Sonntag

In der Nacht zweimal vom vermeintlichen Tropfen eines Wasserhahnes aufgewacht. Weder in der Küche noch im Bad aber tropfte ein Hahn. Die Katze, die den Hahn aufbekommt, schlief tief und selig und der Hund käme nicht auf die Idee sich selbst zu Getränken zu verhelfen. Damit ist es also bewiesen: es spukt bei uns und da auch Gespenster nicht Durst leiden sollen, zucke ich mit den Schultern, trinke selbst ein großes Glas Wasser und gehe zurück ins Bett. Am Morgen sagt der Tierarzt:„Mädchen, mir war in der Nacht als hätte der Wasserhahn getropft.“ Eindeutig Gespenster.

Dann wickele ich mich in einen warmen Bademantel und gehe hinunter ans Meer. Lange schwimme ich im Regen, der fein und grau Meer und Himmel überzieht. Kalt ist das Wasser und doch von eisiger Schönheit. Erst als ich meine Füße nicht mehr spüre, schwimme ich zurück ans Ufer. Eine ganze Weile liege ich im feuchten Sand, dann kommt der Tierarzt und legt sich dazu. Wir zählen die Wolken und erzählen uns Dinge, die man sich nur an kühlen Sonntagmorgen erzählen kann, wenn das Meer die Geschichten sogleich mit sich in die dunkle Tiefe zieht. „Du bist ganz kalt, Mädchen“, sagt der Tierarzt schließlich und ich nicke. Langsam gehen wir zurück ins Dorf. Ich mache Tee und der Tierarzt röstet Scones, die Katze schlürft Milch und der Hund stolpert über seinen roten Gummiknochen. Die Untertasse mit Milch fliegt scheppernd um. Handgemenge zwischen Hund und Katze. Der Hund muss auf die stille Treppe, die Katze wird in den Garten geschickt. Wir trinken Tee und der Tierarzt quält sich mit einem Scone. Ich dusche heiß und während der Tierarzt mir aus der Zeitung vorliest, schlafe ich wieder ein. Dann geht der Tierarzt auf einen Sprung zu Kälbchen herüber, um es mit dem eigens angeschafften Reisigbesen unter dem Kinn zu kratzen. Zwei Tage war Kälbchen trotzig und hielt dem Tierarzt die Canada-Reise vor. Zwei Tage lang blökte Kälbchen verstimmt, schnaubte bitter und verweigerte die Annahme von- vorgeschnittenen Äpfeln und Möhren ( das Fräulein darf diese richten ) und der Tierarzt schwor mit tränenglänzenden Augen, dass Kälbchen ganz bestimmt: „Du liebst mich überhaupt nicht mehr“ geblökt habe. Aber am dritten Tag aber war Kälbchen wieder frech und guter Dinge und dem Tierarzt von Herzen zugetan.

Ich schäle Karotten, salze und pfeffere den Lachs, gebe Rosmarin, Zitronensaft, Knoblauch und Za’atar dazu und schiebe den Fisch mit Kartoffeln und Möhren in den Ofen. „Ach, Read On“, ruft der Priester, „riecht das gut.“ Ich bin eitel genug mich zu freuen und der Tierarzt deckt den Tisch. Gerade als ich die Platte mit dem Fisch zum Priester reiche, klingelt es an der Tür. Ein älteres Ehepaar aus Dänemark wandert durch Irland und sie hat sich eine böse Blase gelaufen: „Ob wir wohl…?“ Ich suche den Verbandskasten und der Wandersmann bittet um ein Glas Wasser und die Benutzung des Badezimmers. Das letzte Haus im Dorf zu sein, ist nicht nur von Vorteil, sondern Wanderer, Radfahrer, Reiter und Schatzsucher, die sich aber Geocacher nennen, fällt immer bei uns ein, was sie alles vergessen haben oder brauchen könnten und klopfen gegen die Tür. Wir reichen Wasser, pflastern Füße und legen ein Gästehandtuch ins Bad. Als sich die Tür hinter den Wanderern wieder schließt, fehlt im Bad die Seife. ( Bergamotte-Lavendel). Die Beiden werden sie wohl nötiger haben als wir.

Dann aber doch Gabelkratzen und hymnisches Juchzen des Priesters. Der Priester sieht sehr glücklich aus und das macht mich sehr froh. Endlich einmal bleibt nichts übrig. Das wiederum macht den Tierarzt sehr froh. ( Zwei Kartoffeln, Baby!) Der Priester und der Tierarzt waschen erst ab und gehen dann zum Priester hinüber irgendeinen Sport im Fernsehen ansehen. Ich rolle mich wieder auf dem Sofa zusammen und der Hund und ich schlafen seufzend ein. Dann klingelt das tierärztliche Telefon.

„Tierärztliches Telefon, Fräulein Read On am Apparat, wie kann ich Ihnen helfen?“ Ähm, Fräulein Read On, hier ist der Zoodirektor ein Känguru plagt heftiger Rückenschmerz. Ob der Tierarzt wohl…?“ Ich seufze und eine halbe Stunde später rollen wir mit dem Volvo erst in der Tierarztpraxis vorbei und fahren in die Stadt zum Zoo. Das Känguru sieht sehr grimmig drein und hat sehr große Füße. „Read On, kannst du mir helfen?“, fragt der Tierarzt und ich muss mich wirklich sehr überwinden mit anzufassen. Das Känguru schwingt unlustig seinen Schwanz und starrt mich missmutig an. Der Zoodirektor erklärt uns, dass das Känguru sich den ganzen Tag den Rücken gehalten habe und dann fiel es einfach um. So ein Känguru ist ziemlich schwer und dann die seltsamen Füße. Der Tierarzt macht tierärztliche Dinge und ich reiche tierärztliche Dinge an und Kängurus riechen nicht wirklich gut, aber ich finde meine Abneigung auch ein bisschen peinlich und nehme mich zusammen, das kann ich ja so gut. Irgendwann nickt der Tierarzt und ein Zoopfleger wird die Rekonvaleszenz des Kängurus begleiten. Ich wasche mir sehr lange die Hände und der Zoodirektor bedankt sich wortreich. Immerhin bekommt man als Tierarzthilfskraft ein Grantapfeleis und der Tierarzt murrt fast gar nicht über seine Kugel Erdbeereis und erzählt begeistert über andere verunfallte Kängurus. Ich nicke und versuche die grausigen Kängurufüße zu vergessen. Dann fahren wir zurück nach Hause. Die Katze starrt uns tödlich beleidigt an, so lange war sie schon lange nicht mehr im Garten, der Hund jault vor Begeisterung über unsere Rückkehr und der Tierarzt zieht mich auf das Sofa zurück. „Komm sagt er Mädchen, Sonntage sind zum Küssen da.“

13 Gedanken zu “Sonntag

  1. Für die nächste, zu behandelnde, Kängurupfote sollte sich der Tierarzt nach einer anderen Assistenz umschauen. 😷

      • Das glaub‘ ich auf’s Wort, das mit der Frau des Krämers. Es gibt ja noch den Priester, der sich als *barmherziger Samariter* darf. 😉

  2. Liebes Lesefräulein,
    es macht mich ganz ratlos, was für Menschen Ihnen immer wieder vorbeigespült werden: Gutes vergilt man doch mit Gutem und nicht, indem an eine auch noch so gut riechende Seife mit sich nimmt …
    Herzliche Sonntagsgrüße am Montag dennoch!

    • Ach, man soll mit warmer Hand geben, wer weiß vielleicht war die Reisekassa knapp oder ihre eigene Seife roch scheußlich…Ich Grüße herzlich zurück!

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