Franz Kafka. Der ganze Prozess.

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Am späten Vormittag gehe ich die Stufen hinauf. Martin-Gropius Bau, einen Steinwurf entfernt vom Potsdamer Platz und im Treppenaufgang hängt ein Plakat: Kafka. Der ganze Prozess. Der Martin Gropius Bau ist wie alles in Berlin ironisch gebrochen, denn man soll ja merken, dass man hier in Berlin ist und in Berlin ist immer alles ironisch gebrochen und deswegen gibt es immer irgendwo Neonröhren und Sinnsprüche, die immer einen doppelten Boden haben sollen und natürlich auch ironisch sind. Die Deutschen haben ein Bewusstsein und es ist ein historisches Bewusstsein und immer auch ironisch. Deswegen erklären die Deutschen mir immer, dass Auschwitz wirklich schlimm gewesen sei und dann erklären die Deutschen mir, was an Israels Politik alles falsch ist. Das ist der einzige Moment, wenn die Deutschen nicht mehr ironisch sind, sondern sehr ernst und ich als Jude bin ja sowieso insbesondere in Berlin-Mitte ein ewiger Vorwurf. So ist das nämlich und immer flackern die Installationen ein bisschen nervös. So viele Juden kommen aber gar nicht mehr nach Berlin-Mitte und wenn dann eher selten in den Gropius-Bau, aber man weiß ja nie und besser die Ironie ist schon einmal da. Ironie auf Rezept sozusagen und dann stehe ich in einem dunklen Raum und der Raum hat 18 Grad, das sagt das Schild, denn hier wird Papier konserviert und dann steht man einfach so vor den Manuskriptseiten und es ist Franz Kafka, der da vor einem liegt, Franz Kafkas Prozess, lauter eng beschriebene Seiten, gelblich schon ist das Papier. Allein bin ich nicht. Eine Schulklasse ist mit mir im Raum und die Schulklasse findet das alles sehr öde. Warum sollen sie hier stehen in einem dunklen Raum voller Papier. Die Lehrerin macht immer psst und pscht. Und dann: „Ruhe jetzt“ und „Benehmt euch“ und das alles ist gar nicht ironisch und die Lehrerin ist nervös, denn so viel Papier und noch dazu eng beschrieben, ist doch eine Zumutung und museumspädagogisch aufbereitet ist das alles auch nicht. Da sind einfach Vitrinen und dann ist da dieser Text. „Scheiße“ ruft ein Schüler und sein Käppi fällt runter und das ist auch blöd und die Schrift kann keine Sau lesen und die Lehrerin will doch endlich, dass Ruhe ist und im Nebenraum läuft ein Film. Der heißt auch „Der Prozess“, aber der Film ist in schwarz-weiß und niemand auch die Lehrerin nicht, kennt Orson Wells und die Schüler kennen Jeanne Moreau nicht und der Film ist auf Englisch und die deutschen Untertitel sind nicht ganz synchron und der Film ist überhaupt unverständlich und auch blöd und die Lehrerin rennt zwischen den Vitrinen und dem Filmvorführraum hin-und her und schreit: „Aber Schluss jetzt“ und „Ruhe“ und „pscht.“ Ich stehe noch immer vor der ersten Vitrine und der Junge mit dem Käppi, sagt: „Ey voll die Scheiße, ey“und „die Kack Schrift“ und dann stehe ich da und sehe auf die Buchstaben und dann lese ich einfach vor, diesen Satz, den ich schon so oft gelesen habe, aber noch nie von diesem Blatt Papier, da vor mir in der Vitrine. „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. Der Junge mit dem Käppi starrt mich an und ich lese einfach weiter, denn da liegt ja jener Text, dieser Text, den ich nie vergessen kann, dieser Text dem ich nicht ausweichen kann und der für mich niemals Ironie war und ich lese: Die Köchin der Frau Grubach seiner Zimmervermieterin, die ihm jeden Tag gegen acht Uhr früh das Frühstück brachte, kam diesmal nicht. Der Junge mit dem Käppi ruft: „Ey Serkan, Aylin, Timo, ey Leute kommt ma rüber, die kann das echt lesen“- und die Schulkollegen kommen und wir stehen vor den Vitrinen und ich lese von K. der nicht weiß wie ihm geschieht an diesem Morgen und die alte Nachbarin vom Fenster gegenüber und dann sind die Fremden in der Wohnung und Josef K. weiß nicht wie ihm geschieht und schon ist die erste Seite gelesen und fast synchron rücken wir weiter, denn das Mädchen neben mir, sagt: „voll krass, das alles.“ Und hat sie nicht Recht, denn Josef K. wird ja wirklich verhaftet an diesem Morgen und dann sucht K. seine Legitimationspapiere und findet in der Eile nur seine Radfahrlegitimation und ich überlege ob ich den Mädchen und Jungen neben mir wohl erklären muss, was Legitimationspapiere eigentlich sind, aber die Schüler sind ganz still und dann sagt der Junge mit dem Käppi: „Mein Freund hier hat auch keinen Pass.“ Der Freund auf den das zutrifft, ist ein blasser, dünner Junge und starrt auf das Papier in der Vitrine. Und nichts ist ironisch und gar nichts ist gut, hier in Berlin, 2017 und da hier vor uns ist Franz Kafka und das ist der ganze Prozess und Kafka, nein, den muss man nicht erklären, der ist immer völlig klar. Josef K. kann nicht beweisen, dass er unschuldig ist und die Schüler drängen mich weiter, ich soll weiterlesen, denn jetzt nämlich gehört ihnen diese Geschichte, diese Blätter da gelb und eng beschrieben in der Vitrine und ich lese vor und lese immer weiter und einmal wandern wir gemeinsam um die Vitrinen herum und die Schüler sind atemlos, weil die Geschichte einen aus den Fugen hebt, das ist Kafka, dieser Franz Kafka, der Jude Kafka, dem es immer ernst war und dann sind wir angekommen am Ende, an dem die Geschichte abbricht: „Wie ein Hund!“ sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.“ Die Schüler klatschen, aber nicht für mich, sondern für Franz Kafka, der ja da vor uns liegt und schrieb, wer hat denn je so um sein Leben geschrieben wie Franz Kafka? Und die Schüler applaudieren jenem Franz Kafka und die Lehrerin kommt und die Lehrerin ruft: Psst! Und „Ruhe jetzt“ und der Schüler mit dem Käppi sagt: „Die Frau kann das alles lesen.“ Die Lehrerin sieht mich an und will sich entschuldigen, dabei weiß ich nicht einmal wofür, denn Texte sind ja dazu da, dass man sie liest, wozu denn sonst und die Schüler reden ja schon über diesen Text den sie eben nur nicht lesen konnten. „Ihr sei Kafka immer zu ironisch gewesen, sagt sie und dann sagt sie: eben kafkaesk. „Gerade nicht, sage ich“ und sie sieht mich erstaunt an.

