Spielerfrau

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Das Fräulein Read On ist unter die Spielerfrauen gegangen und das kam so:

Vor ein paar Wochen brachte der Tierarzt einen Zettel mit nach Haus. Auf dem Zettel stand: Tennisturnier, 1.F.C. Grün Weiß Celtic“, 27. August: Auch Nicht-Mitglieder HERZLICH WILLKOMMEN. Tennisplatz Celtic, Celtic Street 1, Celtic Village. Der Tierarzt sah auf den Zettel und dann sah der Tierarzt mich an: „Mädchen, was denkst Du?“ Ich verkniff mir einen Tennisturnierwitz und sagte: Tierarzt, warum denn nicht?“ Dann fraß der Hund den Zettel und ich vergaß alles über den 1.F.C Celtic und das Turnier, denn wie alle Welt weiß: ich kann einen Handball nicht von einem Fußball unterscheiden. Eines Abends aber, ich war fast schon eingeschlafen, lehnte der Tierarzt sich zu mir herüber, strich mir die Shetlandponyhaare hinter die Stirn und sagte: „Du Mädchen, ich habe mich für das Tennisturnier angemeldet.“ „Bravo, Tierarzt“ murmelte ich und schlief prompt ein. Am Freitag aber sagte der Tierarzt: „Mädchen, kannst du bitte mitkommen zum Tennisturnier?“

Ich hätte sehr gern gesagt: „Nein, lieber Tierarzt, mich interessiert Tennis Null, mein Verhältnis zu Vereinen ist ein angespanntes und ich möchte meinen Sonntag mit allem verbringen, nur nicht auf einem Sportturnier. Dann denke ich an all die Tage an denen der Tierarzt auf dem Sofa lag, aus dem Fenster starrte und nichts anderes von der Welt wollte, als aus ihr zu verschwinden. „Gut“, sage ich, ich komme mit. Der Tierarzt atmete aus, und ich sagte: Eine Schüssel Porridge mit Honig, sonst bliebe ich hier.“ Der Tierarzt nickt und rannte herüber Kälbchen, die frohe Botschaft zu überbringen.

Am Turniermorgen backe ich einen Pflaumenkuchen. Der Tierarzt ißt Porridge, ich richte Wasser und Obst, werfe mein Buch in die Tasche und verwarne den Hund, dass mustergültiges Verhalten heute die Norm ist, die Katze verwarne ich gleich mit, denn die Katze kann gar nicht oft genug verwarnt werden. Der Tierarzt trägt eine Reisetasche mit Tenniskramuri ins Auto, dann fahren Tierarzt, Hund und ich nach Celtic Village. Dort angekommen, geht der Tierarzt zur Wettbewerbsleitung und ich trage den Kuchen zur Spielerfrauenvorsitzenden, die erkennt man ja immer gleich an ihrem „Wichtig, Wichtig, Wichtig“. Gehabe und sage: „Fräulein Read On, Angenehm, ich habe einen Pflaumenkuchen gebacken.“ Ich halte ihr das Blech Pflaumenkuchen hin. Sie sieht mich streng an: „Sie können nicht irgendeinen Kuchen mitbringen. Wir haben eine Kuchenliste. Dann starrt sie auf den Kuchen als sei er des Teufels Sohn und ergeht sich in einem langen Spielerfrauenvorsitzendenmonolog, der auf den Satz: „Wenn jeder machen würde, wie er wollte, ja dann“ herausläuft. Ich denke, wenn die gleiche Sorge, die der Kuchenliste zu Teil wird, doch dem Welthunger gölte, dann gäbe es diesen nicht mehr.“ Ich sage: „Ein Danke hätte auch gereicht.“ Dann drücke ich ihr das Blech in die Hand und drehe mich um. Die Spielerfrauenvorsitzende ruft: „Wir tragen hier weiß.“ Ich trage ein altes, pinkes Kleid, dem Grasflecken und Hundespucke nichts mehr macht und rufe: „Glauben Sie mir, Sie wollen mich nicht in Weiß sehen.“ Dann suchen der Hund und ich den Tierarzt. „Viel Spaß“, sage ich und immer schön trinken und bitte steck Dir die Tennisbälle nicht in die Hose, wie der Kraftprotz dahinten, dann bekomme ich einen Schluckauf vor Lachen.“ Der Tierarzt gelobt niemals Bälle in die Hose zu stopfen und Hund und ich gehen zu einem Kreis von Spielerfrauen herüber und ich sage: „Hi, ich bin Fräulein Read On, kann ich mich zu euch setzen?“ Die Spielerfrauen nicken und sagen: „Wir tragen hier aber weiß.“ Ich versichere den Frauen eindringlich, dass Weiß nicht meine Farbe sei sei. Die Spielerfrauen reden über Turnierpunkte, über die Achillessehne von Tom, Berties schwache Rechte, Damiens starke Vorhand und die kommende Saison. Ich gähne. „Wie viele Runden hat Tennis?“ frage ich die Spielerfrauen. Die Spielerfrauen starren mich entsetzt an. „Spielt ihr auch?“, frage ich die Frauen. Die Frauen schütteln den Kopf: „Wir sind das Back-up Team“, sagen sie und sie klingen dabei sehr stolz. Dann holen sie Ferngläser und kommentieren das Spiel. Endlich bin ich einmal im Vorteil, denn der Zwei-Meter Tierarzt ist immer gut zu sehen. Ich winke dem Tierarzt und der Tierarzt wirft mit dem Tennisschläger Luftküsse zu mir herüber und ich, die es doch wirklich nicht mit Ballsport habe, fange jeden Einzelnen auf. Die Spielerfrauen sehen auf einmal ziemlich grünlich aus, denn Tom, Bertie und Damien werfen keine Küsse, sondern den Frauen nur durchgeschwitzte Handtücher zu.

