Die Sache mit den Zahnbürsten

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Zahnbürsten mit Kappen für den Slum 

Neulich las ich einem jener Magazine in denen sehr gut aussehende Menschen davon berichten, wie Fehler sie zu stärkeren, besseren und immer erfolgreicheren Menschen gemacht hätten. Die Frauen, die da berichteten waren alle blond, trugen Perlenketten und sind heute CEO von irgendeiner Tech Company im Silicon Valley und die schlimmsten Fehler vermeidet wahrscheinlich ein Personal Assistant aus Harvard. Ich bin natürlich neidisch, denn ich bin nicht blond, Perlen sehen an mir selten gut aus und ich bin kein CEO von irgendwas, Fehler habe ich dafür schon so viel gemacht, dass selbst ein Harvard Graduate die Finger davon ließe und schöner, glücklicher und gelassener hat mich keiner der vielen Fehler gemacht. Angestrengt, und ausgelaugt haben mich die Fehler, die Fehler haben mich ängstlicher, verdrießlicher und verzagter gemacht, und oft war ich kurz davor alles hinzuwerfen. Ich Versager, ich ewiger. Einer dieser Fehler war die Sache mit den Zahnbürsten.

Damals als der S. und ich die kleine Slumklinik in einem sehr großen Slum in Indien gründeten fiels uns auf, dass nahezu alle Kinder nur noch verfaulte Zähne im Mund hatten und wenn dann auch die bleibenden Zähne nur noch schwarze Stümpfe waren, bekamen die Kinder, wenn sie Glück hatten eine Prothese, ein schauderhaftes, schweres Ding, das weder an den kindlichen Kiefer noch an die Lebensrealität der Kinder ( kein sauberes Wasser um die Prothese zu reinigen ) angepasst war. Wenn Sie Pech hatten, dann kauten sie eben auf verfaulten Zahnstümpfen. Der erste Fehler, den wir machten, war zu glauben, wir könnten die Kinder ohne die Eltern erreichen. Sprich, wir verteilten Zahnbürsten an die Kinder und erklärten wie man die Zähne putzt. Die Kinder waren stolz auf die in Cellophan eingeschweißten Zahnbürsten und wie Sonntagsschuhe bewahrten die Familien, die Zahnbürsten auf. Zähne geputzt wurden damit nicht. Nicht ein einziges Mal. Wir schlugen die Hände über dem Kopf zusammen. Dann wandten wir uns doch an die Eltern. In jeder einzelnen Sprechstunde führten wir vor, wie man sich die Zähne putzt. Die Eltern waren begeistert und nahmen die Zahnbürsten mit. Wir dachten, die Dinge würden schon ihren Gang nehmen. Die Dinge bewegten sich nicht.

