Am Strand

Die Ostsee spielt heute Adria #ostsee #balticsea #atlanticmeetsbalticsea

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Ich trockne ein Nichtenbein und die Nichte, die zum Nichtenbein gehört, jammert: „Oh wie das kitzelt.“ Dann fällt ein Nichtenkind in den Sand und das nächste Kind tropft vor sich hin. Schließlich liegen vier Nichten und ein Tierarzt im Sand und bis auf den Tierarzt essen alle dicke Scheiben Zitronenkuchen. Dann fällt ein Schatten auf mein Gesicht. Der Schatten ist etwas acht Jahre alt und sagt: „Ick bin der Jonny.“
Jonny ist strohblond und mit seiner Oma am Strand. Seine Oma aber will Kreuzworträtsel lösen und ein Mann, den Jonny Opa nennen soll, soll ihr den Rücken eincremen. Jonny nennt den Mann trotzdem Heinz. Jetzt steht Jonny vor uns und bohrt die Zehen in den Sand. Jonny’s Oma ruft: „Jonny was machst du da drüben bei die Ausländers?“ Denn wir sind die Einzigen am Strand, die nicht Deutsch sprechen. „Der Jonny hört wieder nicht“, ruft Jonny’s Oma, Heinz zu. Heinz grunzt und die kleine Königinnennichte, die für diplomatische Sonderfälle ein Händchen hat, lacht Jonny an und sagt: „Ich bin eine Prinzessin und Du?“ Jonny sagt noch einmal: „Ich bin Jonny“. Dann bekommt Jonny auch ein dickes Stück Zitronenkuchen und fünf Sekunden später, sitzen fünf Kinder im Sand und buddeln den Tierarzt ein. Jonny sagt: Du bist echt voll dünn Tierarzt. Den Tierarzt freut so etwas ja immer sehr und er würde wohl nicken, schippten nicht fünf Kinder Sand auf ihn drauf. Dann kommt Jonny’s Oma zu uns herüber. Ich schlafe gerade unter einem großen Strohhut und so sagt der Tierarzt zu Jonny’s Oma: „Mädchen weiß Deutsch.“ Jonny’s Oma schreit: Die Ausländers können nich mal Deutsch sprechen, Heinz.“ Heinz schreit: „Sind des Polacken?“ Dann tauche ich unter dem Strohhut auf: „ Wie kann ich ihnen helfen.“ Die Ausländers können doch Deutsch, schreit Jonny’s Oma. „Ick wollt nur sagen, dit wenn der Jonny sie stört, denn schicken se den rüber.“ Ich versichere ihr, dass Jonny uns keineswegs stört. Sie sagt: „Schon seit die DDR-Zeit sind wa hier an der Ostsee, aber dit is och nicht so einfach mit nem Kind wie dem Jonny. Die Mandy, Jonny’s Mutter hat sich nämlich von so nem Ausländer een Kind machen lassen. Das Kind ist Jonny. Der Tierarzt sagt: Jonny is a good guy. Jonny’s Oma sagt: „Lassen sie sich nicht frech kommen von dem Rotzlöffel. Der Tierarzt sucht „Rotzlöffel“ im Wörterbuch. Dann geht Jonny’s Oma wieder zu Opa Heinz. „Und sind des Polacken?, fragt Heinz sie?“ Jonny’s Oma schüttelt den Kopf: „Dit hab ick janz verjessen zu fragen.“ Dann ölt Heinz ihr den Rücken ein. „Bei den Ausländers weiß man dit nie“, sagt er. Die Nichten, mein Neffe und der Tierarzt wollen schwimmen. Jonny will auch schwimmen, aber als vier Nichten ins Wasser rennen, sagt Jonny: „Du ich kann nicht schwimmen.“ Ich nicke und der Tierarzt hält Jonny fest und ich zeige Jonny wie man Schwimmzüge macht und die Nichten und mein Neffe zeigen Jonny wie man paddelt und rudert und sich über Wasser hält. Eine kleine Königin und Jonny tauchen um die Wette.
Am Ende haben wir alle blaue Lippen und Jonny hat drei Schwimmzüge geschafft. Jonny lacht stolz und glücklich und prustet. Jonny’s Oma bringt ein Badehandtuch. Darauf ist ein 50 Euro Schein abgedruckt. „Ick gehe ja nich ins Wasser“, sagt sie, so prinzipiell nicht. In der DDR ham die Kinder ja in der Schule schwimmen jelernt.“ Aber dit is nich drin im Kapitalismus. Der Tierarzt sagt: Jonny is a great swimmer. Jonny’s Oma sieht ihn zweifelnd an. Great Swimmer, wiederholt der Tierarzt. Die Kinder suchen Muscheln und der Tierarzt und ich reiben fünf Kinder mit Sonnenmilch ein und dann verteilen wir grüne Gummifrösche, Cola-Schnüre und saure Würmer an die Kinder. Es herrscht internationale Seligkeit. Jonny kennt Harry Potter nicht. Die nächsten zwei Stunden vergehen damit, dass mein Neffe Jonny anhand einer komplizierten Sandskizze in die Welt von Hogwarts einführt. Jonny ist sichtlich beeindruckt. Jonny’s Oma schläft und Opa Heinz liest die B.Z. Die Kinder, der Tierarzt und ich bauen eine Sandburg am Wasser mit spitzen Zinnen und eine Brücke, die zwei Wassereimern standhält. Jonny strahlt und die kleine Prinzessin erklärt Jonny warum sie später mal Königin werden will. Jonny sagt: „Super.“ Die kleine Prinzessin strahlt. Ihr Badeanzug ist natürlich auch knallpink und auf ihrem Bademantel sind lauter Einhörner und viele Kinder glauben sie sei eine Fee. Jonny aber hat gleich verstanden, dass hier eine echte Königin mit zwei sauren Würmern in der Hand Audienz hält. Ich blase den vielgeliebten Gummidelfin auf und Jonny darf auf dem Delfin zuerst reiten und der Tierarzt zieht in durch das flache Wasser. Geschwister, die sich um einen grünen Haribo Frosch balgen können, sind erstaunlich großzügig, wenn es um Strandfreundschaften geht. Irgendwann wanken der Tierarzt und ich geschlagen aus dem Wasser, denn fünf Kinder auf einem Delfin zu ziehen, ist nichts anderes als Galeerenarbeit. Fünf Kinder liegen geschafft im Sand. Jonny’s Oma kommt von ihrer Sandmuschel herüber. „Dit ihnen dit nichts ausmacht mit dem Jonny.“ „Jonny ist prima“ sage ich und der Tierarzt und die Kinder nicken. „Dit die Mandy uns dit antut, mit dem Ausländer so’n Kind.“ Sie schüttelt den Kopf. Jonny übt derweil mit den Mädchen Handstand. „Jonny ist prima“ ,wiederhole ich und Jonny’s Oma sagt zu Opa Heinz, dass die Ausländers echt seltsam seien. Irgendwann packen wir unsere Handtücher, Bücher zusammen und ich klemme mir den Plastikdelfin unter den Arm. „Jonny, sage ich wir müssen jetzt los.“ Jonny nickt. „Kommt ihr morgen wieder?“ „Klar“ sage ich und Jonny strahlt. „Schwimmt ihr morgen wieder?, fragt Jonny. „Klar sage ich.“ Jonny nickt und umarmt drei Nichten, einen Neffen, mich und den Tierarzt. Jonny’s Oma ruft: „Jonny mach dich rüber, jetze.“ Opa Heinz ruft: „Voll dünne der eine von die Ausländers.“ Der Tierarzt winkt: „Mädchen weiß Deutsch.“