Der Junge mit dem Käppi schwenkt sein Telefon und hat den Prozess heruntergeladen und dann kommt er zu mir und sagt: „Das ist mein erstes eigenes Buch.“ Ich gratuliere und versichere ihm, dem strahlenden, jungen Mann, dass es kein besseres, erstes Buch gäbe, als den Prozess und dass ich mir vorstellen könnte, dass ihm auch das Schloß gefiele und er lächelt und fängt an zu lesen.

Ich lächle mit und noch einmal stehe ich vor der Vitrine und sehe mich, ein bisschen jünger war ich, als die Schüler, da schickte mir meine Großmutter ein Buch ins Land A., „Franz Kafka, Der Prozess“ und alles veränderte sich und ich war eine Andere geworden.

Alle Zitate aus: Franz Kafka, Der Proceß, Frankfurt am Main 2002, S.7 und S. 312.

53 Gedanken zu “Franz Kafka. Der ganze Prozess.

  1. Ach, dass diese Blätter einfach so dort liegen, das kann ich kaum fassen, kaum begreifen.
    Aber ich genieße den Gedanken, auch wenn ich sie selbst leider nicht sehen kann

    • Ich glaube, dass die Lehrerausbildung heute ganz andere Schwerpunkte hat, als die klassische Moderne zu vermitteln. Das ist schade, aber wohl nicht zu ändern….

  2. Sie sind einfach wunderbar! Und bestimmt war es auch wunderbar, einmal direkt aus dem Manuskript lesen zu können und dann noch vorlesen, jungen Menschen, die Kafka noch nicht kennen, aber doch gleich gebannt waren … Herzliche Grüße
    Petra

    • Ach, was ich bin ein so kleines Licht. Aber dieser Text, dieser ganze Text, man muss einfach lesen und dann kann man nicht mehr aufhören. ich weiß nicht warum das Vorlesen so aus der Mode gekommen ist.

