Zwischenräume

Die ganze Woche über in einem anderen Büro verbracht und mich mit leidigen organisatorischen Dingen herumgeschlagen. Anders als in meinem eigentlichen Büro, ist jenes ebenerdig gelegen. Große Glasscheiben, die bis auf den Boden reichen. Im Eck ein trauriger Gummibaum. Der Kalender an der Wand zeigt den 13. 7. 2011. Ein Alpenpanaroma. Auf einem Sideboard steht die Kakteensammlung des eigentlichen Bürobewohners. Über den Bürobewohner wissen die Büronachbarn nichts zu sagen. Sie zucken nur die Schultern. „Er ist halt immer da drinnen“, sagen sie und zucken mit den Schultern. „Sie hätten auch besseres zu tun, als sich um jeden zu kümmern. Als ich die Schreibtischschublade aufziehe, finde ich kleine, leere Schnapsflaschen. Ich bin nicht überrascht. Die Kakteen starren stumm zu mir herüber. Ich schließe die Schreibtischschublade wieder ab.
Ich weiß nichts über Kakteen, ich habe nie auch nur einen Kaktus besessen und die Frau des Krämers, die eine ganze Blumenbank besitzt, hat keine Kakteen unter ihren vielen Blumen.
Die Kakteen sind ähnlich verstaubt wie der Kalender. Staub wie Mützen liegt über ihren stacheligen Köpfen. Sitze ich am Schreibtisch ist mir als atmeten die Kakteen sichtlich bemüht, seufzend und keinesfalls freundlich gesinnt, sondern von widerspenstiger Feindlichkeit, so als störe meine Anwesenheit eine Lebensweise in der Zeit keine Rolle spielt. Die Kakteen riechen nach abgestandenem Wasser, nach Gleichgültigkeit, so weit fortgedrungen, dass es selbst den sauren Geruch nach Schweiß und Tabak übertüncht. Ein leerer Blumentopf ist voller Kippen und über den Kippen: vertrocknete Kakteenblüten. Öffne ich das Fenster und ich öffne das Fenster oft, steigen dünne Staubwolken auf und mir ist als rückten die Kakteen enger zusammen, ein stachliger Wall gegen die frische Luft und wohl auch gegen meine Anwesenheit.

Der Himmel ist noch immer milchig, grau und über allem liegt eine dumpfe Schwere. Vor dem Fenster schlafen zwei Obdachlose, eng in froschgrüne Schlafsäcke gewickelt, aufgeschnittene Pappkartons sind ihnen Unterlage. Neben ihnen stehen zwei Plastikbeutel. Habseligkeiten, was für ein schönes, deutsches Wort, sagt man. Hier ist aber nichts schön, hier liegen Menschen auf dem kalten Boden. An ihnen vorbei laufen Anzugmänner und Anzugfrauen, Kaffeebecher und Telefone in den Händen, Bauarbeiter mit dicken Schinkenbroten, Jugendliche mit Kaugummi und alle haben ein eiliges Leben, dazwischen schlafen zwei, und hinter der Glasscheibe sitze ich, Tee und Telefon und das Telefon klingelt und der Tee ist kalt. Eine Gruppe Touristen fotografiert die Obdachlosen. Ein schöner Kontrast: das regengraue Dublin und die Männer auf der Straße. Grell und grün sind die Schlafsäcke. Die Touristen haben Regenschirme und Rucksäcke. An den Rucksäcken haben sie Buttons gepinnt: Peace und Love und No Trump und dann halten sie ihre teuren Kameras auf die Männer und die Kameras machen: click, click, click. Ich mache das Fenster auf. „Schämen Sie sich nicht?, rufe ich den Touristen entgegen. Die Touristen starren mich an. Ich starre zurück. Dann laufen sie weiter. Als ich das Fenster schließe sehen die Kakteen zu mir herüber und ich glaube sie flüstern: „Ach, so eine bist du.“ Ich funkle die Kakteen an: „Ja, genau so eine bin ich.“

