Zu Boden gehen

Als die Nachtschicht am Freitag Morgen endet geht über Dublin die Sonne auf. Es lohnt sich nicht noch einmal zurück aufs Dorf zu fahren, beschließe ich und fahre in die Univresität. „Tierarzt“ sage ich, „es ist Birchermüsli im Kühlschrank, bitte iß doch ein Schälchen,ja?“ „Soll sein, Mädchen, soll sein, sagt der Tierarzt und dann: „Mädchen leg dich aber heute untertags wenigstens eine Stunde hin, ja?“ „Soll sein, Tierarzt, soll sein.“ Dann lege ich auf und ratsche mit der Zugehfrau, die um 6.30 Uhr fast fertig ist mit dem Saubermachen und deren Sohn gerade Schulabschlussprüfungen hatte. Er ist der erste in der Familie, der einen Schulabschluss macht. Ihre Schule wurde im Krieg zerstört und dann zerstörte der Krieg ein ganzes Land. Die Zugehfrau ist aus Sierra Leone und ihr Sohn macht gerade mehr als einen Schulabschluss. „Read On“ sagt sie streng „ sie müssen auch einmal schlafen.“ Ich nicke und gelobe Besserung. Dann fängt der Tag mich ein. Ich schreibe und telefoniere, ich renne Treppen hinauf und hinunter, und dann noch einmal hinauf ( den grünen Aktenordner hatte ich liegen lassen.) Wieder klingelt das Telefon, ich verschwinde in der Bibliothek, und tauche bücherbeladen wieder auf . Für einen grässlichen Moment glaube ich, mir sein der „WICHTIGWICHTIG“-USB Stick abhanden gekommen, aber er war nur in der linken statt rechten Rocktasche. Ich puste siebenundzwanzig Mal über den Tee und verbrenne mir doch die Zunge. Dann klingelt schon wieder das Telefon. Fast noch pünktlich rausche ich in das Konferenzzimmer hinunter. Für zwei Stunden versuche ich nicht zu gähnen und bloß keinen der Punkte auf dem grünen Zettel zu vergessen. Ein bisschen tanzen die Buchstaben, aber das mag auch am Wind liegen, der die Bäume vor dem Fenster tanzen lässt und Schatten über das Papier wirft. Bestimmt glühen die Augen des ungeliebten Kollegen auch nicht, weil ich so müde bin, sondern weil das Sonnenlicht schräg durch das Fenster fällt und er auf einmal gelbäugig zu mir herüberstarrt. Ich pfeife meiner wunderschönen Chefin hinterher, die im roten Leinenkleid vorüberläuft und sie wird wirklich rot. Zum ersten Mal an diesem Tag bin ich wirklich wach. Für zehn Minuten sitzen wir auf dem warmen Rasen vor der Universität. „Was Du für ein wunderschöner Mensch bist“, sage ich ihr und bin selbst überrascht wie ernst es mir ist. Jetzt ist sie wirklich so rot wie ihr leuchtend- rotes Kleid und muss sich eilen, um rechtzeitig zum Flughafen zu kommen. Ich klopfe mir das Gras ab, denn schon wieder klingelt das Telefon, ich beantworte eine E-Mail nach der anderen und habe das unheimliche Gefühl, dass es immer mehr werden, anstatt weniger. Dann hat die B. eine Frage und aus der Frage wird ein ziemlich, großes Problem, das gelöst werden muss. Die B. schluchzt und ich nehme eine Aspirin-Tablette bevor ich wieder nach dem Telefonhörer greife. Zum Glück hat die Frau am anderen Ende der Leitung irgendwo einen Vermerk mit: „Read On, stur wie der Esel sieben, Abschütteln sinnlos“ und als ich auflege, kann ein Formular auch noch am Montag nachgereicht werden. Die B. schluchzt wieder und dann höre ich ein dumpfes RUMMS. Ich jage wieder die Treppen nach oben. Dem G. ist es gelungen den vollbeladenen Geschirrspüler umzustoßen. „Read On“, ehrlich ich schwöre ich wollte mir nur einen Tee machen.“ „Im Geschirrspüler G.?“ Der G. schüttelt den Kopf: „Natürlich nicht. Ich brauchte halt eine Tasse.“ „Das hat ja gut funktioniert, sage ich und dann bin ich sehr lange, damit beschäftigt eine ganze Geschirrspülladung voller Scherben in Kartons zu stapeln und in den Müll zu schaffen. Der G. steht greinend daneben und beklagt sich über die Ungerechtigkeit der Welt, die ihm eine Tasse Tee verwehrt. Ich sauge Glassplitter auf und erinnere den G. wie er ganz ohne sein Zutun einen riesigen Aktenschrank zum Umfallen brachte. Dann endlich ist der G. still. Der Geschirrspülautomat rumst erst mürrisch und als ich denke, er ist kaputt hickst er und funktioniert wieder. Dann hole ich Ersatzgeschirr. Da ist der G. schon lange nicht mehr da. Ich packe meine Sachen zusammen und gehe einkaufen. Das geht nicht besonders gut, denn ich sehe auf den Blumenkohl in meiner Hand und weiß nicht mehr, was das eigentlich ist. Also trolle ich mich und warte auf den Zug. Der Zug hat Verspätung und mich befällt der unangenehme Gedanke etwas vergessen zu haben. Aber die Schlüssel, die Geldbörse und Unterlagen sind in der Tasche. Aber auch im Zug kann ich nicht aufhören immer wieder in der Tasche zu kramen, aber ich finde nicht was ich suche. Dann laufe ich durch das stille Dorf und winke der Frau des Krämers, die mir zuruft, dass ich aussehe wie einmal durch die Mangel gedreht. Die Frau des Krämers kann Komplimente. Dann öffne ich die Wohnungstür und zweimal fällt mir dabei das Schlüsselbund aus den Händen. Dann fällt mir ein, was ich vergessen habe: ich wollte mich doch wenigstens für eine Stunde hinlegen. Aber mehr erinnere ich nicht, denn als zwei Stunden später der Tierarzt aus dem Zoo zurückkommt, stolpert er über mich auf dem Flurläufer: WhatthehelljesusMädchenisthatyou? Sehr langsam mache ich die Augen auf. Neben mir liegt meine Tasche und ein Schuh liegt vor Tür. Aber auf das Sofa habe ich es nicht mehr geschafft, sondern muss direkt auf dem Kokosläufer eingeschlafen sein. „Ach Mädchen“, sagt der Tierarzt und zieht mich zu sich heran. Aus dem Flurspiegel sehen uns ein Mann, der nicht essen kann und ein Mädchen, das vergisst zu schlafen an. Das sind wohl wir.