Das Hundewägelchen

Der Tierarzt, der von Deutschland nur Berlin, eine kleine Stadt und das Dessauer Bauhaus kennt, findet Rügen schön. Das Meer ist blau. Der Strand ist weiß und der Regen ist so irisch-grau, wie gehabt wenn auch wärmer, das so sagt die liebe C. der Tierarzt gemurmelt habe: „Heimwehregen.“ Vom Ferienhaus der lieben C. und meines Vater führt ein ausgetretener Weg zu einer Kuhherde hinunter und der Tierarzt geht morgens hinunter und spricht mit den braun-gefleckten Kühen. Dann und wann seufzt der Tierarzt, denn auch andere Kühe haben schöne Kälber und Tierarzt liebt doch sein irisches Kälbchen sehr. Aber dann kommt eine der Nichten angerannt und will vom Tierarzt in die Luft geworfen werden. Der Tierarzt sieht die Kreidefelsen und Walknochen vor einem Museum. Er pflückt wie der Rest der Familie Eimer voller Johannisbeeren und die liebe C. zeigt ihm die Lama-Farm. Der Tierarzt singt ein Wiegenlied für ein aufgeregtes Lama und das Lama sieht den Tierarzt dankbar an. Sogar mit dem alten Hofhund der Nachbarn von dem man sagt, er habe zwanzig Postbotenbeine angebissen, schließt der Tierarzt Freundschaft und der Hofhund lässt sich vom Tierarzt hinter den Ohren kraulen. Dann komme ich. „Mädchen“, sagt der Tierarzt und dann sagen wir eine ganze Weile erst mal nichts. Später, die Nichten suchen Badekram zusammen, kommt die liebe C. „Süße“ sagt sie, ich glaube der Tierarzt hat etwas.“ Zwar findet er alles „schön“ und hat sogar einen halben Matjes in Buttermilch verzehrt, aber etwas behagt dem Tierarzt nicht. Aber mir würde er es nicht sagen.“ Hmmm“, murmele ich und frage mich, ob der Tierarzt mir ein Unbehagen wohl mitteilen würde. Unsere Familie ist nämlich sehr laut und wild, alle reden durcheinander und das auch noch in fünf Sprachen, ständig kommen Leute vorbei und eine kleine Königin sucht elfmal am Tag lautstark nach ihrer Krone. In der Krachmacherstraße wohnte niemand anders als wir. Erst einmal aber fahren wir mit der johlenden Kinderherde an den Strand. Der Strand ist schön und die Sonne scheint. „Schön“, sagt der Tierarzt und dann renne ich mit den Kindern ins Wasser. Die Kinder verstehen unter einem gelungen Bad im Meer so oft es geht auf meinen Rücken zu klettern und mich ins Wasser zu tauchen. „Geh unter, schreit eine kleine Königin, dies ist ein königlicher Befehl“. Der Tierarzt hütet die Handtücher und den treuen Kanzler Bär, der kein Wasser verträgt und er verteidigt unseren Handtuchberg gegen eine Dame, die mit ihrem Mann eine Art Trutzburg aus Stoffplanen errichtet und den Tierarzt verscheuchen will. Aber der Tierarzt sagt: „Nein, hier Mädchen.“ Und er sagt es so bestimmt, dass die Stoffbahnenburg mit einer deutlichen Delle um unsere Handtücher herum errichtet wird. Schließlich trocknen wir vier Kinder ab, cremen vier Kinder ein, versorgen vier Kinder mit sauren Würmern ( eine vielgeliebte Süßigkeit) und verteilen den jeweils richtigen Harry Potter Band in die richtige Kinderhand und dann ist es plötzlich sehr still. Tierarzt sage ich und wringe meine Haare aus: „Die liebe C. sagt Dir sei etwas unbehaglich.“ Sind wir dir zu laut?“ Der Tierarzt reicht mir noch ein Handtuch an. „Mädchen, sagt er, nein, ihr seid genau richtig laut. Dann seufzt der Tierarzt. Das Meer schimmert blau, der Sand glitzert gelb, die Nichten und der Neffe murmeln behaglich Zaubersprüche. „Mädchen“ sagt der Tierarzt und flüstert fast: „Die Hunde der Deutschen sind alle malade.“ Ich sehe etwas verwundert zum Tierarzt herüber, denn der Deutsche liebt seinen Wauzi oft mehr noch als seine Ehefrau und fast so sehr, wie sein Automobil. „Allein gestern, sagt der Tierarzt und flüstert noch immer, habe ich vier Hunde gesehen, die nicht laufen konnten.“ Ein großer Labrador saß in einem Karren hinter einem Fahrrad und ließ sich ziehen. Ein großer, ganz ordinärer Labrador, in einem Karren, Mädchen. Als ich mit der lieben C. auf der Seebrücke war, habe ich genau gezählt: in der Hälfte aller Buggies auf der Brücke saßen keine, kleinen Kinder, sondern Hunde: Zwei Yorkshire-Terrier, ein Cockerspaniel und viele weitere Terrier. Lauter Hunde, Mädchen fuhren da spazieren.“ Dann war ich mit der lieben C. am Meer und wieder stand dort eine Familie mit vier Hunden und die liebe C. sagte sie diskutierten, wer der vier Hund im Fahrradanhänger kutschiert werden würde: „Emma kann laufen, Willy kommt in den Wagen.“ Der Tierarzt schüttelt den Kopf. Die deutschen Hunde müssen eine entsetzliche Krankheit haben oder Pfotenschwund, sonst müssten die armen Hunde doch nicht in Kinderwägen gefahren werden. „Tierarzt“ sage ich, weißt Du ich glaube die Hunde sind ganz quietschfidel und nur die Hundehalter leiden an ihrer Hundeliebe und fürchten vier Pfoten reichten nicht aus für einen Spaziergang am Meer entlang und dann ist der Deutsche ein findiger Kopf und konstruiert Hundewägelchen und so können die Hunde wie die Kinder ganz bequem liegender Weise umhergefahren werden. Weißt Du Tierarzt sage ich, der Deutsche erfindet sogar Dinge bevor es das Problem gibt und deswegen haben die deutschen Hunde niemals müde Pfoten und führen ein langes, gediegenes Hundeleben. Ganz bestimmt sind die Hunde wohlauf. Der Tierarzt sieht mich lange an. Dann zieht Regen auf. Wir stecken vier Kinder in Kleider, verteilen Fahrradhelme und Fahrradschlüssel und radeln zurück. Auf dem Weg sehen wir eine französische Bulldogge die majestätisch und wie auf einer Sänfte in einem Wägelchen liegt und aus einem Fahrradkorb hechelt ein Pudel. Daheim angekommen, kann ich die liebe C. beruhigen. „Dem Tierarzt waren die Hundewägelchen ein unbekanntes Phänomen, sage ich“ und er sorgte sich um das Wohl und Wehe der Tiere.“ Die liebe C. atmet erleichtert auf. Ich bürste vier Kindern Sand von den Füßen. Der Tierarzt liegt mit Buch in der Hängematte. Schön, sagt der Tierarzt, Rügen ist wirklich schön.“

