Fast,aber wirklich nur fast.

Fast wäre ich morgens in der Früh, das Dorf wie das Meer schliefen noch fest über die ausgestreckten Füßen eines schnarchenden Baumes gestürzt und nur der halbwache Ginsterbusch, der sich in meinem Kleid verfing, bewahrte mich vor dem Absturz am steilen Hang. Fast nur wäre mir das Paar Flip-Flop mit den bunten Blüten davon geweht, als ich aus dem Wasser tappte, zum Glück hielt der Stein die Schuhe fester, als der Wind mit seinen kalten Fingern an ihnen riss. Fast nur ist mir der Bademantel-Gürtel ins Wasser gefallen, um sogleich unauffindbar zu versinken und gerade noch im allerletzten Augenblick bekam ich ihn zu packen. Fast nur fuhr mich ein Tourist auf seinem Skateboard um, das ein grauer Windhund kläffend zog, denn so ein Fräulein weiß wann es besser schnell zur Seite springt. Fast nur wäre ich dabei ins Rosenbeet der Frau des Krämers gekugelt. Aber ein Fräulein weiß natürlich, dass ein gestauchter Rücken nichts ist, gegen den Zorn der Frau des Krämers, fällt man in ihr Allerheiligstes. Fast hätte ich einen so teuflischen Fluch gegen den Skateboard-Fahrer und seine abstoßende Töle ausgestoßen, bis ich mich erinnerte, dass meine Großmutter mit durchgedrücktem Rücken doch Contenance empfahl. Zurück Zuhaus, fiel mir die Schüssel mit dem Zimtschneckenteig nur fast aus der Hand, denn der hauseigene Hund mit dem Verstand einer sehr jungen Amöbe, schnappte nach dem tropfnassen Bademantelgürtel und wollte Ball spielen. „Frag doch den Tierarzt“ blaffte ich, während die Schüssel klappernd auf dem Küchentisch wie ein Derwisch tanzte um auf den Millimeter genau an der Tischkante zum Stehen zu kommen. Nur um ein Haarbreit, also wirklich nur fast, fast, fast kann ich mich so sehr beherrschen, den Tierarzt nicht mit meinen meerkalten Händen unter die Rippen zu fahren, um ihn zu wecken. Nur fast ersticke ich nicht an einem Stück Zimtschnecke, weil die unverschämte Katze, mein linkes Knie als Absprungsrampe verwendet um auf den Schoss des Tierarztes zu springen. Ich beschließe Lachs für die Katze vom Speiseplan zu streichen und nur fast beruhigt mich die Hand des Tierarztes auf meinem Knie. Nur fast hat Kälbchen später meinen Zeigefinger mit einer Mohrrübe verwechselt und so muss ich nicht über die Jahrmärkte tingeln: „Sehen Sie hier das Fräulein, welches ihren Zeigefinger an ein Kälbchen in den Flegeljahren verlor.“
Fast wäre mir das Rosmarinhühnchen im Ofen zu einem Stück Holzkohle verbrannt, weil ich fast vergessen hätte, dass ich den Ofen schon eingeschaltet hatte. Fast hätte es keinen grünen Salat zum Huhn gegeben , denn beinahe war mir entfallen, dass ich den Salat nicht im Eisschrank, sondern im Speisekämmerchen zwischengelagert hatte und jaulend vor Verzweiflung selbst im Bettkasten nachsah. ( Weiß man es denn?) Fast hätte ich endlich einmal wieder gegen den Priester im Schach gewonnen, da hat der Priester auf einmal einen Springer auf D4. Fast hätte ich ein Mittagsschläfchen gehalten, hätte nicht das Telefon nicht geklingelt. ( Glauben sie mir, ich werde der Nörgelrentner sein, der einen Besenstiel neben dem Sessel stehen hat) und Zettel mit „Bitte um Einhaltung der Mittagsruhe“ in die Briefkästen der Nachbarn verteilt. Fast wäre ich beim Versuch nach dem Telefon zu angeln vom alten, grünen Sofa gekracht und nur weil der Tierarzt mit vereinten Kräften meine Füße hielt, blieb dieses Schrecknis aus. Fast hätte ich in den Hörer geknurrt und dann erinnerte ich mich doch, wenn auch seufzend: Ich kann Schwesterchen einfach nicht Gram sein, auch wenn ich mich wirklich sehr bemühe. Fast wäre ich wieder eingeschlafen, aber natürlich nähert sich ein Hundeschnauze und will etwas von der Welt sehen. Fast hätte der Hund seine rechte Pfote in das Meer getaucht, aber wirklich nur fast, denn der Hund verachtet die Nässe, wie die Katze mich. Fast hätte der Tierarzt einen Stein an den Kopf gedeppert bekommen, denn der Strand ist voller Touristen und die naturwissenschaftlich interessierten Touristenkinder werfen mit Steinen nach dem Meer, aber das Meer hält sich natürlich nicht den Kopf wie der Tierarzt und ruft: Eeeek.
Geschlagen verlassen wir den Strand und wandern zurück ins Dorf. Nur fast fallen wir der Frau des Krämers in die Hände, aber ein Tourist kommt uns zuvor und will ein Foto mir ihr als originaler Eingeborener vor ihrem Laden machen. Von ihrer Schimpftirade bluten nicht nur dem Touristen mit seiner Profikamera, mit der man sicher auch den Mond fotografieren kann, sondern auch uns fast die Ohren und kichernd rennen wir zurück nach Haus, denn die schwarzen Wolken lassen nur einen Schluss zu: Wer noch nicht nass ist, wird es gleich sein. Fast trocken erreichen wir Hof und Tür. Fast wäre dann das Bücherregal im Flur ins Wanken geraten, weil der Hund glaubte er müsste es der Katze gleichtun und das Regalbrett erklimmen, aber nur fast, denn der Tierarzt führte mit dem Hund ein unter vier Augen Gespräch und der Hund hatte hernach fast eine verständige Miene. Fast aber nur fast wären der Tierarzt und ich dann aufs Sofa gefallen, aber nur fast, denn dort lag ausgestreckt schon die Katze und las ernsthaft und vertieft die Sonntagszeitung.

