Unter Wasser

Zwei Tage regnet es schon in Mumbai. Die G. schickt mir ein Bild. Sie steht bis zu den Hüften im Wasser und ihr grünes Fahrrad hat der Regen davongespült. Vom Balkon ihrer Wohnung kann man das Meer sehen, aber das Meer ist seit zwei Tagen schon hinter der Wand aus Regen verschwunden und es regnet und regnet in Mumbai und die der D. legt Handtücher in die Terrassentüren, denn in Mumbai gibt es keine Sandsäcke und der Regen steigt und der D. und seine Freundin packen die Bücher aus den Regalen lieber in Kartons und tragen sie in den Oberstock. Der F. schickt mir Bilder von einem Wasserfall und der Wasserfall ist direkt vor dem Bahnhof zu finden. Der F. lacht am Telefon, aber fröhlich klingt er nicht: „ Read On, wenigstens die Schlaglöcher sind im Regen verschwunden.“ Die B. die Tochter vom Y. und der L. freut sich: „Read On, es ist keine Schule wegen des Regens und Mami hat mir einen Film versprochen und ein Eis.“ Es regnet in Mumbai und die B. bekommt ihr Eis. „So lange der Strom noch da ist.“, sagt die L. und die G. steht auf dem Balkon, auf dem wir beide so lange und so oft schon viele Stunden verbracht haben. Mit einem Besen kehrt sie das Wasser vom Balkon. Alle fünfzehn Minuten. Der Unrat schwimmt auf dem Wasser, eine große, dunkelbraune Welle und die Züge fallen aus. Die Menschen gehen an den Schienen entlang. Diejenigen die Regenschirme haben, haben Regenschirme und diejenigen, die keine Regenschirme haben, haben keine Regenschirme. Mumbai hat einen der größten Slums der Welt und wer dort lebt, der ist schon lange nass, denn Plastikplanen hat der Regen schon lange zerfetzt. Schon einmal 2005 hat der Regen und der Sturm, der mit dem Regen kam Mumbai verwüstet. Wochenlang beschworen die Zeitungen und Politiker, die Fernsehsendungen und überhaupt alle, dass dies nicht wieder geschehen dürfe. Aber bald schon war der Regen vergessen und irgendwer in Bollywood küsste jemand anderen in Bollywood und ganz Mumbai auch die Politiker interessierten sich dafür, ob nicht ganz jemand anders hätte geküsst werden müssen. Dann verstummten die Stimmen der Politiker und vom Regen war nichts mehr zu hören. Aber als die G. damals und in all den Jahren danach Proteste organisierte, die sich gegen die Abholzung der Mangrovenwälder um Mumbai aussprachen, da lachte man über die G. und noch im Dezember holzte man für den Bau einer Brücke auf 22 Kilometern Mangroven ab. Die G. und ihre NGO aber, die auf den Flutschutz den die Mangroven liefern in immer neuen Versuchen hinwiesen, machte man verächtlich in Mumbai. In Indien ist man schon weiter als in Amerika, wo man noch Zweifel hat, aber in Mumbai sprachen die Politiker schon lange nur noch vom „sogenannten Regen“ und von radikalen Kräften wie der G. die das Neue Indien verhindern wollten, die Bäume besetzten, diese naiven Idioten, die nichts anderes als Ohrfeigen und Kopfnüsse verdient hätten und die G. ließ sich ohrfeigen und umarmte die Mangrove. Aber inzwischen sind kaum noch Mangroven übrig und das Wasser läuft ungehindert in die Stadt hinein und läuft den Politikern Mumbais nun selbst über die Füße, denn selbst in Juhu Beach, wo sich die Politiker und die Bollywood Prominenz Ruhe und Frieden verspricht, steht das Wasser. Jetzt sind die Politiker eifrig dabei zu betonen, dass man sich kümmern werde, dass der Regen so stark sei wie niemals wieder seit 2005 und dass Mumbai jetzt zusammenstehen müsse. Fragen, warum die Stadt Mumbai nicht in Flutschutz investiert habe, beantworten die Politiker lieber nicht, über Mangroven schweigen sie sich aus. Nur in ihren Gärten stehen die Bäume noch. Der Regen aber fällt und fällt. Der F., der Architekt ist hat vor zwei Jahren seinen Job verloren, als er sich weigerte Häuser auf Wasserabflussrinnen zu bauen oder Wasserabflussrinnen zu überbauen oder auf Wasserabflussrinnen zu verzichten. Parel, wo der F. damals bauen sollte, ist heute am Schlimmsten überflutet und das Wasser kann nirgendwo hin. „Get out, you lazy dog“ schrie sein Chef damals der doch so viel Bestechungsgeld bezahlt hatte, um dort bauen zu dürfen, wo man heute gar keine Häuser mehr sind, sondern nur noch Wasser und der Regen fällt in Mumbai und fällt und fällt und im ehemaligen Architekturbüro des F. geht nur ein Anrufbeantworter an und der Regen deckt die Häuser zu und der F. lacht und es klingt bitter. Über uns alle, haben die Nachbarn damals gelacht, als wir, der Y. und die L. und Baby B und der A. und ich damals Papierkörbe im Viertel aufstellten. Die Nachbarn lachten und nur wir füllten am Sonntag Plastiksäcke mit Plastiktüten und Flaschen und Zweigen und Müll und mehr Plastiktüten, die sich in den wenigen Regenrinnen verfangen hatten. Die Nachbarn lachten so hart und fanden uns so dumm. Aber der Y. und die L. und Tochter B. reinigen noch immer die Regenrinnen und nur deswegen kann bei ihnen etwas Wasser ablaufen und es regnet und regnet in Mumbai und die Nachbarn stehen auf den Balkonen und starren in die Regenwand und in den Nachrichten zeigen sie wie low-caste Männer und Frauen im strömenden Regen versuchen die verstopften Regenrinnen und Gullys auszuheben und das Wasser steht auf den Straßen und auf den Bahnhöfen, es läuft über die Balkone hinein und die Nachbarn sehen in den Regen und hoffen, wie auch die L. der Y. und die kleine B. das der Strom hält und es regnet in Mumbai und die Straßenhunde und Katzen ertrinken und die Kadaver schwimmen durch die Straßen und diejenigen, die draußen durch den verschlammten Regen waten sollen, sind unterwiesen Doxycycline einzunehmen, aber diejenigen, die es einnehmen müssten, wissen nicht einmal was Doxycycline ist. Wie immer ist auf die Verwaltung kein Verlass aber auf die Gurudwaras, die Chai-Wallahs, auf die Vielen, die vom Wenigen das Meiste abgeben und es regnet in Mumbai und die Krankenhäuser stehen unter Wasser und Shiv Sena, die in Mumbai politische Verantwortung tragen, schlagen die Hände über dem Kopf zusammen und wollen sich nicht mehr erinnern, warum noch immer nichts geschehen ist, um die Stadt besser vor den Fluten zu schützen, denn Mumbai mit seinen vielen Kanälen und Flüssen besitzt im Grunde ein so natürlich wie effektives Flutschutzsystem und dann waren da natürlich die Mangroven, aber die Mangroven gibt es nicht mehr und die G. steht auf dem Balkon und sieht das Meer nicht mehr und es regnet in Mumbai. Es nicht vermeintlicher Regen, sondern Regen, der eine ganze Stadt verschluckt . Es regnet in Mumbai. Es regnet schon seit zwei Tagen.