Schwarze Stunde

Unten auf der Straße bellt ein Hund. Der Hund bellt nicht für mich. Vielleicht bellt der Hund einer verflossenen Liebe hinterher oder der Hund bellt den Mond an. Vielleicht ist der Hund auch in die Katze verliebt. Die Katze liegt auf den Femsterbrett. Auf dem Fensterbrett liegt ein Plaid. Rot und blau ist das Plaid und ein bisschen fadenscheinig schon ist der Stoff. Schon lange liege ich nicht mehr auf dem Plaid. Als ich auf dem Plaid lag da war sein Stoff noch dunkelrot und indigoblau und kleine Goldfäden zogen sich am Stoff entlang. Als ich auf dem Plaid lag, sah ich den Himmel von Assam. Schwer war der Himmel, ein dunkles Tuch. Kurz bevor der Monsoon kam, lag ich auf dem Plaid und in meinem Haar lag eine Hand. Neben mir auf dem Plaid lagst du und wir sahen in den Himmel hinein und du lachtest als dir sagte, dass die meisten Menschen glauben, Assam sei eine Teesorte und dein Lachen flog in den Himmel hinein und schon damals habe ich es nicht auffangen können. Du auf dem Plaid last mir Gedichte vor. Sylvia Plath. Aber das Gedicht erinnere ich nicht mehr, nur noch den Buchrücken und deine Hände. Ein Himmel voller Gedichte und der Monsoon wartete bis du heiser warst und erst dann kam der Regen. Ich bin lange nicht mehr in Assam gewesen. Deine Hände sind unter der Erde, seit Jahren schon, es sind keine guten Jahre für Assam gewesen und ob es jemals gute Jahre für Dichter gab, weiß ich nicht. Das Plaid aber habe ich mitgenommen in alle Länder ohne dich. Die Goldfäden verschwanden zuerst, dann blichen die Farben dahin und wer weiß vielleicht wurde auch ich blass und blässer und mag sein ich bin heute so farblos wie das Plaid auf dem Fensterbrett liegt das Plaid und auf dem Plaid liegt die Katze. Die Katze schläft oder jedenfalls tut sie so als würde sie schlafen. Die Katze hält nichts von zudringlichen Fragen. Sie wird mir nicht sagen, ob in ihrer langen Ahnenreihe einmal eine Katze aus Assam kam. Wie viele Iren haben denn in den Kolonien als clerks and officers and officer’s ladies gedient? Unzählig viele und mag sein, dass ein clerk, ein officer oder eine lady eine Katze aus Assam mit sich brachte? Mag sein also, dass die Katze dort auf dem Fensterbrett mehr weiß über Bramaphutra als ich so denke. Wer weiß, denn die Katze hält die Augen geschlossen, und sagt mir nicht, ob sie vom Hund träumt, der noch immer unten auf der Straße bellt. Vielleicht träumt die Katze aber auch von einem Kater, den sie manchmal im Garten besucht unter den alten Bäumen. Die Bäume rauschen in der Nacht und wer weiß vielleicht hat vor Jahren ein officer unter der Kastanie gesessen und ein Bild angesehen mit einem Mädchen darauf. Assam 1885 oder so ähnlich. Aber ich stehe nicht auf um nach einem Bild von dir zu suchen. Du hättest gelacht: „Ever so sentimental“ und ich hätte genickt. Dabei schriebst du doch Gedichte, aber deine Gedichte waren niemals sentimental. Dafür waren dir die Wörter zu ernst und ich glaubte damals ich könnte auch ohne Wörter leben. Ich sprach damals nur in technischen und abstrakten Dingen. Du aber zogst mich zu dir auf die Decke und immer hattest du ein Buch bei Dir und ich hörte dir zu und manchmal schobst du eines deiner Gedichte unter die vielen, die du für mich last. Die Straße vor mir liegt im Dunkeln. Hier geht keine Straßenlaterne mehr und der Priester ist bei seiner Mutter in einem ähnlich abgelegenen Teil Irlands wie es Assam in Indien ist. Vier Tage braucht man von Delhi bis in das Dorf in dem du lebtest und manchmal, aber nicht heute Nacht sehe ich mir die Fahrpläne an und rechne aus, wie lange ich wohl bräuchte, flöge ich morgen früh los, aber eine andere Zeit als die der Reise, als die zwischen Dorf und Flughafen und Bahnhof hat sich zwischen uns gelegt und jeden Tag versinkst du ein Stück mehr oder laufe ich weiter von dir weg. Unten auf der Straße bellt der Hund. Die Katze sieht mich nicht. Ich sehe dich auf dem Plaid neben mir. Der Regen auf der Straße ist eine schwarze Pfütze und das Meer ist dunkelgrau. Der Brahmaputra war braun und manchmal auch indigoblau. Ein heiliger Fluss, ich weiß nicht, ob den Iren das Meer heilig ist, oder ob es nicht immer ein Weg heraus war, ein Fortkommen, diese schäumende See, vor meinem Fenster ist schwarz. Ich habe nie jemanden nach den G*ttern dieser See gefragt, nicht den Tierarzt, nicht den Priester, keinen der Freunde, keinen der Feinde, das Meer schäumt in der Nacht. Ein Wiegenlied, aber ich fürchte bis zu Dir reicht es nicht. Dann doch noch einmal das Licht anmachen. Neben dem Nachttisch stapeln sich die Bücher, aber ich muss lange im Regal suchen, bis ich doch einen Band von Sylvia Plath finde. Einen Daumen in eine Seite und vorsichtig nur mit den Augen über den Rand der Seite lesen:

