Die schlimmste Zeit des Jahres.

Bekanntlich lebt das Fräulein Read On ja ein betulich-beschauliches Leben, und noch dazu ein beschaulich-betuchliches, ökologisch und kompostierbares Leben dazu. Wie der geneigte Leser längst weiß, bekommt das Fräulein eine Biokiste frei haus geliefert und was nicht in der Biokiste ist, holt das Fräulein bei Herrn Yilmaz ( der im Moment Rücken hat ) auf dem Wochenmarkt ein. Was sie nicht auf dem Wochenmarkt einholt, das wächst im Garten und wie jedes Jahr seufzt das Fräulein über die ungeheure Menge an Fisolen, die Eimer an Johannisbeeren und Schüsseln voll Himbeeren. So lebt das Fräulein so vor sich hin.

Nur selten und höchst widerwillig sucht selbiges Fräulein einen Supermarkt auf, tut sie es doch, so verläuft sich das Fräulein und stellt verwundert fest, dass es tatsächlich Menschen gibt, die vorgeschälte Kartoffeln aus dem Glas kaufen und gehobelte Gurken aus der Plastikbox. Das betuchlich-beschauliche Fräulein aber brauchte Filtertüten, denn selbiges Fräulein besitzt als letzter Mensch auf Erden keine: RUCK-ZUCK-HAU DRUFF-KAPSEL-REIN- MOCCACHINO-RAUS-MASCHINE, sondern eine kleine röhrend, fauchende und spuckende Maschine, die sie von ihrer Großmutter übernahm und die der Kaffeeboy heißt. Das Fräulein lässt sich nichts kommen auf diesen vortrefflichen Hausboy. Wie so oft schweift es aber ab, denn es wollte eigentlich erzählen, dass es vor dem meterlangen Regal mit Kaffeekapseln stand, in dem sich laut Angabe der Verkäuferin auch die Filtertüten versteckt hielten befanden. Neben dem Fräulein standen zwei Damen und ratschten.

Dame A: Ach, Tilli, es ist wieder soweit. Die schlimmste Zeit des Jahres ist angebrochen.

Dame: B: Ach, Lilli, Du sagst es. Das sagt einem ja keiner, weder im Kindergarten noch in der Sprechstunde der Schule, noch im Elternbeirat. Da lächeln immer nur alle und zucken mit den Schultern: „Hauptsache Spaß macht die Schule.“
Dabei ist es das Schlimmste. Schlimmer noch als die schlaflosen Nächte wenn Sie zahnen. Viel Schlimmer. Gar kein Vergleich. Die Zeit der großen Qualen.

Dame A: Die Zeit der größten Kümmernisse.

Dame B: Die Zeit der Sorgen.

Dame A ( fasst sich in das Haar): Die Zeit der ewigen Pein.

Dame B: ( Hände hoch erhoben ) : Fegefeuer!

Dame A: Die Hölle.

Dame B: Am 20. Juli erst haben wir Gewissheit.

Dame A: Eine Ewigkeit.
 
Dame B: Weißt Tilli man reflektiert halt auch noch einmal alles. Haben wir wirkliches alles gegeben beim Referat über die Delfine. Hätt da nicht doch noch ein Video mit dem Delfinguru aus Teneriffa was reißen können?

Dame A: Die Biologielehrerin ist aber auch eine Schnake.

Dame B: Ja, Sowieso.

Dame A: Mir geht es ja ähnlich. Weißt den anderen Tag habe ich mich ertappt, wie ich einen Fehler in der Hausaufgabe übersehen hab. Aufgefahrn bin ich mitten in der Nacht und zu Burlis Ranzen gerannt und hab die Hefte gesucht. Richtig Herzrasen hatte ich. Dann hab Ich die verteufelte Gleichung noch einmal neu gemacht und weil ich eh dabei war, die Matheprobe noch einmal neu ins Heft übertragen. Weißt der Burli schmiert immer so in seinen Heften. Dabei sag ich ihm schon seit er ein Taferlklasserl war: „Für den ersten Eindruck, gibt es keine zweite Chance.“ Aber weißt ja wie die Buben sind, sie hören halt net und schmieren die Hefte voll. Dabei kann des entscheidend sein für einen Zweier oder Dreier ob die Probe anständig daherkommt.

Dame B: Der Matheprofessor ist sowieso ein ganz arger Hund. In der Sprechstund hat der mich angefahren wie weiß was. Dabei hab ich ihm nur gesagt, dass wir die Aufgabe einfach nicht verstanden haben. Da muss es halt an seinen Erklärungen hapern. Da hat der doch gesagt, dass er sich wundert, was mich die Matheprobe vom Burli angeht. Na wir kümmern uns halt, hab ich dem gesagt. Da darf man net einknicken.Aber Lehrer null kritikfähig, dabei selbst immer den Rotstift in der Hand. Des deprimiert die Kinder ja auch.

