich und sehe vom Computer auf. Der Tierarzt ist tief über die Zeitung gebeugt. „Sag mir doch Mädchen, was hat es mit den deutschen Parteien auf sich? Was Mädchen, sind die Unterschiede zwischen CDU und SPD? Was wollen die Grünen und wer ist Herr Lindner? Und erst die AfD! und dann noch die Linken?

Ich hole tief Luft:

Die SPD lieber Tierarzt ist die alte Tante unter den deutschen Parteien, stolz verwahrt man die Uhr August Bebels und auch sonst ist die SDP eine Partei, die etwas aus der Zeit gefallen scheint. SPD-Politiker sprechen noch immer exakt genau so als gäbe es noch Zechen im großen Stil, und Stahlwerke mit glühenden Öfen und auch der Kapitalist an sich hat bei ihnen noch immer etwas von Manchester, Wollspinnereien und feisten Herren mit dicken Zigarren. ( Dabei vergessen die SPD Politiker gern, dass auch ihresgleichen gern bei den Mächtigen Schnäpse trinken.) Die SPD träumt noch immer von einer Welt aus Reihenhaussiedlungen, Laubenpiepern, ehrlicher Arbeit, und einem VW Passat. Frische Luft und Ganztagsschulen und etwas diffus auch: Gerechtigkeit will die SPD zum Glück der Welt erklären. Oft ist die SPD dann enttäuscht, dass der ehrliche Arbeiter lieber auch einen SUV hätte, sich nach einem Eigenheim mit Kinokeller verzehrt und den Fabrikdirektor nicht über den Jordan jagt, sondern sich zu Weihnachten eine Kiste Wein schenken lässt. Die SPD, lieber Tierarzt ist am meisten über sich selbst gerührt. Worte wie Angestellter und Fachabitur, Kumpel und Zukunftsqualifikation röten die Augen eines jeden Genossen und wie auch die ältlichen Tanten lutscht die SPD gern Werther-Bonbons und liefert darüber etwas lustlose Analysen zur Lage der Welt.

Die GRÜNEN dagegen waren lange die schwarzen Schafe in der Politikfamilie. Doch die sockenstrickenden Frauen, die mit tränenerstickter Stimme nach Mutter Erde riefen und die Wollsocken tragenden Lehrer mit ihrer Gitarre und Venceremos Gesängen sind lange passé. Niemand will mehr Geschichten über die Kommune hören und längst tragen die Grünen gut geschnittene Anzüge und wissen wo es das Beste Vitello Tonnato gibt. Die GRÜNEN aber glauben noch immer an ihnen läge es die Welt zu befreien nämlich von Dieselmotoren, den gutmütigen Onkels von der SPD und allen Anderen, die nicht so recht wissen, ob man Chia Samen eigentlich essen kann. Die GRÜNEN aber stolpern über das eigene Wohlgefallen und auch darüber, dass ihre Wähler nicht so sehr über Vollkorn, sondern Steuernachteile für ihre selten kleinen Autos grübeln. Konzepte haben die GRÜNEN nur selten, dafür Emotionen und damals wie heute verdrehen nicht nur die Schüler beim Venceremos die Augen.

Die FDP hingegen, lieber Tierarzt, ist die Partei der Immobilienmakler und Bootsclubmitglieder. Der FDP-Wähler ordert einen Latte-Macchiato und ist auch schon einmal auf Bali gewesen. Das lässt er jeden, ob nun gewollt oder nicht auch spüren und trotzdem der Liberale hadert mit der Welt, wie auch der Immobilienmakler, die Augen verdreht, will eine Familie ein Haus beziehen, das auch sein Start-Up Cousin schon ins Auge fasste. Der Liberale ist im steten Wettbewerb, Payback-Punkte, Business-Class-Upgrades und ein Superior-Zimmer, daran misst er die Welt. Oft will der Liberale weltgewandt und großzügig sein, doch niemals wollen Wille und Wirklichkeit so ganz zusammenpassen. Die FDP schwärmt von Moet-Chandon, um dann doch Prosecco bei ALDI zu kaufen und missgestimmt, die Etiketten abzunibbeln. Schuld daran, aber sind niemals die Liberalen selbst, sondern immer nur die, von denen die FDP vermutet, das man ihnen das Glück nicht gönnt. Groteskerweise sind das alleinerziehende Mütter, Rentner und quasi alle Menschen, die ohne MacBook leben.

