Zu Besuch bei Sigmund und Anna Freud in Hampstead.

Am Nachmittag fahre ich nach Hampstead hinaus. Immer wieder habe ich mir das schon vorgenommen und immer wieder kam etwas dazwischen, aber diesmal nicht. In Hampstead tragen die Männer hellblaue Leinenhemden und kaufen Lotus und Pak Choi auf dem Markt. Die Kinder rollern die Straßen hinunter und die Frauen trinken sehr gesunde Säfte und winken Männern wie Kindern zu. Ich aber gehe schon weiter, schnaufe eine steile Straße hinauf und zähle die Hausnummern herunter, aber das Haus welches ich suche, braucht keine Hausnummer, sondern hat eine blaue Plakette. 20 Maresfield Garden. Roter Stein und pinke Kletterrosen.

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Sigmund und Anna Freud in Hampstead

Hier hinein nämlich, in die sonnige Straße, rettete sich Sigmund Freund und hier lebte für lange Jahrzehnte seine Tochter Anne. Der Boden knarrt, betritt man das Haus und dann ist man ganz allein mit Sigmund Freud. Damals im 1938er Jahr da war Sigmund Freud 81 Jahre alt und die Wiener Berggasse verdunkelte sich mehr und mehr, denn die Nazis sie traten schon die Türen ein und mit dem 12. März 1938 schlossen sich die Türen der Freiheit für lange Jahre. Eine Berühmtheit war jener Sigmund Freund da schon lange, nicht nur der Begründer der Psychoanalyse, sondern ihre Verkörperung selbst. Aber Sigmund Freud war eben auch Jude und das wird einem nie verziehen, schon gar nicht im 1938er Jahr und Freud, der nicht glauben wollte, was sich da unten auf der Berggasse und in der ganzen, großen Stadt Wien abspielte, musste es glauben, als die Gestapo schließlich seine Tochter Anna verhaftete. Freud, der doch Träume sammelte, fand sich in einem nimmer endenden Alptraum wieder. Max Schur, Freund und Hausarzt hatte sie mit einer tödlichen Dosis, Gift versorgt, denn obwohl nach 1945 keiner wissen wollte, was sich in deutschen Konzentrationslagern abgespielt hatte, machte sich niemand im 1938iger Jahr noch Illusionen. Sigmund Freud, der sich um Anna sorgte stimmte der Ausreise zu, dieser aber ging ein diplomatisches Tauziehen voraus und ohne das unermüdliche Insistieren englischer und amerikanischer Botschaften wäre die Flucht wohl kaum gelungen. 32.000 Mark zahlt Freud mit Hilfe seiner betuchten Freundin Marie Bonaparte als ‚Reichsfluchtsteuer‘ und kurz bevor der rettende Zug Wien verlässt, steht wieder einmal die Gestapo vor der Tür. Die Herren wollen sich bestätigen lassen, dass Familie Freud keinen Groll im Herzen gegen die neuen Herren trüge. Freud schrieb: „Ich kann die Gestapo jedermann nur auf das Beste empfehlen.“ Natürlich haben sie es nicht bemerkt.Drei Waggons für ein ganzes Leben. Die Bibliothek konnte nur als Bruchstück mitgenommen werden, dafür der Schreibtisch und all die G*tter die auf jenem wohnen und die heute im angedunkelten Zimmer in Hampstead überirdisch und gelassen ihrer eigenen Wege gehen. Hell ist das Haus und lichtgeschwängert, weiße Geländer und bunte Teppiche liegen auf dem Boden. Natürlich steht die Couch, dieses Sofa, in dem sich die Geschichten eingegraben haben, im Arbeitszimmer. Ein Kissen mit verblichener hebräischer Schrift, eine schwere teppichartige Decke und ein Stich an der Wand, das Freud mit seinem Lehrer Charcot in Paris zeigt. Am Kopfende des Sofas steht ein bescheidener Sessel. Zuhören ist anstrengende Arbeit, sagt der Stuhl.

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Das Sofa aller Sofas.

Aber vor allem die Geschichten, die Träume, die Ängste, die Wünsche und die vielen Leben, die hier versuchten sich an das zu erinnern, was in der repressiven Wiener Luft, in der selbst der alte Kaiser kaum atmen keinen Platz haben sollte. Bis zu 10 Stunden heißt es, soll Freud den Patienten zugehört haben. Vor dem Schreibtisch der maßgefertigte Stuhl, denn Freud war ein liegender Leser und vor allem auch ein begabter Zuhörer. Alles in diesem Arbeitszimmer wispert eine Geschichte, mag sie auch noch so abgebrochen sein, noch immer sind alle Geschichten hier sorgsam behütet und aufbewahrt.