21 Gedanken zu “Fast,aber wirklich nur fast.

  1. Ganz ganz schön. Ich lese diesen Blog schon fast ein paar Monate und möchte einfach ein dickes Danke sagen für die vielen schönen wirbelnden Worte und sagenhaften Beobachtungen, die aus einem normalen Tag etwas besonderes hervorzaubern. Danke Fräulein Read on.

  2. Fast hätte ich jetzt angefangen, ein Klavierstück zu üben, aber nur fast, denn ein gewisses Fräulein hat es geschafft mich abzulenken. Gottseidank habe ich durchweg geschmunzelt beim Lesen, das hilft mir jetzt, denn Tschaikovsky wird mir nicht verzeihen, dass ich ihn wegen eines Fräuleins habe warten lassen. Er ist sehr, sehr eifersüchtig. Vielleicht sollte ich in Zukunft Stücke von Mozart üben, der hätte da schon eher Verständnis. 😅

    • Nein, Tchaikovsky kannte das Wort fats bestimmt nicht, sondern nur ganz und gar. Fast würde ich sagen, ich hätte Mozart lieber als Tchaikovsky, aber das wäre nicht wahr und ich hoffe Sie finden Muße zum Üben!

      • Muße… muss ich mir jeden Tag neu erarbeiten. Wer halbtags arbeitet und einen Haushalt mit großer und kleiner Frau wie ein Schweizer Uhrwerk hegt und pflegt ist dankbar für jede freie Minute am Klavier, im Garten oder versteckt hinter einem Buch. Das Leben ist ein großartiges Abenteuer und die Musik mein wahrer Luxus. 😊🎶

  3. Fast wäre mir dieses Blog (und damit auch dieser Eintrag) entgangen, aber dann habe ich doch die Empfehlung von Herrn Rau befolgt. Und wie (fast) immer war es eine gute Empfehlung.

  4. Einfach nur wunderbar! Ich liebe dieses Blog, habe das Fräulein erst vor kurzem entdeckt – und kann seitdem nicht mehr aufhören zu lesen, bald habe ich alles durch. Herzlichen Dank für die kostenlose Literatur.

  5. Beinahe wäre mir entgangen, dass dieses kleine *fast* unsere Lebenswelten so entscheidend mit bestimmt.
    Danke für all Ihre Geschichten, die mir fast alle etwas zu sagen haben. 🙂

  6. Fast könnte ich mich in dieses Fräulein verlieben…. (würde ich mich denn in Frauen verlieben können….)
    Fast zu schön, um wahr zu sein, dein Blog!!

  7. Fast aber nur fast wäre ich ohne das Lesen des Blogs zu Bett gegangen… so kann ich jetzt mit einem Schmunzeln einschlafen und mich auf das Lesen der nächsten Abenteuer freuen!!!

  8. „Fast hätte ich ein Mittagsschläfchen gehalten, hätte nicht das Telefon nicht geklingelt.“

    Das Instant Lektorat fragt:
    Braucht Fräulein Read On unbedingt Telefonklingeln für eine Siesta?

    Herzliche Grüße vom nitpicking diktionaftis

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