DIE LINKE ist ähnlich unzufrieden, aber auf eine Art, die wohl schon Karl Liebknecht peinlich gewesen wäre: dann nehmen wir es den Reichen eben weg, geht den Linken noch immer allzu leicht über die Lippen. Die Linken haben etwas vom Hochstapler, an sich kein unangenehmer Mensch, aber in seinen Hosentaschen ist eben auch immer ein Loch. Wie das Geld verdient werden soll, dass die LINKE schon auszugeben wüsste, weiß niemand so genau. Während die SPD noch immer von Arbeitervolksschulheimen träumt, so hat auch die LINKE eine oft etwas unangenehme Beziehung zur Vergangenheit. Wäre, um bei deinem Lieblingsthema, den Hundewägelchen zu bleiben, Tierarzt, die Linke sicher dafür, dass jeder Hund ein Wägelchen gleicher Bauart bekäme und die Doggenbesitzer zahlten für den Spitz der alten Frau aus dem 3. Stock mit, so bezahlten alte Kader der Linken wohl doch noch Katzen als Spione und so haftet der LINKEN immer auch etwas Uneindeutiges und wohl auch Zweifelhaftes an.

Die CDU hinegegen lieber Tierarzt war immer die Partei der Sparkassendirektoren und Schützenkönige, eine Partei der Stammtische und festen Reden, und nie so ganz sicher, wie man sich denn nun eigentlich zur Moderne verhalte. Gut findet die CDU auf jeden Fall Autos und findige Tüftler, ansonsten aber wird alles Neue mit Argwohn bestaunt, denn im Grunde steht die Welt nur den Schützenkönigen und ihren Kindern offen. Dass auch Kinder mit Eltern aus Izmir Klassensprecher werden oder Frauen Konzerne leiten behagt dem CDU’ler niemals ganz und darauf einen Kräuterschnaps beim Stammtisch. Die CDU glaubt an gemähte Rasen, polierte Karossen, aber inzwischen auch an das eigene Heizkraftwerk im Keller, Solarpanele auf dem Dach und, dass die Mia nun lieber mit Lia knutscht, als mit Hans-Peter, ist schwer aber dennoch verdaulich. 12 Jahre Merkel gehen auch am ordentlichen CDU-Wähler nicht spurlos vorbei und wenn beim Stammtisch auch noch von den Zeiten geschwärmt wird, wo man im Büro ein Gespusi hatte, so ist die CDU doch weltverhaftet, und wenn nicht innovativ, so doch behaglich eingerichtet.

Die AfD aber Tierarzt sage ich, träumt nicht von einer Welt in der es nur einigermaßen gerecht und geordnet zuginge, sondern die Afd gefällt sich in der Rolle des ungehörigen Bruders, der mit dem Taschenmesser den Käfern die Beine abschnitt und später der Freundin mit Ohrfeigen drohte, die AfD ist die Wiedergeburt von Diederich Heßling, dem brutalen, deutschen Spießer. Die AfD will eine Welt zurück in der Opa ruhig mal erzählt und zwar mit Stolz und den alten Orden der SS an der Brust, wie es war damals als es hieß: „Jeder Russ, ein Schuss!“ Wenn Hans die Grete nachts im Park überfällt, hat sie es nicht anders gewollt und wenn die Ehefrau sich eine fängt, so hat sie es nicht anders verdient. Wenn der AfD-Wähler über den Pastor schimpft, die Behinderten verlacht, die Ausländer verachtet und die Juden wie die Muslime hasst, so ist es sein gutes Recht, aber wehe der AfD’ler soll sich mäßigen müssen, dann schreit er Vaterlandsverrat und Zeter und Mordio, wie damals als Vatern ihn durch den Garten jagte, als er Bonbons aus dem Zuckerglas stahl. Das Lügen aber hat ihm schon immer gelegen, und nur wer Böses will, würde sagen, dass er hat von Opa gelernt.

