Am Ende der Nacht

Am Ende der Nachtschicht schlägt das Wetter um und als ich um kurz nach fünf Uhr nach oben sehe, ziehen dunkle Wolken zusammen und schon fällt der Regen. Zehn Minuten später aber kommt der Tierarzt mit dem alten, treuen Volvo um die Ecke gebogen, um mich einzusammeln. Immer will ich dem Tierarzt sagen, dass er nicht um vier Uhr aufstehen muss, um mich um fünf Uhr einzusammeln, aber nie will der Tierarzt etwas davon hören. Immer fühle ich mich schlecht, denn noch nie war ich um fünf Uhr fertig und der Tierarzt wartet immer geduldig, bis ich schließlich müde um die Ecke biege. Auch heute ist es eigentlich schon dreiviertelsechs und der Tierarzt liegt auf der Rückbank und schläft. „Tierarzt!“ klopfe ich vorsichtig gegen die Fensterscheibe und der Tierarzt wacht auf: „Mädchen, da bist du ja.“ Ich nicke und dann tun der Tierarzt und ich, beide so als sei er gar nicht eingeschlafen und gerade eben erst vor fünf Minuten quasi um die Ecke gebogen. „Ich konnte ohnehin nicht schlafen, sagt der Tierarzt und ich tue so als würde ich ihm glauben. Ich werfe die blutigen Arbeitshosen, die Tasche und die schwere Jacke in den Kofferraum und der treue, alte Volvo fährt langsam los. Ich lehne mich mit dem Kopf gegen das kühle Fenster. Alles spült der irische Regen davon, Apfelblüten, Bananenschalen, gebrauchte Spritzen, leere Chips-Tüten, einen halb aufgeweichten Koffer gar, Zeitungspapier, Hundekot, Glasscherben und Bierbüchsen, einen hohen Damenschuh,nur die Nachtschicht spült es mir nicht von den Knochen, sondern immer wie früher im Biologieunterricht wenn die Lehrerin den Film, falsch herum in den Projektor legte und der Film: „Kakteen Nordafrikas “ eben von hinten nach vorn abschnurrte, läuft mir die Nacht in umgedrehter Reihenfolge vor den geschlossenen Lidern ab. Damals zeigte niemand in der Klasse auf, denn der Film kam so regelmäßig zum Einsatz wie die Lehrerin vergaß den Unterricht vorzubereiten. So ähnlich also läuft die Nacht noch einmal vor meinen Augen zurück, verheddert sich, ruckelt vorwärts, überspringt Anfänge und lässt sich nicht anhalten. Glasscherben in Füßen, ein geplatztes Auge, der Geruch von zu viel Wut auf zu viel Alkohol, ‚Wohlstandseinsätze‘ nannte das einmal ein Kollege, der irgendwann die Bilder nicht mehr zum Anhalten brachte. Ich lehne den Kopf lieber an das kühle Fenster, der Film zeigt: eine Braut mit gebrochenem Fuß, ein Bräutigam, nicht der, der Braut mit gebrochener Nase, ein verwirrter Mann auf der Straße umherirrend, ein betrunkenes Mädchen, die in ihrer bis obenhin mit Erbrochenem gefüllten Handtasche nach einem Deo-Roller sucht, bevor sie sich schluchzend auf mich übergab. Immer an irgendeinem Punkt reißt der Film, damals im Klassenzimmer und heute auf der Straße, dann sind da nur noch Scherben und das Blut auf meinen Hosen. Vielleicht schlafe ich darüber ein, vielleicht auch nicht. Aber dann muss der Tierarzt anhalten, denn der Regen, der eben noch der lang schon gewohnte, ewige irische Regen war, hat sich zu einer grauen Wand verdichtet, hinter der man nichts mehr sieht. Ein Parkplatz, völlig leer nur ein Lastwagen mit Milch rangiert vor und zurück. Der Tierarzt legt mir eine Hand auf den Arm und küsst mich auf die Stirn, die Augenbraue, legt mir seine Lippen auf den Mund und ich lasse meine Lippen einfach liegen, einfach so. „Du bist wieder da.“ sagt der Tierarzt als er Atem holen muss. Er meint: „Komm zurück.“ „Kommst du zurück?“ Ich bewege meine Lippen nicht.
Draußen rauscht der Regen an uns vorbei und der treue, alte Volvo, eine Art von Arche. Vor uns dieser dichte, schwarze Himmel, hinter uns, über uns und gegen uns, rauscht der Regen und der Tierarzt schiebt seine Hand unter meine Rippen. „Komm zurück.“ Ich lege mein Gesicht auf seine Hand. Der Milchlastwagenfahrer flucht und als eine Windböe, eine Lücke in die schwere Wolkenwand reißt, fahren wir weiter und endlich nach Haus. Im Dorf schließt die Frau des Krämers den Laden auf, wir halten nicht an und endlich schließt der Tierarzt die Haustür auf. Zuhause ist alles so wie vor der Nacht. Die Zeitung liegt noch immer ungelesen auf dem Tisch. Die Katze schläft in den Wetterfleck des Tierarztes gewickelt selig auf dem alten Sessel. Die Standuhr ist wie immer genau um 4.25 Uhr stehen geblieben, und im Obstkorb liegen noch immer vier Orangen, drei Bananen und zwei glänzende, rote Äpfel.Ein Bücherstapel. Es riecht nach Regen und Tee, dem Lodenmantel des Tierarztes, Lavendelseife und dem Hefezopf, es ist alles wie immer und doch ist nach der Nacht immer auch alles anders. Ich ziehe die Schuhe aus, der Tierarzt zieht mir das T-Shirt aus, knöpft sich das Hemd auf, zieht mich aus den Hosen, macht den Gürtel auf und hält mich unter der heißen Dusche fest,Schaum in den Haaren, den Augen, Zitronenduschgel auf dem Rücken und der Tierarzt lässt seine Hände auf meinen Hüften noch immer nicht los. Einmal, ein einziges Mal nur bestehe ich nicht auf Frühstück, jetzt, sofort, sondern lasse mich vom Tierarzt in ein dickes Handtuch wickeln. „Komm Mädchen“ sagt der Tierarzt und zieht mich die Treppe hinauf und hält mir das Nachthemd hin, aber ich schüttle den Kopf und krieche einfach mit unter sein T-Shirt, das ist lang genug, denn gegen die zweimeterundachtzentimeter-Tierarzt bin ich mit einmeterundsiebenundsechzigzentimern durchaus unterschlupfberechtigt. Ein Glas Wasser.Der Tierarzt nickt und zieht mich zu sich heran. Ein T-Shirt, zwei Decken und wieder sucht der Tierarzt meine Rippen und ich lege meinen Kopf an seinen Hals. Ich stelle den Wecker auf zwölf Uhr und der Tierarzt streicht mir mit der freien Hand über den Kopf. „Komm Mädchen, schlaf ein“ sagt der Tierarzt, aber vielleicht irre ich mich auch, vielleicht hat der Tierarzt auch noch einmal „Komm zurück“ gesagt, denn ich bin so müde, von der Nacht und von all den Filmen, die langsam und verdreht rückwärts, vorwärts, abgerissen durch meinen Kopf zu laufen begannen. Das letzte was ich sehe, ist das graue, schäumende Meer und die dicke schwarze Regenwand, der Regen oder das ganze Meer, so genau weiß ich es nicht,läuft über die Fensterscheiben. Dann legt der Tierarzt seine Hand über meine Augen. „Komm zurück Mädchen, komm doch zurück.“

