Einhundert Karten in das Gefängnis von Silivri

Man vergisst so schnell und mir geht es da nicht anders. Immer geht es weiter und immer geht es immer schneller. Boris Becker ist pleite und Helmut Kohl ist tot. In London verbrennen Menschen wie es sich nicht einmal Charles Dickens hat ausmalen können, in Deutschland ist es heiß und in Irland bläst ein kalter Wind. In Afrika hungern die Kinder schon immer, in Deutschland gibt es Antisemitismus-Experten und Anti-Antisemitismusexperten nur keine Juden mehr, vom Schlimmen geht es gleich weiter zum Schlimmsten und das Allerschlimmste muss am besten noch vor Redaktionsschluss komen.
in der Türkei aber werden jeden Tag Menschen verhaftet und immer wenn ich über neue Verhaftungen in der Türkei lese, frage ich mich ob es denn möglich ist ein ganzes Land gefangen zu nehmen, aber dann klingelt das Telefon und irgendwann klingelt mein Kopf und ich bin froh mich zu erinnern, welcher Wochentag eigentlich ist. Im März aber hat man auch Deniz Yücel verhaftet, einen deutschen Journalisten, der auch einen türkischen Pass hat und ich hörte die Nachricht früh am Morgen im Radio und es fuhr mir kalt durch die Glieder. So kalt wie bei vielen Nachrichten und ich beschloss einmal wenigstens nicht in das Kaninchenloch der Beschleunigung zu fallen, sondern mich einmal am Tag wenigstens für einen Moment lang zu erinnern, dass drei Flugstunden entfernt, Menschen im Gefängnis sitzen, weil sie kritisch berichten, weil sie Gedichte schreiben oder einen Roman, der nicht Recip Tayip Erdogan gewidmet ist. Seit dem 12. März habe ich jeden Tag eine Postkarte an Deniz Yücel in das Gefängnis Silivri nach Istanbul geschickt. Das Gefängnis ist keine osmanische Festung mit schwerttragenden Janitscharen, sondern Europas größtes Gefängnis. Eine Stadt in der Stadt, eine abgeschlossene Welt mit türkischem Nationalstolz und Sicherheitstechnik auf die sich stolz sein lässt. Stolz ist in Diktaturen ja eine besondere Kategorie. Stolz ist man auf harte Fäuste und scheppernde Hymnen und wenn man nicht weiter weiß, dann ist immerhin das Vaterland noch übrig, dass kann sich ja auch nicht mehr wehren. Nicht stolz ist man auf Dichter, Romanautoren und Dichter, die müssen deswegen hinter ausgefeilten, feuersicheren Türen und harten Wänden mit einer Handbreit Himmel verschlossen werden, denn die stolzen Vaterlandsfreunde bleiben am Liebsten unter sich und werden nicht behelligt. Gedichte lesen sie nur, wenn sie sich reimen, Bücher nur wenn sie auch wirklich langweilig sind und die Zeitungen schreiben sie lieber gleich selbst. Ich glaube ( und fürchte ) keine der Karten erreicht seinen Empfänger. Manchmal stelle ich mir vor, dass dort in Silivri in einer Amtsstube mit einem toten Gummibaum und einem Atatürkbild an der Wand ein Gefängnisbeamter, der seine spärlichen Haare quer über seine Glatze legt, die dort eintreffenden Karten in den Händen wiegt und vielleicht sind seine Hände auch ein bisschen feucht, denn selbst ein treuer Diener der Türkei kann wohl ein leichtes Unbehagen nicht verbergen über die Karten, die nicht ausgehändigt werden sollen, die sicherlich im offiziellen Sprachgebrauch der Gefängnisanstalt Silivri gar nicht existieren aber die doch Tag für Tag eintreffen. Die Karten sind übrigens denkbar simpel. Jeden Tag laufe ich quer über die Straße und kaufe eine Postkarte mit irischen Schafen oder den Klippen von Moher oder irgendeinem der vielen Naturmotive die Irland anbietet oder ich laufe hinunter in die National Gallery und kaufe Kunstpostkarten, so dass die Poststelle von Silivri inzwischen einen ganz guten Überblick über irische Flora und Fauna und europäische Malerei vom 15- 21. Jahrhundert haben müsste. Die Postkarten sind also an Harmlosigkeit nicht zu übertreffen und der Gefängniswärter oder der Gefängnispostellenbeamter, der die Karten vielleicht in eine Schublade wirft oder schreddert, vielleicht fragt er sich ja manchmal in einer stillen Stunde ob er wirklich Teil der globalen Terrorismusbekämpfung ist, die sich vor Postkarten fürchtet und aus Angst vor kritischen Artikeln nicht schlafen kann. Aber vielleicht hat man in Silivri gar keine Fragen mehr. Vielleicht ist der Postkartenbegutachter aber auch überzeugter AKP-Anhänger, trägt gewichste Lederstiefel, liest vor dem Frühstück Erdogan Zitate und bekommt feuchte Augen spricht dieser zum noch nicht verhafteten Volk und verspeist die Postkarten höchstpersönlich. Für das Vaterland muss man Opfer bringen.

