Sonntag

Von der See zurückkommen. Kalt ist die See und alles schläft. Taube Fingerspitzen und taub trifft es vielleicht auch insgesamt sehr gut. Taube Fingerspitzen gegen die heiße Tasse Tee. Alles schläft, Dorf, Tierarzt, die Tiergemeinschaft, ich bin wach und meine Fingerspitzen geben der warmen Tasse nicht nach. 6.25 Uhr sagt die Uhr und ich wecke den Tierarzt. Der Tierarzt hat heute Notdienst. „Tierarzt“, sage ich und streiche ihm über die Stirn. Meine tauben Fingerspitzen tun den Rest. Der Tierarzt geht ins Bad und ich krieche in sein T-Shirt, meine Fingerspitzen liegen kalt gegen meine Rippen. Das Wasser rauscht und ich lege die Hände hinter dem Kopf zusammen. Wenn ich dich jetzt küsse, sagt der Tierarzt, höre ich nicht mehr auf“,und ich lege ihm die Finger auf die Lippen. Dann fällt die Tür ins Schloss und ich wickle mich in die Decke und in die Stille und schließe die Augen.

Dann klingelt mein Telefon. Das Telefon zeigt zehn Uhr und das Gesicht des Tierarztes. „Ja?“ sage ich. Der Tierarzt sagt: „Die Tierarzthelferin ist umgekippt und das Wartezimmer ist voll.“ Ich möchte schreien. Aber ich schreie nicht, sondern ziehe mich an, leihe mir das Auto des Priesters und fahre in die Praxis. Meine Hände sind kalt, ich habe noch nichts gegessen und ich bin so müde, so unendlich müde. Das Sprechzimmer ist voll und ich atme tief ein. „Es tut mir leid“, sagt der Tierarzt, dann stürzt der Computer ab und ich möchte jetzt sofort gleich ein anderes Leben kaufen. Wo macht man das?
Ich ziehe den Stecker und der Computer geht wieder. Das Wartezimmer ist so voll, dass wir Stühle aus dem Keller holen müssen. Mir wird übel von dem Geruch der Tiere. Eine Frau mit einer verfetteten Katze beschwert sich über die Wartezeit. Ihrer Katzen tränen seit vier Wochen die Augen. Mich überfällt hässlicher Ekel vor der Frau und ihrer Katze und ihre trommelnden Fingernägel auf der Tischplatte. Ich erkläre das Konzept Notdienst. Sie hört nicht zu, sondern hält mir die Katze immer näher ans Gesicht. „Bitte setzen Sie sich hin“, sage ich und öffne das Fenster. Es kommen Hundebesitzer, die keine Zecke selbst entfernen können, immer noch mehr Katzen, ein Pudel mit Angststörung, wie mir die Pudelhalterin erklärt. Der Pudel kaut indes selbstvergessen an der Teppichkante. Zwei Kanarienvögel pfeifen schrill und unermüdlich. Ein Mann in Lederhosen bringt eine schwarze, langbeinige Spinne an. Symptomatik unklar. Mein Verhältnis zu Spinnen ist nur in Teilen freundschaftlich. Im Land K. jagte ich Spinnen mit einer Bratpfanne und die Spinne starrt mich an, so als wüsste sie alles. Ich starre zurück. „Ich habe die Bratpfanne noch, Spinne“ denke ich und sage mit gespielter Freundlichkeit: „Bitte nehmen sie doch noch einen Moment Platz.“ Die Spinne heißt Lucy, sagt der besorgte Spinnenbesitzer. „Sie ist ja eine ganze Hübsche ihre Lucy“ sage ich und der Spinnenbesitzer nickt. „Nach meiner Ex benannt“, sagt er.