Aufgewacht

Immer wache ich vom Regen auf. Der Regen läuft durch die schwarze Nacht und hält sich an den Fensterscheiben fest. Der Regen hat eine dichte Haut und feste Fingerknöchel, ich starre in den Regen hinaus und der Regen gibt nicht nach. Kalte Hände hat der dunkle Regen und kalte Hände habe auch ich.

Immer weckt mich der gleiche Alptraum auf und wache ich auf, erinnere ich mich, dass der Alptraum niemals vergehen wird. Mit der Zeit verblassen die Träume sagen die Leute, aber die Leute irren, nur ich werde blässer und der Alptraum bleibt einfach vor mir stehen. Der Alptraum hat genau so kalte Hände wie ich. Vielleicht hat der Alptraum mir ja seine Kälte in die Seiten gelegt. An eine Zeit ohne den Alptraum erinnere ich mich nicht. Der Alptraum und ich wir sind alte Freunde. Treffen wir uns tagsüber auf der Straße, sehen wir schnell zur Seite. Im Hellen wollen wir uns lieber nicht kennen.

 
Mich wecken weinende Frauen und Männer auf. Immer. Ich habe Frauen und Männer weinen gehört, von denen ich glaubte sie seien schon tot, aber sie weinten noch immer und ich bin mir nicht sicher, ob sie je wieder aufgehört haben. Wo immer sie weinen ob auf einer Liege im Krankenhaus oder in einem weißen Plastikzelt oder in einer alten Wohnung mit Dielenboden, ich wache auf und ich kann auch lange nach den Taschentüchern und der Hand auf der Stirn oder nach all den anderen vergeblichen Versuchen, dem Weinen zu begegnen nicht mehr einschlafen. Ich wache einfach auf.

Aufgewacht bin ich von Schüssen, die tief flogen und die mich immer nur fast trafen. Ich wache auf von klingelnden Telefonen, von einem Schlüsselbund in der Tür, von den Schatten an der Wand. Die Schatten erinnern sich gern an mich. Ich würde sie gern vergessen. Aufgewacht von Händen an meinen Rippen und aufgewacht vor lauter Müdigkeit. Nein lachen Sie nicht, dass ist eine ernste Angelegenheit. Aufgewacht bin ich von Hundegebell und Hummelgesumm, einmal mit einem Sonnenbrand, den ich für Tage mit Melonenscheiben kühlte am Strand von Cannes. Aufgewacht bin ich immer erst, wenn die Tür schon hinter mir zu geschlagen war. Es gibt Menschen, die sagen: ich habe die Gefahr schon kommen sehen. Mir ist es niemals so ergangen. Ich habe am Besten in den Armen eines hartnäckigen Lügners geschlafen. Aber ich glaube den Lügnern auch immer noch, wenn sie es wohl selbst nicht mehr tun. Tun Sie es nicht.

Ich bin aufgewacht als sich der Mond durch das dunkle Zimmer schob und die Sonne schon wieder unterging. Gestört haben mich weder Sonne noch Mond und oft wache ich nicht vom Wecker auf, sondern weil der Hund findet, die beste Art das Frühstück serviert zu bekommen, sei mit der Pfote an meine Stirn zu klopfen.

