Aufgewacht

Immer wache ich vom Regen auf. Der Regen läuft durch die schwarze Nacht und hält sich an den Fensterscheiben fest. Der Regen hat eine dichte Haut und feste Fingerknöchel, ich starre in den Regen hinaus und der Regen gibt nicht nach. Kalte Hände hat der dunkle Regen und kalte Hände habe auch ich.

Immer weckt mich der gleiche Alptraum auf und wache ich auf, erinnere ich mich, dass der Alptraum niemals vergehen wird. Mit der Zeit verblassen die Träume sagen die Leute, aber die Leute irren, nur ich werde blässer und der Alptraum bleibt einfach vor mir stehen. Der Alptraum hat genau so kalte Hände wie ich. Vielleicht hat der Alptraum mir ja seine Kälte in die Seiten gelegt. An eine Zeit ohne den Alptraum erinnere ich mich nicht. Der Alptraum und ich wir sind alte Freunde. Treffen wir uns tagsüber auf der Straße, sehen wir schnell zur Seite. Im Hellen wollen wir uns lieber nicht kennen.

 
Mich wecken weinende Frauen und Männer auf. Immer. Ich habe Frauen und Männer weinen gehört, von denen ich glaubte sie seien schon tot, aber sie weinten noch immer und ich bin mir nicht sicher, ob sie je wieder aufgehört haben. Wo immer sie weinen ob auf einer Liege im Krankenhaus oder in einem weißen Plastikzelt oder in einer alten Wohnung mit Dielenboden, ich wache auf und ich kann auch lange nach den Taschentüchern und der Hand auf der Stirn oder nach all den anderen vergeblichen Versuchen, dem Weinen zu begegnen nicht mehr einschlafen. Ich wache einfach auf.

Aufgewacht bin ich von Schüssen, die tief flogen und die mich immer nur fast trafen. Ich wache auf von klingelnden Telefonen, von einem Schlüsselbund in der Tür, von den Schatten an der Wand. Die Schatten erinnern sich gern an mich. Ich würde sie gern vergessen. Aufgewacht von Händen an meinen Rippen und aufgewacht vor lauter Müdigkeit. Nein lachen Sie nicht, dass ist eine ernste Angelegenheit. Aufgewacht bin ich von Hundegebell und Hummelgesumm, einmal mit einem Sonnenbrand, den ich für Tage mit Melonenscheiben kühlte am Strand von Cannes. Aufgewacht bin ich immer erst, wenn die Tür schon hinter mir zu geschlagen war. Es gibt Menschen, die sagen: ich habe die Gefahr schon kommen sehen. Mir ist es niemals so ergangen. Ich habe am Besten in den Armen eines hartnäckigen Lügners geschlafen. Aber ich glaube den Lügnern auch immer noch, wenn sie es wohl selbst nicht mehr tun. Tun Sie es nicht.

Ich bin aufgewacht als sich der Mond durch das dunkle Zimmer schob und die Sonne schon wieder unterging. Gestört haben mich weder Sonne noch Mond und oft wache ich nicht vom Wecker auf, sondern weil der Hund findet, die beste Art das Frühstück serviert zu bekommen, sei mit der Pfote an meine Stirn zu klopfen.

Das klappt garantiert. Aufgewacht vor Zahnschmerzen und vor immer neuen Sorgen. Aufgewacht auf einer satten Wiesen, auf Betonböden, in einer Badewanne. Die Badewanne stand frei im Raum. Aufgewacht mit kalten Füßen. Aufgewacht und manchmal trotz besseren Wissens die Augen lieber geschlossen gelassen. Aufgewacht mit Händen auf meinen Rippen. Die Hände immer wieder fortgeschoben. Unter meinen Rippen liegt zu viel vergraben.