Nachmittags sitze ich mit der D. in einem hellen, kleinen Café, große Schaufensterscheiben, wir löffeln Suppe und die D. erzählt mir von der neuen Liebe ihres Lebens, dessen einziges Manko zu sein scheint, dass er Porzellanpuppen sammelt und ganze Wochenenden damit zubringt durch die Lande zu fahren, um neue Puppen zu erstehen. Aber ich höre ihr nur halb zu, vor dem Fenster stehen drei Mädchen, jung, viel zu jung, für Bierflaschen und Zigaretten. Sie lutschen Lollis, rauchen und schließlich schwanken sie betrunken auf die andere Straßenseite und setzen sich auf die Stufen und warten auf eine Gruppe junger Männer. Die D. legt ihre Hand auf meinen Arm. „Du kannst nicht alle Mädchen wieder auflesen“, sagt sie und sieht mich mit jenem mitleidigen Blick an, mit denen mich alle Menschen ansehen, so als würde nur ich mich verweigern, den Lauf der Welt doch endlich zu verstehen, endlich auch von etwas abzulassen, was doch ohnehin keinen Sinn macht.„Ich muss zurück“, sage ich zur D. und schüttle ihre Hand ab.“ Aber ruf mich an, ruft die D. mir hinterher.

Im Büro lese ich Indien Nachrichten, während ich weiter telefoniere. Dieses Telefonat führe ich jede Woche zweimal und längst ist es ein Theaterstück mit festen Rollen, die Frage ist nur wer eher einknickt. In Indien ist der Sektenführer Ram Rahim Singh aufgrund zweier Fälle von Vergewaltigung verurteilt worden. Die Fälle reichen bis in das Jahr 2002 zurück, der Journalist, der den Fall aufdeckte, Ram Chander Chatrapati ist längst erschossen worden und die organisierten und gewalterprobten Anhänger Rahims liefern sich Scharmützel mit der Polizei. Der Der Guru, der sich gern als Popstar inszeniert , mit besten Kontakten zur Regierungspartei BJP natürlich hat Anhänger, die schwören Indien auszulöschen, wagte es jemand ihrem Guru ein Haar zu krümmen. 28 Menschen sind inzwischen tot und ganz Chandigarh ist abgeriegelt. Ich schreibe den Freunden in Chandigarh. Stay safe, stay safe. Damals als ich nach Delhi kam, wohnte ich in Chandni Chowk und wie ich in Chandni Chwok wohnte noch viel naiver als die D. glaubt, realisierte ich, dass ein Pandit ( ein Priester ) ein zehnjähriges Mädchen zu ehelichen gedachte. Ich ging zur Polizei. Die Polizei nickte: „we investigate.“ Dann fuhr ich über das Wochenende zu Freunden nach Chandigarh, als ich zurückkam war meine Wohnung ausgebrannt. Frau Rajasthani, die ich damals kennenlernte, schüttelte den Kopf: Read On, du darfst doch niemals ins Erdgeschoss ziehen. Ich sah sie an, aber sie lächelte nicht, nicht über mich, noch über das was ich wollte. „Du ziehst zu uns, sagte sie“ und ich nickte.
Dann lege ich das Telefon auf. Vor dem Fenster steht ein Mann und raucht.

Bevor ich gehe, um am Montag in mein Büro zurückkehren, kaufe ich einen Kaktus. Der Kaktus hat gelbe Blüten. „Danke für Ihr Büro, schreibe ich auf den Zettel und „geben sie auf Sie acht.“ Das schreibe ich immer, seitdem ich auf die ausgebrannte Wohnung starrte. Dann ziehe ich die Bürotür hinter mir zu. Die Kakteen atmen auf. Ich atme ein.

13 Gedanken zu “Zwischenräume

  1. Kakteen sind die Pflanzen derer, die es aufgegeben haben, an das Leben zu glauben. Oder derer, die gerade genug Kraft haben, für sich selbst zu sorgen.
    Heute war ich in einer Gärtnerei. Eine ältere Dame suchte eine Pflanze als Mitbringsel für eine Freundin.
    Bitte eine Pflanze, die man nicht gießen muss. Gießen, das schafft die nicht.
    Das mit dem Erdgeschoss ist tatsächlich ein Risiko sagt die Freundin, die in Brasilien aufgewachsen ist. Skorpione, Einbrecher, Schlangen, alles was man nicht haben will.

    • Die Kakteen sind schon sehr eigene Wesen und in diesem Fall ist das definitiv etwas von Hund und Herrchen. Uns es stimmt was Du sagst, aber dann ist auch dieser Kern von résistance und ich bewundere das sehr. Die wollten, dass ich verschwinde. Ich weiß nicht, ob es nur eine Altersfrage ist, aber ich höre sehr oft: „Bloß keine Blumen, die machen so viel Arbeit. Schade.