Ich habe wirklich Hunger aber in der Praxis gibt es nicht einmal eine Packung Cracker. In meiner Hosentasche finde ich ein angelutschtes Pfefferminz. Das muss das gute Leben sein. Die Spinne grinst hämisch zu mir herüber. In einem unbeobachteten Moment strecke ich ihr die Zunge heraus. Meine Hoffnungen auf Bhel Puri in der Mittagspause verfliegen, denn als endlich alle Hunde, Katzen, Kanaris und Lucy die Spinne verschwunden sind, klopft es schon wieder und ein Mann betritt die Prxis. Larry geht es nicht gut, sagt er und ich starre auf Larry. Larry ist eine Urzeitechse. Seine Augen haben etwas von spöttischer Verachtung. Ich sprinte ins Sprechzimmer. „Tierarzt, sage ich, der Mann da hat einen Drachen dabei.“ „Bartagame“, murmelt der Tierarzt. Larry ist inzwischen aus dem Transportbehältnis ausgebrochen und mit allerletzter Kraft und nur weil es mir so peinlich ist, springe ich nicht schreiend auf den Tisch oder noch schlimmer erhebe den Schuh gegen das Ungeheuer. Sein Besitzer kniet auf dem Boden und kreischt: „Larrylein, Darling komm zu Papa.“ Ich will mich dringend übergeben. „Mach was“, sage ich zum Tierarzt, aber der Tierarzt kann Larry auch nicht sehen. Ich verfluche mein Dasein. Larry springt auf meinen Schuh und ich umklammere die Hand des Tierarztes sehr fest und zische: „Mach es weg.“ „Larrylein, du bist wieder da“, sagt der Mann und strahlt mich an. „Er mag sie.“ Ich kann einen Fluch nicht unterdrücken. Immerhin fluche ich in Hindi. „Was haben sie gesagt?, fragt der stolze Drachenzähmer“ „Was für ein reizendes Tier, schon die G*ttin Laxmi soll sich Glück von diesen Tieren erhofft haben.“ Könnte ich doch einmal meinen Mund halten. Denn schon legt sein Besitzer, Larry hocherfreut in meine Arme. Ich bin kurz vor der Ohnmacht und zum Glück nimmt der Tierarzt mir den Untam ab. Dann snackt Larry zwei Fliegen und grinst hämisch. Ich zeige auf meinen Schuh. Larry muss schlucken. „Alles in Ordnung, Mädchen?“, fragt der Tierarzt. Ich nicke.

Dann wasche ich mir lange die Hände. Der Tierarzt legt mir die Hände auf die Schultern. Ich springe entsetzt zur Seite, bleibe am Stuhl hängen und krache gegen den Tisch. Irgendwo lachen Lucy, die Spinne und Larry, die Bartagame. „Oh Mädchen, sagt der Tierarzt, das wusste ich nicht.“ Ich finde mich peinlich, mein Schienbein tut weh und ich habe Hunger. Ich sage: „Bitte wasch Dir die Hände, ja?“ Ich möchte auf der Stelle in Tränen ausbrechen, aber dann klopft es schon wieder. Ich rapple mich hoch und erwarte, dass eine Würgeschlange oder ein Pinguin über mich herfallen, aber in der Tür steht ein Bube mit verschmierter Nase. Er hat einen Schuhkarton in der Hand. „Was ist da drin, krächze ich und der June schnieft: mein Kaninchen.“ Ich atme aus. „Es frisst nicht mehr,“ weint der Junge und ich sehe auf das Häschen herunter. Der Hase hat Schlappohren und sieht in etwas so aus, wie ich mich fühle. Der Junge greift in seine Hosentasche und zieht einen Plastiksack mit Münzen hervor. „Das ist alles Geld, was ich habe, sagt er und ich schüttle den Kopf. „Hör mal, sage ich, das Geld behältst du lieber für Mohrrüben, ja?“ Dann bekümmert sich der Tierarzt um den Hasen. „Der Tierarzt ist ein Held“, ruft der Bube und drückt den Hasen fest an sich. Ich lächle säuerlich.
Im Wartezimmer sabbert eine Dogge auf den Boden und eine Katze speit auf die Anmeldung. Der Geruch ist so widerwärtig, dass mir wenigstens der Hunger vergeht. „Sie dürfen ihrer Katze keine Pralinen geben“, sagt der Tierarzt. Die Frau ist empört. „Und Eis?“ Ich wische Katzenkotze auf und rutsche fast auf dem Sabberfleck der Dogge aus. Der Tierarzt muss der Dogge einen Dorn aus der Pfote ziehen und die Dogge sabbert immer mehr. Der Doggenbesitzer muss sich hinsetzen. Ich wünschte ein Prinz aus fernen Landen entführte mich auf sein Schloss, fütterte mich mit Erdbeertorte und massierte mir die Füße.Wenn Sie ein Prinz sind, gerade Erdbeertorte backen und keine Dogge haben, melden Sie sich doch. Wenn Sie ein Prinz sind, Erdbeertorte backen und eine Boa Constrictor namens Gretchen haben, melden Sie sich lieber nicht.
In der Realität aber tropft Doggenspeichel an mir herab und ich rieche nach Katze und Desinfektionsmittel. Die Dogge bekommt einen Verband und mein Magen ist ein schwarzes Loch.