21 Gedanken zu “Zu Boden gehen

    • Ach der Himmel kümmert sich glaube ich nicht um uns. Aufopfern sehe ich nicht eher Schadensverringerung, aber bekanntlich steckt der Balken immer im eigenen Auge.

  1. Niemand ist unersetzlich, aber viele lassen sich ausbeuten. Das dankt Ihnen niemand (sagt der, der Kommentare ins Netz stellt, die auch niemand beachtet). Die Scherben im Geschirrspüler hätte der G. gefälligst selber aufräumen sollen, der Trampel.

    • Ha! Jetzt fischen Sie aber nach Komplimenten und das gelingt Ihnen sehr gut. Dieses Blog wäre nur halb so schön ohne Ihre Kommentare! Sie der elegante Ironiker mit dem Wörterbuch unterm am und der silbernen Zigarettenspitze, unbeachtet? Niemals.

      • Oh, erwischt? 😉 Aber auch Sie ignorieren, was ich geschrieben habe: Sie lassen sich zu sehr ausbeuten. You go off on a tangent, was Ihr gutes Recht ist, aber es bleibt nicht unbemerkt: Eine silberne Zigarettenspitze? Schöne Bilder entstehen in Ihrem Kopf.

    • Nein, der G. würde beim leisesten Versuch ein Bonbon zu klauen den Vorratsschrank herunterreißen. Ich weiß nicht, aber der G. der nun einmal sehr grob ist, kann das doch anders wieder gut machen. Hätte er das aufgeräumt, könnte man wahrscheinlich das Gebäude abreißen….

      • Wenn er auf sich allein gestellt gewesen wäre, weil niemand anderes mehr anwesend gewesen wäre, hätte er das Problem auch irgendwie lösen müssen und ganz bestimmt auch können, ohne das Gebäude in Trümmer zu legen. So war es natürlich viel bequemer.

        Hoffentlich revanchiert er sich auch.

  2. … fragt sich, wer eigentlich diese andere Read On ist, die das alles aufschreibt, während die schlaflose Read On zusammengesunken auf dem Teppich liegt.

      • Echt große Klasse , wie der Tierarzt und das Mädchen sich den Spiegel vorhalten. 😉
        Wer am Leben stirbt, weil das Herz auch für andere schlägt, das finde ich sehr in Ordnung.
        Und natürlich wünsche ich von Herzen, dass das noch gaaaaaaaaaaaaanz lange so sein kann. 💞

      • Hoffentlich nicht wegen mir (das schlechte Gewissen). Das wollte ich nicht erreichen. Es war nur mein erstes, spontanes Gefühl, das mich zu dem Kommentar hinreißen ließ. Ich weiß ja nicht mal, ob die Geschichte echt oder Fiktion ist. Ich halte mich nun lieber wieder zurück und lese nur. LG

  3. Die Quellen, die uns speisen, sind voller Geheimnisse. Was macht uns zu dem was wir sind? Was lässt uns tun, was wir tun? Wir wissen es einfach nicht. Nur auf eines sollten wir acht geben: sie dürfen nicht versiegen. Und das tun sie manchmal, wenn wir zu viel aus ihnen schöpfen.
    Take care of you, girl.

  4. Angst würde mir, vergäße das Fräulein aufs Schwimmen im Meer – dann erst hätte es sich verloren.
    (Kümmern Sie sich weiter umeinander.)

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