‚Der deutsche Mann ist ein Esel.‘

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Der Tierarzt und ich sitzen auf einer weißen Bank auf der Kurpromenade. Im Kurpavillon führt ein Mann Zaubertricks vor. Meine Neffe und die Nichten 1 und 3 besehen die Zauberei. Meinen Neffen habe ich eindringlich verwarnt: unter Androhung der Höchstrafe: „Nur zwei Kugeln Eis“ ist es ihm untersagt auf die Bühne zu springen und die Zaubertricks des schwitzenden Zauberers mit seinem blauen Hut zu enttarnen. Mein Neffe schiebt schmollend die Unterlippe vor: „Aber ist das nicht Betrug?“ Aber ich wiederhole nur drohend: „Nur zwei Kugeln Eis“ und hoffe der Zauberer wird nicht von meinem naturwissenschaftlich enthusiasmierten Neffen gestellt. Nichte Nummer 2 lehnt an mir und liest ein Buch über Moorleichen. Niemand anders als Nichte 2 hätte in der Buchhandlung-, in der wir für Jonny, Harry Potter besorgten- dieses Buch aufgetan. Jetzt also murmelt sie fasziniert, welche Konservierungstechniken Moore bieten. Den Zauberer hatte sie gleich abgetan. Der Tierarzt und ich sehen also auf die belebte Kurpromenade, die direkt zum Strand führt. Es sind Ferien und die Kurpromenade ist gut gefüllt. Vor uns bewegt sich eine Gruppe von Lasteseln die Promenade hinauf. Aber nicht, dass Sie denken, langohrige Fellnasen trotteten die Straße hinauf, nein es sind Männer, die Bollerwagen aus Holz oder Stoffplanen ziehen. Die Männer schwitzen. Die Wägen sind nämlich voll beladen: Angeln, Käscher, Luftmatratzen, Proviantboxen, Handtücher, Kinderspielzeug, Wechselsachen, Getränkekisten und Laufräder türmen sich auf den Wägen. Die Männer ziehen trotzig und verbissen die schweren Karren. Die Kinder, wie die Mütter, die so mutmaßen wir, wohl zu den Männern gehören sind nirgendwo zu sehen. Vielleicht sind sie schon am Strand oder föhnen sich noch die Haare. Die Kurpromenade ist recht steil, die Wägen schwer, die Sonne sticht und es ist eine lange wie langsame Promenade, die still und schweigend die Karren zieht. Es hat, das lässt sich nicht anders sagen, etwas von der berühmten Seidenstraße, nur eben sind hier nicht die Kamele bepackt. Eine Frau sehen wir doch. Sie ruft: „Mensch Jochen, wo bleibst Du denn?“ Jochen schnauft. Die Frau dreht sich weg. Ich bewundere die Karrenzieher sehr, denn ich verweigere mich solcher Dienste. Mit an den Strand kommt, was sich ans Rad hängen lässt, was sich nicht ans Rad hängen lässt, bleibt daheim. ( Vielleicht lebe ich erziehungstechnisch gesehen noch in den 50er Jahren? Aber ich habe gar keine Erziehungsambitionen, mein Schwesterchen hat einfach vier formidable Kinder ). Die Männer jedenfalls ziehen die Karren und dabei kommt das Schlimmste ja noch: auf der gepflasterten Promenade lassen sich die Handwägen ja noch ziehen, aber auf dem feuchten Strand muss das ein schauderliches Geschleppe und Geziehe sein. Aber dann ist der Zauberer mit seinen magischen Tricks schon fertig und auch wir laufen zum Strand hinunter. Bevor die Lastenmänner ankommen, sind wir schon zweimal im Wasser gewesen und Jonny ist vertieft in die Geschehnisse im Ligusterweg, die kleine Königin bespricht sich mit Kanzler Bär, Nichte 2 liest weiter über Moorleichen, Nichte 3 kaut auf einer Waffel und mein Neffe und der Tierarzt sind in Mendels Theorien vertieft. Die Lastenmänner aber die inzwischen den Strand erreicht haben, sitzen nicht wie wir auf Strandtüchern, sondern sie kramen in den Wägen nach Gummihämmern und Heringen um die Strandstoffburgen in den Sand zu hämmern. Das ist nicht einfach, denn der Sand ist mal tiefer, mal hindert Muschelkalk oder ein Stein die erfolgreiche Befestigung oder ein Kind rennt in das fast vollbrachte Werk. Die Männer schwitzen und kloppen verzweifelt mit dem Gummihammer auf die Heringe ein oder versuchen sich zu erinnern, wie die verfluchte Strandmuschel gleich noch aufgebaut gehörte. Die Damen der Familie liegen auf Luftmatratzen und halten das Gesicht in die Sonne. Stehen die Muscheln und so fällt der Lastenmann nicht in einen Liegestuhl, sondern ölt die Frauen der Familie ein und teilt rote Schaufeln und grüne Käscher an die Kinder aus. „Jochen was machst du da nur so lange?“ ruft eine Frau.