Das klappt garantiert. Aufgewacht vor Zahnschmerzen und vor immer neuen Sorgen. Aufgewacht auf einer satten Wiesen, auf Betonböden, in einer Badewanne. Die Badewanne stand frei im Raum. Aufgewacht mit kalten Füßen. Aufgewacht und manchmal trotz besseren Wissens die Augen lieber geschlossen gelassen. Aufgewacht mit Händen auf meinen Rippen. Die Hände immer wieder fortgeschoben. Unter meinen Rippen liegt zu viel vergraben.

Aufgewacht mit der Aussicht auf Schwimmen im kühlen See. Aufgewacht bei einer indischen Hochzeit. Ein Dorf in Himchal Pradesh. Mit dem Rücken an einen Dachvorsprung gelehnt unten auf der Straße gingen die Frauen des Dorfes, in der Hand ein Gefäß mit Wasser, in die Felder gingen die Frauen, denn die Felder sind ihre Toiletten. Erst da bin ich aufgewacht, da waren wir mit der Klinik schon zwei Jahre im Slum und niemals fragten wir uns, wo eigentlich die Toiletten waren. Hart aufgewacht in der Realität. Aufgewacht von Steinen gegen die Fensterscheibe, aufgewacht im festen Glauben, der neben mir liebte mich. Ich sollte mich irren.

Aufgewacht von den Toten, die durch die Flure laufen, still und schweigend sehen sich mich an, wieder und wieder kehren sie zu mir zurück und legen mir ihre kalten Hände auf die Stirn. Aufgewacht von vielen Nichtenfüßen auf meinen Rippen und dem Klingeln des Telefons nachts um halb drei. Aufgewacht, wenn es zu spät war und aufgewacht, obwohl es doch noch immer so früh ist. Aufgewacht vom Monsun und wieder fällt in Mumbai der Regen. Aufgewacht von den Dachschindeln, die in Irland herabpolterten, da sind in Assam und Bihar schon wieder 500 oder mehr Menschen in den Fluten ertrunken oder vom Sturm erschlagen worden. Aufgewacht, da war der Zug an der Endhaltestelle angekommen und ich musste doch eigentlich in eine andere Richtung. Aufgewacht mit Angst in der Magengrube, noch immer ist die Angst, das erste was mir morgens einfällt. Wir haben uns aneinander gewöhnt. Aufgewacht in den Armen meiner Großmutter, ich kenne keine sicheren Arme als die ihren. Immer legte meine Großmutter mich in ihre Arme hinein und am anderen Morgen waren sie noch immer da. Ich habe mich an die Abwesenheit ihrer Arme nie gewöhnen können. Auch davon wieder und wieder aufgewacht.

Spielerfrau

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Das Fräulein Read On ist unter die Spielerfrauen gegangen und das kam so:

Vor ein paar Wochen brachte der Tierarzt einen Zettel mit nach Haus. Auf dem Zettel stand: Tennisturnier, 1.F.C. Grün Weiß Celtic“, 27. August: Auch Nicht-Mitglieder HERZLICH WILLKOMMEN. Tennisplatz Celtic, Celtic Street 1, Celtic Village. Der Tierarzt sah auf den Zettel und dann sah der Tierarzt mich an: „Mädchen, was denkst Du?“ Ich verkniff mir einen Tennisturnierwitz und sagte: Tierarzt, warum denn nicht?“ Dann fraß der Hund den Zettel und ich vergaß alles über den 1.F.C Celtic und das Turnier, denn wie alle Welt weiß: ich kann einen Handball nicht von einem Fußball unterscheiden. Eines Abends aber, ich war fast schon eingeschlafen, lehnte der Tierarzt sich zu mir herüber, strich mir die Shetlandponyhaare hinter die Stirn und sagte: „Du Mädchen, ich habe mich für das Tennisturnier angemeldet.“ „Bravo, Tierarzt“ murmelte ich und schlief prompt ein. Am Freitag aber sagte der Tierarzt: „Mädchen, kannst du bitte mitkommen zum Tennisturnier?“

Ich hätte sehr gern gesagt: „Nein, lieber Tierarzt, mich interessiert Tennis Null, mein Verhältnis zu Vereinen ist ein angespanntes und ich möchte meinen Sonntag mit allem verbringen, nur nicht auf einem Sportturnier. Dann denke ich an all die Tage an denen der Tierarzt auf dem Sofa lag, aus dem Fenster starrte und nichts anderes von der Welt wollte, als aus ihr zu verschwinden. „Gut“, sage ich, ich komme mit. Der Tierarzt atmete aus, und ich sagte: Eine Schüssel Porridge mit Honig, sonst bliebe ich hier.“ Der Tierarzt nickt und rannte herüber Kälbchen, die frohe Botschaft zu überbringen.