Nicht vergessen werden aber soll über all dem die CSU. Die CSU hat ein Programm und das Programm heißt: Bayern. Dass was Trump Amerika versprach, ist in Bayern schon immer der Fall und so ließe sich wohl in einem bayerischen Biergarten unter Kastanien, die Wahl am Besten verfolgen, denn Mia san Mia, das ist dort Gesetz.

„Yikes“, sagt der Tierarzt und ich wende mich wieder dem Schreibtisch zu.

Ein neues Jahr

Als die Sonne untergeht, höre ich kein Shofar, sondern nur das nimmermüde Telefon. Überhaupt das Telefon. Die A. ruft an und schimpft: „Diaspora-Juden.“ Wer die Feiertage nicht heiligt, den fressen die Raben schreit“ sie so laut, dass nicht nur das ganze Büro es hört, sondern sehr sicher auch ganz Jerusalem. Ich versuche vergeblich mich zu verteidigen. Die A. aber will davon nichts wissen. „Faule Ausreden und jämmerliches Gewäsch“, schnarrt sie und setzt ihren Sermon über die hohen Feiertage und Familienpflichten fort. Zweimal versuche ich noch sie zu unterbrechen, aber schon mein leises…aber…. reizt die A. zur Weißglut und mit einem letzten empörten und voller Verachtung gerufenen: „Diaspora-Juden“ kanllt sie den Hörer auf. Es folgen noch dreiundzwanzig ähnliche Whatsapp-Nachrichten, aber dann hat die A. besseres zu tun, als sich mit mir herumzuschlagen, denn ihre Neujahrstafel ist festlich bestückt und anders als die Nachbarn, die im Herzen wohl auch Diaspora-Juden sind, backt sie 200 Challot und dankt jeder Biene einzeln für den Honig und natürlich sind ihre Granatapfelkerne größer und saftiger als die aller Anderen. Ich sitze mit zitternder Hand im Büro. Die Zimmerpalme fächelt mir Luft zu: „Mach Dir nichts draus!“ haucht sie und ich schlucke. „Aber wenn die A. nun doch recht hat?“, sage ich und die Palme seufzt. Ich denke an das kleine irische Dorf und die vielen, schwarzen Elstern, die Raben schon sehr, sehr ähnlich sehen.

Die Frau des Krämers schreit: „Ha, Fräulein Read On, ich habe es nachgeschlagen, heute ist eines ihrer seltsamen Feste. „Heute Abend beginnt RoshHaShana“ Frau des Krämers, sage ich, „es ist das jüdische Neujahrsfest, denn das Jahr 5778 ist angebrochen“. Die Frau des Krämers stützt die Hände in die Hüften: „So was, ein Jahr beginnt immer am 01. Januar und nicht mitten im September. „Alles Humbug, alles Kokolores, komische Spinnereien bei ihnen.“ Ich atme tief ein und staple Möhren und Äpfel auf der Ladentheke. Die Frau des Krämers gestikuliert noch immer und kommt zu ihrem Lieblingsthema nämlich meiner Weigerung Schwein zu essen, eine Absonderlichkeit, an die sich die Frau des Krämers wohl niemals zu gewöhnen mag und sie bemitleidet mich wie so oft, niemals meinen Tag mit einem heißen, fettriefenden Würstchen beginnen zu können. „Sie sind Sie eigentlich niemals neugierig, frage ich Sie, auf die Feste der Anderen?“ „RoshHaShana glaube ich könnten Sie mögen, es gibt… ,“ aber da unterbricht mich die Frau des Krämers schon und zornig blinzelt sie zu mir herüber: „Weihnachten ist eben Weihnachten“, ruft sie und schickt ein wütendes: „Sie lasse sich doch nicht ihr Schönstes nehmen“ hinterher. Ich muss schlucken und denke an meine Großmutter, die immer den schönsten Weihnachtsbaum hatte und niemals ohne ein spöttisches Lächeln sah, dass ich den Kidduschbecher erhob. „Weihnachten ist eben Weihnachten“ höre ich die Frau des Krämers noch immer rufen, da stehe ich schon in der Küche und schneide Möhren für den Tzimmes.