Der Tierarzt verliert jedes Spiel, der Hund und ich reichen Wasser und Handtuch und ich hüpfe auf und ab, wann immer der Tierarzt auf den Ball haut und der Hund kläfft wann immer der Ball übers Netz geht. Das letzte Match ist gegen den Mann der Spielerfrauenvorsitzenden. Der Mann ist eine Maschine und wiegt vielleicht das Achtfache des Tierarzts und sein Schläger knallt gegen den Ball wie eine Kanonenkugel und der Ball saust pfeilschnell über den Platz: Der Tierarzt aber ist sehr zäh und die Spielerfrauenvorsitzende schreit ihrem Mann im Kommandoton taktische Ratschläge zu. Ich hüpfe lieber und der Hund versucht einen Schmetterling zu haschen. Irgendwann ist das Spiel zu Ende. Der Hund jagt begeistert einen Tennisball, ich umarme den Tierarzt, wir sammeln seinen Kramuri in die Reisetasche und mit Kuchen beladen sitzen wir unter einem Baum neben dem Tennisplatzdrahtkäfig.

Bist Du traurig, Tierarzt wegen der verlorenen Spiele?“, frage ich.

„Einen Fingerhut traurig vielleicht, sagt der Tierarzt, aber nicht wirklich, nein, wer kann schon traurig sein, wenn ein Mädchen hüpft wie ein pinker Floh?“

„Ha, sage ich Tierarzt, wenn Hüpfen olympisch wäre.“ Der Tierarzt lacht und ich zeige auf den Tennisplatz. Dort liegt der Mann der Spielerfrauenvorsitzenden, schwer atmend wälzt er such auf dem roten Boden, während seine Frau ihn mit einem Wasserschlauch duscht. „Er liegt und Du stehst“, sage ich zum Tierarzt und der Tierarzt lacht und lacht, der Hund bellt und ich esse ein sehr gutes, sehr großes Stück Schokoladenkuchen.

19 Gedanken zu “Spielerfrau

      • Deshalb bin ich froh, dass die Herren Söhne kein Fußball mehr spielen. Beim Kutsche fahren ist alles tausendmal entspannter – auch die Eltern der Teilnehmer, besonders die.
        Liebe Grüße aus der Altmark, Dörthe

      • vermutlich hat ihn der Mann der Spielerfrauenvorsitzenden aufgegessen. Das kam so: sie hat ihn heimlich verschwinden lassen, weil das pinkfarbene Fräulein sich nicht an die Regeln und Listen halten wollte. Als der Vorsitzende ihre Überlebensdusche überstanden hatte, hat er sich sogleich über den versteckten Pflaumenkuchen her gemacht. Da jener mit soviel Liebe gebacken war, wurde dem Tennisvorsitzenden ganz anders und er entschwand auf weißen Socken mit der Spielerfrauenvorsitzenden in die Büsche….
        oder so ähnlich…
        …. na…. vermutlich haben ihn die Zuschauer der Spielerfrauenvorsitzenden unabhängig von Listen, aus den Fingern gerissen und seufzend verspeist.

  1. Köstlich die Schilderung des Spiels: Leichtgewicht gegen Ballmaschine. 🎾
    In jeglicher Hinsicht haben das Fräulein und der Tierarzt dieses Turnier gemeistert.
    Chapeau 🙂

  2. Ich mag Tennis, auch wenn ich darin wirklich nicht gut bin. Aber das große Gehabe um Spiele und Turniere verstehe ich wirklich nicht, denn Sport ist irgendwie etwas für die, die ihn machen. 🙂 Obwohl das vielleicht nicht die beste Erfahrung war, hoffe ich, dass der Tierarzt dran bleibt. Sport ist gut fürs Befinden, solange man es nicht übertreibt. 😉

    • Es ist auch so schade, dass all das mit so bitterem Ernst betrieben wird. Die Freude an der Bewegung ist doch was zählt. Erstaunlicherweise spielte keiner der Frauen Tennis, obwohl sich doch alles um den Sport drehte, ich stelle mir das ja unglaublich langweilig vor jedes Wochenende nur zum Zusehen über die Dörfer zu tingeln.

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