Das Hundewägelchen

Der Tierarzt, der von Deutschland nur Berlin, eine kleine Stadt und das Dessauer Bauhaus kennt, findet Rügen schön. Das Meer ist blau. Der Strand ist weiß und der Regen ist so irisch-grau, wie gehabt wenn auch wärmer, das so sagt die liebe C. der Tierarzt gemurmelt habe: „Heimwehregen.“ Vom Ferienhaus der lieben C. und meines Vater führt ein ausgetretener Weg zu einer Kuhherde hinunter und der Tierarzt geht morgens hinunter und spricht mit den braun-gefleckten Kühen. Dann und wann seufzt der Tierarzt, denn auch andere Kühe haben schöne Kälber und Tierarzt liebt doch sein irisches Kälbchen sehr. Aber dann kommt eine der Nichten angerannt und will vom Tierarzt in die Luft geworfen werden. Der Tierarzt sieht die Kreidefelsen und Walknochen vor einem Museum. Er pflückt wie der Rest der Familie Eimer voller Johannisbeeren und die liebe C. zeigt ihm die Lama-Farm. Der Tierarzt singt ein Wiegenlied für ein aufgeregtes Lama und das Lama sieht den Tierarzt dankbar an. Sogar mit dem alten Hofhund der Nachbarn von dem man sagt, er habe zwanzig Postbotenbeine angebissen, schließt der Tierarzt Freundschaft und der Hofhund lässt sich vom Tierarzt hinter den Ohren kraulen. Dann komme ich. „Mädchen“, sagt der Tierarzt und dann sagen wir eine ganze Weile erst mal nichts. Später, die Nichten suchen Badekram zusammen, kommt die liebe C. „Süße“ sagt sie, ich glaube der Tierarzt hat etwas.“ Zwar findet er alles „schön“ und hat sogar einen halben Matjes in Buttermilch verzehrt, aber etwas behagt dem Tierarzt nicht. Aber mir würde er es nicht sagen.“ Hmmm“, murmele ich und frage mich, ob der Tierarzt mir ein Unbehagen wohl mitteilen würde. Unsere Familie ist nämlich sehr laut und wild, alle reden durcheinander und das auch noch in fünf Sprachen, ständig kommen Leute vorbei und eine kleine Königin sucht elfmal am Tag lautstark nach ihrer Krone. In der Krachmacherstraße wohnte niemand anders als wir. Erst einmal aber fahren wir mit der johlenden Kinderherde an den Strand. Der Strand ist schön und die Sonne scheint. „Schön“, sagt der Tierarzt und dann renne ich mit den Kindern ins Wasser. Die Kinder verstehen unter einem gelungen Bad im Meer so oft es geht auf meinen Rücken zu klettern und mich ins Wasser zu tauchen. „Geh unter, schreit eine kleine Königin, dies ist ein königlicher Befehl“. Der Tierarzt hütet die Handtücher und den treuen Kanzler Bär, der kein Wasser verträgt und er verteidigt unseren Handtuchberg gegen eine Dame, die mit ihrem Mann eine Art Trutzburg aus Stoffplanen errichtet und den Tierarzt verscheuchen will. Aber der Tierarzt sagt: „Nein, hier Mädchen.“ Und er sagt es so bestimmt, dass die Stoffbahnenburg mit einer deutlichen Delle um unsere Handtücher herum errichtet wird. Schließlich trocknen wir vier Kinder ab, cremen vier Kinder ein, versorgen vier Kinder mit sauren Würmern ( eine vielgeliebte Süßigkeit) und verteilen den jeweils richtigen Harry Potter Band in die richtige Kinderhand und dann ist es plötzlich sehr still. Tierarzt sage ich und wringe meine Haare aus: „Die liebe C. sagt Dir sei etwas unbehaglich.