Der verschwundene Leuchtturm

Mitten in der Nacht wache ich auf. Etwas ist anders als sonst, aber mir will nicht gleich einfallen, was diese Nacht von anderen Nächten unterscheidet. Neben mir schläft leise seufzend der Tierarzt, eine Hand über seine Brust gelegt, so als wollte er sich selbst festhalten. Wer weiß, vielleicht segelt er gerade in unruhigen Träumen über ein wogendes, schäumendes Meer, und zwischen ihm und dem Felsen kantig und schiefergrau, nur er und sein Boot. Vor dem Bett schläft den Kopf auf die Pfoten gelehnt der Hund. Wie der Tierarzt so seufzt auch der Hund tief und mit gerunzelten Brauen. Mag sein, der Hund träumt von Enten im raschelnden Schilf, zu hören doch niemals ganz zu sehen, gut verborgen auch vor neugierigen Hundenasen. Aber was weiß was man schon über die Träume der Anderen? Aber dennoch etwas ist anders, der alte Reisewecker meines Großvaters, der schon seit vielen Jahren neben meinem Bettkasten tickt, ist es nicht, denn treu wie eh und je zeigt sein verblichener, einstmals grün schimmernder Zeiger auf dreiviertel drei. Auch der Bücherstapel, dem ich durchaus erhitzte nächtliche Diskussionen zutrauen würde, raschelt nicht einmal ein kleines bisschen mit den Seiten, sondern Buch auf Buch schläft tief und fest, selbst die London Review of Books, die doch des Diskutierens nicht müde wird, schlummert selig und ich drehe mich langsam und vorsichtig, um weder Tierarzt noch Hund aus den Träumen zu reißen, den tiefen Fenstern, die zum Meer zeigen zu. Dunkel ist es, aber auch das ist nicht ungewöhnlich, aber etwas ist ganz bestimmt nicht, wie sonst. Erst einmal aber angle ich nach dem Glas Wasser, denn immer tobt dieser Durst in mir und stets muss ich ein großes Glas Wasser in der Nähe haben, das leere Glas halte ich mir an die Stirn. Dann fällt es mir endlich ein, der Leuchtturm draußen vor der Küste, dessen warnender Schimmer doch kreisförmig in regelmäßigen Abständen durch unser Fenster fällt, ist nicht zu sehen. Zu dicht kleben die Wolken, als undurchdringlicher Vorhang gespannt vor dem Fenster, zu hart prasselt der Regen gegen die Scheiben und zu tief hat die Nacht ihre Arme über uns ausgebreitet, als das der Leuchtturm dort draußen im tobenden Meer noch bis zu uns heranreichen würde. Ein schwarzer Eimer voll Kohle, eine Wolkendecke aus Zement ist diese Nacht, selbst der Regen schimmert nicht blau, sondern läuft als sei ein Tintenfass umgestoßen worden über die Fensterscheiben hinab. Der Leuchtturm aber, den ich seit der ersten Nacht in diesem Haus jede Nacht sah, bleibt verschwunden, als hätte ihn die Nacht, der Regen oder die Wolken verschluckt. Immer war der Leuchtturm der Dreh- und Angelpunkt meiner Nächte, und in den ersten Nächten in diesem Haus und dem fremden Bett, sah ich auf Stunden zum Leuchtturm hinüber und überlegte, wer einem wohl die Richtung weist, liegt man plötzlich in einem fremden Leben, das nicht passt, nicht am Morgen und auch nicht in der Nacht. Damals lag niemand neben mir im stillen Zimmer, nur die Katze schlief unten auf dem Sessel. Der Tierarzt war mir nur ein ferner Begriff aus den Erzählungen der Frau des Krämers und ich war fest entschlossen, diesen merkwürdig abwesend-anwesenden Mann, der offenbar eng mit der Krämersfamilie verbandelt war, auf keinen Fall zu mögen. Lieber sah ich aufs Meer hinaus und mir war als zwinkerte der Leuchtturm mir aufmunternd zu. Aber der Leuchtturm bleibt heute Nacht verschwunden. Vom ersten Leuchtturm fernab indes vom Meer erzählte mir meine Großmutter, vielleicht