Meine Großmutter machte Tzimmes kalt, rieb die Karotten, gab Apfel und Rosinen und allerlei anderes dazu, obwohl sie doch niemals „Shana tova“ sagte und über meinen Tzimmes, nur den Kopf geschüttelt hätte, den meiner ist eine Kasserole, geschmorte Möhren in Hühnerbrühe, mit Backpflaumen, Honig und Chilli dazu. Immerhin riecht das Haus nach dem neuen Jahr, denke ich und decke den Tisch. Ich entkerne die sündhaft teuren und immer trockenen Granatäpfel, die man in Irland zu kaufen bekommt und wärme die Challah im Ofen. Dann kommt der Tierarzt. Der Tierarzt schnuppert in der Küchentür. „Hmm, hmm, hmm,“ macht er und es klingt nicht erfreut. „Das ist Tzimmes, Tierarzt“ sage ich und stelle ihm einen Teller hin. Der Tierarzt stochert in den Karotten, spießt eine Karottenscheibe auf und starrt sie lange an. Die Backpflaumen sortiert er aus, die Challah würdigt er keines Blickes und die Granatapfelkerne mit Honig kann er nicht ausstehen. „Hmm, hmmm, hmm,“ sage ich und klinge nicht sonderlich erfreut, „vielleicht schadet ein Löffel ja nicht.“ Aber natürlich irre ich mich. Der Tierarzt lässt den Löffel fallen und sagt: ICH HASSE ESSEN, ALLES ESSEN, DAS ESSEN HASSE ICH GANZ BESONDERS, ICH KENNE NICHTS WIDERLICHERES ALS MÖHREN, MÖHREN SIND ÄH, BÄH, RABÄH, ZUM WÜRGEN, IMMER ZWINGST DU MICH ZU ESSEN, WARUM KANNST DU MICH NICHT ENDLICH IN RUHE LASSEN? WARUM?WARUM?WARUM? DAS IST SO WIDERLICH DIESE STÄNDIGE ESSEREI, ICH HASSEN ESSEN, ALLE DÜRFEN ABNEHMEN, NUR ICH NICHT, NUR DU ZWINGST MICH ZUM ESSEN, JEDEN TAG ZWINGST DU MICH ZUM ESSEN, DABEI BIN ICH SCHON SO FETT, FETT, FETT, DU BIST SO HINTERHÄLTIG UND GEMEIN, ICH HASSE ESSEN, UND DASS DU MICH SO ZWINGST HASSE ICH NOCH VIEL MEHR UND DIR MACHT DAS AUCH NOCH SPASS MICH SO ZU QUÄLEN UND ICH HASSE ESSEN UND ICH HASSE MOHRRÜBEN UND DICH HASSE ICH AUCH.

Ich stehe auf und mache das, was ich sonst nie mache, denn ich habe eine solche Abneigung gegen alle Art Verschwendung und gegen die von Lebensmitteln ganz besonders und kippe die Kasserolle mit dem Tzimmes, die Teller mit den Karotten, die Granatapfelkerne und die Challah in den Mülleimer. ( Wenn die A. das wüsste, wäre ich tot. ) Dann verstecke ich meine Arme und die zitternden Hände in den weiten Ärmeln meiner Strickjacke, und gehe nach oben. Ich wasche mir die Haare und rolle mich mit Nussschokolade auf dem Sessel zusammen. Ich fühle mich noch schlechter, denn man isst keine Nüsse über RoshHaShanah. Aber eigentlich ist mir auch schon alles egal. Dann klingelt das Telefon und die liebe C. ist am Apparat. Sie sitzt in der Badewanne der A. und flüstert, denn die A. gestattet den Gebrauch von Mobiltelefonen nicht an Shabbat nicht und an den hohen Feiertagen schon gar nicht: „Shana tova, Süße“, sagt meine liebe C. und singt ganz leise für mich und zählt so viele gute Wünsche auf, wie sie mir niemals einfallen würden. Dann muss sie zurück zur Tischgesellschaft, nicht das die A. noch misstrauisch würde und ich gehe zu Bett, der Regen tropft gegen die Fensterscheiben, Shana Tova, flüstere ich der Dunkelheit zu und hoffe trotz allem auf ein helleres und leichteres Jahr, als es das Vergangene war.