Sitzt der Lastenmann endlich auch, so ist die Mittagsstunde herangekommen und der Lastenmann eilt los, um an einer Strandbude Fischfrikadellen und Pommes zu holen. Da sind die Schlangen lang, denn da stehen schon all die anderen Männer mit dem gleichen Auftrag an. Endlich stolpert der Lastenmann mit beiden Armen voll Esswaren zurück zu den Seinen, da verteile ich gerade Obstspieße und Samosas ( bestes Strandessen immer ) an Neffen, Nichten und Jonny. ( Jonny’s Oma schreit: Dit is ja nen Ding wat die Ausländers da essen. Jonny wenn dich dit nicht schmeckt, musst du dit nicht essen.) Jonny greift zum zweiten Samosa. Die Damen der Männer aber futtern selig Fischbuletten und Pommes, die Lastenmänner aber mit vollen Händen und Durchzählen beschäftigt: Pommes mit Ketchup für Lisa-Marie, ohne alles für Leon-Lucas, und Buletten mit Krautsalat für die liebe Frau haben darüber vergessen, etwas für sich selbst einzuholen und Lisa-Marie, Leon-Lucas und die geliebte Ehefrau haben kein Mitleid mit Papas hungrigen Magen. Immerhin kann der Lastenmann sich jetzt setzen.

Ich pfeife die Kinder zusammen und wir fahren zum Eismann, der Eismann glaube ich seufzt wenn wir kommen. Denn mein Neffe verlangt Tag für Tag vier Kugeln Schokoladeneis ( die Eiserlaubnishöhe hängt mit überprüftem: Mir wird speiübel Level zusammen, der Neffe führt bei Weitem ), die kleine Königin will eine Kugel Erdbeereis und sehr viel bunte Streusel, Nichte Nummer 2 ißt Lakritzeis ( so ähnlich Read On sahen die Moorleichen aus ) und Nichte Nummer 1 hat den Flitz Eiskugeln ( immer drei ) nach Länderfahnen zusammenzustellen. Heute ist Island dran: Blaubeer-Erdbeer-Vanille-Eis, der Tierarzt hat mit einer Kugel Pfirischeis zu tun und ich habe Pisatzieneis auf der Nasenspitze wir sitzen so ähnlich gestapelt auf einer Bank wie unsere Räder an einer Kiefer lehnen, da kommt eine andere Familie zum Eismann. Mutter, Tochter, Vater und Hund. Mutter und Tochter lehnen das Rad an eine Kiefer und stellen sich beim Eismann an, doch der Wuff reißt sich vom Fahrradkorb los, und die Fahrräder kippen um. Aus den Fahrradkörben kippen Tüten und Taschen und der Mann hebt mit Geduld und Nachsicht die Sachen auf, faltet Handtücher, sortiert die Räder und beruhigt den Hund. Frau und Tochter schlecken Eis und die Tochter braucht irgendetwas aus ihrem Rucksack: Dabei fährt sie zu hastig in die Taschen und wieder kippen die Räder krachend um. Die Mutter sagt achselzuckend zu ihrem Mann: „Ich hab Urlaub.“ Der Mann hebt die Räder auf und sortiert die Sachen wieder neu zusammen. Wir bestaunen den Mann und seinen Gleichmut stumm. Dann fahren wir nach Haus. Auf der Kurpromenade bewegt sich die Lastenmannkarawane wieder ortseinwärts.

„Mädchen“, sagt der Tierarzt, ich glaube der deutsche Mann ist ein Esel.“

35 Gedanken zu “‚Der deutsche Mann ist ein Esel.‘

  1. Ich liebe Ihre Beobachtungen!
    Wobei auch wir mit Windschutz (Strandstoffburg) und Strandmuschel an den Ostseestarnd pilgern – anders ist der Wind machmal nicht auszuhalten und Schatten zumindest für den Kopf auch ganz angenehm. Lässt sich aber alles mit dem Rad transportieren oder jeder trägt einen Teil.

    • Ohja! Und Sie sind eine traumhafte Tante – vier Kugeln jeden Tag und eine Landesflagge dazu … die Charaktere der Kinder sind faszinierend unterschiedlich. Wie erging es eigentlich dem Engagement Ihres Schwesterchens (die Autokorrektur schlug mir gerade Schwesterschiff vor)?
      Ich hätte mir die Last übrigens mit meinem Mann geteilt, zwei Hausschweine sind wir eh schon, da können wir auch zwei Lastenesel sein. War dem Tierarzt die Doppeldeutigkeit des Esels bewusst eigentlich?
      Möge Ihre Urlaub noch lange andauern, es ist sehr unterhaltsam.

      • Schwesternschiff ist schön und passend, denn die liebe Schwester fuhr mit ihrem Mann für eine Woche Segelboot! Und in London ist sie jetzt für eine andere Schule tätig…

  2. Vielleicht ist das der Ausgleich für die vielen Jahre Patriarchat oder einer Art Abbau von schlechtem Gewissen geschuldet? Ich hoffe, es läuft eines Tages auf einen Ausgleich hinaus in Sachen Lastenverteilung und Gleichwertigkeit von Frau und Mann.