Am Turniermorgen backe ich einen Pflaumenkuchen. Der Tierarzt ißt Porridge, ich richte Wasser und Obst, werfe mein Buch in die Tasche und verwarne den Hund, dass mustergültiges Verhalten heute die Norm ist, die Katze verwarne ich gleich mit, denn die Katze kann gar nicht oft genug verwarnt werden. Der Tierarzt trägt eine Reisetasche mit Tenniskramuri ins Auto, dann fahren Tierarzt, Hund und ich nach Celtic Village. Dort angekommen, geht der Tierarzt zur Wettbewerbsleitung und ich trage den Kuchen zur Spielerfrauenvorsitzenden, die erkennt man ja immer gleich an ihrem „Wichtig, Wichtig, Wichtig“. Gehabe und sage: „Fräulein Read On, Angenehm, ich habe einen Pflaumenkuchen gebacken.“ Ich halte ihr das Blech Pflaumenkuchen hin. Sie sieht mich streng an: „Sie können nicht irgendeinen Kuchen mitbringen. Wir haben eine Kuchenliste. Dann starrt sie auf den Kuchen als sei er des Teufels Sohn und ergeht sich in einem langen Spielerfrauenvorsitzendenmonolog, der auf den Satz: „Wenn jeder machen würde, wie er wollte, ja dann“ herausläuft. Ich denke, wenn die gleiche Sorge, die der Kuchenliste zu Teil wird, doch dem Welthunger gölte, dann gäbe es diesen nicht mehr.“ Ich sage: „Ein Danke hätte auch gereicht.“ Dann drücke ich ihr das Blech in die Hand und drehe mich um. Die Spielerfrauenvorsitzende ruft: „Wir tragen hier weiß.“ Ich trage ein altes, pinkes Kleid, dem Grasflecken und Hundespucke nichts mehr macht und rufe: „Glauben Sie mir, Sie wollen mich nicht in Weiß sehen.“ Dann suchen der Hund und ich den Tierarzt. „Viel Spaß“, sage ich und immer schön trinken und bitte steck Dir die Tennisbälle nicht in die Hose, wie der Kraftprotz dahinten, dann bekomme ich einen Schluckauf vor Lachen.“ Der Tierarzt gelobt niemals Bälle in die Hose zu stopfen und Hund und ich gehen zu einem Kreis von Spielerfrauen herüber und ich sage: „Hi, ich bin Fräulein Read On, kann ich mich zu euch setzen?“ Die Spielerfrauen nicken und sagen: „Wir tragen hier aber weiß.“ Ich versichere den Frauen eindringlich, dass Weiß nicht meine Farbe sei sei. Die Spielerfrauen reden über Turnierpunkte, über die Achillessehne von Tom, Berties schwache Rechte, Damiens starke Vorhand und die kommende Saison. Ich gähne. „Wie viele Runden hat Tennis?“ frage ich die Spielerfrauen. Die Spielerfrauen starren mich entsetzt an. „Spielt ihr auch?“, frage ich die Frauen. Die Frauen schütteln den Kopf: „Wir sind das Back-up Team“, sagen sie und sie klingen dabei sehr stolz. Dann holen sie Ferngläser und kommentieren das Spiel. Endlich bin ich einmal im Vorteil, denn der Zwei-Meter Tierarzt ist immer gut zu sehen. Ich winke dem Tierarzt und der Tierarzt wirft mit dem Tennisschläger Luftküsse zu mir herüber und ich, die es doch wirklich nicht mit Ballsport habe, fange jeden Einzelnen auf. Die Spielerfrauen sehen auf einmal ziemlich grünlich aus, denn Tom, Bertie und Damien werfen keine Küsse, sondern den Frauen nur durchgeschwitzte Handtücher zu.

Der Tierarzt verliert jedes Spiel, der Hund und ich reichen Wasser und Handtuch und ich hüpfe auf und ab, wann immer der Tierarzt auf den Ball haut und der Hund kläfft wann immer der Ball übers Netz geht. Das letzte Match ist gegen den Mann der Spielerfrauenvorsitzenden. Der Mann ist eine Maschine und wiegt vielleicht das Achtfache des Tierarzts und sein Schläger knallt gegen den Ball wie eine Kanonenkugel und der Ball saust pfeilschnell über den Platz: Der Tierarzt aber ist sehr zäh und die Spielerfrauenvorsitzende schreit ihrem Mann im Kommandoton taktische Ratschläge zu. Ich hüpfe lieber und der Hund versucht einen Schmetterling zu haschen. Irgendwann ist das Spiel zu Ende. Der Hund jagt begeistert einen Tennisball, ich umarme den Tierarzt, wir sammeln seinen Kramuri in die Reisetasche und mit Kuchen beladen sitzen wir unter einem Baum neben dem Tennisplatzdrahtkäfig.

Bist Du traurig, Tierarzt wegen der verlorenen Spiele?“, frage ich.

„Einen Fingerhut traurig vielleicht, sagt der Tierarzt, aber nicht wirklich, nein, wer kann schon traurig sein, wenn ein Mädchen hüpft wie ein pinker Floh?“

„Ha, sage ich Tierarzt, wenn Hüpfen olympisch wäre.“ Der Tierarzt lacht und ich zeige auf den Tennisplatz. Dort liegt der Mann der Spielerfrauenvorsitzenden, schwer atmend wälzt er such auf dem roten Boden, während seine Frau ihn mit einem Wasserschlauch duscht. „Er liegt und Du stehst“, sage ich zum Tierarzt und der Tierarzt lacht und lacht, der Hund bellt und ich esse ein sehr gutes, sehr großes Stück Schokoladenkuchen.

Woanders ist es auch schön.

Liebe Tante Anna Was für ein berührender Text und was für ein zauberhaftes Blog.

Die Welt ist eine andere in Georgien und immer wieder neu lässt sich fragen, wo ist das eigentlich dieses Europa?

Die Kaltmamsell wandert durch Galizien und nimmt uns alle mit!

Italien geht ja immer.

Es gibt ja keine einfachen Leute und auch kein einfaches Leben und dazu gehört auch das Leben jener DDR- Bürger, für die das Ende, kein Anfang war.

Ob die Kinder es wohl noch retten können?

Wie sehr ich diese Frauen doch bewundere.