Im Oberstock des Hauses aber sind die G*tter nicht ganz so zahlreich, denn hier geht es um Anna, die praktisch, pragmatisch und lebensklug hier lebte und arbeitete, viele Jahre lang nach dem Tod ihres Vaters. Am meisten beeindrucken mich ihre robusten Wanderstiefel, die genau so aussehen als könnte man in ihnen problemlos, einmal die ganze Welt umrunden, ohne auch nur eine einzige wehe Stelle am Fuß zu haben. Aber Anna war nicht nur Sigmund Freud’s Tochter. Weit gefehlt Anna Freud war begabte und begeisterte Psychologin, streitbar und spezialisiert auf die Analyse von Kindern und Jugendlichen. Gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin Dorothy Burlingham gründete sie die Hampstead Nursery und kümmerte sich während des Krieges um Waisen und Kinder in Not. Auf einer Photographie beugt sie sich über ein Gitterbettchen und lacht dem Kind zu, aber nicht auf so eine schrill-überdrehte Weise, wie sie Erwachsenen so oft eigen ist, mit ihrem Dutzitzidu—-sondern ein wissendes, ein mitnehmendes, ein so ernstliches Lachen, dass man nicht genug staunen kann über jene Anna Freud, die mit einer Selbstverständlichkeit genagelte Schuhe trug und eine Frau nicht nur küsste, sondern auch mit ihr lebte. Auf allen Fotos schein sie genau das gerade sagen zu wollen: „So ist das nun einmal. Nun aber weiter zu anderen, ernsthafteren Dingen. Still staunt der Besucher und kann sich nur schwer losreißen, vom hellen Zimmer und der starken Anna.

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Im Garten

Das Museum ist ein sehr offenes Haus, wie seine Bewohner es gewesen sein mussten, mit der Freiheit die im Denken liegt und so stört sich niemand daran, als ich mich in den sonnigen Garten setze und in die rauschenden Bäume sehe, hier im Freud Museum in Hampstead sind Besucher wirklich willkommen. Bevor ich schließlich im Sonnenschein einschlafen kann, gehe ich noch einmal in die Diele, über die man das Haus betritt zurück. Dort in einem Glaskastel hängt der Mantel mit dem Freud Wien verließ, neben seiner Brille und dem Menü der Hochzeit mit Martha Bernays. Der Biesenmantel ist weder grün, noch grau oder braun, sondern ein starres Stück Stoff mit runden, dicken Knöpfen und scharf geschnittenem Kragen. Ein Stück Mantel, das auch ein Panzer ist, eine Hülle gegen die feindliche Welt, eine borstige Außenhaut, um das Innen des 1938iger Jahres irgednwie doch noch heraus zu retten, aus den Untiefen jener Jahre. Mit einem solchen Mantel, der einem die Wange zerkratzt, mit einem solchen Mantel rettet man wenn alles gut geht, die eigene Haut. Ich kenne den Mantel gut, denn es ist der gleiche Mantel der im Kleiderschrank meiner Großmutter hing. Es war der erste Mantel, den sie in einem DP Camp bekam, der erste Mantel nach Auschwitz. Meine Großmutter hat den Mantel ein ganzes Leben lang behalten, im Kragen des Mantels eingenäht der Name einer Frau, die sehr wahrscheinlich deportiert wurde. Die Adresse lautete Berggasse 4. Die eigene Haut retten gelingt nur selten ganz. Das kann man lernen, wenn man an einem Samstagnachmittag nach Hampstead in das Wohnhaus von Sigmund und Anna Freud fährt.

 
Freud Museum London, 20 Marshfield Gardens, Hampstead, London, Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag, 12-17 Uhr, Eintritt: 8 ermäßigt 4 Pfund, Tube: Finchley Road

( Wie immer gilt: Selbstbezahlt, Selbstgeknipst und Selbstgeschrieben ist es auch.)
 

 

7 Gedanken zu “Zu Besuch bei Sigmund und Anna Freud in Hampstead.

  1. Vielen Dank für den sehr lesenwerten stimmungsvollen Bericht. Einen Hauch eines Eindruckes über die Zustände vor Freuds Abreise aus Wien bekommt man in dem kleinen feinen Roman „Der Trafikant“ von Robert Seethaler.

  2. Nicht weniger beeindruckend die Wohn- und Lebensstätte Sigmund Freuds und seiner Familie in Wien:http://www.freud-museum.at/de/

    Auch wenn ich Freud’s Ödipuskomplex nicht viel abgewinnen kann, umso mehr seinem
    „Unbehagen in der Kultur“ und seiner unerschrockenen Vor-Arbeit zur Selbsterforschung.

  3. Ich kenne das Museum. Mich verbindet damit noch mehr. Mitte der 50ger, da war sie Anfang 20, hat meine Mutter in London gelebt. Da ist sie nicht nur Anna Freud, begegnet auch anderen Menschen, die zur Familie gehörten. Auch dadurch hat sie was ueber das Deutschland ihrer Kindheit aus einem anderen Blick gelernt. London war damals schon bunt. Mein Leben hat ihre Erfahrung bereichert: Sie hat mir vorgele t: Anders sein ist normal und was andere tun, interessant.

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