Dame B: So recht hast Du. Keinen Zentimeter darf man weichen, weißt wenn man es erst nachgibt, dann kommt der Burli überhaupt nimmer mehr auf einen grünen Zweig. Das hab ich der Turnfrau nie verzeihen, dass sie dem Mädi einen Vierer reingedrückt hat. Stundenlang haben wir im Garten hangeln geübt.
Weißt sie kann halt unter Stress nicht gleich auf Anhieb performen. Da bin ich zur der Turnfrau hingekrochen. Auf allen Vieren! Gefleht habe ich, auf Knien um sie vor dem Vierer zu bewahren. Aber nein, natürlich drückt sie uns einen Vierer rein. Aber des wird dieses Jahr net passieren. Der Matthias hat am Anfang des Schuljahres Bälle und eine neue Tischtennisplatte gestiftet. Kann er ja alles absetzen von der Steuer. Das gibt mindestens einen Zweier.

Dame A: schaut neidisch und grimmig.

Dame A: Mir graut schon vor dem nächsten Schuljahr, sag ich dir.
Da bekommt der Burli Chemie und Physik obendrauf. Da muss ich mich erst einmal einlesen über den Sommer. Man ist ja doch raus. Ich hab mir einen ganzen Stapel Bücher angelegt.

Dame B: Du, Lilli, da gibst was ganz Fesches mit Video, da verstehst Dinge, die hast nie begriffen, nicht einmal wie wir in der Schule waren, hab Ich des verstanden und jetzt mit die Videos, weißt alles ist ja im Internet heutzutage, da machen die des Schritt für Schritt und du hast richtig eine Erleuchtung, eine richtige Erleuchtung haste da. Alles ganz easy und Schritt für Schritt. Easy, sag ich dir. Ich text dir die Seite, da kannst Dir ein Paket zusammen stellen. Englisch und Physik und überhaupt alles. Ganz easy, sag ich dir.

Dame A: Ach, Tilli, wenn du mir das schicken tätst. Du glaubst net, wie ich mich fürchte vor der Physik.

Dame B: Weißt mit der Englisch-Note mache ich mir halt auch Gedanken. Das ist ja auch eine so Großkopferte, die dem Burli immer sein ‚th’ madig macht. Dabei sagt der Burli, dass er halt nur Amerikanisches Englisch kann, wegen des Rap, weißt. Er hört ja den ganzen Tag nix anderes wie den Rap. Ganz nervös macht mich der Rap, aber weißt, ich denk schon, dass der Rap gut ist für den Spracherwerb. Die Englisch- Großkopferte hat in der Sprechstunde jedenfalls nur gelacht, als ich ihr das erklärt hab mit dem Burli, dem Rap und dem th. Hat die nur gelacht. Man fasst das nicht. Jedenfalls haben wir geübt wie die Blöden und des Nachts ertapp ich mich, wie ich englische Vokabeln vor mir her sag. Hoffentlich haben wir in Englisch mindestens einen Dreier.

Dame A: Ach, es ist grässlich. Das Warten. Der Burli erzählt ja auch nix. Keinen blassen Schimmer hab ich was wir für ein Zeugnis kriegen.

Dame B: Ach, es ist die schlimmste Zeit. Das Mädi heult schon,wenn das Wort nur Zeugnis nur fällt. Der Bub sagt auch nix, weißt ja eh wie die Buben sind.

Dame A: Hoffentlich setzt es keinen Fünfer.

Dame B: Hoffentlich setzt es nur einen Fünfer.

( Beide Damen seufzen schwer.)

 

Das Fräulein Read On aber entfernt sich eilig, denn es ist wohl ungehörig als beschaulich-betuchliches, ökologisches Fräulein ohne Kinder den Zeugnissorgen der Wir-Mütter noch länger zu lauschen und außerdem hat das Fräulein endlich die Filtertüten erspäht.

32 Gedanken zu “Die schlimmste Zeit des Jahres.

  1. Read On, Sie müssen definitiv öfter im Supermarkt einkaufen gehen! Ich ruf dann mal bei Brodowin an und lasse Ihren Gemüsekorb stornieren. Ihre Bestellung läuft doch bestimmt unter dem Namen Read On … ?