Nach langen, grauen Tagen ist das Blau zurück  und der Tierarzt singt im Badezimmer  dieses Lied und singt es schief und laut und sehr, sehr schön.

Zwischenräume

Die ganze Woche über in einem anderen Büro verbracht und mich mit leidigen organisatorischen Dingen herumgeschlagen. Anders als in meinem eigentlichen Büro, ist jenes ebenerdig gelegen. Große Glasscheiben, die bis auf den Boden reichen. Im Eck ein trauriger Gummibaum. Der Kalender an der Wand zeigt den 13. 7. 2011. Ein Alpenpanaroma. Auf einem Sideboard steht die Kakteensammlung des eigentlichen Bürobewohners. Über den Bürobewohner wissen die Büronachbarn nichts zu sagen. Sie zucken nur die Schultern. „Er ist halt immer da drinnen“, sagen sie und zucken mit den Schultern. „Sie hätten auch besseres zu tun, als sich um jeden zu kümmern. Als ich die Schreibtischschublade aufziehe, finde ich kleine, leere Schnapsflaschen. Ich bin nicht überrascht. Die Kakteen starren stumm zu mir herüber. Ich schließe die Schreibtischschublade wieder ab.
Ich weiß nichts über Kakteen, ich habe nie auch nur einen Kaktus besessen und die Frau des Krämers, die eine ganze Blumenbank besitzt, hat keine Kakteen unter ihren vielen Blumen.
Die Kakteen sind ähnlich verstaubt wie der Kalender. Staub wie Mützen liegt über ihren stacheligen Köpfen. Sitze ich am Schreibtisch ist mir als atmeten die Kakteen sichtlich bemüht, seufzend und keinesfalls freundlich gesinnt, sondern von widerspenstiger Feindlichkeit, so als störe meine Anwesenheit eine Lebensweise in der Zeit keine Rolle spielt. Die Kakteen riechen nach abgestandenem Wasser, nach Gleichgültigkeit, so weit fortgedrungen, dass es selbst den sauren Geruch nach Schweiß und Tabak übertüncht. Ein leerer Blumentopf ist voller Kippen und über den Kippen: vertrocknete Kakteenblüten. Öffne ich das Fenster und ich öffne das Fenster oft, steigen dünne Staubwolken auf und mir ist als rückten die Kakteen enger zusammen, ein stachliger Wall gegen die frische Luft und wohl auch gegen meine Anwesenheit.

Der Himmel ist noch immer milchig, grau und über allem liegt eine dumpfe Schwere. Vor dem Fenster schlafen zwei Obdachlose, eng in froschgrüne Schlafsäcke gewickelt, aufgeschnittene Pappkartons sind ihnen Unterlage. Neben ihnen stehen zwei Plastikbeutel. Habseligkeiten, was für ein schönes, deutsches Wort, sagt man. Hier ist aber nichts schön, hier liegen Menschen auf dem kalten Boden. An ihnen vorbei laufen Anzugmänner und Anzugfrauen, Kaffeebecher und Telefone in den Händen, Bauarbeiter mit dicken Schinkenbroten, Jugendliche mit Kaugummi und alle haben ein eiliges Leben, dazwischen schlafen zwei, und hinter der Glasscheibe sitze ich, Tee und Telefon und das Telefon klingelt und der Tee ist kalt. Eine Gruppe Touristen fotografiert die Obdachlosen. Ein schöner Kontrast: das regengraue Dublin und die Männer auf der Straße. Grell und grün sind die Schlafsäcke. Die Touristen haben Regenschirme und Rucksäcke. An den Rucksäcken haben sie Buttons gepinnt: Peace und Love und No Trump und dann halten sie ihre teuren Kameras auf die Männer und die Kameras machen: click, click, click. Ich mache das Fenster auf. „Schämen Sie sich nicht?, rufe ich den Touristen entgegen. Die Touristen starren mich an. Ich starre zurück. Dann laufen sie weiter. Als ich das Fenster schließe sehen die Kakteen zu mir herüber und ich glaube sie flüstern: „Ach, so eine bist du.“ Ich funkle die Kakteen an: „Ja, genau so eine bin ich.“

Nachmittags sitze ich mit der D. in einem hellen, kleinen Café, große Schaufensterscheiben, wir löffeln Suppe und die D. erzählt mir von der neuen Liebe ihres Lebens, dessen einziges Manko zu sein scheint, dass er Porzellanpuppen sammelt und ganze Wochenenden damit zubringt durch die Lande zu fahren, um neue Puppen zu erstehen. Aber ich höre ihr nur halb zu, vor dem Fenster stehen drei Mädchen, jung, viel zu jung, für Bierflaschen und Zigaretten. Sie lutschen Lollis, rauchen und schließlich schwanken sie betrunken auf die andere Straßenseite und setzen sich auf die Stufen und warten auf eine Gruppe junger Männer. Die D. legt ihre Hand auf meinen Arm. „Du kannst nicht alle Mädchen wieder auflesen“, sagt sie und sieht mich mit jenem mitleidigen Blick an, mit denen mich alle Menschen ansehen, so als würde nur ich mich verweigern, den Lauf der Welt doch endlich zu verstehen, endlich auch von etwas abzulassen, was doch ohnehin keinen Sinn macht.„Ich muss zurück“, sage ich zur D. und schüttle ihre Hand ab.“ Aber ruf mich an, ruft die D. mir hinterher.