      • Was? Wer behauptet denn, dass Vorlesen aus der Mode gekommen ist? Zum Glück deckt sich das nicht mit den Beobachtungen in meinem kleineren und größeren Umfeld.

  3. Ich würd Sie gerne einfach dafür herzen.
    Für alles, für’s Vorlesen, für Kafka, für das warme Gefühl beim Lesen, dafür, den Jugendlichen eine Welt zu eröffnen, für die Ermunterung und Begeisterung, für’s Beglückwünschen.
    Darf ich?
    Vielen Dank!

  4. Es gibt nicht „die Juden“, ebensowenig wie es „die Muslime“ oder „die Katholiken“ oder sonst irgendwelche „die …“ gibt. Ob man die Politik der jeweiligen Länder gutfindet, ist eine andere Sache. Und jeder sollte wissen, dass viele „von denen“ auch nicht alles gut finden, was ihre Politiker oder „Religionsfürsten“ machen.

    • Sie haben natürlich Recht, aber was in der Theorie so gut klingt, ist in der Praxis oft ganz anders. Der beständige Rechtfertigungsdruck ist ermüdend.

  5. Wie ich Ihre Geschichten liebe! Und es ist schrecklich, schön das die Jugendlichen ausgerechnet Kafka als erstes Vorlese-Erlebnis hatten. Hoffentlich hat die Lehrerin in diesem Museum was von Ihnen gelernt.

    • Das habe ich mich auch gefragt: Warum ging die Lehrerin überhaupt mit der Klasse in die Ausstellung, ohne vorher über Autor und Text gesprochen zu haben? Oder das Reclam-Heft einzustecken? Im Studium müsste sie doch alten Schriften begegnet sein, aber selbst wenn … Kann es sein, dass viele gar nicht auf die Idee kämen, den Text einfach laut zu lesen, weil sie sich nicht trauen? Erschrocken über so viel Kühnheit, dabei wollen die Buchstaben und Wörter doch nur das eine, dass ein Fräulein kommt und liest.

  6. Warum wird in diesem Blog über andere Menschen am liebsten schlecht oder in Schubladen geschrieben?? Echt merkwürdig auch, weil hier das Ich doch so groß geschrieben wird. Eiskalter Hohn und tantenhafte Mitleidlosigkeit als menschliche Qualität? Macht mich echt traurig und lese ich auch nciht gerne…

    • Nachdem ich dies las, verehrtes Fräulein Read On, habe ich Ihnen in Gedanken einen Blumenstrauß gebunden mit einigen Sonnenblumen und etwas Rittersporn darin, denn über ein – ich kann es nicht anders nennen als wahnwitziges – „tantenhaft“ sollte man sich weniger wundern, wenn einen zugleich aus anderer Richtung ein besonders schöner Blumengruß erreicht …

    • Es müsste mehr Menschen geben, die den Mut haben, das zu tun, was das Fräulein Read On tut und auch noch darüber zu schreiben. Das würde vielleicht weitere Menschen dazu animieren, selbst aktiv zu werden – und die Welt wäre eine bessere.
      Fräulein Frida, mich macht auch vieles traurig, was ich hier lese, aber aus anderen Gründen als die, die sie traurig machen. Wenn sie denn nicht auf Ihre Art traurig sein wollen und eh nicht so gern lesen, was Fräulein Read On schreib, dann kann ich nur raten, doch lieber woanders zu lesen.

    • Sie haben alles Recht der Welt mich unmöglich und meine Texte besonders schrecklich zu finden, nur warum Sie dann hier lesen, weiß ich nicht. Das Internet ist doch groß genug, dass Sie sich über mich nicht ärgern müssen.

  7. Ich versuche mich gerade hineinzudenken in die Weltsicht eines Menschen, der in Kafkas Texten Anzeichen von Ironie zu entdecken in der Lage ist – aber das übersteigt die Grenzen meiner Vorstellungskraft. Eine so tiefe und rätselhafte Ernsthaftigkeit, wie bei Kafka, findet sich sonst nur in mythologischen Texten.