Szenen aus dem Leben eines seltsamen Fräuleins.

Die Szene: Ein windschiefes Haus irgendwo in Irland. Links der Kirchturm St. Sylvester, im Garten des Hauses eine alte Kastanie. Bewölkter Himmel. Die Dorfstraße, hier steil ansteigend, auf der Straße, ein Fräulein mit Bücherbeutel, Tasche und Einkäufen beladen. Das Fräulein ist angetan mit einem gelben Wetterfleck, robusten schwarze Ankleboots mit denen sich auch Mordor durchwandern ließe, ihre Haare, die von weiten an ein Shetlandpony erinnern, wogen im Wind, ihre Nase tropft und augenscheinlich murmelt sie Flüche. Vor dem Haus: ein alter, klappriger, roter Volvo.

Die Frau kramt nach dem Schlüsselbund und betritt das Haus.
Am Küchentisch sitzt ein mittelalter Mann, (ein blauer Schafwollpullover, kunstvoll gezauste Haare), tief gebeugt über tierärztliche Fachliteratur, auf seinem Schoß schläft eine Katze, zu seinen Füßen hechelt der Hund.

Auftritt Fräulein ( Frl.):

( Der Bücherbeutel fliegt in Richtung geöffnete Küchentür)

Frl.: Man fasst es ja nicht. Man fasst es ja nicht. Dass sich vor Kindergärten und Schulen die Blechlawinen stauen und Eltern in Hupwettkämpfe und Tätlichkeiten verwickelt sind, um ihrem kleinen Wunderkind noch zehn Meter zu Fuß zu ersparen, ist nicht neu. Nein, das ist nicht neu. Aber ( das Fräulein reißt die Arme nach oben ) heute hat mich eine SUV-Mutter, die das liebe Erstsemester zum Semesterbeginn auf den Campus kutschierte, umgefahren. Einfach so, beim Rückwärtsmanövrieren, fuhr sie mich um. Zwar langsam, aber doch ganz bestimmt, fuhr sie mich um und während ich versuchte zur Seite zu hechten , bläkte sie dabei aus dem Autofenster: „Hey Sie, wo geht es denn zur Immatrikulation.“ Ich schrie natürlich: Halten sie das verdammte Auto an.“ Das hat mir den Fuß gerettet, denn so fuhr sie nur über den mir entglittenen Bücherstapel. Man fasst es ja nicht. Diese Impertinenz.

( Der Tierarzt liest die Bücher auf, stapelt sie sorgsam auf dem Küchentisch und starrt auf den deutlich sichtbaren Reifendruck auf dem Buchdeckel)

( Das Fräulein pfeffert ihren gelben Wetterfleck hinterher.)

Frl: „Aber, wenn Du glaubst, das sei es schon gesehen, dann kennst du das Fräulein schlecht. Heute war der australische Delegierte da. Sagt die J. ( die liebenswürdigste Chefin der Welt ) Read On, der ist ein Fall für dich. „Gut, gut“, sage ich und der australische Delegierte bekommt die Spezialführung. Ich erzähle die Geschichte vom Krokodil, lasse die Sache mit Oscar Wildes Griechischprüfung nicht aus, erläutere den Mord von anno 16xx en Detail und spreche dann über Mary Shelley.“ ( Der Tierarzt bückt sich und hängt den gelben Wetterfleck auf einen Bügel.) „Ich stehe also mit dem australischen Delegierten etwas abseits der Erstsemester und rede über Mary Shelley, da knöpft der Mann ohne Vorwarnung sein Hemd auf und zeigt mir einen Fledermausbiss irgendwo auf seiner stark behaarten Brust. (Das Fräulein reißt an einem Ankleboot und schleudert auch diesen in Richtung Küchentür.)
Man fasst es doch nicht! Den Fledermausbiss habe ich nicht gesehen, dafür die Kekskrümel im Brusthaar des Delegierten. „Machen Sie bitte das Hemd zu.“, sage ich also, da setzt der Mann zu einer langen Erklärung über das Leben im australischen Busch an , krempelt sein Hosenbein hoch und zeigt mir zwei Spinnenbisse. Alles noch immer mit offenem Hemd. ( Endlich hat sich das Fräulein auch des zweiten Schuhs erledigt, um diesen dem ersten Schuh hinterherzuschleudern.) Man glaubt es ja nicht. Was für ein Kerl. Ein Kerl, sage ich dir.