  2. Es war wohl für beide Damen ein glücklicher Umstand, dass Sie Ihren Hausboy ausstatten mussten, denn wenn ich da zwischen den Regalen meine Spaghetti eingesammelt hätte, wäre mindestens ein sattes Knurren am Kaffee entlang gegrollt. Die Schule gehört den Kindern. Das ist ihre Welt. Es macht mich ja ganz fuchsig, wenn Eltern nicht lassen können alles besser zu wissen und sich für nichts als halbjährliche Zahlen zwecks Angeberei und Leistungshascherei interessieren. Als ob ihnen jemand persönlich etwas böses wollte…Ein Glück, dass Sie so geduldig sind!

  3. Ob das was bringt? Unsere 3 Ableger gingen Notenmässig problemlos durch die ersten 6 Schuljahre und die 6 danach im Gymnasium, hatten nur Hicks wegen den Pubertätsspinnereien bei den Jungs und bei der Tochter, wegen sehr jung zu Beginn.
    Alle Kollegen Kinder, wo die Eltern die ersten 6 Jahren schon immer zogen und förderten, verweigerten in der Pubertät den Druck völlig und flogen vom Gymnasium.
    Anregung, sich kümmern sollte man ab der Geburt machen, statt sie nur ruhig zu stellen, dann geht es später wie von alleine. Das war unser Rezept.

  4. Sind das Wiener Mütter in Berlin? Ich komm ganz drauß.
    In den Sprechstunden merkt man schon, dass die Eltern manchmal die Noten sehr persönlich nehmen.
    Und man weiß auch warum.
    Ich hab der Nichte aber auch schon eine Präsentation gemacht. 13 Punkte 🙂
    Vielleicht gab es zwei Punkte Abzug, weil die Tante Lehrerin ist. Wer weiß.

    • Nein, ich finde nur die Mütter haben ein Recht unerkannt zu bleiben und so klingen die Mütter so wie ich rede. 🙂 Deine Perspektive ist natürlich spannend und viel präziser.Die Nichte hat wie wir alle ein Riesenglück, dass es Dich gibt.

  5. Herrlich des Fräuleins Ausführungen! Oder war das ein iphone-Mitschnitt? Ich sehe sie heimlich den Knopf drücken!😉

  6. Wundervoll: WIR haben die Aufgabe nicht verstanden 8)! Obwohl meine Kinder ihre Schulzeit schon lange hinter sich haben, erinnert mich das sehr an die Gespräche anderer Mütter – ganz besonders an jene welche, die beim Klassentermin in der 12. der täglichen Ranzenkontrolle ein Loblied sang!
    Danke, liebes Fräulein!

      • Ja, die Ranzenkontrolle, die war und ist ein echter Knaller.

        Für unsere Kinder kam es nie in Frage, uns um Hilfe anzugehen, war bei mir in der Schulzeit auch eine Selbstverständlichkeit und gehörte für sie und uns unbedingt mit zum Erwachsenwerden dazu. Eigenverantwortung ist so wichtig für das ganze Leben.
        Übrigens: Der Putzdame geht es gut, ihr Taschentücherapell hat gefruchtet :).

      • Da fällt mir eine Anekdote zu ein, die meine Mutter immer erzählte:
        Als ich nach dem Abitur eingerückt war, habe sie meine Schultasche ausgeräumt und darin noch die Hausaufgabehefte aus der 5. Klasse gefunden, weil ich wohl seit dem nie mehr Hausaufgaben gemacht hatte!

  7. Lachen ohne Ende :-))) (und wenn ich das so les‘, hätts sich das von der Sprache her durchaus auch in Österreich abspielen können…bis auf ein paar Schlüsselformulierungen..)

  8. Liebes Fräulein Read On, „wir“ (also eigentlich die Tochter) haben dieses Jahr Abitur gemacht und sind sehr erleichtert. Die Tochter hatte mir schon lange verboten, ihr Referate zu schreiben (ich hatte Blümchen reingemalt…), aber punktuell war doch Unterstützung nötig. Ich meine auch, dass es von den Schulen aus in viel höherem Maße als normal angesehen wird, dass Kinder z.B. die Hausaufgaben mit den Eltern machen oder dass Eltern mit den Kindern irgendwas üben. War eigentlich gar nicht mein Konzept. Viele Grüße, und vielen Dank für Ihre wunderbaren Beobachtungen.

  9. Ich empfehle eine Esspressomaschine. gibt’s günstig, dazu eine kleine Mühle und der Kaffee ist famos! Und der Duft der frisch gemahlenen Bohnen… Aaah!

