Der Himmel ist eine gerade Linie

23.04 Uhr. Der Himmel ist ein gerade Linie. Der Himmel ist nicht mehr blau und auch nicht mehr schwarz. Der Himmel läuft langsam in die Nacht hinein. Vielleicht sitzt die Sonne noch immer an einem kleinen Sekretär. Mahagoni? Und schreibt an den Mond den immer fernen Geliebten und wer weiß, vielleicht hatte die Sonne genug von den ewigen Worten, stand auf und rannte zum Fenster herüber und dabei fiel ihr das Tintenfass um. Blauschwarz läuft der Himmel am Fenster herüber und vielleicht küsst der Mond die Sonne ja doch. Schwarz tropft der Himmel am Fenster herunter und vielleicht winkt die Sonne dem Mond mit einem kleinen weißen Taschentuch. Der Himmel versinkt und die Nacht sieht zu mir ins Fenster herein. St Sylvester, der Kirchturm ist nur noch ein ferner Schatten. Die Spitze des Turms ist schon in der Nacht verschwunden und es ist ja schon spät genug, selbst für einen alten, verwitterten Kirchturm in einem kleinen, nicht minder verwitterten Dorf. Der Himmel hat einen dunkelblauen Schatten unter dem Kinn. Im Haus des Priesters Licht aus, Licht an und ich weiß, dass der Priester sich jetzt die letzte Pfeife stopft und lange in die Nacht hineinsieht, mit der Pfeife aus braunem Holz. Kein Mahagoni. Den Priester aber, die braune Pfeife, den Knaster und das Streichholz kann ich nicht sehen und ob blauer Pfeifenrauch als sich kringelnde grau-blaue Wolke in die Nacht aufsteigt, ich weiß es nicht, denn das letzte Blau weicht vor der Nacht zurück. Der Priester raucht ganz ungesehen. Noch einmal Licht aus, Licht an. Bestimmt hat er das Streichholz vergessen. Dann liegt Haus und Kirchhof wieder im Dunkeln. Mehr Häuser gibt es hier nicht und so rauscht die alte Kastanie im Garten, so fährt ein Hauch unter den grünen Fliederbusch, so rauscht der Efeu leise und hinter dem Haus da liegt das Meer. Aber auch das Meer sehe ich nicht mehr, nur der Leuchtturm blinkt von fern, ein schwaches Licht, undeutlich schimmernd durch die Wogen der ewigen See fällt sein Schatten auch in den Garten bis zur Kastanie. Die Schafe auf der Weide, die steil abfällt zum Meer, schlafen wohl schon, denn nicht einmal das leiseste Blöken lässt sich vernehmen, hier im Zimmer mit den weit geöffneten Fenstern. Zwei Hunde bellen, natürlich der Hofhund der Frau des Krämers unten im Dorf und der kleine Spitz des altern Herrn G., der den Priester immer nur Monsignore nennt, aber nicht im Spott, sondern ganz ernst, so ernst wie er mit dem Spitz lange Gespräche führt und am Abend immer noch einmal mit ihm durchs Dorf geht, wahrscheinlich um die 11 Uhr Nachrichten gründlich zu analysieren. Jedes Dorf hat einen der wacht. Unser Hund aber schläft auf dem alten Teppich mit dem verschlungenen Muster aus Blüten und Ästen, nur manchmal seufzt der Hund im Traum und seine Pfote zuckt zwei oder dreimal, denn wer weiß schon, was einem Hund im Schlaf geschieht. Am Schrank hängt die Bluse, nachtschwarz auch sie, dabei ist sie im Tageslicht perlgrau. „Die Regenbluse“ sagt der Tierarzt und legt seinen Kopf in meine Schulterblätter, wann immer ich sie anziehe. Aber jetzt wird die Bluse dunkel und dunkler wie die Nacht und sieht nicht mehr wie Regen aus. „Morgen soll die Sonne scheinen“, sagt die Frau von Met Éireann, denn auch im Zimmer ist die Nachrichtensprecherin ans Ende der Nachrichten angekommen, aber die Regenbluse weiß nichts vom Wetter und leise klirrt der Bügel gegen den Schrank. Wind kommt auf. Eine leise Brise nur, auf dem Bücherregal eine Vase mit Rosen und im letzten Licht fallen zwei zarte, gelbe Blätter langsam herunter, schaukeln im Wind und sind schon verschwunden, denn die knarrenden Dielen sind selbst schon so dunkel wie die Nacht vor dem Fenster. In meinen Händen liegt noch immer das Buch, aufgeklappt auf der Decke, aber ich bin zu müde für die Geschichte und auch das Buch ist ja schon in der dunklen Nacht verschwunden wie die Welt vor dem Fenster. Durch den Türspalt fällt Licht herein, dann knarrt die Tür und der Tierarzt läuft leise, die Dielen drei und fünf auslassend zu mir herüber. Sehen kann ich nur seine Nasenspitze. „Schläfst Du schon Mädchen?“ Ich schüttele den Kopf und dann liegt sein Kopf neben Meinem. „Ist das die Regenbluse?“ fragt er und ich nicke, dann liegt auch seine Hand auf meinen Rippen und wir sehen hinaus aus dem Fenster in die dunkle Nacht. 23.04 Uhr sagt die Nachrichtensprecherin und dann liest jemand im Radio eine Geschichte vor. Ich schließe die Augen und der Tierarzt atmet in mein Haar. Der Himmel ist ein senkrechter, schwarzer Strich.

5 Gedanken zu “Der Himmel ist eine gerade Linie

  1. Pingback: Sommernachtstext – sturmpost

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