Aufgewacht mit der Aussicht auf Schwimmen im kühlen See. Aufgewacht bei einer indischen Hochzeit. Ein Dorf in Himchal Pradesh. Mit dem Rücken an einen Dachvorsprung gelehnt unten auf der Straße gingen die Frauen des Dorfes, in der Hand ein Gefäß mit Wasser, in die Felder gingen die Frauen, denn die Felder sind ihre Toiletten. Erst da bin ich aufgewacht, da waren wir mit der Klinik schon zwei Jahre im Slum und niemals fragten wir uns, wo eigentlich die Toiletten waren. Hart aufgewacht in der Realität. Aufgewacht von Steinen gegen die Fensterscheibe, aufgewacht im festen Glauben, der neben mir liebte mich. Ich sollte mich irren.

Aufgewacht von den Toten, die durch die Flure laufen, still und schweigend sehen sich mich an, wieder und wieder kehren sie zu mir zurück und legen mir ihre kalten Hände auf die Stirn. Aufgewacht von vielen Nichtenfüßen auf meinen Rippen und dem Klingeln des Telefons nachts um halb drei. Aufgewacht, wenn es zu spät war und aufgewacht, obwohl es doch noch immer so früh ist. Aufgewacht vom Monsun und wieder fällt in Mumbai der Regen. Aufgewacht von den Dachschindeln, die in Irland herabpolterten, da sind in Assam und Bihar schon wieder 500 oder mehr Menschen in den Fluten ertrunken oder vom Sturm erschlagen worden. Aufgewacht, da war der Zug an der Endhaltestelle angekommen und ich musste doch eigentlich in eine andere Richtung. Aufgewacht mit Angst in der Magengrube, noch immer ist die Angst, das erste was mir morgens einfällt. Wir haben uns aneinander gewöhnt. Aufgewacht in den Armen meiner Großmutter, ich kenne keine sicheren Arme als die ihren. Immer legte meine Großmutter mich in ihre Arme hinein und am anderen Morgen waren sie noch immer da. Ich habe mich an die Abwesenheit ihrer Arme nie gewöhnen können. Auch davon wieder und wieder aufgewacht.

20 Gedanken zu “Aufgewacht

  1. Quälende Gedanken und Bilder sind das. Voll Vetrauen begibt man sich in die Arme des Schlafes, und dann ist er plötzlich zu Ende. Seit ein paar Jahren übe ich mich in der Kunst des Verdrängens, mir hilft das.

  2. Das Unterbewusstsein ist kaum zu überlisten. Wovor wir tagsüber auch noch so schnell davonlaufen, nachts in unseren Träumen holt es uns doch wieder ein.
    Passen Sie auf sich auf, liebes Fräulein Read on.

  3. Erdbeben habe ich verschlafen, die Maueröffnung, auch 9/11. Wenn du schläfst, kann eine Bombe neben die einhauen, du wirst weiter pennen, sagte meine Mutter, als ich ein Kind. Anders als ich, kennt sie diesen Klang,

    Die Großmutter, die ich gekannt, kein Sehnsuchtstort. Bei ihrer Beerdigung haben nur die Nachbarn geweint. Meine Wahlgroßmutter vermisse ich, sie konnte mit Menschen sein.

    Erbebt, hat mich die Zärtlichkeit mit der T mich berührt, im Traum der letzten Nacht..

  4. Ich kann eigentlich gut schlafen, das Einschlafen ist manchmal ein Problem. Nach der Nachtschicht geht es wunderbar. Aber wenn mein Mann Nachtschicht hat schlafe ich schlechter, ich brauche das Gefühl mich jederzeit an seinem Rücken zu kuscheln, wenn schlechte Träume mich erschrecken.

  5. So traurige Gedanken, so schön geschrieben. Alpträume sind hartnäckig, das weiß ich auch. Ich wünsche Ihnen gute Träume.

  6. Das mit der Angst am Morgen und beim Aufwachen in der Nacht st bei mir auch schon immer so.
    Träume von Tränenseen- sehr groß und sehr alt. Die Tränen rinnen über uralte Steine, schon ganz rund und glattgeschliffen. Ich glaube das sind die Tränen von den vielen jüdischen Menschen die immer und immer verfolgt und verwundet wurden.

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