    • Es ist diese Wahrhaftigkeit und der äußerste Ernst. Ich habe ihn nie ironisch lesen können. Aber ich glaube und ich bedauere das, man spricht über Kafka leider allzu oft in Floskeln. Ironie ist Eine und kafkaesk die Andere, ich glaube das endskandalisiert diese erregenden Texte.

  8. Kafka möchte Dir ganz leise einen Kuss auf die Wange drücken.
    Denn Du hast eine Liebe geweckt.
    Jugendliche wissen genau, wie es ist, einem Tribunal ausgesetzt zu sein, ohne zu wissen warum.
    Hätte doch die Lehrerin dieses gefühlt, dann, ja dann…..
    Nur gut, dass die Kinder nicht wissen, was Ironie ist.
    Und dass sie kalt und herzlos macht.

    • Oh, das wäre schön!

      Ich glaube Jugendliche haben in dem Alter ein besonders ausgeprägtes Gespür für Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit haben und dieser Text

      Ich glaube diese und andere Lehrer fürchten sich vor dem Text und davor, dass es keine Ablenkung davon gibt. Ich bin da nicht urteilsberechtigt, nur ich glaube man braucht mehr Text und weniger Didaktik über den Text. Aber da bist Du Expertin, und ich mag mich irren.

      Diese Kinder haben ja übervolle Herzen, nur keine Sprache dafür und dafür gibt es Kafka.

      • Oh, das haben sie. Sie sind ja noch nichts und wissen nicht viel. Das macht man ihnen jeden Tag klar.

        Bin ja Naturwissenschaftlerin mit einer heißen Liebe zur Literatur. Wir haben Kafka gelesen in der Obertstufe und ich weiß noch genau, wie unmittelbar er mich getroffen hat.
        Manchmal rede ich mit den Schülern über das, was sie in Deutsch gerade lesen. Ich glaube, die Herangehensweise, die gerade Mode ist, ist nichts für Jugendliche. Nur Analyse und wenig Ursprungstext macht die Freude kaputt, da hast Du recht. Dass Bücher mit brennender Seele geschrieben werden, hat man vergessen.

    • Ich möchte ihnen aus tiefsten Herzen widersprechen. Ironie macht nicht kalt und herzlos.

      Sie verwechseln das mit Sarkasmus. Ironie ist, wenn Leichtigkeit, Freude und Witz involviert sind. Entfernt man diese, bleibt nur Sarkasmus übrig. Ich weiß das genau, weil mich die Welt immer wieder verzweifeln lasst uns mit dann nur noch Zynismus, Spott und Sarkasmus bleiben um nicht daran zu Grunde zu gehen.

      Ich bewundere das Fräulein Read on für ihre Fähigkeit trotz all des Schmerzes den sie spürt immer wieder einen Pfad zum Licht zu finden und nicht in Zynismus, Sarkasmus und einfach Wut abzugleiten.

      • Nun, wenn Ironie witzig ist, dann macht sie etwas leicht und zeigt Abstand zu einer Sache. Und für Ironie muss man klug sein. Wenn aber Ironie kein Stilmittel mehr ist sondern spöttisch daher kommt, dann finde ich schon, dass sie verächtlich gemeint ist. Und somit dazu führt, dass das Mitgefühl nachlässt. Aber vermutlich ist es dann schon Sarkasmus, da haben Sie recht.

  9. Ich war ja nicht dabei, aber: „Kafkas Freund Max Brod berichtet, wie dieser beim Vorlesen des ersten Kapitels des Romans „Der Prozess“ so schallend gelacht hat, dass er die Lesung immer wieder unterbrechen musste. Das Fatale an Kafkas visionären Karikaturen der frühmodernen Gegenwart war ihre Präzision: die Unbestechlichkeit der Beobachtung und die Originalität und Wucht der Übertreibungen.

    Die Sprache tat das ihre dazu: Die „knappe, kühle, unbeteiligte, wortarme, logisch konstruierte Sprache“ (Wagenbach) machte den Humor wüstentrocken. Wenn Kafka in seinen Tagebüchern 1913 sieben Gründe aufstellt, die für und gegen Heirat sprechen, artikuliert sich auch eine milde Selbstironie.“

    Siehe https://www.welt.de/kultur/article2167160/Ueber-Franz-Kafka-darf-jetzt-gelacht-werden.html

    • Ich glaube mit Max Brod war alles viel lustiger und sicher auch Kafka, aber es gibt die Welt von Max Brod und Franz Kafka nicht mehr und das Lachen bleibt einem im Halse stecken. ( Jedenfalls mir )

      Danke Ihnen sehr für diese Erinnerung und den schönen Artikel. Vielen Dank.