  10. Mein Sohn war in der zweiten Klasse, als er das Kochen für sich entdeckte. Aus einem Kochbuch fischte er sich ein Fischrezept raus und spazierte, mit Geld von mir versehen, zu einer Fischhandlung. Dafür musste er einige Straßen überqueren. Bis auf eine, alle mit Ampeln versehen. Im Geschäft zeigte er das Rezept und wollte den passenden Fisch kaufen. Nach einer knappen Stunde kam er wieder. Auf einen Zettel hatte die Verkäuferin geschrieben, dass es den gewünschten Fisch nicht gab, sie aber einen anderen ausgesucht hätte. Und dann schrieb sie noch, wie stolz ich auf dieses selbständige Kind sein könne. Mein Sohn hat dann das Gericht ganz alleine gekocht. Er hat sich das zugetraut, also ließ ich ihn machen. Für Fragen war ich ja in der Nähe. Die Selbständigkeit und ein gesundes Selbstbewusstsein zu fördern, war immer mein Bestreben in der Erziehung meiner Kinder. Liebe und Vertrauen, mehr braucht es nicht! Auf beiden Seiten.
    Es gibt da noch eine Geschichte. Meine Mutter lebte zwei Häuser neben unserem. Eines Tages nahm sie mich zur Seite und meinte, dass mein Sohn doch nicht quer über den Hof rufen müsse, dass er eine vier geschrieben hätte (ich weiß nicht mehr in welchem Fach). Ich fragte sie, warum er das nicht solle. Sie meinte, dass ihm das doch peinlich sein müsse. Ich erklärte ihr, dass ihm das überhaupt nicht peinlich sein muss, aber offensichtlich ihr. Denn wäre die Zensur eine eins oder zwei gewesen, hätte er das sicher laut ausposaunen dürfen. Natürlich lag es auch mir am Herzen, dass meine Kinder einen guten Schulabschluss hinlegen. Das haben sie auch ohne Dressur geschafft. Und es war mir wichtig, dass sie anschließend das machen, was sie wirklich wollen. Nicht das, was der Markt gerade braucht. Beide Söhne sind ihren Weg gegangen. Beide auf ganz unterschiedliche Weisen.

  11. Also ich brauche auch noch Filtertüten für meinen Kaffee….
    Ansonsten will ich wirklich kein Spaß-Verderber sein und da ich beruflich sehr viel mit Eltern und Kindern zu tun habe, kenne ich auch solche Mütter zur Genüge. Aber das Thema Schule-Schulerfolg und dessen Abhängigkeit vom sozialen Status des Elternhauses in Deutschland treibt mich um. Es ist Fakt, dass schulische Auslese in Deutschland soziale Auslese ist, das weiß auch die PISA-Studie von 2001. Mit anderen Worten: Schule selbst tut nichts oder viel zu wenig, um Auslese zu verhindern und es hängt eben davon ab, in welchem Elternhaus ein Kind lebt, ob Defizite ausgeglichen werden oder nicht. Und es gibt viele Kinder mit Defiziten, egal aus welchen Gründen.
    Natürlich gibt es die von Ihnen so treffend und humorvoll beschriebenen „Auswüchse“ dieser Problematik, aber leider, leider gibt es auch ganz viele Kinder, die durch das Netz fallen, weil sich eben keine Eltern kümmern (können).
    Wie immer wäre ein MIttelweg der elternlichen Begleitung wünschenswert. Aber das entspricht leider nicht der Realität.

    • Es ist ein Irrglaube momentan aktueller Pädagogik, dass freie Lernformen (womöglich auch noch an Laptop/Tablet auszuführen) allen Schülern gleichermaßen nützen. Das tun sie nämlich nicht – die guten Schüler, die, die sich gut konzentrieren können, können so gedeihlich arbeiten. Die, die langsamer sind und alleine weniger gebacken kriegen, schaffen es, wenn sich zuhause die Eltern ins Zeug legen. Wer aber auf sich alleine gestellt ist, vielleicht noch Stress zuhause oder wenig Rückhalt hat, vielleicht ein sogenanntes „Bildungsfernes Elternhaus“, wird Schwierigkeiten haben, von freien Lernformen zu profitieren.
      Eine ehrliche Reflexion darüber nicht so sehr an Schulen, als an Universitäten und in den Schulbürokratien, wäre hilfreich, um die Bildungsungerechtigkeiten zu verstehen und, in mehreren weiteren Schritten, zu reduzieren.

  12. Ich musste sehr lachen bei Ihrem verwienerten (sagt man das so?) Gespräch der Berliner Mütter…ich kannte mal tatsächlich eine Mutter, die mir sagt:e „Wir haben auf die Französisch-SChulaufgabe endlich einen Vierer!“ – „Wir“, das waren sie und der 16-jährige Filius…
    No further comment.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s