      Das mit der Eigentumswohnung habe ich wirklich gelernt…

    • als ausgewiesene Liebhaberin von Kakteen muss ich hier heftig widersprechen.
      Seit meinem Umzug in das kleine Inselhäuschen, fehlen mir die im Teuto gehegten und gepflegten Kakteen.
      Von meinen 15 Kakteen hatte jedes einen Namen, wurde jedes täglich bespasst und wie ein Blümelein begossen. Das hätte sie eigentlich ertrinken lassen müssen, aber stattdessen haben sie es mir durch Vermehrung und Wachstum gedankt.
      Jetzt mal ehrlich… ich liebe das Leben ….. aber Kakteen auch!

      • Oh, dann nehme ich meine pauschale Behauptung zurück. Bisher kannte ich nur Menschen, die Kakteen haben und gleichzeitig pflegeunwillig sind. Wenn sie blühen, dann sind sie in guten Hãnden. Vielleicht hat Frãulein readon durch ihr blühendes Geschenk ja dem Bürobesitzer und seinen Kakteen Mut gemacht.

  2. Oh ja, die Blicke … mal mitleidig, mal hasserfüllt. Wer sich gegen diese Dinge, gegen Ungerechtigkeiten und Böses stemmt und aktiv etwas dagegen unternimmt, ist halt ein Naivling (gern auch „Gutmensch“ geschimpft“) oder eben ein Störenfried, ein Stein im Schuh, ein Sandkorn im Getriebe.

    Das zu leben und auszuhalten, ist manchmal recht schwer und schmerzhaft und macht manchmal auch sehr einsam. Und manchmal steckt es andere im positiven Sinne an und sie lassen sich motivieren und schauen genauer hin und machen auch mal den Mund auf gegen Ungerechtigkeit, oder reichen einer/m die Hand, dem/der schon lange niemand mehr eine Hand gereicht hat.

    Gib auch Du auf Dich acht, meine Liebe!

    • Merkwürdig nicht wahr? Dieser Stolz, dass man es eben gelernt wegzusehen und zu allem eine ironische Meinung parat hat. Unangenehm und anstrengend, aber ich habe immer dieses Biermann Lied im Ohr: Du lass Dich nicht verhärten. Da ist es.

      Du auch auf Dich, Bitteschön!

  3. „Die Kakteen atmen auf. Ich atme ein.“ Was für ein wunderbarer Text, wieder, der mich unwillkürlich tief Luft holen lässt und der so viel atmet. Traurigkeit und Hilflosigkeit und HändeinderHüfte und Nichtaufgebenwollen, und dann noch die schöne Geste mit dem gelb blühenden Kaktus. Dieser unerschütterliche Glaube, dass eben doch Gutes in der Welt steckt. Danke dafür, bitte einfach immer weiter blühen. Bitte.

  4. Was für eine liebe Geste der Gelbblüten-Kaktus doch ist ♥! Ich glaube nicht, dass sie die Pflanzen derer sind, die aufgegeben haben an das Leben zu glauben. Ganz im Gegenteil – sie schaffen es Leben durch schwere Zeiten hindurch zu bewahren.
    Herzlichste Ihnen,
    Ev

  5. Den Kakteen ist eine gewisse Grundzähigkeit nicht abzusprechen und sie sind sehr willensstark. Da ist doch eine gute Sache und Blüten kann es gar nicht genug geben.

    Ich grüße eben so herzlich!

  6. Else Lasker-Schüler

    Weltende
    Es ist ein Weinen in der Welt,
    als ob der liebe Gott gestorben wär,
    und der bleierne Schatten, der niederfällt,
    lastet grabesschwer.

    Komm, wir wollen uns näher verbergen …
    das Leben liegt in aller Herzen
    wie in Särgen.

    Du! wir wollen uns tief küssen –
    es pocht eine Sehnsucht an die Welt,
    an der wir sterben müssen.

    (1905)

    Von diesem Weinen, liebe ReadOn handeln viele Ihrer „Geschichten“. Vermutlich sind Sie eine
    Seelenverwandte dieser großartigen Dichterin.

    Ich hoffe sehr, dass Ihr Ruf : „Schämen Sie sich nicht?“, Foto-Touristen, die Elendsbilder als Souvenir
    betrachten, zum Weinen bringen.

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