40 Stunden

In fast 40 Stunden Berlin kann man zweimal im See schwimmen, einmal alle Fenster putzen, dreißig Minuten Klavier üben, einen großen, gelben Plastikeimer mit roten Johannisbeeren pflücken, eine letzte Erdbeertorte backen und den endgültig durchgelaufenen Sandalen hinterhertrauern. An der Spree sitzen und erst fährt einem der Wind und dann der Tierarzt durchs Haar. In 40 Stunden funkeln die Sterne ziemlich wild und die Liebespaare küssen sich unter dem weichen, gelben Licht einer Laterne. Unter dem Lampenkegel halten die Motten ihren jährlichen Sommerball ab und mir fällt ein: in diesem Sommer habe ich noch nicht einziges Mal getanzt. Dafür ein ernsthaftes Telefongespräch geführt. Holzhärten in einer Werkstatt ausprobiert, Postkarten an Deniz und Mesale geschrieben, zur Post preschen und den Postbeamten, der 18.01 Uhr noch Briefmarken verkauft, erst umarmt und dann auf ein Eis einladen, fast vergessen die Postkarten in den Postkasten zu werfen, auf einem Bein hüpfen, mit dem Tierarzt ausprobieren, ob unsere Arme wohl weit genug reichen, um die Kastanie zu umarmen (fast treffen sich unsere Fingerspitzen) . Mit der alten Freundin Wildtaube über einer Handvoll Rosinen ( die Wildtaube ) und einer Tasse Milchkaffee ( das Fräulein Read On ) eine halbe Stunde verratschen. Eine dreiviertel Wassermelone verschlingen. Wassereis für die Nachbarskinder machen und bestaunen wie schnell sehr viel Eis in Kindermündern verschwindet und mit noch mehr Vergnügen feststellen, dass der Tierarzt an halbgeeister Wassermelone am Stiel, Gefallen findet. Wer hätte das gedacht? Adam Thorpe’s Ulverton zu Ende lesen und sich gleich darauf in Chimamanda Ngozi Adichies Americanah stürzen. Eine ganze Menge Arbeit erledigen. Endlich einmal alle Bleistifte anspitzen. Den Tierarzt in der Hängematte in den Schlaf schaukeln. Die ewig dicken Shetlandponyhaare waschen und beim Kämmen einen Kammzinken in selbigem Haar verlieren. ( Glaubt man es denn? ) Einer Freundin die Zehennägel nach der OP im Krankenhaus lackieren.( Mintgrün ). Immer noch mehr arbeiten. Den Fahrradschlüssel suchen. Endlich den Fahrradschlüssel wiederfinden. Ein Honigbrot essen. Mit Freunden auf einer Dachterrasse albern sein und dann sehr ernst. Sich ernstlich Sorgen machen und dann noch ein paar Sorgen mehr. Die ersten Tomaten ernten und Abends noch einmal die Fledermäuse zählen. Einen Knopf annähen und sehr oft gähnen. Der lieben C. ein Gartenfürsorgepaket schicken. Glenn Gould beim Klavier spielen zuhören. Auf den Gesang der Nachtigall warten. Die Nachtigall schweigt. Ein Gedicht von Hilde Domin geschenkt bekommen können. Unverhältnismäßig oft niesen, die Füße auf die Balkonbrüstung legen und den Regentropfen bei der Wanderung über die zehn Zehenberge zusehen. Den Tierarzt im Gartenstuhl im Zwiegespräch mit der Kröte belauschen. ( Ja, das macht man nicht.) Schon wieder Eis für die Nachbarskinder und dann die Zinkwanne mit Wasser füllen für das kleinste der Kinder mit Ambitionen doch einmal alle sieben Weltmeere zu bereisen. Weiterarbeiten. Weiteratmen. Fernweh bekommen und ein Päckchen aus Italien. Von einem so schrecklichen Alptraum heimgesucht werden gegen den nichts hilft, auch kein kaltes Wasser. Im Garten einen großen Blumenstrauß pflücken ganz für mich allein. Hummelgesumm bestaunen und von einem ganz anderen Leben träumen. Alte Briefumschläge in die Hand nehmen. Die Handschrift meiner Mutter. Aufhören zu atmen.
Den Tierarzt zum Bahnhof fahren. Der Tierarzt hält sein luggage holdall in der einen und ein Englisch-Deutsch Wörterbuch in der anderen Hand. Ich versuche dem Tierarzt zu erklären, dass Mädchen eines der deutschen Lieblingswörter des Tierarztes sich nicht uneingeschränkter Beliebtheit bei deutschen Frauen erfreut. Aber das lernt der Tierarzt in unter 40 Sekunden als er eine Frau beim Koffer tragen zur Hand gehen will: „Mädchen, soll ich anfassen helfen?“ „Finger weg“ herrscht die Frau ihn an und der Tierarzt hält sein Wörterbuch ein bisschen fester. Ich winke immerhin mit einem weißen Taschentuch. „Auf nächste Woche“, rufe ich ihm hinterher.
Andere Bücher und ein anderer Schlüssel. Wieder zum Flughafen. Der Flug fällt aus. Mit zusammengebissenen Zähnen und nur mühsamen unterdrückten Fluchen eine komplizierte Ersatzroute zusammengeflickt. Erst gezögert, dann doch noch einmal nach Hause gefahren. Drei Stunden später die komplizierte Rückreise begonnen und 40 Stunden später wieder in Dublin ins Büro gelaufen.

12 Gedanken zu “40 Stunden

  1. Potztausend – so viele Leben in grad mal 40 Stunden und immer noch von einem anderen träumen
    (können). 🎩 🎈

  2. Ich habe ja keine Ahnung, wie der Tierarzt aussieht, trotzdem sah ich sein verdattertes und leicht erschrockenes Gesicht vor mir, als jene Frau ihn anblaffte. Der Arme, hoffentlich treiben sie ihm in Deutschland nicht seine Hilfsbereitschaft aus.

    • Wirklich der arme Tierarzt. Ich weiß auch nicht genau, wo oder wann den Frauen wie Männern in Deutschland ein Stück weit die Alltagsliebenswürdigekit abhanden gekommen ist.

  3. Der arme Tierarzt, da wollte er nur nett sein und helfen, und dann das. Das tut mir wirklich leid für ihn, die Wortwahl mag für manche Frauen nicht besonders glücklich gewählt klingen, aber deswegen muss man doch nicht gleich jemanden anblaffen… Ein einfach „Nein, geht schon“ hätte es doch auch getan.

  4. Ich frage mich immer wieder, wie Sie all das schaffen, logistisch und vermutlich in Lichtgeschwindigkeit jonglierend. Wie lange dauert es denn von der Berliner in die irische Heimat beispielsweise? Und wann essen Sie die Biokiste? Oder reisen Obst und Gemüse ständig mit? Welch ein Gegensatz, Ihre Geschichten lesen sich wie ein ruhiger Fluss, dahinter rast wohl eher der Hochgeschwindigkeitszug.
    Und ja, der arme Tierarzt. Dabei hat er bestimmt einen charmanten Akzent, dem jedes deutsche Fräulein das „Mädchen“ verzeihen sollte, oder?

  5. Bitte im Terminkalender vermerken: Nachtigallen vom 22. April bis maximal Ende Mai. Ich warte suche jedes Jahr sehnsüchtig auf diese Zeit. Aber es lohnt sich…!

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