begann ja so überhaupt die Geschichte der Leuchttürme, damals ich in ihren Schoß gerollt, ähnlich wie die Katze unten in meine Strickjacke, ließ ich mir erzählen von jenem Dichter Aeschylus, in dessen Orestie ein eigens bestellter Wächter einen Leuchtturm in Flammen stehen sieht. Ein Zeichen sollte dieser brennende Leuchtturm sein, ein Zeichen für das Ende des schrecklichen Krieges um Troja die stolze Stadt. Doch schon damals, sicher und geborgen an meine Großmutter gelehnt schwante mir, dass ein brennender Leuchtturm ein Zeichen des Unheils ist, ein brennender Leuchtturm ebenso wie ein verschwundener Leuchtturm irgendwo im Dunkel der Nacht ist die Hoffnungslosigkeit selbst. Und die Geschichte, die meine Großmutter mir erzählte, die Geschichte nämlich in der Clytemnestra, die Frau Agamemnon, Aegisthus zum Liebhaber genommen hat, ist eine jener Geschichten, die so sehr ins Dunkle führen, dass kein Weg mehr ins Helle hinaus führen kann und der Heimkehrende Agamemnon findet keine Heimat, keine Penelope, sondern seine Frau würde ihn schließlich im Bade- ob er dabei wohl auf den Leuchtturm sah?- in einem Netz gefangen wie einen schlüpfrigen Fisch. Mich schauderte, aber meine Großmutter fand man müsse den Dingen ins Auge sehen. Auf einen Leuchtturm hatte sie aufgehört zu warten und wie immer wollte sie auch mich leise warnen, und wie immer verstand ich es erst viele Jahre später, vielleicht lerne ich es auch erst in den Nächten, in denen der Leuchtturm verschwunden bleibt. Damals aber wollte ich mehr über Clytemnestra hören, und meine Großmutter erzählte mir von der berauschend schönen Helena ihrer Halbschwester und ich verstand genau, denn meine Schwester ist immer die Schöne gewesen, noch immer noch heute ist Schwesterchen ein ganz eigener Leuchtturm. Doch dann jener Abend, jenes Fest für Helden zu dem auch der König von Mykene, Agamemnon geladen war und er Agamemnon sah sie Clytemnestra . Er sah sie und fiel vor ihr nieder, so kann ein Unglück beginnen und sie sagte: „Steh doch auf.“ Sie dreht sich um und Agamemnon läuft ihr hinterher und sie legt dem weinenden König die Hand auf den Kopf. Ihr Mann kommt herbei und Agamenon der weinende König, schlägt ihm den Kopf ab, tötet ihren Sohn und zwischen den abgeschlagenen Köpfen, zwang er sie mit ihm zu schlafen. „Du siehst Kind“, sagte meine Großmutter, nicht kann einen auf das Unglück vorbereiten.“ Ich sehe noch immer in die Nacht heraus. Agamemnon so heißt schliff sie an den Haaren nach Mykene, erst kamen die Kinder, dann kam der Krieg. 10 Jahre dauerte der Krieg um die stolze Stadt Troja und zehn Jahre hatte Clytemnestra hatte zehn Jahre lang Zeit den Hass wachsen zu lassen und schließlich, das brennende Feuer und der Leuchtturm von Atreus taten ihr übriges hatte sie Agamemnon im Netz und mit einem Beil den Kopf abgeschlagen. Das war das Ende nicht nur von Agamemnon, sondern auch seiner Frau. Dann schwieg meine Großmutter und strich mir über das Haar. Ich malte brennende Leuchttürme und fürchtete mich sehr. Der Leuchtturm aber mitten in der irischen See bleibt verschwunden, manche Nächte erinnern sich vielleicht an jene Nacht, in der ein Wächter ein Feuer sah. Weiter fällt der Regen gegen das Fenster, der Tierarzt dreht sich zur Seite und fährt mit einer Hand in meine Haare, mag sein, dass das wogende Boot seiner Träume einen Anker braucht, der Hund auf dem Teppich schnarcht inzwischen, die Uhr tickt und als ich am Morgen aufwache, steht der Leuchtturm stark und fest inmitten der grauen, wogenden See.