    Und wieder so ein köstlicher Text! (Und ich dachte, ihr seid wieder nach Hause geflogen.)

  3. Ich weiß nicht, was mir am wenigsten an diesem Text gefällt. Das Mitleid mit den tatsächlich (womöglich freiwillig?) sorgenden Vätern, die Missbilligung gegenüber das weibliche Geschlecht oder der deutliche Anklang, dass es doch sicher anders/einfacher/besser geht.

    • Nichts von dem, was Sie da rein interpretieren, steht da auch. Sie hat nur ihre Beobachtungen aufgeschrieben und was kann sie dafür, wenn es so abläuft? Im übrigen empfindet jeder Mensch Situationen anders, weil diese IMMER seinen eigenen Filter passieren – hier rumzustänkern zeigt nur, dass Sie Ihren mal wieder putzen müssten!

  4. Kinder folgen Erwachsenen ganz von alleine, wenn diese wissen, was sie wollen. Wie sollte es auch anders sein?

    Das Problem der Männer in Deutschland (und anderen westlichen Ländern) ist, dass die von der Vätergeneration vorgelebten Rollenbilder nicht nur passé sind, sie sind vollständig entwertet. Ersetzt werden sie dann dann durch was immer in den Familien ausgehandelt wird. Männer, die als Packesel ihrer Frauen enden, sind im Zweifel nicht gut im Verhandeln oder wissen nicht, was sie wollen, oder beides.

    Kinder merken das übrigens sofort und fordern die fehlende Führung durch die Erwachsenen in Folge vehement ein. Sie werden dann in der Regel als „aufsässig“ bezeichnet. Aber das Problem liegt bei den Erwachsenen, nicht bei den Kindern.

    • Ich finde das eigentlich ein positives Signal, die zupackenden Väter. Ich weiß nicht ob in Deutschland die Erwartungen nicht generell sehr hoch sind und deswegen oft die Frustrationen so groß?

      • Wenn das Zupacken aus einem riefen, inneren Bedürfnis heraus geschieht und sie die Bollerwagen mit einem seligen Lächeln im Gesicht ziehen können – oder, um M. Rosenberg zu zitieren: „If they can do it with the joy of a little child feeding a hungry duck“ – dann, ja, ist es ein positives Signal.
        In allen anderen Fällen: Nein.

      • riefen -> tiefen

        Merke: Keine WordPress Kommentare mehr auf einem kleinen Smartphone tippen, während man in einem Bus sitzt, der über holprige Serpentinen schaukelt und dabei versucht, seine schlafende, 4-jährige Tochter auf Armen und Knien zu balancieren.

  5. „Ich hab Urlaub“ könnte von mir stammen in dieser Situation. Nachdem ich drei Monate vorher das Quartier ausgesucht, gebucht und die Anreise organisiert habe. Nachdem ich drei Tage vorher zu Hause alles zusammengesammelt, besorgt und gepackt habe, damit wir überhaupt in den Urlaub fahren können. Nachdem ich zwei Tage vorher im Urlaubsquartier alles ausgepackt und eingeräumt habe. Nachdem ich am Tag vorher in der Früh alles für den Strand als benötigt erachtete in Taschen verstaut habe. Nachdem ich am Abend vorher wieder ausgepackt und gereinigt habe, damit es am nächsten Tag wieder brauchbar ist. Nachdem ich in der Früh wieder alles eingepackt habe und ausgiebigst Energie investiert habe, dass alle Familienmitglieder mit Sonnencreme eingeschmiert sind. Nachdem ein ganzes Jahr lang ich mich der Bedürfnisse der Tochter und deren Folgen angenommen habe.

    • Es gibt wohl beide Seiten. Gerade Familienväter kümmern sich gerne um Sorgearbeit, wenn das möglichst öffentlichkeitswirksam ist. Die Organisation und die unsichtbare Arbeit zuhause ist dann etwas anderes. Ein schönes Beispiel wie Momentaufnahmen verzerren können.

    • Sie Liebe! Füße hoch und lassen Sie sich hegen und pflegen! Jetzt sind sie dran und was nicht in der Tasche ist,bleibt draußen und die Sorgen sowieso!

  6. Argueveur schrieb es schon, ich wollte es auch sagen: Am liebsten an diesem Text mochte ich, dass ich nun weiß, dass Jonny im Ligusterweg ist. Und der Rest ist herrlich beobachtet; es fühlt sich so an, als wäre ich auch ein bisschen mit im Urlaub. Kakao und Waffeln, ich kann sie schon fast riechen.

  7. Argueveur schrieb es schon, ich wollte es trotzdem auch sagen: Am liebsten an diesem Text mag ich, dass ich nun weiß, dass Jonny im Ligusterweg ist. Und der Rest ist herrlich beobachtet; es fühlt sich so an, als wäre ich auch ein bisschen mit im Urlaub. Kakao und Waffeln, ich kann sie schon fast riechen.

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