Im Büro lese ich Indien Nachrichten, während ich weiter telefoniere. Dieses Telefonat führe ich jede Woche zweimal und längst ist es ein Theaterstück mit festen Rollen, die Frage ist nur wer eher einknickt. In Indien ist der Sektenführer Ram Rahim Singh aufgrund zweier Fälle von Vergewaltigung verurteilt worden. Die Fälle reichen bis in das Jahr 2002 zurück, der Journalist, der den Fall aufdeckte, Ram Chander Chatrapati ist längst erschossen worden und die organisierten und gewalterprobten Anhänger Rahims liefern sich Scharmützel mit der Polizei. Der Der Guru, der sich gern als Popstar inszeniert , mit besten Kontakten zur Regierungspartei BJP natürlich hat Anhänger, die schwören Indien auszulöschen, wagte es jemand ihrem Guru ein Haar zu krümmen. 28 Menschen sind inzwischen tot und ganz Chandigarh ist abgeriegelt. Ich schreibe den Freunden in Chandigarh. Stay safe, stay safe. Damals als ich nach Delhi kam, wohnte ich in Chandni Chowk und wie ich in Chandni Chwok wohnte noch viel naiver als die D. glaubt, realisierte ich, dass ein Pandit ( ein Priester ) ein zehnjähriges Mädchen zu ehelichen gedachte. Ich ging zur Polizei. Die Polizei nickte: „we investigate.“ Dann fuhr ich über das Wochenende zu Freunden nach Chandigarh, als ich zurückkam war meine Wohnung ausgebrannt. Frau Rajasthani, die ich damals kennenlernte, schüttelte den Kopf: Read On, du darfst doch niemals ins Erdgeschoss ziehen. Ich sah sie an, aber sie lächelte nicht, nicht über mich, noch über das was ich wollte. „Du ziehst zu uns, sagte sie“ und ich nickte.
Dann lege ich das Telefon auf. Vor dem Fenster steht ein Mann und raucht.

Bevor ich gehe, um am Montag in mein Büro zurückkehren, kaufe ich einen Kaktus. Der Kaktus hat gelbe Blüten. „Danke für Ihr Büro, schreibe ich auf den Zettel und „geben sie auf Sie acht.“ Das schreibe ich immer, seitdem ich auf die ausgebrannte Wohnung starrte. Dann ziehe ich die Bürotür hinter mir zu. Die Kakteen atmen auf. Ich atme ein.

Die Sache mit Rosalie oder das Ende des Sommers.

Ich schneide Tomaten und dann klopft es gegen die Tür. Der Tierarzt verdreht die Augen: „Die Frau des Krämers.“ Die Frau des Krämers ist außer Atem und schreit: „Sie müssen kommen.“ Sofort. In ihrer Hand hält sie einen zerbrochenen Besenstiel. „Warum?“, fragt der Tierarzt. Die Frau des Krämers hechelt: „Streit. Feriengäste. Blut. Rosalie.“
Wir rennen der Frau des Krämers hinterher. Wie fast alle im Dorf beherbergen auch der Krämer und seine Frau Feriengäste. Die Jugendlichen machen einen Sprachkurs in Dublin und wenn sie keinen Sprachkurs in Dublin machen, dann sollen sie in Gastfamilien das Flair des irischen Lebens kennenlernen. Die Jugendlichen kommen aus den Dörfern Oberitaliens, aus spanischen Städten, die keiner kennt und aus Offenbach. Bei der Frau des Krämers wohnen also seit Mitte Juli Armando und Fernando und beim Hühnernachbarn in der Mansarde leben seit fast vier Wochen Timo und Enrico. Als wir den Dorfladen erreichen, fehlen Armando zwei Zähne, Fernando blutet aus der Schläfe, Timo hält sich die Rippen und Enrico hat ein blaues Auge. Der Krämer steht zitternd zwischen den jungen Herren und sagt: „Wie die Vandalen!“ Mit dem Besenstiel musste ich sie trennen.“ Die vier Jungen sehen vertrotzt auf den Boden. „Tierarzt sage ich: Fernando muss genäht werden und das blaue Auge muss sich auch gleich jemand ansehen.“ Der Tierarzt seufzt und nickt, dann sprintet er zurück ins Oberland und holt den treuen Volvo. Ein Junge nimmt neben dem Tierarzt Platz, während der andere in den Fond klettert. Ohne Sicherheitsabstand geht es nicht. Dann fahren der Tierarzt und die Buben ins Krankenhaus. Zurück bleiben Armando, Timo und ich. Trotz des Sprachkurses in Dublin nämlich hat die Frau des Krämers nicht herausfinden können, warum der Streit erst entbrannte und dann im Faustkampf endete.

„Timo, sage ich also mit bester Gouvernantenstimme, was ist denn passiert?“
Timo spuckt auf den Boden: „Wir sind stolze Offenbacher“, brüllt er und will Armando wieder an den Kragen. Aber dazwischen stehe ja ich. „Ruhig, ruhig“, sage ich.
Mein Spanisch ist non-existent, aber immer habe ich breites Südfranzösisch vorrätig und sehe fragend zu Armando herüber, der springt auf und hält mir sein Telefon entgegen: Rosalie! Mi corazón! Dann schlägt er sich mit der Hand auf die Brust etwa dort, wo er sein Herz vermutet.
Das Mädchen auf dem Bild hat große, geschminkte Augen und trägt einen Haarreif mit Katzenohren und auf dem Bild liegt ihr Arm um einen selig grinsenden Armando geschlungen.
Schon aber springt Timo auf und hält nun seinerseits ein Telefon vor mein Gesicht: „Rosalie, liebt nur mich.“ Auf dem Bild lächelt das gleiche Mädchen mit großen Kulleraugen und gespitzten Mund in die Kamera. An ihrer linken Hand hält sich ein selig grinsender Timo fest.