Eine Karte am Tag ist nicht viel, aber manchmal sitze ich vor dieser Karte und bin mir nicht sicher, ob das Geschriebene nicht nur sehr banal, sondern auch eine Zumutung ist für jemanden, für den die Zeit nicht vergeht, für den nichts schneller geht, sondern der im Stillstand des Kosmos von Silivri lebt und Geschichten jener rasenden Welt erzählt bekommt, deren Teil er nicht mehr ist. Ich bin mir nicht sicher und die Karten sind kleine und winzig kleine Momentaufnahmen der Welt außerhalb von Silivri. Das ist die Idee, aber es ist auch die Hilflosigkeit und auch eine Notwendigkeit nicht. Ich kenne Deniz Yücel nicht und habe ihn auch vor seiner Verhaftung nicht weiter als aus dem Augenwinkel wahrgenommen. ( Was immer das über mich sagt. ) Es gibt also keine anknüpfende Ebene, sondern den Versuch mit einer Karte eine Tür zur Welt offenzuhalten. ( Es ist vor allem Hilflosigkeit ) Es ist aber auch eine Karte für die mehr als einhundert in Haft befindlichen Journalisten, wenigstens einmal am Tag irgendwo in Silivri soll sich jemand über diese Karte ärgern, denn Diktaturen werden so furchtbar ungern an das Unrecht für das sie sich so einsetzen, erinnert. Ich kann kein Türkisch schreiben und ich kann auch nicht einhundert Karten am Tag schreiben. So nüchtern ist es und ich wünschte es wäre anders. Der Tierarzt schreibt wie ich auch jeden Tag an eine Karte auf Englisch an einen Radio- Journalisten Mizgin Çay, Vorwurf: unklar.

Ich habe in einem anderen Land und in einem anderen Leben schon einmal über Jahre hinweg Karten und Briefe in ein Gefängnis geschrieben, ich kannte aber anders als dieses Mal den Inhaftierten ( Vaterlandsverrat ) sehr gut und schrieb lange Briefe. Eines Tages bekam ich meinen letzten Brief zurück. Da habe ich gewusst, dass ich nicht mehr schreiben muss. Auch daran denke ich jeden Tag, wenn ich vor der Postkarte sitze.

Auf ein Wort will ich es ankommen lassen. Weiter im Text also, weiter mit Karte 101.