Die Zahnbürsten waren Sonntagsschuhe: sorgsam gelagert und wann immer die Familien uns sahen oder wir Hausbesuche machten, führte man uns stolz die originalverpackten Zahnbürsten vor. Der S. und ich starrten verzweifelt an die Wand. Vor unseren Augen, vor Kartons voller Zahnbürsten, verfaulten also die Zähne der Kinder. Ich rief verzweifelt meine Großmutter an. Ich glaube 30 Sekunden für 7 Euro ( 14 DM!!):“Zahnbürsten wie Sonntagschuhe“ rief ich und sie antwortete: „Mach aus Sonntagsschuhen alte Latschen.“ Der S. und ich sahen auf die Berge voller Zahnbürsten vor uns auf dem Tisch. Dann endlich verstanden wir was der Fehler war. Wir hatten nicht begriffen, dass man Sonntagsschuhe eben nicht im Alltag benutzt und dann begannen der S. und ich allerlei Dinge im Slum einzusammeln, die den Menschen vertraut waren, angebrochene Kämme, Holzreste, all das was in Europa unter dem Wort Müll gefasst wird, aber dort im Slum sind es gebrauchte und benutzte Alltagsgegenstände. Am Küchentisch von Frau Rajasthani sägten wir die nagelneuen Zahnbürsten entzwei bohren eine Schraube unter den Zahnbürstenkopf und schraubten und leimten die Zahnbürstenköpfe auf die Holzstiele und Plastikkammenden. Frau Rajasthani schlug die Hände über den Kopf zusammen. Herr Rajasthani verzog das Gesicht und schämte sich der primitiven Armen im Slum. Aber vor allem schämten sich S. und ich, dass wir geglaubt hatten, es reiche schon etwas zu verteilen und schon sei alles erklärt. Immer erst, wenn etwas nicht funktioniert, realisiert man wie spezifisch Kulturtechniken einfach sind und wenn mir jemand ein Neem-Blatt hinhielte, wüsste ich noch lange nicht, wie ich mir damit die Zähne reinigte. Wir verteilten diesmal an Eltern und Kinder, die umgerüsteten Zahnbürsten, die jetzt nach Alltag und nicht mehr niegelnagelneu aussahen. Schließlich hatten wir auch verstanden, dass Zähne putzen nur mit sauberem Wasser Sinn macht und seitdem putzen die Kinder in der kleinen Klinik die Zähne. Wenn die Zahnbürsten dann lange genug in Gebrauch waren, begannen wir eine nach der anderen gegen die neuen Zahnbürsten aus den Kartons auszutauschen und schließlich wurden die Zahnbürsten so normal wie andere Alltagsgegenstände im Slum.

Eines Tages, als ich frühmorgens in die Klinik kam, fiel mir auf, dass in den Zahnbürsten lauter, kleine schwarze Insekten saßen und das die Zahnbürsten alsbald nachdem sie in Benutzung waren, unschöne, braune Stockflecken bekamen, die keineswegs gut für Kindermünder sein konnten und wieder hatten wir einen Fehler gemacht, denn in einem ohnehin extrem humiden Klima, Zahnbürsten offen stehen zu lassen, ist dem Erhalt von Zahnbürsten kaum zuträglich. Aber unser Budget reichte und reicht nicht aus, um für jedes der vielen Kinder, eine eigene Schachtel anzuschaffen. Wieder saßen wir mit über dem Kopf zusammengeschlagenen Armen da und wussten nicht weiter. Über den vielen Fehlern, waren viele Zahnbürsten und mehrere Jahre ins Land gegangen, da putzte ich mir auf einer Flughafentoilette in Rom die Zähne und neben mir stand eine Frau, die ebenso ihrer Zähne polierte und die nachdem sie sich den Mund ausspülte, auf den Kopf ihrer Zahnbürste ein formidables Plastikkästchen schnappen ließ. Ich schluckte grünen Colgate Schaum herunter und die Frau schrieb mir auf, wo sie eine solche Zahnbürste erstanden hatte. Ich tanzte über den römischen Flughafen und der S., der tanzte mit. Seitdem also bestellen wir Zahnbürsten mit Plastikkappen und weil Kinder auch in einem Slum in Neu-Delhi genau so Dinge verlieren wie ihre Altersgenossen in Darmstadt oder Berlin, beauftragten wir eine Frau, die seitdem für uns die Plastikkappen so an die Zahnbürsten anbringt, das sie nicht sogleich wieder verloren gehen. Seitdem putzen die Kinder im Slum morgens wie abends mal mehr oder weniger murrend, die Zähne. Seit Jahren schon haben die Kinder nicht mehr schwarze Löcher dort wo eigentlich Zähne sind und die Kinder können genauso herzhaft in einen Apfel beißen, wie anderswo.