Dann stehen sich die beiden jungen Herren gegenüber, zerrissene T-Shirts, lädierte Gesichter, Löcher in den Hosen und überhaupt umgibt sie etwas äußert Derangiertes, ich stehe in der Mitte und über meinen Kopf hinweg strecken Armando und Timo ihre Telefone in die Höhe und dann schreit es :

Armando: Rosalie! Mi vida!

Timo: Rosalie! MY BAE!

Armando: Rosalie, Mi amada!

Timo: Rosalie ist Bling.

Armando: Rosalie, Mi querida!

Timo: Rosalie ist meine Kirsche

Armando: Timo, el bicho!

Timo: Ey willste noch mal meine Fäuste spüren?

Armando: Oh, Rosalie

Timo: Ohhhhh, Rosalie!

Dann sind beide Kontrahenten für einen Moment sehr still und starren sich feindselig an. Ihre Telefone halten sie wie Ritter ihre Schwerter gegeneinander gerichtet und dazwischen stehe ich. Ich sage: „So jetzt einmal ganz ruhig.“ Aber damit komme ich nicht weit, denn

Armando reißt sich sein Hemd auf. Auf seine Brust hat er mit Edding ein Herz mit Pfeil geschmiert und darunter steht „A und R“ Er brüllt „Rosalie, Corazón! Und schlägt sich wieder auf die Brust.

Timo starrt ihn an. Das wäre ihm auch gern eingefallen, denn zweifelsohne die Geste hat Grandeur. Aber dann gewinnt der Stolz auf Offenbach die Oberhand: Er schreit während er auf und abhüpft: Rosalie und dann „Es gibt nur ein Offenbach, Offenbach-Rosalie-Offenbach. Es gibt nur ein Offenbach.“ Fast wäre das schon melodisch hätte Timo sich nicht schon so heiser geschrien. Ich will mir schon ein Kichern verkneifen, da zieht Timo ein Taschenmesser und krakeelt: „Offenbach-Blut-Rosalie.“ „Ich sage: Timo, gib mir jetzt sofort das Messer.“ Zum Glück ist Timo so aufgeregt über Offenbach und Rosalie, das sein Messer in meine Hand hält. Ich sage sehr laut den einzigen spanischen Satz, den ich kennen:

„Madre de Dios!“ Es verstummen Timos Sprechgesänge und Armandos Rosalie Gekrähe. Für einen Moment lang glaube ich, mein beherzter Ausruf habe die beiden Kontrahenten zum Schweigen gebracht. Aber ich sollte mich irren. Denn Rosalie kommt die Dorfstraße entlang. Rosalie trägt einen schwarzen Overall mit pinken Blumen, und rosa Sandalen mit dicken weißen Sohlen. Sie trägt ein schwarzes Käppi und um ihre Schultern liegt ein blasser Jungenarm. Der Junge ist nicht Armando, nicht Fernando, ist weder Timo noch Enrico. Der Junge heißt Ciáran und ist der Sohn des Fleischers zwei Dörfer weiter. Rosalie und ihr Geliebter aber sehen durch uns hindurch. Seine Hände kleben fest an ihren Schultern und ihr Mund haucht Küsse in Richtung seines Ohr. Seine Ohren sind noch viel röter als ihre Wangen und das Telefon in ihrer Hand fängt sie beide ein.

Stumm und starr stehen neben mir Timo und Armando. Vom stolzen Kömpfergeist, von Romeo und Rosalie ist nichts mehr übrig.

Armando murmelt: „Loca Rosalie“.

Timo hustet: „Ey Weibers, ey.“

Dann klopfen beide sich den Staub und Dreck von den Hosen. Fünf Minuten später verabschieden sie sich beinahe herzlich. Ein fester Faustschlag auf die Schulter, dann liegen beide sich schon in den Armen.

Ich übergebe das Taschenmesser dem Krämer zur Verwahrung. Der Tierarzt biegt mit Fernando und Enrico um die Ecke. „Mädchen, flüstert er mir dann ins Ohr, die gute Rosalie hat sowohl Fernando als auch Enrico…“Ich weiß, flüstere ich zurück und auch „Timo und Armando.“ Der Tierarzt hustet um nicht laut zu kichern.