Endlich ist das Wartezimmer leer. Wir putzen die Praxis und ich überlege ob ich die Jeans ausziehe und in Unterwäsche zurückfahre, aber es ist das Auto des Priesters.
Mädchen?, sagt der Tierarzt sehr, sehr leise. „Tierarzt, krächze ich, Schokoladentorte, jetzt, sofort.“

17 Gedanken zu “Sonntag

  1. Zum Ende des Wochenendes ein erheiternder Beitrag gegenüber dem letzten, auch wenn der Tag in der Praxis des Tierarztes für Sie ganz bestimmt nicht heiter gewesen ist.
    Wir haben gerade ein Stückchen Marmorkuchen genascht. In Gedanken gebe ich Ihnen ein Stückchen ab, als kleiner Ersatz für Schokoladentorte.

  2. Ich fühle aber sowas von mit Ihnen, das können Sie sich nicht vorstellen. Larry, Katzen, Hunde, Kaninchen und neurotische Pudel könnte ich ertragen, selbst Gretchen die Boa wäre kein Thema, aber bei Lucy wäre mir zielgerichtet die Bratpfanne entglitten – zweimal. Einmal über Lucy und dann noch einmal überm Schädel ihres Besitzers … (wtf is WRONG with people???) Meine Hochachtung vor Ihren Nerven kennt wieder einmal keine Grenzen und ich schließe mich den Schokoladentortenwünschen meiner Vorrednerin an.

    • Ich danke sehr! Ich gebe zu, ich tue mich schwer mit vielem Getier und warum Menschen sich Schlangen, Spinnen und einen Larry halten, ist für mich ein ewiges Rätsel.

  3. Mit solchen Geschichten hat mir mein Vater das Tiermedizinstudium ausgeredet. Gegen Biologie hatte er dann nichts mehr, waren ja Pflanzen mit dabei. An der Uni hatte ich dann Fledermäuse und Ratten, Äffchen und und Halbäffchen zu füttern und auszumisten. Aber die Lemuren, ich sag es einfach mal so, da hätte ich mich direkt daneben übergeben können. Bestialisch!

    • Ich bewundere da Deinen Langmut. Ich habe in Indien viel mit Affen zu tun und habe die wirklich fürchten gelernt und mein Ekel vor Lemuren ist wirklich grenzenlos.

      • Lemuren sind tatsächlich ekelig. Ansonsten lieben mich Tiere. Hunde laufen mir nach, Kühe kommen auch aus allen Ecken, die Äffchen saßen mir auf der Schulter. Dabei habe ich fast nur wissenschaftliches Interesse an ihnen. Seltsam ist das.

  4. Tapfer!
    🙂
    Ich mag auch nicht alle Viecher, lasse aber selbst die abgesammelten Zecken meiner Katzen leben. Zecken, Spinne & Co haben es sich nicht selbst ausgesucht, Zecken, Spinne & Co zu sein. Genauso wenig wie wir…
    LG und eine (weitere) Tapferkeitsmedaille

  5. „Ich will zum Geburtstag eine Schlange!“ sprach mein Sohn mit einer Bestimmtheit, die keinen Widerspruch zulässt, wie Fünfjährige es manchmal an sich haben. Wir haben uns daraufhin von einem Fachhändler beraten lassen: Unterbringung (Terrarium), Ernährung (tiefgefrorene Ratte, langsam im Wasserbad erhitzt, einmal pro Woche), Kompatibilität mit anderen Haustieren (Papa hätte gerne eine Katze – keine gute Kombination!) – schließlich die Entscheidung: Eine Schlange kommt nicht ins Haus, aber über andere Haustiere können wir gerne reden.
    „Ist in Ordnung, Papa, dann hätte ich gerne eine Vogelspinne!“

  6. Brilliant – Sie sollten in einem Ihrer vielen Leben (-szeiten) unbedingt Bücher schreiben – so ein Talent. Sie setzen Ihre Fähigkeiten bereits mehrfach ein – Hut ab. Eigentlich sollte es schon reichen – The best of my blog- einem Verlag anzubieten… aber jeder Tag hat nur 24 h und auch Sie sollten sich Auszeiten gönnen. Ich lese gerne in Ihrem Blog und er erfreut mich trotz der schwierigen Themen, da Sie so toll schreiben und beschreiben können und die Emotionen vermitteln können – oft wertfrei… ein Juwel, das es heute kaum noch gibt. 1000 Dank dafür

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