Dreizehn

Einmal will ich es richtig machen. Ich fahre nach der Nachtschicht nicht ins Büro, sondern zurück in das kleine, irische Dorf. Der Tierarzt steht auf und ich ziehe mich aus. Sein graues T-Shirt ist noch warm und während ich mir die Zähne putze, mache ich die Augen zu. Blauer Schaum im weißen Becken. Die Bodenfliesen glitzern und die Welt dreht sich langsamer, blauer Schaum und kaltes Wasser. Das Telefon höre ich nicht, aber der Tierarzt hört das Telefon und kommt ins Bad. Sein Gesicht im Spiegel hat dunkle Schatten, dann nehme ich das Telefon und zwei Minuten später ist mein Gesicht genau so schattig wie das Seine. Ich drehe mich um, ziehe das graue T-Shirt wieder aus und dunkelblaue Scrubs wieder an. Der Tierarzt und ich sagen nichts im Auto, die See zur Linken und zur Rechten ein grüner Tag, Sonnenschein, Vögelgebrüll, dichte, grüne Hecken, dann die graue Autobahn. Das Krankenhaus ist ein Krankenhaus wie es viele gibt. Der Tierarzt küsst mich auf die Stirn und ich lege meinen Kopf unter sein Kinn. Eine Viertelsekunde lang vielleicht. Kam man Wimpernschläge zählen?

Das erste was ich höre ist die Mutter. Meine Schuhe quietschen auf dem Flur. Desinfektionsmittel und immer noch der Zahnpasta Geschmack auf der Zunge und auch Rost und Eisen. Die Mutter hat kurze, schwarz gefärbte Haare und die schreit: Sie ist dreizehn. Sie schreit immer wieder und ich gehe weiter, dafür bin ich da, weitergehen. Das Kind ist dreizehn Jahre alt und bekommt ein Kind, dafür bin ich da. Ein Fall für dich Read On. Weißt du noch Read On, sagt mein Kopf, weißt du noch, damals im Sudan, aber dann gehe ich schon wieder weiter, mein Kopf ist eine Schublade voller abgeschlossener Kästen. Ich setze mich zu dem Kind auf dem Bett. Das Kind schreit vor Schmerzen und es schreit nach seiner Mutter. Die Mutter des Kindes schreit auf dem Flur:

SHE CAN’T BE PREGNANT. SHE IS THIRTEEN. YOU GOT IT FECKIN WRONG.
Die Hand des Kindes ist kalt.
I AM GOING TO FECKIN KILL HER. I KILL HER.
Ich streiche dem Kind über die Stirn.
FECKIN KILLIN HER.
Das Kind schreit nach seiner Mutter.
Die Mutter stürmt in das Zimmer: TELL ME THAT CAN’T BE TRUE.
Das Kind weint. Seine Fingernägel sind rosa und glitzern, das Kind drückt seine Fingernägel tief in meine Hand hinein.
Ich stehe auf. „Hören Sie, sage ich, ihre Tochter braucht ihre Unterstützung. Jetzt.
Die Mutter schreit: YOU ARE A WHORE. Das Kind schreit nach seiner Mutter. Bitte, sage ich zu der Mutter und sehe sie an, bitte verlassen sie das Zimmer, wenn sie nicht für ihre Tochter da sein können.
„YOU ARE SUCH A BITCH! Schreit die Mutter und stößt mich gegen den Türrahmen.
Das Kind schreit nach seiner Mutter.
Die Mutter dreht sich um und geht.
Das Kind schreit: MOMMY, MOMMY COME BACK.
Die Mutter dreht sich nicht um.
Das Kind schreit nach seiner Mutter und ich lege meine Arme und das Kind klammert sich an meinen Hals. HELP ME, schreit das Kind. Das Kind ist dreizehn und uns läuft die Zeit davon. Das Kind bekommt ein Kind und dafür bin ich hier. Durch meine Nächte laufen die Frauen, die noch immer Kinder sind, das ist der Krieg, in den Kriegen sind die Männer Soldaten und die Kinder bekommen Kinder, das Linoleum quietscht unter meinen Füßen.

I AM SCARED sagt das Kind und ich nicke. Dann singe ich ein Lied für das Kind. Zwischen dem Sudan und all den Ländern bis in ein irisches Krankenhaus hinein, singe ich alte und neue Bollywood Lieder, Chup Chup, Ke Chup, die Kinder müssen weiteratmen und ich muss es auch. „Mein Baby“ sagt das Kind und sieht auf das Bündel in seinen Armen. Das Kind hält das Kind fest.
Ich wasche mir die Hände und das Wasser ist kalt. Im Krankenhaus Kiosk kaufe ich ein blaues Stofftier. Ich lege das Stofftier neben das Kind ins Bett. Das Kind des Kindes wird nicht älter werden als ein oder zwei Tage. Das Kind im Bett schläft.