9 Gedanken zu “Am Ende der Nacht

  1. Es gibt diese Filme, die, die einen noch lange begleiten, deren Inhalte so bedeutungsvoll sind, die so viele unterschiedliche Perspektiven aufzeigen, so viel Platz für Interpretationen lassen. Doch sie sind nichts gegen die Filme, in denen wir selber eine Rolle spielen. Eine Rolle, die nicht immer den Platz für Perspektiven bietet. Eine Rolle, in denen wir Menschen begegnen, die aus ihrer Rolle gefallen sind, die sich uns bis zur Seele entblößt zeigen und die uns nicht loslassen, so wir noch nicht gänzlich abgestumpft sind. Verlassen wir unsere Bühne, wo immer sie auch sein mag, auf der Krisenstation, der Notfallaufnahme, der Obdachlosen- oder Flüchtlingshilfe, so können wir diese Rolle nur schwer abstreifen. Denn es ist nicht nur eine Rolle, es ist unser Menschsein, unser Mitfühlen, unsere Empathie, die uns manchmal so schwer zurückkommen lässt.
    Liebe Grüße,
    Elvira

  2. „Ich nicke und dann tun der Tierarzt und ich, beide so als sei er gar nicht eingeschlafen und gerade eben erst vor fünf Minuten quasi um die Ecke gebogen. „Ich konnte ohnehin nicht schlafen, sagt der Tierarzt und ich tue so als würde ich ihm glauben.“
    Ein wahres *Hohelied der Liebe* 💕

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