Overnight, very
Whitely, discreetly,
Very quietly

Our toes, our noses
Take hold on the loam,
Acquire the air.

Nobody sees us,
Stops us, betrays us;
The small grains make room.

Soft fists insist on
Heaving the needles,
The leafy bedding,

Even the paving.
Our hammers, our rams,
Earless and eyeless,

Perfectly voiceless,
Widen the crannies,
Shoulder through holes. We

Diet on water,
On crumbs of shadow,
Bland-mannered, asking

Little or nothing.
So many of us!
So many of us!

We are shelves, we are
Tables, we are meek,
We are edible,

Nudgers and shovers
In spite of ourselves.
Our kind multiplies:

We shall by morning
Inherit the earth.
Our foot’s in the door.

Mushrooms nennt sie das Gedicht und ich schließe die Tür hinter mir, lasse den Band auf dem Tisch liegen, kaltes Wasser ins Gesicht und dann die Tür schließen. Die Treppe hinauf mit kalten Füßen und in der Fensterscheibe bin ich ein dunkler Schatten. Auf der Fensterbank lieht ein Plaid. Auf dem Plaid schläft die Katze. Unten auf der Straße hört ein Hund auf zu bellen.

Sylvia Plath, Mushrooms, in: Carol Ann Duff (ed), Sylvia Plath, Poems, London 2012, p.58

„A maid’s load oder Haushaltsschatten.“

Vieles was im großen und weiten Internet die Runde macht bekomme ich überhaupt nicht oder erst so spät mit, dass in Groß-Bloggersdorf längst schon ganz andere Themen auf dem Marktplatz besprochen werden.

Und so habe ich auch das Video, das Ariel India im Rahmen einer Kampagne gedreht hat, die dazu aufruft, dass Männer ihren selbstverständlichen Teil im Haushalt erledigen sollen, anstatt ihrer Frau Sonntags beim Blumen gießen zu helfen, erst neulich gesehen.

Das Video ist fast schon der griechischen Dramentheorie entlehnt: Die berufstätige Mutter kehrt beladen von der Arbeit zurück ( natürlich mit Laptoptasche: Indien ist ja jetzt Hightechland ) ihr Vater spielt mit ihrem kleinen Sohn, und während sie noch die Einkäufe ( frisches Gemüse!) auf die Arbeitsplatte wirft, verspricht sie ihrem Arbeitgeber schon die nächste Email. Dann bringt sie ihrem Mann, der auf dem Sofa fläzt Chai, rast zurück in die offene Küche ( das können die niemals in Indien gedreht haben ) und fängt an zu kochen, sammelt Spielzeug auf und wäscht dem Buben das verklebte Hemd ( es ist ja eine Waschmittelwerbung ) und all das beobachtet ihr Vater, der während er seine wirbelnde Tochter beobachtet von einer heftigen Katharsis überfallen wird: hat er nicht auch wie sein Schwiegersohn sich ein ganzes Leben lang von seiner Frau bedienen lassen? In einem Brief gesteht er seiner Tochter sein fehlerhaftes Handeln und kaum zurück zu Haus nimmt er seiner Frau die Wäsche aus der Hand und belädt selbst die Waschmaschine ( natürlich mit Ariel.) Schnitt.

Bei all den Geschichten, die dieses Video erzählt und offensichtlich erzählt es Geschichten mit denen Frauen in Berlin, Wien und London sich sofort identifizieren und es als ihre Lebensrealität interpretieren, die sich so sehr von den Frauen Delhis und Mumbais nicht unterscheide ,und von der aus sich gemeinsam organisierter Feminismus etablieren ließe, so wenig hat er mit irgendeiner indischen Lebensrealität zu tun.

Das Paar, das wir in dem Film sehen gehört ganz offensichtlich zu den 1 Prozent Indiens. Die Wohnung ist komplett westlich eingerichtet, nicht einmal ein Pseudo-Ganesha sitzt auf dem Regal, der Mann trägt ein Machester United T-shirt und sieht Fußball, dazu braucht man in Indien Sky und auf der Küchenanrichte steht italienisches Olivenöl ( italienisches Olivenöl ist in Indien abstrus teuer ), das ganze Leben, das diese Familie führt erzählt: hier mangelt es an Zeit aber nicht an Geld. Vielleicht ist er IT-Irgendwas bei einer Firma die in Hongkong und Dubai aktiv ist und sie ist vielleicht Rechtsanwältin in einer großen Kanzlei, die Klienten in New York, Shanghai und Mumbai hat. Internationales Vertragsrecht vielleicht. Was immer diese Familie, die es in Indien zweifelsohne gibt, nach Büroschluss macht, Aufräumen, die Waschmaschine befüllen, kochen, oder putzen ist es nicht.