Auf dem Flur vor dem Zimmer wartet ein Mann. Fleckige, rote Wangen. Er sei ein Onkel. Ich stehe mit dem Rücken in der Tür. „Seine Nichte.“ Ich schüttle den Kopf. Ich sage irgendetwas mit Autorität. Der Mann geht zur Seite. Der Krieg, der in die Körper der Frauen tritt, ist nicht nur im Sudan, ist auch in irischen Wohnzimmern, hat Onkel, Väter und Brüder und schweigende Mütter, Tanten und Cousinen. Dann kommt die Polizei und der Arzt und ich stehen mit dem Rücken zur Wand. Ich gehe hinunter, in den kleinen Park. Der Himmel ist kühl und wieder geht die Sonne unter. Der Consultant legt seine Hand auf meine Schulter. Wir sagen nichts. Desinfektionsmittel klebt uns zwischen den Zähnen, der Pförtner sagt: „Endlich vorbei?“ Ich starre ihn an. Der Tierarzt wartet unter den Bäumen und meine Hände zittern. Die Sonne ist untergegangen. Ich mache das Fenster auf und der Tierarzt sieht mich an. „Bitte halt an“, sage ich oder höre ich mich sagen und dann stolpere ich eine Böschung hinunter. Brombeerhecken, Ginster und Efeu und meine Hände verfangen sich in den Brombeerdornen. Mir ist so schlecht und der Tierarzt hält mir die Haare aus dem Gesicht. „Es tut mir leid“, sage ich und der Tierarzt schüttelt den Kopf. Zuhause ziehe ich mich aus. Das graue T-Shirt fällt über meine Knie. Der Tierarzt zieht Brombeerdornen aus meinen Händen. Meine Hände sind kalt. In meinen Händen sind die Fingernägel des Kindes eingegraben. Der Tierarzt deckt mich zu und über mein Gesicht laufen die Frauen, neben mir liegt das Kind, dann wache ich auf und sitze auf dem kalten Rand der Badewanne, lehne den Kopf gegen das Waschbacken. In der Nacht stirbt das Kind des Kindes. Ich liege auf dem Badezimmerfußboden, die kalten Kacheln im Rücken. Der Tierarzt legt sich zu mir, bitte komm zurück, sagt er und ich suche nach einem Schlüssel für die Schubladen in meinem Kopf, mein Mund ist voller Papier und erst als der Tierarzt mich unter die Dusche zieht, geben meine Hände nach. „Dreizehn“, sage ich und das T-Shirt ist ein grauer, nasser Ball vor meinen Füßen und das Wasser schlägt kalt gegen meine Wange.

23 Gedanken zu “Dreizehn

  1. „Der Krieg, der in die Körper der Frauen tritt, ist nicht nur im Sudan, ist auch in irischen Wohnzimmern, hat Onkel, Väter und Brüder und schweigende Mütter, Tanten und Cousinen. “

    In „Erziehung nach Auschwitz“ spricht Adorno davon, dass die Verhältnisse, die zu Auschwitz geführt
    haben, fortdauern.

    Danke, dass Sie nicht schweigen, und damit an unser aller Verantwortung erinnern,
    mit Sorge dafür zu tragen, dass Gewalt- und Herrschaftsverhältnisse geächtet werden.

    Der Sudan scheint weit weg, jedoch nicht für die Waffenindustrie, (auch die deutsche).

    https://www.greenpeace-magazin.de/der-export-des-krieges

  2. Da wird einem schon beim Lesen schlecht… Furchtbar, wie häusliche sexuelle Übergriffe noch von der eigenen Mutter „gedeckt“ werden. Welche Hölle das für ein dreizehnjähriges Mädchen sein muss, wage ich mir gar nicht vorzustellen. Ich habe selbst zwei kleine Mädchen (noch nicht dreizehn, 4 und 6) und in mir sträubt sich ALLES beim Lesen. Danke, dass Sie da waren. Und hier Zeugnis geben.