  10. Eigentlich eine schöne Geschichte, aber…. mir gefällt es nicht, wie die Lehrerin beurteilt wird. Klar, Gegensätze machen die eigene Position deutlicher, es gibt eine hysterische, dumme Lehrerin, die weder Orson Wells kennt, noch in der Lage ist, ihre Klasse vernünftig auf so eine Museumsbesuch vorzubereiten, die alle Chancen, die so ein Museumsbesuch bietet einfach verpasst und ein Fräulein, das die Kraft des Textes erfasst und alleine damit unwillige Schüler fesselt.
    Gehen wir mal davon aus, dass die Lehrerin studiert hat, sonst wäre sie nicht Lehrerin. Da bekommt man zwangsweise so manche Fakten mit. Und sie ist mit ihrer Klasse in dieser Ausstellung. Das muss sie nicht. Sie hätte auch im gemütlichen Klassenzimmer bleiben können, den Schülern Fragen zum Text stellen können, einen Film zeigen können oder mit ihnen in den Park gehen können. Statt dessen macht sie sich mit der Klasse auf den Weg zum Originaltext. Ganz so frei von jeder Ahnung scheint sie nicht zu sein, auch wenn in ihrem Verhalten im Museum sicher noch Luft nach oben zu sein scheint.
    Aber wer Deutsch studiert hat, sollte die Kraft von Texten kennen, auch und gerade bei Schülern, denen diese und andere Texte eher nicht im Alltag begegnen, das gehört zur Ausbildung und beschert im Schulalltag die besten und nachhaltigsten Erlebnisse, für Schüler UND für Lehrer. Und, ich wiederhole mich, ich weiß, die Lehrerin war mit ihren Schülern in dieser Ausstellung.

  11. Das ist interessant wie Sie die Lehrerin in dieser Geschichte lesen, denn ich beurteile die Dame überhaupt nicht, ich kam nur in den Raum und so stellte sich mir die Schulklasse vor. Ich bilde mir auch nicht die Rolle ein, die Sie mir da zu schreiben. Das Superfräulein liest eben vor. Ich gebe hier nur meiner Verwunderung darüber Ausdruck, dass man offensichtlich nicht auf die Idee kommt den Text zu lesen, und das scheint mir ein grundsätzliches Problem zu sein. Lehrer fühlen sich offenbar immer mit der Erwartung konfrontiert den Schülern etwas pädagogisch aufkochen zu müssen, dabei ist der Text schon da und bei Kafka ist das nun einmal so, der Text nimmt jeden mit. Mir steht es fern zu beurteilen, wie Lehrer ihren Unterricht planen und gestalten und wenn Lehrer sich vor Texten fürchten, weiß ich nicht warum ich mich dafür entschuldigen soll, dass ich Texte lese und manchmal, wenn es sich ergibt diese auch vorzulesen.

  12. Sie sollen sich doch gar nicht entschuldigen und natürlich ist das Vorlesen bzw. Lesen ein wunderbarer und eigentlich der erste Zugang zu JEDEM Text.
    Ich weiß nur nicht, woraus Sie schließen, dass „Lehrer sich vor Texten fürchten“. Das habe ich auch schon aus dem obigen Text herausgelesen, samt der Vermutung, dass die Lehrerin Orson Wells nicht kennt.
    Ich hatte das überaus große Glück Teile meines Studiums im „Deutschen Literatur Archiv“ in Marbach absolvieren zu dürfen und zwar nicht nur literaturwissenschaftlich, sondern auch literaturdidaktisch. Und dort begegnet man Texten, wirklich und ganz intensiv. Und das ermöglicht man auch Schülern, ALLEN Schülern vom Hauptschüler bis zum Gymnasiasten und nimmt es (auch ohne die gigantischen Möglichkeiten des Literaturarchivs) mit in den Unterricht. Ich möchte mich zu der Aussage versteigen, dass so jeder Schüler Zugang zu Texten gewinnt, auch durch Lehrer, auch durch Deutschunterricht.
    Wobei ich natürlich nicht leugnen will, dass es auch fürchterlichen Deutschunterricht gibt, derSchüler abschreckt, vom Lesen, von Texten. Aber diese Lehrerin hat sich zumindest auf den Weg gemacht zum Text.