Es hat fast drei Jahre gedauert, uns an den Rand der Verzweiflung getrieben, wir haben uns so oft vor Eltern wie Kindern die Zähen geputzt, das uns vom Geruch von Zahnpasta fast übel wurde und wir haben sehr viel Geld ( selbstverdient ) in verfaulende oder niemals verwendete Zahnbürsten gesteckt, bis wir verstanden hab wo der Fehler lag. Versager, ewiger dachte ich immer wenn ich vorführte, wie das geht mit der Zahnbürste und die Zahnbürsten, doch immer weiter nur Sonntagsschuhe blieben. Gelernt haben der S. und ich vor allem, das wir uns auch in der größten Verzweiflung nicht gegenseitig erwürgen wollen, sondern irgendwie gemeinsam weitermachen. Manchmal fragen uns Leute, ob wir nicht endlich einmal fertig seien mit unserer Slum-Klinik, dann schütteln wir den Kopf. „ Wir fangen gerade erst an, sagen wir dann, inklusive aller, unserer Fehler.“ Die Leute gehen dann lieber schnell weiter. Außerhalb des Silicon Valley’s nämlich sind Fehler nicht sexy, tragen keine Perlenketten und CEO wird man mit Zahnbürsten auch nicht.

Dafür lächeln sehr viele Kinder, sehr breit, sehr frei und mit lauter , gesunden Zähnen im Mund.Ich ärgere mich nur manchmal, an einem Sonntag im Mai zum Beispiel über den Fehler mit den Zahnbürsten

17 Gedanken zu “Die Sache mit den Zahnbürsten

  1. Gelesen habe ich das, wie einen Krimi – Wahnsinn! Ist die Geschichte wahr?

    Ich liebe meine Perlenketten – ja, ich habe mehrere und das ist wahrscheinlich auch der Grund, das ich nichts aus meinen Fehlern mache. Jedenfalls nichts wirklich brauchbares.

    • Ich sage das immer mal wieder und meine das auch so: Sie als Leser müssen entscheiden, ob Ihnen diese Geschichte wahr sein können- wenn Sie mehr über Indien und das Slumprojekt lesen wollen, in der Rubrik Delhi Diaries, habe ich mehrere Geschichten aufgeschrieben. Ach, Perlen sind doch etwas Wunderbares und nicht immer muss alles nützlich sein.

  2. Liebes Fräulein Readon,
    Fehler zu machen ist nur allzu menschlich. Lange genug bei einer Sache zu bleiben, um die Fehler nicht nur zu erkennen, sondern bereit zu sein, sich und somit die Situation der Betroffenen wirklich zu verändern – das ist schon viel weniger selbstverständlich. Ich bewundere Ihre Energie, Ihre Suche danach und Offenheit dafür, wie Dinge anders, besser, passender, menschlicher sein können und Ihre Art, so offen davon zu erzählen. Danke für das eine wie für das andere.

    • Ja, Fehler muss man wohl machen und ich bin da ganz vorn dabei. Ich glaube man müsste öfter und offener über Fehler sprechen- ein Pferdefuß der Entwicklungszusammenarbeit liegt im Mantel des Schweigens. Ja, mir liegt sehr an den indischen und anderen Dingen. Man muss hinschauen, sagte meine Großmutter und ich versuche es. Danke!

  3. Seit 50 Jahren fahre ich nach Italien, habe dort auch schon gelebt und spreche die Sprache leidlich.
    Aber immer noch passieren mir Fehler im Umgang.
    Es ist ein anderer Kulturkreis, und weil auch ich ein großer Versager bin, interagiere ich im Grunde meist nach meiner deutschen Sozialisation.

    • Aber nein, Sie haben doch einen Olivenhain und ich bewundere das sehr. Das ist ein guter Punkt, wie wir sozialisiert sind, ich bin vor allem Großmutter-sozialisiert und meine erste Frage an die Dinge ist, wie hätte sie wohl….Eine der großen indischen Lektionen ist noch immer: Nichts ist Selbstverständlich- nichts läuft einfach „so.“

  4. Von wegen Silicon Valley und sexy.
    „Das Silicon Valley hat einen der höchsten Anteile an Wohnungslosen in den gesamten USA. Und 75 Prozent von ihnen sind obdachlos, haben also noch nicht mal Platz in einer Notunterkunft. Aber sie haben Anrecht auf freie Fahrt im öffentlichen Nahverkehr.“ (Anmerkung: der Nachtbus dient als Schlafplatz) http://www.deutschlandfunk.de/silicon-valley-obdachlose-suchen-zuflucht-in-der.769.de.html?dram:article_id=372692

    Existiert die „Slum-Klinik“ noch ?