  3. „Gefällt mir“ kann ich beim besten Willen nicht drücken, dass würde dem Inhalt der Worte, die diese Leben beschreiben nicht gerecht werden. Hervorragend geschrieben. Aber warum eine Mutter so gegenüber ihrem Kind agiert, obwohl ich es mir vorstellen kann, ist für mich nicht nachvollziehbar und der Onkel, der war wohl eher ein „Onkel“, so empfand ich es beim Lesen. Auch die Mutter wohl hundertprotzentig ein Opfer. Bedauernswerter aber die beiden Kinder. Das 13-jährige und das eintägige. Gut, dass Sie in der Lage sind, diese Schmerzen auszuhalten, auch mit dem Mädchen und dem Kind, und wiederzugeben.
    Tiefster Respekt von mir für Sie.

    • Es gibt viele Gründe, warum Mütter Hinweise auf sexuellen Missbrauch ihrer Kinder nicht wahrnehmen oder nicht wahrnehmen können.
      Wenn, wie in diesem Fall die Mutter (Vater?) ihr Kind nicht vor sexueller Gewalt schützen kann, liegt die Verantwortung dafür jetzt in Händen des Klinikpersonals ( Einschaltung von Hilfe-Institutionen).
      Es ist zu hoffen und zu wünschen, dass mit den, für das Kind wichtigen Bezugs- u. Vertrauenspersonen die notwendigen Hilfen und Schutzmaßnahmen entwickelt werden können. Alles keine leichte Aufgabe.

  4. Ich hatte heute einen schönen Nachmittag mit meiner elfjährigen Tochter und jetzt muss ich leise weinen und mein glückliches Kind sieht mich fragend an. Später werde ich mit ihr darüber reden, denn auch sowas trauriges muss ich ihr erklären, aber nicht heute.

  5. Traurig, unglaublich. Und die Mutter hat Sie Bitch genannt oder? Echt unglaublich. Dabei waren sie für die 13 Jährige da, weil deren Mutter versagt hatte.
    Und auch wenn die Mutter selber missbraucht wurde, es ist ihr Kind und sie muss es doch nach ihren Möglichkeiten Beschützen und ihm Beistehen!! Und Besser als das Verhalten, welches sie zeigte wäre IMMER möglich!!

    • Und auch wenn die Mutter selber missbraucht wurde, es ist ihr Kind und sie muss es doch nach ihren Möglichkeiten Beschützen und ihm Beistehen!! Und Besser als das Verhalten, welches sie zeigte wäre IMMER möglich!!

      Es ist ein Klassiker, daß als Kinder sexualisiert Mißhandelte das erlittene Trauma zum schieren Überleben abspalten. Weibliches Verhalten nach sexualisierter Gewalt in der Kindheit hat eine ziemliche Bandbreite. Während als Kinder mißhandelte Männer eher dazu neigen, die erlittene Gewalt 1:1 weiter zu geben, wählen als Kinder mißhandelte Frauen nicht selten das gleiche Modell Gewalttäter als Partner, sie verletzen oder töten sich, gehen auf den Strich, werden alkohol- oder drogensüchtig und was Sie sich noch so alles an autoaggressivem Verhalten vorstellen können.

      Viele dieser Frauen haben einen blinden Fleck in der Wahrnehmung, wenn auch ihre Töchter sexualisiert mißhandelt werden. Auf diese Weise wird sexualisierte und andere Gewalt durch x Generationen immer weiter nach unten durchgereicht.

      Es ist wenig überraschend, daß solche Mütter auch äußerst aggressiv werden können, wenn ihr Dissoziationsgebäude zerstört wird. Opfer sexualisierter Gewalt fühlen sich fast immer selbst schuld an der erlittenen Gewalt, dazu kommen neue Schuldgefühle, nämlich die Tochter nicht geschützt zu haben. Aus traumatischem Erleben und Schuldgefühlen werden nur sehr selten bessere Menschen.

      Aber da die psychotherapeutische Versorgung von Überlebenden sexualisierter Gewalt in der Kindheit bekanntlich immer schon, überall, in exzellenter Qualität, kostenlos und so lange wie nötig vorhanden ist und da die Gesellschaft Opfer achtet und sie in all ihren Belangen unterstützt, haben Sie natürlich recht: Besser als das Verhalten, welches sie zeigte wäre IMMER möglich!! Ist immer sehr wichtig, Schuldige auszumachen. Ganz besonders, wenn man die Betroffenen so gut kennt^^

      Etwa 20% aller Kinder werden vor dem 16. Lebensjahr mindestens einmal sexualisiert mißhandelt, darunter knapp 2 Drittel Mädchen, gut 1 Drittel Jungen. Der Haupttatort heißt Familie, jede/r hier kennt Opfer und Täter persönlich.