13 Gedanken zu “Der verschwundene Leuchtturm

  1. Ja manchmal vermisst man den Leuchtturm, der einem die Richtung anzeigt. Und die griechischen Sagen mag ich am liebsten von Michael Köhlmeier erzählt im Fernsehen auf ARD alpha ( früher br alpha).

  2. Ach, den Leuchtturm, den liebe ich auch sehr.
    Dass Homer ein bißchen viel ist für ein kleines Mädchen, kam der Großmutter nicht in den Sinn?
    Diese Geschichten, die man den Kindern erzählt, viel zu früh, brennen auf der Seele. Wenn wir Fieber hatten, las uns unsere Mutter Geschichten vor, die eigentlich immer schrecklich anfingen oder schrecklich endeten. In Kombination mit Mumps, Scharlach, Windpocken und Keuchhusten, war unser Kinderzimmer ein Hort dunkler Gestalten. Sie wohnten in den Vorhängen und Tapeten, unter dem Teppich und überall. Wenn es damals schon diese Impfstoffe gegeben hätte, wer weiß, vielleicht wäre ich nicht so voller Angst gewesen und hätte nicht ein halbes Leben gebraucht sie los zu werden.
    Oder ich hätte nicht gelernt, den Dingen ins Auge zu blicken.

    • Nein, meine Großmutter glaubte nicht mehr daran, dass man sich vor manchen Geschichten schützen müsste: „hinsehen Kind, man muss hinsehen.“ Ich habe als Kind die Bilder weder verstanden noch vergessen können. Die Welt war ein unendlich dunkler Ort. Einmal,ich hoffe das sehr, sehen wir gemeinsam zum Leuchtturm hinüber und die Sonne scheint.

      • Ja, das machen wir. Ich freu mich sehr darauf. Ich ärgere mich immer noch, dass ich das letzte Mal nicht den Mut hatte.
        Mit den Geschichten meiner Mutter geht es mir ãhnlich . Ich hatte solche Angst. Es ging immer irgendwie um böse Menschen, um Rache, Verbrechen und ähnliches. Einen Spruch daraus kenne ich noch : Nichts ist so fein gesponnen, es kommt alles an die Sonnen. Aber die Welt meiner Eltern waren Krieg und Hunger, es ging um Diktatur und Tod. Es ging selten gut aus. Aber was sag ich Dir das.

  3. Beim Lesen kamen mir Wolfgang Borcherts traurig-schöne Worte in den Sinn, die er seinem Werk 1946 voransetzte:

    „„Ich möchte Leuchtturm sein
    in Nacht und Wind –
    für Dorsch und Stint –
    für jedes Boot –
    und bin doch selbst
    ein Schiff in Not!“

    Gut zu wissen, daß von Ihnen am nächsten Morgen „der Leuchtturm stark und fest inmitten der grauen, wogenden See“ wieder gefunden werden konnte – wie Sie selbst vom Herrn Tierarzt.

    • Ach, wunderbar Wolfgang Borchert- ich habe so lange nicht an ihn gedacht. Das ist eine so gute Erinnerung. Ich danke Ihnen sehr und von Herzen.

    • Ein dicker, sturmtrotzender Leuchtturm und zum Glück fast immer zu sehen. Der Hund indes hat die Seele eines verschreckten Hasen und schläft auch deshalb im Zimmer, weil er sich im Flur allein graust….

  4. Ich bin ja gerade so alt genug, um noch zu wissen, wie es sich nachts allein auf See anfühlt, wenn man seine Position nicht jederzeit auf ein paar Meter genau per GPS angezeigt bekommt. Das Gefühl von Sicherheit – geradezu Geborgenheit – das von dem gleichmäßigen Aufleuchten eines Leuchtturms ausgeht (wenn man ihn dann mal gefunden hat), während sich um einen herum in der Dunkelheit die Wellen auftürmen, ist schwer zu beschreiben. Es sagt so etwas wie: Ich bin Dein Freund, habe auf Dich gewartet und gebe Dir Halt in der Dunkelheit.

    • Allein auf der nächtlichen See, das ist auch noch einmal eine besondere Form von Einsamkeit. Ich hoffe Sie haben auf Ihrer großen Fahrt immer einen Leuchtturm in Ihrer Fahrtrichtung oder wenigstens in der Ferne sei Licht.

  5. Wer einen Leuchtturm in Gestalt einer so großartigen Person, wie es die Frau Großmutter für das Fräulein ist, verinnerlicht hat, kann sich glücklich preisen.

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