Ein unendlicher Sommer

IMG_2300.jpgDie Juninächte in Kensington sind noch immer mild und regnerisch zugleich. Der Mond hängt tief über den Dächern und noch immer sind die Häuser so herrschaftlich wie englisch treu. Die Bäume der Straße sind eine Geschichte des Empires für sich. Die Bewohner der Häuser lächeln leise und nur manchmal öffnet sich ein Tor und ein Auto fährt fast geräuschlos davon.

Fast immer ist noch alles genau so, wie in jenem Sommer vor vielen Jahren, als der D. und ich, das Haus seiner Eltern hüteten. Auch jener Sommer begann mit einem Vollmond und dicken Regentropfen. Der D. küsste mich unter einem Frangipani-Baum und wir sprachen nicht davon, dass die neue Freundin seines Vaters, mit dem Lieblingskleid seiner toten Mutter in der Stadt spazieren ging und vermutlich auch im Koffer den sie mit in den Urlaub nahm mehr als eines ihrer Kleider eingepackt hatte. Wir winkten dem Bentley bis er um die Ecke bog. Dann küssten wir uns und später saßen wir auf den Steinen, die das Bassin mit den Seerosen umschlossen. Wir wären gern aufgestanden, denn der Regen wurde heftiger und schon klebte uns die Kleidung an den Knochen. Aber wir waren wie festgewachsen, die Seerosen leuchteten weiß und schwer zu unseren Füßen. Später habe ich zähneklappernd in der großen, schwarzen Badewanne gelegen und in den Regen hinausgesehen. Der D. saß auf der Fensterbank und wir beide schwiegen, der Regen war ja laut genug. An einem anderen Abend da sprang die G., in einem goldenen Paillettenkleid, das ungefähr so viel gekostet hatte, wie ich damals in einem Jahr verdiente in den Pool, als eine goldene Nixe tauchte sie wieder auf. Schon damals ging die G. niemals einer Wette aus dem weg und als der betrunkene F2 seinen Siegelring in den Swimmingpool warf, war sie die erste, die wettete diesen auch in goldenem Kleid und goldenen, hochhackigen Sandalen herausholen zu können und natürlich die G. ihr Versprechen eingelöst. Getanzt haben wir in diesem Sommer als ob es um unser Leben ginge und vielleicht ging es das ja auch. Alte Platten in dunkel getäfelten Wohnzimmern mit Tischen an denen ohne Mühe die Queen samt Hofstaat beköstigt werden könnte und wer weiß, vielleicht kommt sie noch immer in eines jener Häuser zum Tee. Wir aber drehten uns nächtelang zur kratzenden Nadel der Plattenspieler und verliebten uns wechselseitig ineinander und trennten uns zwischen Atempausen. Obwohl es uns doch vor allem an Atem fehlte. Vielleicht zogen wir deshalb auch durch die Gärten. Lampions und kalter Wein. Mit dem D. ganz oben auf einem Dachfirst balancieren. Mit geschlossenen Augen und eng verschränkten Händen. Der D. drehte die Bilder seines Vaters um und ich hängte weiße Lampions im Garten auf. Die G. trug ein feuerrotes Kleid in jener Nacht und wir alle hörten erst ihr Lachen und dann spät in der Nacht, die Kerzen in den Lampions schimmerten nur schwach ein leises Platschen und plötzlich schwamm die G. stumm und still im Bassin und verschwand fast ganz in den Seerosen. Ophelia dachte ich und der D. sprang ins Wasser und zog sie heraus. Ophelia sagte sie und wir nickten, denn auch wir wollten mit dem Leben im eigentlichen Sinne nichts zu tun haben. Irgendwann war die G. wieder warm und trocken. Vielleicht war daran auch der 200 Jahre alte Brandy schuld und der D. wickelte die G. in einen Bademantel seiner Mutter. Manchmal verschwand der D. für Tage und manchmal war er nicht zurück, wenn es schon dunkel. Es dauerte ein paar Tage bis ich herausfand, wo der Friedhof war und der D. lag auf dem Grab seiner Mutter, verdeckt und kaum zu erkenne, zwischen all dem Efeu und den weißen Lilien, die ein Gärtner brachte. Ich zog den D. an beiden Händen wieder in die Welt zurück. Wie zwei Schlafwandler taumelten wir zurück und der D. hatte kalte Hände. Der Sommer aber , jener Sommer war warm und wir glaubten, dieser Sommer müsste reichen für ein ganzes Leben. Vielleicht ist das ja wahr. Am Ende des Sommers kehrte der Vater des D. schließlich zurück. Da hatten wir die die Sachen seiner Mutter schon in das Haus, in das er schließlich ziehen würde, gebracht. Sein Vater sagte nichts zu den leeren Schränken und schwieg über die geleerten Flaschen. Der D. fuhr auf zwei Jahre ins ewige Eis. Die G. packte eine leichte Tasche und eines Tages lag eine Karte aus Los Angeles in meinem Briefkasten. Es würden viele Sommer vergehen, bis ich sie schließlich wiederträfe. Ein jadegrünes Kleid trug sie am Flughafen und ich sah sie sofort. Ich aber begann nach jenem Sommer zu studieren und über meinem Schreibtisch hängt noch immer ein Bild von D. und seiner Mutter. Nach Kensington bin ich für viele Jahre nie wieder zurückgekehrt, bis zu dieser Woche. Auch in dieser Woche ist Sommer, aber niemand trägt ein goldenes Kleid und auch den Bentley habe ich nicht gesehen. Dazu habe ich zu viel gearbeitet und kaum aus dem Fenster gesehen. Drei Tage, dreimal 18 Stunden und doch als endlich alles erledigt ist, laufe ich durch die regenschwere Nacht, über den Kaminen steht der Mond und laufe die Straße hinunter. Das Haus des D. liegt dunkel in der Nacht. Nur hinter einem Vorhang schimmert ein kleines Licht. Aber der Frangipani Baum steht noch immer an gleicher Stelle und meine Hände finden unsere Namen. Eine ganze Weile lege ich meine Hände auf den Baumstamm und schließe die Augen. Dieser Sommer hört nicht auf zu sein, flüstere ich und denke an D. und G. Dann gehe ich zurück durch das stille Viertel. Schließlich fängt es an zu regnen, denn die Juninächte in Kensington sind noch immer mild und regnerisch zugleich.

8 Gedanken zu “Ein unendlicher Sommer

  1. „Der Sommer aber , jener Sommer war warm und wir glaubten, dieser Sommer müsste reichen für ein ganzes Leben.“
    Kein schlechter Glaube. ☀

  2. Diese Sommer werden wir nie vergessen, nicht wahr? Ob in Kensington, New York, Berlin oder einem namenlosen Fleckchen irgendwo auf der Welt. Es sind diese letzten Sommer, diese besonderen. Die, die noch leicht sind und doch schon schwer wiegen. Die, die nach Wein und Trauben und Küssen schmecken. Und nie mehr werden Wein und Trauben und Küsse so schmecken wie in jenem Sommer. Oh, sie werden immer noch köstlich sein, keine Frage. Sie werden neu schmecken, anders. Aber eine Zutat wird ihnen fehlen. Unbeschwertheit.

  3. Danke für die schöne Geschichte. War auch gerade erst in London zu Besuch, Haus hüten, Sommer genießen, weiter fahren, egal wohin, nur unterwegs. Was für ein schönes Gefühl von vollkommener Sinnlosigkeit. Much of Love!

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