      Für jedes aufgeschrammte Knie gibt’s ein Pflaster, für jede Beule ein Kühlpack, überall ist 1. Hilfe vorhanden. Für sexualisierte Gewalt in der Kindheit there is no such thing as a selbstverständliches Notfall-Konzept, z.B. in Schulen. Auch im Jahr 8 nach den Skandalen in Kirche und Internaten nicht. Falls das Thema Sie interessieren sollte, hören Sie Andreas Huckele zu.

  6. Ich denke jetzt an Amita und was ich damals schrieb. Vergleichbares Alter, ganz andere Umstände. Ich denke an ungebildete Menschen, und wundere mich, wie ich, privilegiert, wie ich bin, mich darüber erheben kann. Ist es mein Verdienst, dass es mir besser geht? Wohl nicht ganz. Aber dennoch. Ich denke an die, die andere Menschen mit Moral und Religion und hehren Werten unterdrücken und wir wird schwarz vor Augen und gleichzeitig sehe ich rot. Mir tut die Mutter leid und sie macht mich wütend. Mir tut die kleine Tochter noch mehr leid und sie macht mir Angst. Was soll aus ihr werden? Und Sie, mein liebes Fräulein ReadOn, tun mir ebenfalls leid, wegen dem, was Sie durchmachen, und gleichzeitig bewundere ich Ihren Mut, Ihre Kraft und Ihren moralischen Kompass. Ich wüsste nicht, wie ich in so einer Situation reagieren würde. Es gibt Sachen, die verstehe ich nicht, egal, wie ich sie mir zurechtlege. Gut, dass ich nicht anwesend war.
    Dennoch vielen Dank für den Bericht, so hilflos, wie er mich zurückläßt. Das mit dem Spendenkonto gilt weiterhin.

  7. Ihr Bericht erschüttert mich. Gewalt und auch häusliche Gewalt hat so viele schreckliche Gesichter. Sicher ist es in diesem speziellen Fall leicht, die Mutter zu verurteilen; sie muss sich doch um ihr Kind kümmern. Doch sie tut es nicht. Warum? Will sie nicht? Oder ist sie nicht dazu fähig, weil sie selbst schon fürchterliches erlebt hat? Es ist eben nicht leicht, es ist komplex und kaum auszuhalten. Es ist so wichtig, liebes Fräulein Read on, dass es Menschen wie Sie gibt, die in solchen Momenten da sind; sei es hier oder in Indien oder irgendwo auf der Welt. Und ich bewundere ihre Arbeit besonders, weil ich es für unmöglich halte sich so abzuschirmen, dass das Grauen nicht ins eigene Innere dringt.

  8. Mein Weltbild als junges Mädchen war das einer gerechten Welt. Ich komme aus sehr einfachen Verhältnissen und Reden gehörte nicht zu den Dingen, die in unserer Familie groß geschrieben wurden. Das wollte ich bei meinen Kindern anders machen und habe einen Mann gefunden, dem das auch wichtig war. Unsere Kinder sollten mit all ihren Freuden, Kummer und Sorgen vertrauensvoll zu uns kommen dürfen. Das hat gut funktioniert. Irgendwann musste ich aber erkennen, dass es außerhalb unseres überwiegend harmonischen Familienlebens durchaus andere Leben gibt. Mehr als einmal wurde mein Weltbild erschüttert und wird es täglich immer noch. Manchmal sehen ich mich nach diesem naiven Bild, das ich als junges Mädchen hatte.

  9. Danke, dass Sie das aushalten. Dass das Kind – und offenbar andere Kinder schon davor – Sie hatte, um sich an Ihnen festzuhalten. Menschen wie Sie machen die Welt ein kleines Stück besser. In allem Elend.

  10. Danke für’s Miteilen. „Gefällt mir“ kann ich grad nicht klicken. Gewalt in jeder Form ist nicht gefällig. Mit ihr fallen nur Menschen.

    Beim Lesen ist mir G wieder eingefallen, eine gewesene Freundin. Ihr Existenz war ein Betriebsunfall. Ihre Mutter war Hure, so hat es mir die G erzählt. Sie kam ins Heim, ward auserwählt von Stiefeltern. Der Stiefvater hat sie missbraucht. Mit 14 hat sie ein Kind geboren, ohne eine Read on und ohne Krankenhaus, allein im Keller … Nachbarn haben ihre Schreie gehöhrt, die Polizei gerufen.

    G ist vor sieben Jahren aus dem Leben gegangen.

    Der Dreizehnjährigen wünsche ich, sie möge jetzt nicht mutterseelenallein sein und Heilungswege finden.

    Ihnen wünsche ich: Es möge mehr geben, als die dünnen Arme des Tierarztes, was Sie hält.

    Vielleicht ist seine Liebe dicker als er selbst.

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