“ Sind wir dir zu laut?“ Der Tierarzt reicht mir noch ein Handtuch an. „Mädchen, sagt er, nein, ihr seid genau richtig laut. Dann seufzt der Tierarzt. Das Meer schimmert blau, der Sand glitzert gelb, die Nichten und der Neffe murmeln behaglich Zaubersprüche. „Mädchen“ sagt der Tierarzt und flüstert fast: „Die Hunde der Deutschen sind alle malade.“ Ich sehe etwas verwundert zum Tierarzt herüber, denn der Deutsche liebt seinen Wauzi oft mehr noch als seine Ehefrau und fast so sehr, wie sein Automobil. „Allein gestern, sagt der Tierarzt und flüstert noch immer, habe ich vier Hunde gesehen, die nicht laufen konnten.“ Ein großer Labrador saß in einem Karren hinter einem Fahrrad und ließ sich ziehen. Ein großer, ganz ordinärer Labrador, in einem Karren, Mädchen. Als ich mit der lieben C. auf der Seebrücke war, habe ich genau gezählt: in der Hälfte aller Buggies auf der Brücke saßen keine, kleinen Kinder, sondern Hunde: Zwei Yorkshire-Terrier, ein Cockerspaniel und viele weitere Terrier. Lauter Hunde, Mädchen fuhren da spazieren.“ Dann war ich mit der lieben C. am Meer und wieder stand dort eine Familie mit vier Hunden und die liebe C. sagte sie diskutierten, wer der vier Hund im Fahrradanhänger kutschiert werden würde: „Emma kann laufen, Willy kommt in den Wagen.“ Der Tierarzt schüttelt den Kopf. Die deutschen Hunde müssen eine entsetzliche Krankheit haben oder Pfotenschwund, sonst müssten die armen Hunde doch nicht in Kinderwägen gefahren werden. „Tierarzt“ sage ich, weißt Du ich glaube die Hunde sind ganz quietschfidel und nur die Hundehalter leiden an ihrer Hundeliebe und fürchten vier Pfoten reichten nicht aus für einen Spaziergang am Meer entlang und dann ist der Deutsche ein findiger Kopf und konstruiert Hundewägelchen und so können die Hunde wie die Kinder ganz bequem liegender Weise umhergefahren werden. Weißt Du Tierarzt sage ich, der Deutsche erfindet sogar Dinge bevor es das Problem gibt und deswegen haben die deutschen Hunde niemals müde Pfoten und führen ein langes, gediegenes Hundeleben. Ganz bestimmt sind die Hunde wohlauf. Der Tierarzt sieht mich lange an. Dann zieht Regen auf. Wir stecken vier Kinder in Kleider, verteilen Fahrradhelme und Fahrradschlüssel und radeln zurück. Auf dem Weg sehen wir eine französische Bulldogge die majestätisch und wie auf einer Sänfte in einem Wägelchen liegt und aus einem Fahrradkorb hechelt ein Pudel. Daheim angekommen, kann ich die liebe C. beruhigen. „Dem Tierarzt waren die Hundewägelchen ein unbekanntes Phänomen, sage ich“ und er sorgte sich um das Wohl und Wehe der Tiere.“ Die liebe C. atmet erleichtert auf. Ich bürste vier Kindern Sand von den Füßen. Der Tierarzt liegt mit Buch in der Hängematte. Schön, sagt der Tierarzt, Rügen ist wirklich schön.“