Denn was in diesem Video völlig fehlt ist das Rückgrat jeder indischen Familie, die zur unteren, mittleren oder oberen Mittelschicht gehört. Jede indische Familie der Mittel-oder Oberschicht hat „Help.“ In jeder dieser indischen Familien sind mindestens drei Personen beschäftigt. Oft aber noch viel mehr.

Nach oben gibt es dabei keine Beschränkung.

So auch bei Familie Rajasthani, meine indische Familie, die zur mittleren Mittelschicht zählt, also deren Einkommen deutlich unter der Filmfamilie liegt. Morgens in aller Frühe ungefähr, wenn ich aufstehe kommt ein Mädchen, das die Dinge macht, die eine indische Frau niemals tun würde, wenn sie es nicht muss: die Toiletten putzen und den Balkon und die Terrasse kehren. Die Frauen, die die Toilette reinigen, tun dies bei mehreren Familien eines Blocks, denn wer in Indien die Toiletten reinigt, der wird niemals auch in der Küche Gemüse schneiden, kochen oder den Kindern Chai zum Frühstück machen. Für alles was in der Küche an Vorbereitungen anfällt, aber auch Wäsche waschen, die Betten machen und die Kinder der Rajasthanis von der Schule abholen, dafür kommt Sunita jeden Tag zu den Rajasthanis. Weil Herr Rajasthani liebend gern Auto fährt, hat Familie Rajasthani keinen Chauffeur, der sonst natürlich zu einem indischen Mittelklassehaushalt dazugehört. Die Rajasthanis haben auch keine Nanny, denn beide Frau und Herr Rajasthani arbeiten halbtags, um Zeit für die Kinder zu haben. Das heißt Zeit für: Schwimmbad, Malkurs, Mathezirkel, Videogame spielen, auf dem Bett hüpfen und so weiter und so fort, nicht zum Saubermachen, dafür hat man in Indien „Help.“.

Das Einkommen des Filmspots-Vaters läge im Jahr etwas bei 140,000 Dollar  und seiner Frau bei 160,000 Dollar im Jahr. Abhängig davon ob die Familie eine Haushaltshilfe beschäftigt, die bei ihnen wohnt oder eine oder mehrere Haushaltshilfen, die über den Tag verteilt kommen, zahlten sie 6,500 Rupees ( 100 Dollar ) im Monat für eine „Maid“, die all das Tag für Tag erledigt, was die Frau im Werbespot nach der Arbeit macht. Ein Kindermädchen ist ab 2000 Rupees im Monat zu haben, nur ein Chauffeur ist wesentlich teurer.Für 7000 Rupees bekommen sie eine „Help“, die an 7 Tagen in der Woche 12 Stunden am Tag für sie arbeitet.

Das Gehalt ist aber nur ein Faktor in der komplexen und komplizierten Beziehung zwischen Arbeitgeber und „Help“. Sunita ißt bei den Rajasthanis, das Schulgeld ihrer Kinder wird von den Rajasthanis übernommen, sie erhält zwei neue Saris im Jahr, Herr Rajasthani bringt sie Abends nach der Arbeit zurück in den Slum in dem sie wohnt und liefert sauberes Trinkwasser und alle die für die Rajasthanis arbeiten, auch gelegentliche Bauarbeiter oder Extra Help vor Feiertagen wie Diwali bekommen neben dem Lohn Essen und Trinken. Man kann sagen, dass die Rajasthanis faire Arbeitgeber sind und Sunita ist ohne Zweifel wertgeschätzt und geachtet und dennoch das Verhältnis zwischen Maid und Arbeitgeber ist ein Verhältnis unter extrem Ungleichen und das ist in allen indischen Familien der Fall.

Fast alle „Help“ kommt aus West-Bengal, Assam, Bihar oder Tamil Nadu. Die Frauen sprechen also kein Hindi und während Frau Rajasthanis Schiwegermutter mit mir mit Engelsgeduld Hindi übt und jeder noch so kleine Fortschritt begeistert bejubelt wird, würde es niemand für nötig halte mit Sunita Hindi zu üben. „ A help must know.“

Während wir selbstverständlich am Tisch frühstücken oder ich“ Hunger, Hunger, Hunger“ schreiend aus der Slumklinik heimkehre und sofort ein Paratha mit heißer Butter vor mir auf den Tisch wandert, ißt Sunita immer nach uns und niemals am Tisch, sondern in der Küche auf dem Fußboden und mag Sunita auch noch so Durst haben, wenn ich meine Wasserflasche fülle oder Herr Rajasthani nach Tee ruft, so gehen unsere Bedürfnisse immer vor. Während ich alle Bäder des Hauses benutze, mag ich auch so verschlammt und blutbefleckt aus dem Slum zurückkommen, so würde Sunita niemals die Familienbadezimmer benutzen, sondern benutzt eine Toilette eigens für „Help“ gedacht. ( Das hat Frau Rajsathani gegen den Widerstand ihrer Schwiegereltern durchgesetzt.)Viele der Haushaltshilfen und auch der Chauffeure dürfen in indischen Haushalten kein Badezimmer benutzen und deshalb sieht man auch in den vornehmen Vierteln der großen Städte in denen sich auch die Touristen tummeln, Männer ihre Notdurft an Zäunen oder Wänden verrichten. Das fotografieren dann die Touristen: „Da pisst der Inder in aller Öffentlichkeit.“ Alles Perverse“ und dann schüttelt sich der Tourist und holt Sagrotan aus der Tasche.

Auch Sunita hat keinen Arbeitsvertrag und muss sich darauf verlassen, dass die Rajasthanis ihren Teil der Vereinbarung einhalten und wenn Sunita zu Feiertagen oder zur Ernteunterstützung ihrer Familie in ihr Dorf zurück will, muss dies mit den Ferienzeiten und Bedürfnissen der Rajasthanis abgestimmt sein. Immer kommen die Rajasthanis zuerst. Immer komme auch ich zuerst und noch niemals hat Sunita sich ein einziges Mal beschwert, dass wenn ich zu spät komme, sich auch Sunitas Heimfahrt verspätet. In den Haushalten Indiens manifestiert sich die Ungleichheit unübersehbar und es sind alle Haushalte, denn alle Haushalte haben „Help“ auch mein Freundeskreis, alle wie Frau Rajasthani sagt: your Lefties“, alles Männer und Frauen, die zwischen Kasten heiraten, und erbittert über indische Politik und Gesellschaft streiten, doch niemand käme auf die Idee keine „Help“ zu haben.