22 Gedanken zu “Einhundert Karten in das Gefängnis von Silivri

  1. Da kommt man wirklich in’s Nachdenken. Karten in’s Gefängnis. Bei der letzten Buchmesse war ein kleiner Raum, der symbolisch die Zelle eines der Häfltinge in der Türkei darstellte. Wenn ich nicht wieder Namen verwechsele, ging es dabei um Deniz und wir haben uns einige Zeit mit den Organisatioren unterhalten. Dass er davon wüsste und es.. naja, helfen ist vielleicht das falsche Wort… aber eben, dass es guttut nicht vergessen zu sein.. Sinngemäß. Gehört zu den Dingen, die bei den vielen Eindrücken trotzdem im Gedächtnis geblieben sind.

    • Dieses Aus der Welt fallen will mir nicht aus dem Kopf gehen. Ich hoffe die Karten sind eine kleine Kerze Hoffnung in einer dunklen Nacht. Danke für Ihren Kommentar.

  2. „….sondern den Versuch mit einer Karte eine Tür zur Welt offenzuhalten. ( Es ist vor allem Hilflosigkeit).
    Gerade angesichts von Ohnmacht und Hilflosigkeit, empfinde ich diese vermeintlich wirkungslose Geste als
    Ausdruck menschlicher Anteilnahme. Und wenn viele Menschen ebenfalls versuchen *mit einer Karte eine Tür zur Welt offenzuhalten*, dann wächst die Hoffnung auf eine lebenswerte Welt für Alle mit.

    • Ich würde mir das auch wünschen. Einem Regime, das sich so vor Worten fürchtet, muss man doch schreiben. Mir fällt leider auch gar nichts anderes ein.

  3. Karte 101 (bereits?) in Zimmer 101 (schon wieder? immer noch!). Dann wird es Karte 102, aber es bleibt Zimmer 101, bis sie das finden, womit sie dich fertig machen können, das, wovor du am meisten Angst hast, bis sie dich brechen und du deine Freunde und Dich selber verrätst. Oder – auch dank der Unterstützung der Menschen, die dir zeigen, dass du nicht alleine bist – doch als Sieger hervorkommst. Selbst wenn es ein Pyrrhussieg sein sollte: eines Tages wird es für Erdogan vorbei sein, so der so, und Sie, Frl. ReadOn, werden dabei ein ganz kleines Bißchen mitgeholfen haben. Hut ab.

    • Sie haben Recht- wer weiß schon, was sich in den Zimmern 101 und den anderen ohne Nummer so abspielt und ob ein stück Papier da etwas ausrichtet, ich weiß es nicht. Aber immerhin mag es als Erinnerung daran dienen, dass Erdogan und Konsorten sich wirklich vor einer Postkarte fürchten und sie verschwinden lassen.

  4. Er ist nicht alleine und Sie/Du sind/bist es auch nicht. Und auch die schöne Synagoge nicht, an der ich an Arbeitstagen vorbeikomme, wo es ganz in der Nähe frisches Berches gibt, auch koscher für ihre Gläubigen und den feinen älteren Herrn, der seine Kippa so selbstbewusst und edel trägt.
    Eine große, warme Umarmung von mir ♥!

    • Ach, die Geschichte der Juden ist in Deutschland lange zu Ende. Dass es schöne, individuelle Geschichten gibt, ist tröstlich aber das jüdische Deutschland ist hoffnungslos verloren.

      • Daran mag ich einfach nicht glauben. Du bist Jüdin, ich Christin, so what? Du bist ein Mensch, ich ein Mensch, das ist für mich alles was zählt.

  5. Read on,
    danke für die Erinnerung. Ich habe Ihm heute auch mal wieder eine Karte geschrieben, und bewundere Deine Konsequenz, das jeden Tag zu tun.
    Dein Fantasie des glatzköpfigen Kartenwiegers teile ich, in meinem Kopftheater steht sein Schreibtisch unter einem Ergoganbild.
    Dummheit gehöhrt vermutlich genauso zum Menschsein, wie die Möglichkeit zu lieben. Ich sehe Antisemitismus in Deutschland auch Homophobie. Auch Minderheiten grenzen einander aus.
    Inwieweit Menschen, die sich Minderheiten zugehörig fühlen, sich trauen sich als zu einer solchen zugehöhrig zu zeigen, halte auch für eine individuelle Entscheidung.
    Gäbe es hier keine Juden, ich hätte B gestern Abend nicht umarmen können, dann ginge es mir jetzt anders.
    Auch ich renn nicht immer regenbogenfarbig rum, weiss nur von wenigen KollegInnen, ob und wie sie glauben und lieben.
    Vielleicht können wir ganz klein schauen, was sich verändern lässt.