Die Frau des Krämers sieht mich an. „ Fräulein Read On“ sagt sie und ihrem Mund entfährt ein tiefer Seufzer: Es wird Zeit, dass der Sommer endlich zu Ende geht.“ „So ein Theater nur wegen einer Rosalie.“

„Ach, Frau des Krämers sage ich, wer wenn nicht Sie wüsste, dass im Krieg und in der Liebe alles erlaubt ist?“

Montag

Am Morgen ist der Himmel ein schweres, graues Tuch. Das Tuch verschluckt das Meer und eines Tages, da bin ich mir sicher, verschluckt es auch die Katze und mich. Die Katze schläft, ich lehne in der offenen Terrassentür und meine Füße liegen kühl auf den kalten Steinen. So dicht liegt der Nebel über dem Haus, das ich die Kastanie nur erahnen, den Kirchturm St. Sylvester aber nicht mehr sehen kann. Schiffbruchwetter ist es, ein Wetter aus anderen Tagen, Tagen vor unserer Zeit in denen die schweren Schoner gegen die Felsen krachten, im Nebel die Sicht und wohl auch den Glauben an G*tt verloren und ihre Splitter, ihre Planken, ihre zerbrochenen Glieder liegen wohl noch immer auf dem Grund der eisigen See. Verschlungen sind ihre Gesichter und heute, da noch immer Menschen an den Küsten Europas ertrinken, verschwinden diese wie jene und noch immer ruft es vielleicht: „Mann über Bord“ und doch ist dann alles schon immer verloren. Aber ich habe morgens gar keine Zeit, für Geschichten nicht und auch nicht für das Wetter. Die Tasche greifen und den Kaffeebecher, denn den Weg ins Unterland, den Weg zur bahn finde ich auch im dichten Nebel.

Der Zug fällt aus. Eine Lautsprecherstimme knarrt Erklärungen, aber wer hat denn morgens schon Zeit für Erklärungen. Ich renne zum Bus und springe mit einem gewaltigen Satz gerade noch so hinein. Aber wer aufatmen will, der darf nicht Bus fahren , denn der Bus ist übervoll und ein Mann steht auf meinen Fußspitzen. Er schreit in sein Telefon. Aber nicht nur der Angerufene wird darüber in Kenntnis gesetzt, wie er es seiner Freundin so richtig gemacht hat. Aber so richtig. Stundenlang. „Til devastation, shagged her like that“ brüllt er als glaubte er sich selbst nicht. In der kleinen deutschen Stadt, in der meine liebe C. lebt, da gibt es als ein Überbleibsel der DDR etwas das sich Jugendweihe nennt, wie die Jugend genau geweiht wird, weiß ich nicht. Aber einmal habe ich gesehen, ich ging gerade über den Marktplatz, wie den Geweihten so eine Art Atlas überreicht wurde. Statt eines solchen Atlasses finde ich sollte jeder ob nun geweiht, oder nicht ein Wörterbuch der Liebe bekommen, denn es schallt energisch: „oh, wie hab ich sie geknallt“ durch den Bus und das ginge doch auch Schöner.

In der Uni angekommen mache ich den Kaffeebecher auf und will endlich ausatmen, aber eine Viertelsekunde später spucke ich ins Waschbecken. Ich hatte vergessen, Seifenlauge aus und Kaffee und Milch einzugießen. Meine Spiegelbild sieht mich verdrossen an: „Nichts auslassen Read On! Bloß nichts auslassen.“ Ich strecke meinem Spiegelbild die Zunge heraus. Dann hält der Tag sich an mir fest. Hartnäckig ist er und kalte Hände legt er mir in den Nacken. Mehr mit Zufall als mit Können den Wagen der besten Chefin der Welt wieder flott gekriegt. Die beste Chefin der Welt hat den Flug nach Brasilien noch erwischt. Gegoogelt ob ich meine Hände wohl am besten mit Terpentin reinigen sollte. Die Meinungen sind gemischt. Lange Zeit zwischen Papieren verbracht. Statt eines Snickers einen Mars Riegel gekauft. Mir geschworen alle weitreichenden Entscheidungen zu verschieben.

Im Zug nach Hause. Noch immer hängt der Himmel tief und dunkelschwer über allem. Aber immerhin steigen je länger der Zug fährt, immer mehr Menschen aus. Ich lehne mich ans Fenster. Kurz vor dem Dorf passieren wir das Feld des Nachbarn. Der Nachbar ist ein alter Mann. Sein letztes Feld. Weizen. Der Weizen leuchtet selbst unter den grauen Regenwolken. In die Mitte des Feldes hat jemand eine kaputte Couchgarnitur und einen Kühlschrank geschmissen. Der alte Nachbar entsorgt jeden Sommer zwei Container Hausmüll, die ihm in den wogenden Weizen geworfen werden. Das muss die Idylle sein, von der sie alle reden.

Am Bahnhof steht der Tierarzt. Er hat einen Regenschirm, Handtuch und mein Badezeug dabei. Oh, sage ich und küsse den Tierarzt zweimal links und zweimal rechts und dann laufe ich ins Meer, ein schweres, graues Tuch legt sich um meine Schultern. Ich schließe die Augen, Schiffbruchwetter, dann schwimme ich nach links. Der Strand ist eine graue Wand und für einen Moment glaube ich, die Welt hat sich schon aufgelöst, wer würde ihr den Schiffbruch schon verübeln, aber dann ruft der Tierarzt nach mir: „Mädchen, wo bist du?“ Ich wate zurück an Land. „Und Du, rufe ich zurück?“ Zweimal links, dann rechts, bei den schwarzen Steinen“, ruft es zurück und nach einmal im Kreis herum mäandern, finde ich den Tierarzt und die Steine. Ich wickle mich in das Handtuch und wir steigen den Trampelpfad hinauf. Der Ginster klebt an meinen Beinen, feucht und satt ist das Gras, die Brombeerhecke legt sich mir in die Haare und der Himmel, der Himmel ist ein dichter, schwerer, grauer Mantel, der Himmel legt sich um meine Schultern, bedeckt mir die Arme und Beine und als wir vor dem Haus stehen, ist auch das Meer schon längst wieder unter dem selbergrauen Tuch verschwunden.