Sitzt man Sonntag Morgens in einem der fancy Cafés von Khan Market, dann sieht man die „Help“, die während die Miss frühstückt, stoisch in der Sonne warten und an den Nebentischen hört man die Frauen seufzend sagen: „You know, the new help is so irritating.“ Dann kaufen sie Olivenöl. Eine Flasche kostet zwischen 800 und 1000 Rupees.

Der Markt für „Help“ ist undurchsichtig und unreguliert. In Delhi landen Tag für Tag Werbeprospekte vor der Tür, die billige, saubere und 24/7 verfügbare Help anpreisen. Es gibt Agenturen, Zwischenhändler und Netzwerke, die so schnell auftauchen wie sie wieder verschwinden. Die Regierung Narendra Modi und das hilft den ohnehin evidenten Strukturen von Ausbeutung hat das Verbot von Kinderarbeit wieder aufgehoben unter der Klausel, dass Arbeit für Verwandte erlaubt sei und so finden sich in vielen Dörfern „uncle“ die Kinder ab zehn Jahre in die großen Städte vermitteln, wo sie schnelle und leichte Opfer von Ausbeutung werden. Eine ungezählte Anzahl von Mädchen verschwindet in Haushalte Saudi-Arabiens, Doha und Kuwaits und der Slum ist für so etwas immer ein guter Seismograph: immer mehr Mädchen aus Bangladesch kommen nach Delhi auf der Suche nach Arbeit. Solche Nachrichten existieren in einer Endlosschleife Endlosschleife und sie beruhigen auch das Gewissen von Familie Rajasthani und mir: „Sind wir nicht gute Arbeitgeber? Die strukturellen Ungleichheiten lassen sich leicht vergessen, liest man über Familien, die ihre Haushaltshilfen bewusstlos prügeln oder ihnen den Rücken mit dem Bügeleisen verbrennen. So müssen wir nicht darüber nachdenken, wann es die letzte Lohnerhöhung gab, oder ob nicht auch Sunita einen freien Tag in der Wochen haben sollte.

Das Video von Ariel India aber imitiert einen westlichen Haushalt und erzählt die Geschichte westlicher Frustrationen, aber wieder vergisst es diejenigen auch nur am Rande zu erwähnen, die längst schon eingekauft haben, den Chai gerichtet, das Gemüse geputzt, die Wäsche gewaschen, gebügelt, gefaltet und einsortiert haben, den Abwasch erledigt, den Boden geputzt, den Buben versorgt und gesaugt haben, die dann essen, wenn wir satt sind, die dort sitzen wo wir nicht stehen, die keine Rechte haben, die wir ihnen nicht gewähren und die wenn wir die Schuhe zur Seite kicken schon bereit stehen, um sie gerade zu richten. #sharetheload heißt die Kampagne, aber wahrer und aufrichtiger wäre es wohl einmal über #amaidsload zu sprechen, wenn wir schon darüber sprechen wollen, wessen Beitrag in unseren Haushalten so unwirklich unsichtbar ist, wie es in Indien auch heute an einem Sonntag der Fall ist. In Delhi ist es jetzt 17 Uhr und Sunita, ich bin mir sicher sitzt auf dem Küchenboden und schneidet Okra. Am Sonntag haben die Rajasthanis immer Gäste. Montag Morgen wäscht Sunita ab.

Woanders ist es auch schön

Ich habe nicht gewusst, dass es Schreibschulen gibt oder Universitäten an denen Ausgewählte schreiben und die Anderen, irgendwie auch noch Lehrer oder irgendwas werden sollen. Was man alles hätte werden können. In Hildesheim jedenfalls wird geschrieben und wer dort schreibt und wie man dort schreibt und warum die Frauen in Hildesheim noch immer vor allem Buletten machen hat Stefan Mesch hier aufgeschrieben. Hildesheim. Eine fremdere Welt kann ich mir kaum vorstellen. (Via Kaltmamsell)

Eine fremde Welt ist auch eine Welt in der Eltern und auch Nicht-Eltern auf Wurzelsäfte schwören und Impfungen bekämpfen wie die  formidable Kaltmamsell es beschreibt. Eine Welt in der Ärzte natürlich gewissenlose Gauner sind und die nette Frau mit den schönen, natürlichen Ölen Heilung verspricht anstatt medizinisch fundierter Behandlung.

Was für ein langer Weg und grässlicher Weg so eine Behandlung, ist ist hier so plastisch wie drastisch geschildert. Thomas Buddenbrook der über einem faulen Zahn verstarb, hat hier eine wahrlich kundige Nachfolgerin gefunden.

Interessanter als die parteipolitischen Strategien hinter der Wahl von Ram Nath Kovind ist die Geschichte von Laxmiben Maheria, die sich für die Rechte und den Zugang von Frauen aus den vielen Dalit-Kasten einsetzt . Unerschrocken und ohne Ambitionen auf Wählerstimmen in den Kongresswahlen 2019.

There is no such thing as a free lunch. Schon gar nicht bei Mietwagen.

Die Notaufnahmeschwester über das Warten.

Der Tierarzt wäre natürlich nicht der Tierarzt hätte er nicht Mädchenmusik für mich dagelassen.