    • Danke, dass Sie auch schreiben. Ich will so fest hoffen, wie ich kann, dass jedes Wort hilft und die kleinen Schritte die sind es wohl, die wir brauchen und alle miteinander machen müssen.

  6. Ja, Antisemitismus gibt es (immer noch und wieder neu) in Deutschland und anderswo, ebenso rassistische, sexistische, homophobe Einstellungen und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.
    Read on ist ein Glücksfall für diese unsere Welt, zeigt sie doch (der Großmutter sei Dank), dass und wie das gute Leben für alle möglich ist. 💗

    • Oh, ich werde rot. Ich bin leider kein besonderer und schon gar kein besonders guter Mensch, und alles was ich bin verdanke ich tatsächlich meiner Großmutter. Ob das am Ende reicht…

  7. Keine Karte ist zuviel als Zeichen des Protests, jede Karte ist zuviel weil der Anlass ein Skandal, ein Verrat an den Menschenrechten und vor allem ein Verrat an der Türkei ist. Herr Erdogan und seine Anhänger mögen versuchen, das Rad der Geschichte zurückzudrehen und weiterhin einen islamistisch angehauchten Mythos beschwören, sie werden scheitern wie auch die Mörder des Islamischen Staats scheitern werden, wieder und wieder.

    • Die Logik ist mir auch so unbegreiflich. Es gibt ja realen Terrorismus, auch in der Türkei. Aber man versteift sich darauf unreelle Gefahren zu konstruieren und Menschen, die nun wirklich keine Terroristen sind, ohne mit der Wimper zu zucken, einzusperren. Ein Wahnsinn.

      • Ah, Sündenböcke büßen lassen für eigene Versäumnisse, die es zu kaschieren gilt, ist eine grausame Konstante menschlichen politischen Handelns. Ein Wahnsinn, genau wie Sie sagen, immer wieder und immer wieder kommen Politiker damit durch und immer wieder nehmen die Regierten es hin – solange sie selbst nicht die Sündenböcke sind. Dennoch, ich verliere den Glauben an das Gute nicht – ein Glauben, denn es widerspricht meiner Erfahrung und der Vernunft. Ich kann nicht anders. 😄

  8. Statt eines Gefängniswächters stelle ich mir vor, dass die Karten bei einem Mitarbeiter des Millî İstihbarat Teşkilâtı auf dem Schreibtisch landen. Anfangs las er sie eher genervt, weil ihm diese Aufgabe lästig war, seine Deutschkenntnisse haben ihm das eingebracht. Aber nach und nach faszinierten ihn die kontinuierlich eintreffenden Karten von ein und derselben Person, und er versucht seither, sich ein Bild von der Frau zusammenzupuzzeln, die so hartnäckig schreibt. Inzwischen wartet er regelrecht auf die Karten. Wenn er morgens ins Büro kommt, schaut er immer gleich als erstes, ob eine neue angekommen ist. Neulich, als es nachts lange wach lag, weil es viel zu warm zum Schlafen war, dachte er an den vielen Regen in Irland. Nachdem er sie für die Akten gescannt hat, vernichtet er die Karten nicht, sondern hebt sie alle auf, um sie eines Tages dem Adressaten auszuhändigen.

  9. Ihre Geschichten sind immer Kleinode, die mir das Herz aufgehen lassen, aber die Kommentare darunter sind ebenfalls wahre Schätze. So wie der von arboretum, ein ganzer Roman in wenigen Zeilen.

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