  13. Womöglich fand die Lehrerin einfach die Idee gut, zum Schuljahresabschluss mit ihrer Klasse eine Ausstellung zu besuchen und vermutlich hatte sie im Schuljahresendstress einfach keine Zeit mehr, das Ganze vorzubereiten. Umso schöner, liebes Fräulein Read on, dass Sie vor Ort waren und Ihre eigene Begeisterung an die Jugendlichen weiter gegeben haben! Ich danke Ihnen für Ihre wunderbaren Texte und Ihre Art zu sein!!

  14. Nun werde ich nochmal „Den Prozess“ lesen! Vor ca 56 Jahren lasen wir ihn in der Schule. Nur noch sehr fage kann ich mich erinnern, Jedoch diskutierten wir sehr über das Buch in der Klassen. Ich hatte das große Glück, die letzten 3 Jahre meiner Schulzeit Superlehrer zu haben, die meine Lesefreude und Interesse an der Kunst förderten! Sehr gerne lese ich Ihre Texte, Freulein Read on. Sie geben mir manchen Gedankenanstoß.

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  16. Was für eine wunderbare Geschichte. Herzlichen Dank dafür. Jetzt habe ich natürlich Lust, den Prozess noch mal zu lesen. Auch dafür Danke! Ich habe in der King’s Library in London vor vielen Jahren mal Stunden in der Abteilung mit den Originalmanuskripten (Mozart, Joyce, Th. Mann uvm.) verbracht und weiß, wie wunderschön es sich anfüllt, die Originale sehen und lesen zu können. Vielleicht schaffe ich es ja auch noch nach Berlin…

  17. Pingback: Beifang – mittenmank

  18. Also Superfräulein hat was. Ich denke an einen Ihrer Einträge als sie vor einem Feiertag noch schnell 77 Gerichte zubereiten mussten. Da war auch das Superfräulein in Aktion.

    Vor einigen Wochen kam ein Bericht über die Ausstellung im Fernsehen und ich muss zugeben, dass mich Kafka nie so begeistert hat, dass ich nachvollziehen konnte warum es wichtig war das Originalmanuskript zu kaufen und auszustellen. Aber ich habe bereits damals an Sie gedacht und konnte mir bildhaft vorstellen wie Sie wahrscheinlich die Hände über den Kopf zusammen schlagen wie man so etwas nur denken kann. Umso schöner wenn Sie jetzt auch noch aufzeigen warum die Ausstellung so wichtig ist.

    Wahrscheinlich muss ich Kafka noch eine Chance geben.

  19. Wie schön, wie bewundernswert, dass Sie in diesem Moment den Wumms in sich gefunden zu haben, den Jugendlichen (und vielleicht einem Widerstand in sich selbst?) zu begegnen…

    Oh, Fräulein Read On.
    Da wollte ich Ihnen schon länger einmal schreiben – und Ihnen sagen, wie viel Ihr Blog (so etwas kleines, eigentlich, so ein Blog eben) mit mir macht und wie gern ich davon lese, wie die Welt für Sie aussieht.

    Vielleicht sage ich ja jetzt ja öfter Guten Tag.

  20. Moment, ich glaube jetzt ist auch der Gedanke durch, der mich so bewegt hat.
    Vorlesen! Wie einfach ein Vermittlungsprozess sein kann. Und doch gar nicht einfach, weil es kein Schummeln gibt. Um’s Sich-Zeigen kommt man wohl nicht herum. Verständlich, dass die Lehrerin davor ein bisschen Angst hat. Schade, dass sie den Weg heraus noch nicht gefunden hat. Gut, dass das Fräulein da war.

  21. Des Deutschen Ironie – ein Panzer gegen die unerträgliche Realität, gegen die unbequeme Vergangenheit und gegen die Scham vor den eigenen Gefühlen. Wenn er diese Zwangs-Ironie manchmal ablegen würde und einfache nur wäre ohne etwas Bestimmtes sein zu wollen! Und Kafka, ja Kafka – ich habe vor Kurzem die gesammelten Werke gekauft. Nun stehen sie da im Regal und sehen mich jeden Tag ironisch an als wollten Sie sagen: „Na, traust dich immer noch nicht?“

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