40 Stunden

In fast 40 Stunden Berlin kann man zweimal im See schwimmen, einmal alle Fenster putzen, dreißig Minuten Klavier üben, einen großen, gelben Plastikeimer mit roten Johannisbeeren pflücken, eine letzte Erdbeertorte backen und den endgültig durchgelaufenen Sandalen hinterhertrauern. An der Spree sitzen und erst fährt einem der Wind und dann der Tierarzt durchs Haar. In 40 Stunden funkeln die Sterne ziemlich wild und die Liebespaare küssen sich unter dem weichen, gelben Licht einer Laterne. Unter dem Lampenkegel halten die Motten ihren jährlichen Sommerball ab und mir fällt ein: in diesem Sommer habe ich noch nicht einziges Mal getanzt. Dafür ein ernsthaftes Telefongespräch geführt. Holzhärten in einer Werkstatt ausprobiert, Postkarten an Deniz und Mesale geschrieben, zur Post preschen und den Postbeamten, der 18.01 Uhr noch Briefmarken verkauft, erst umarmt und dann auf ein Eis einladen, fast vergessen die Postkarten in den Postkasten zu werfen, auf einem Bein hüpfen, mit dem Tierarzt ausprobieren, ob unsere Arme wohl weit genug reichen, um die Kastanie zu umarmen (fast treffen sich unsere Fingerspitzen) . Mit der alten Freundin Wildtaube über einer Handvoll Rosinen ( die Wildtaube ) und einer Tasse Milchkaffee ( das Fräulein Read On ) eine halbe Stunde verratschen. Eine dreiviertel Wassermelone verschlingen. Wassereis für die Nachbarskinder machen und bestaunen wie schnell sehr viel Eis in Kindermündern verschwindet und mit noch mehr Vergnügen feststellen, dass der Tierarzt an halbgeeister Wassermelone am Stiel, Gefallen findet. Wer hätte das gedacht? Adam Thorpe’s Ulverton zu Ende lesen und sich gleich darauf in Chimamanda Ngozi Adichies Americanah stürzen. Eine ganze Menge Arbeit erledigen. Endlich einmal alle Bleistifte anspitzen. Den Tierarzt in der Hängematte in den Schlaf schaukeln. Die ewig dicken Shetlandponyhaare waschen und beim Kämmen einen Kammzinken in selbigem Haar verlieren. ( Glaubt man es denn? ) Einer Freundin die Zehennägel nach der OP im Krankenhaus lackieren.( Mintgrün ). Immer noch mehr arbeiten. Den Fahrradschlüssel suchen. Endlich den Fahrradschlüssel wiederfinden. Ein Honigbrot essen. Mit Freunden auf einer Dachterrasse albern sein und dann sehr ernst. Sich ernstlich Sorgen machen und dann noch ein paar Sorgen mehr. Die ersten Tomaten ernten und Abends noch einmal die Fledermäuse zählen. Einen Knopf annähen und sehr oft gähnen. Der lieben C. ein Gartenfürsorgepaket schicken. Glenn Gould beim Klavier spielen zuhören. Auf den Gesang der Nachtigall warten. Die Nachtigall schweigt. Ein Gedicht von Hilde Domin geschenkt bekommen können. Unverhältnismäßig oft niesen, die Füße auf die Balkonbrüstung legen und den Regentropfen bei der Wanderung über die zehn Zehenberge zusehen. Den Tierarzt im Gartenstuhl im Zwiegespräch mit der Kröte belauschen. ( Ja, das macht man nicht.) Schon wieder Eis für die Nachbarskinder und dann die Zinkwanne mit Wasser füllen für das kleinste der Kinder mit Ambitionen doch einmal alle sieben Weltmeere zu bereisen. Weiterarbeiten. Weiteratmen. Fernweh bekommen und ein Päckchen aus Italien. Von einem so schrecklichen Alptraum heimgesucht werden gegen den nichts hilft, auch kein kaltes Wasser. Im Garten einen großen Blumenstrauß pflücken ganz für mich allein. Hummelgesumm bestaunen und von einem ganz anderen Leben träumen. Alte Briefumschläge in die Hand nehmen. Die Handschrift meiner Mutter. Aufhören zu atmen.
Den Tierarzt zum Bahnhof fahren. Der Tierarzt hält sein luggage holdall in der einen und ein Englisch-Deutsch Wörterbuch in der anderen Hand. Ich versuche dem Tierarzt zu erklären, dass Mädchen eines der deutschen Lieblingswörter des Tierarztes sich nicht uneingeschränkter Beliebtheit bei deutschen Frauen erfreut. Aber das lernt der Tierarzt in unter 40 Sekunden als er eine Frau beim Koffer tragen zur Hand gehen will: „Mädchen, soll ich anfassen helfen?“ „Finger weg“ herrscht die Frau ihn an und der Tierarzt hält sein Wörterbuch ein bisschen fester. Ich winke immerhin mit einem weißen Taschentuch. „Auf nächste Woche“, rufe ich ihm hinterher.
Andere Bücher und ein anderer Schlüssel. Wieder zum Flughafen. Der Flug fällt aus. Mit zusammengebissenen Zähnen und nur mühsamen unterdrückten Fluchen eine komplizierte Ersatzroute zusammengeflickt. Erst gezögert, dann doch noch einmal nach Hause gefahren. Drei Stunden später die komplizierte Rückreise begonnen und 40 Stunden später wieder in Dublin ins Büro gelaufen.

Reparaturen

Am Samstag  machte der Tierarzt eine schauderliche Entdeckung. Er hat seinen Führerschein in der tierärztlichen Arbeitshose vergessen und mit in die Waschmaschine getan. Der Führerschein des Tierarztes nämlich ist kein Plastikkärtchen, sondern ein papiernes, zerknicktes Ding aus früher Vorzeit. Der Tierarzt hat seinen Führerschein im UK gemacht und weil die Umstände so waren wie sie waren oder das Laminiergerät kaputt, so trug der Tierarzt für Jahrzehnte das dünner und dünner werdende Papier von Hose zu Hose bis es in der Waschmaschine landete und bei 60 Grad Eco Spar die letzte große Reise antrat, denn als der Tierarzt panisch nach der feuchten Hose griff, war vom Führerschein nur noch Papiergatsch übrig und der Tierarzt verzweifelt. Da der Tierarzt aber trotzdem nach Lamas mit Haarausfall und Krokodilen mit Zahnweh sehen muss, fuhr die Dame des Hauses den Tierarzt umher und der Tierarzt hatte ein grauslich schlechtes Gewissen, das er nicht haben muss, denn so oft wie der Tierarzt mich aufliest, so lange kann die Neuausstellung des Führerscheins schon nicht dauern. ( Aber es dauert wohl doch länger als gedacht, denn erst muss man die irische Führerscheinstelle zu einem kleinen Ort in Wales Kontakt aufnehmen und die Führerscheinbestätigungsbeauftragte ist im Begriff ein Kind zu bekommen.) Aber wir fahren ohnehin weg und der Tierarzt weigert sich standhaft auf dem Kontinent zu fahren. „Die Dame fährt“ sagt er und es klingt als klapperten wir nicht mit dem Oldsmobile über die Straßen, sondern führen sechsspännig in einer Kutsche durch die Lande.