    • Ja, das stimmt, die sozialen Verwerfungen sind enorm. Danke für die Erinnerung. Die Klinik betreiben wir immer noch und in diesem Herbst wird die kleine Klinik 10 Jahre alt.

  5. Ach Fehler, Fehler klingt so abwertend. Beruflich bin ich ja auch ursprünglich defizitorientiert. Man schaut nur auf das, was nicht funktioniert, was nicht zum Ziel führt. Und weil Menschen Angst vor Fehler haben, machen sie lieber nichts. Lange Geschichten dazu kann uns der Sanitäter erzählen, der uns jährlich in Erster Hilfe ausbildet. Etwas machen, und schauen, wohin es führt. Dann korrigieren und neu schauen, ob es was bringt. So entstehen Kochrezepte, chemische Reaktionen und Kindererziehung. Und genau so verlief die Zahnbürstengeschichte. Woher soll man denn vorher wissen, was dann klappt? Hat doch noch keiner probiert vorher. Neue Wege muss man halt mit der Machete in den Busch schlagen. Kommt man im falschen Dorf raus, nimmt man eben eine andere Richtung. Und genau das habt ihr gemacht, und es hat geklappt. Ich finde die Geschichte toll!

  6. „Weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit.“ (Pred. 3,4)
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    „Ich tanzte über den römischen Flughafen und der S., der tanzte mit.“ (s. o.)

    Wie es mich freut(e), von d i e s e m T a n z zu lesen …

  7. Natürlich fällt mir sofort der Werbespruch ein: „Wer arbeitet, macht Fehler. WIR machen keine Fehler!“ Ich habe auch Fehler gemacht, kleine und wirklich dicke Dinger, und mit manchen habe ich meinen Mitmenschen heftigen Schaden zugefügt. Aber so wirklich leid mir das tut: nur so konnte ich lernen. Was will man mehr? Eure Beharrlichkeit und Euer letztendlicher Erfolg machen mir Mut.

  8. Eine Krankenhaus-Geschichte ganz anderer Art hörte ich gestern zufällig während einer Autofahrt.

    Sie handelte vom Kalmenhof-Krankenhaus in Idstein im Taunus, in dem im Rahmen des sog. Euthanasieprogramms zwischen 600 – 700 Kinder u. Jugendliche ermordet wurden.
    „Der ehemalige Bürgermeister von Idstein erfuhr wie die Bürger der Stadt im vergangenen Jahr nur zufällig, dass das leerstehende Gebäude von „Vitos Rheingau“ – dem jetzigen Träger der Behinderteneinrichtung – verkauft werden sollte. Es war bereits eine Anzeige in einem Immobilienportal geschaltet worden. Für einen Kaufpreis von über einer Million Euro wurde das ehemalige NS-Mordzentrum – so wörtlich – „als tolles Gebäude aus den 20er-Jahren mit 8.000 Quadratmeter großem Grundstück und tollem Blick auf Idstein“ offeriert. Gerhard Krum gehörte zu denjenigen, die diesen Verkauf nach öffentlichem Protest erst einmal stoppten.“ Der vollständige Beitrag ist hier nachzulesen bzw. nachzuhören.
    http://www.deutschlandfunk.de/ns-euthanasie-mordzentrum-die-duestere-vergangenheit-des.1769.de.html?dram:article_id=387322

    Beim heutigen Treffen zwischen Indiens Premierminister Narendra Modi und Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin dachte ich wiederum an das Fräulein und ihr großmütiges Tun, und ob ihr kleines Krankenhaus durch die angestrebten sog. Freihandelsabkommen auch „profitieren“ würde?

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