( Der Tierarzt hustet, augenscheinlich um nicht Lachen zu müssen. Das Fräulein sucht in der Hosentasche nach einem Haarband. Mit zusammengebissenen Lippen rohrspatzt sie weiter:

Frl: „Dann diese Auszubildende. Sie wird noch der letzte Nagel zu meinem Sarg. Ich schreibe also in allerherzigster Handschrift sechs Einladungen, edelstes Papier, Goldrand, plage mich mit dem blöden Aufziehfüller, habe Tintenflecken an Körperstellen, von denen ich nicht ahnte, dass ich sie habe und lege sie der Auszubildenden hin, damit sie diese in Briefumschläge tut, die ich vorbeschriftet habe, frankiert und auf die Post trägt. Was macht diese Person? Diese Person gießt ihre Wasserflasche über die Einladungen aus. Kann man das denn begreifen? Das kann man doch nicht begreifen! Was für ein Rindviech! Ich setzte also erneut an, der Füller tropft aus purer Bosheit, ich habe Tintenschlieren an der Nase, aber sechs Einladungen sollen es werden, ich lasse die Einladungen in die Briefumschläge gleiten, vorsichtig wie behutsam, ich schreibe die Adressen auf die Umschläge, ich frankiere die Umschläge, ich sage: Auszubildende: Wasser, Kleber, Joghurt, alles fort, hier sind sechs Umschläge bringen sie die zur Post.“ „Jetzt.“ Ich gehe meiner Wege. Ich lasse mich verlachen der Tintenschlieren wegen, ich arbeite wie der Esel sieben, ich raufe mir achtfach das Haar und kehre in das Büro zurück. Da steht die Auszubildende vor meinem Büro: „Fräulein Read On, heult sie, ich habe die Einladungen geschreddert, aber wirklich nur ganz aus Versehen.“ Ich zähle bis 133 und sage: „Gehen Sie mir aus den Augen.“ Ich schreibe sechs, neue Einladungskarten, ich beschrifte, frankiere, ich eile selbst zur Post. Ich habe Tintenflecken auf der Brille und ich schwöre Dir: „Eines Tages da reißt mir die Hutschnur, da reißt mir die Hutschnur und dann wird Schreckliches geschehen. Noch in vielen Hundert Jahren, wird jemand davon erzählen wie einmal dem Fräulein Read On die Hutschnur riß!“

( Der Tierarzt hat inzwischen die Schuhe ins Schuhbord getragen und lehnt gegen den Küchentisch.)

Tierarzt ( leise kichernd) : „Mädchen, ich warte auf den Tag, wo Du Dir auch noch den Kopf abreißt,um ihn über die Schwelle zu schleudern, aber sei gewiss, ich werde ihn fangen.

( Der Tierarzt beginnt haltlos zu lachen.)

Frl: ( bindet sich die Haare zusammen.) „Wenn Du nur lachst!“

Der Tierarzt: „Nicht nur ich“. Zu seinen Füßen grinst der Hund. Auf dem Küchenstuhl johlt die Katze.

Frl: „Ich werde die grinsenden Gesichter nicht vergessen.“

Der Tierarzt küsst die tintenfleckige Nasenspitze des Fräuleins.