Aber bevor wir noch die Insel verließen kam der Sonntag und ich küsste den Tierarzt auf die Nasenspitze und arbeite von acht bis acht im Büro und um neun war ich zurück im Dorf. Zuhaus traf ich auf einen geknickten Tierarzt und aus Solidarität eine traurige Katze und einen wimmernden Hund. „Tierarzt?“ fragte ich, was ist euch drei Hübschen geschehen?“ Der Tierarzt vergräbt den Kopf in den Händen: „Mädchen, die Waschmaschine ist hinüber.“ Ich besehe die Waschmaschine und nicke. „Tierarzt“ sage ich, „dass kommt vor.“ Die Waschmaschinenhersteller wollen auch leben. „Wir schaffen morgen eine neue Maschine an.“ Der Tierarzt sieht so aus, wie ich mir ein Krokodil mit Zahnweh vorstelle und schüttelt den Kopf: „Das ist doch nicht normal, erst der Führerschein, dann die Waschmaschine. „Tierarzt, sage ich, Dinge gehen verloren und manchmal geht eine Waschmaschine einfach kaputt, das ist nicht schön, aber und noch dazu sind wir in der famosen Lage, einfach in einen Waschmaschinenladen zu gehen und eine neue Maschine anzuschaffen.“ Der Tierarzt aber sieht mich noch immer verzweifelt an: „Aber ich bin schuld, verstehst du nicht?“ „Tierarzt“, sage ich seufzend: „Hast du mit einem Hammer auf die Waschmachine einegschlagen?“ Nein, nun dann kannst du wohl nicht schuld sein.“ Der Tierarzt aber sieht mich zweifelnd an. Dann werfe ich Bücher in das luggage holdall, die Dienstag mit nach Berlin sollen und bin ganz müde. Der Tierarzt aber steht lange am Fenster und fragt: „Soll ich auf dem Sofa schlafen?“

Am Montag Nachmittag kaufen wir eine neue Waschmaschine und zwei Stunden später kniet der Waschmaschinenmaschinenmann in der Küche und ich reiche ihm Werkzeug an, der Waschmaschinenmaschinenmann erzählt mir von seinem Drachen von Schwiegermutter, ich koche Kaffee und reiche Kuchen an, denn meine Großmutter versicherte mir nachdrücklich, dass man niemals an gutem Kaffee und Kuchen für Handwerker sparen sollte, denn dies zahle sich drei- und vierfach aus und dann nahm sie mich mit hinunter in den Hof, wo der Vorgänger des Oldsmobiles stand, zeigte mir wie man einen Reifen wechselt und ließ mich üben, bis ich es ihr nachtun konnte. Dann lächelte sie und sagte: „Kind, Du siehst, wer kann, der muss nicht.“ Ich nickte und brauchte Wochen bis ich die letzten Ölflecken los war. Am Montag aber willigte der Waschmaschinenmann bereitwillig ein die kaputte Maschine mitzunehmen und zu entsorgen und sah mich sehr erleichtert, denn die Vorstellung, dass der strichdünne Tierarzt und das zwergenhafte Fräulein die Waschmaschine in den alten Volvo hieven, war keine Schöne. Ich winkte dem Waschmaschinenmann und erst dann fiel mir auf, dass der Tierarzt nirgendwo zu sehen war. Ich fand ihn schließlich im Garten. „Ich schäme mich so, sagte der Tierarzt“ und ich wusste nicht mehr was zu antworten wäre und schüttelte den Kopf. „Komm sage ich, wir müssen packen“ und strich dem Tierarzt über das Haar.

Heute morgen schließlich rief ich dem Tierarzt etwas eilig, denn ich bin ja immer eilig zu: „Tu mir die Liebe und gieß mir einen Schluck Milch in den Tee“ und der Tierarzt, der doch den Kühlschrank meidet, wie wenig sonst, nahm sich ein Herz und ich trocknete mir die Haare, während Schwesterchen mir Ankunftszeiten diktierte. Schon aber schrie der Tierarzt auf und ich schmiss Schwesterchen Küsse hinterher, band mir das Haar zum Zopf und fürchtete dem Tierarzt sei die Flasche entglitten und in seinen Füßen steckten Scherben über Scherben. Dabei flockte nur die Milch im Tee. „Tierarzt“, sage ich, meine Schuld, mir war entfallen, dass die Milch schon weit über die Zeit über ist.“ Der Tierarzt aber geht schweigend aus der Küche und ich trauere kurz um den sorgfältig gehüteten Kefir, den der Tierarzt mit der Milch verwechselt hatte. Dann denke ich an viele andere Sachen, die es zu bedenken gilt, schließt man die Haustür für ein paar Tage hinter sich zu. Dann fahren wir zum Flughafen, also ich fahre den klapperigen Volvo und der Tierarzt sieht mich an: „Was willst Du eigentlich mit jemanden wie mir.“ Mir wird das Herz schwer und mit steinschwerem Herzen verfahre ich mich immer, dabei haben wir gar keine Zeit uns zu verfahren. Mit hängender Zunge erreichen wir das Flugzeug und über dem Meer schläft der Tierarzt ein. Ich starre auf das Buch in meinen Händen, aber lesen kann ich nicht und ich ziehe seine Hand zu meinen Rippen. Manchmal denke ich, geht eine Waschmaschine kaputt und man lernt wenig über Ventile und mehr über die Ehe, die da vor einen war, als durch all die Fragen und das was man lernt, will man nicht wissen, denn das wenn Schuldige gesucht werden, Schuldige gefunden werden, das wusste ich schon und niemals hat dies eine Sache, eine Ehe oder ein Leben zum Besseren gewendet. Die Hände des Tierarztes aber sind kälter als sonst.