23 Gedanken zu “Das Hundewägelchen

  1. Kicher. Es ist ja leider schon fünf Jahre her, dass ich zuletzt auf Rügen war, die Hundewägelchen sah ich damals dort nicht (aber vielleicht wohnten wir auch zu dicht am Strand oder in einer anderen Ecke Rügens). Ihren Vater und die liebe C. kann ich nur zum Ferienhaus beglückwünschen, die Insel ist wirklich wunderschön.

    Falls dem Tierarzt einmal der Sinn nach mehr oder weniger maladen Häusern steht, empfehle ich Rosengarten, Üselitz und Pansevitz (die Fotos und Story habe ich leider immer noch nicht gebloggt) oder eins der vielen anderen Herrenhäuser auf Rügen.

    • Es ist wirklich sehr schön und die Kinder können toben und hoffentlich erinnern sich später einmal an endlos lange Sommertage….Lieben Dank für Ihren Hinweis zu den Herrenhäusern!

  2. Die Kinder haben großes Glück mit dem Fräulein, welches sich so unverdrossen untertauchen lässt.
    Und die Tiere haben Glück, dass sich ein so wunderbarer Tierarzt um sie sorgt.
    Und überhaupt, das große Glück des Zusammenseins. Ihnen allen weiterhin schöne Ferien auf Rügen.⛵

    • Die Sorge des Tierarztes ist rührend. Ich musste nur so lachen bei der Vorstellung seines Gesichts, als Fräulein Read On ihm erläuterte, was es mit den Hundewägelchen auf sich hat – und was er von jenen Deutschen halten mag. Mir kam sofort Obelix in den Sinn … „Die spinnen, die Goten!“

      • Der Tierarzt ist wirklich sehr um die Kreatur besorgt und war ganz aufgeregt ob der beingeschädigten Hunde. Die Deutschen sind ein großes Rätsel!

  3. Wie nur, wie schaffst Du das? Dass mich nahezu jeder Deiner Texte zu einem Tränchen oder auch vielen rührt? Ganz und gar wunderbar erzählt, dankeschön.

  4. Ich finde Hunde in Wägelchen auch etwas suspekt. Gibt es hier auch zuhauf. Im Obergeschoss unseres Hauses wohnt eine etwas ältere Hundedame, sie ist inzwischen 14, und natürlich geht es da mit den Beinen nicht mehr so, wie als sie jung war, aber dann läuft man halt langsamer.

    • Hier laufen alle Hunde noch selbst, auch alte. Und es sind etliche Vierbeiner unterwegs, deshalb duscht der ein oder andere Hausbesitzer auch jeden Morgen das untere Stück der Hauswand mit der Gießkanne ab. Einer hat ein Schild mit der Bitte notiert, den Hund zum Rinnstein zu führen.

  5. Welche Fürsorge für die Hundchen. Ist das so, dass man gerne ein Wesen um sich hat, für das man sorgen möchte? Und keines, das einfach so neben einem her läuft?
    In der Nachbarschaft wohnt eine Familie mit einem großen Herz für Tiere. Jeden Tag geht die Tocher mit drei Hunden an der Leine und einem auf dem Arm spazieren. Ich hab sie gefragt, warum sie da macht. Das Hundchen sei so alt und krank, dass es nicht mehr laufen kann. Und es soll doch auch was von der Welt sehen und was erleben. So freue ich mich jeden Tag daran, dass jemand daran denkt, dass ein altes Hundchen noch etwas Abenteuer hat im Leben.

    • Ach, eure Nachbarin mit dem alten Wuff, der die Welt sehen soll, ist zu rührend! Wunderbar. Ich wünschte manchmal nur, die Fürsorge für die Tiere würde sich auch auf die Menschen erstrecken.

      • Bei manchen wünscht man sich tatsächlich sehr, dass die Hundeliebe und die Menschenliebe gleich stark wären. Bei den Nachbars ist das so, Menschenliebe riesengroß, Tierliebe auch.
        Sie haben ein schweres Schicksal und zerbrechen nicht. Ich bewundere sie sehr.

  6. Liebes Fräulein Readon,
    ich bin jetzt schon seit einiger Zeit ein aufmerksamer Leser Deiner Zeilen und freue mich über jeden Text.
    Und nun habe ich zu diesem Text hier ein Foto gefunden, welches ich einfach mit Dir teilen möchte. Hier: https://mobile.twitter.com/_youhadonejob1/status/886715124249243648/photo/1?ref_src=twsrc%5Etfw&ref_url=https%3A%2F%2Fcrocodylus.wordpress.com%2F2017%2F08%2F01%2Ftwitterlieblinge-juli-2017%2F
    Ich hoffe, ich lande mit dem Link nicht im Spamfilter.
    Freundliche Grüße
    Frau Spätlese

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